Suizidtherapie: Opioide feiern Comeback

23. Februar 2016
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Selbsttötungen stehen oft am Ende einer psychischen Krankengeschichte. Forscher haben weitere Risikofaktoren, aber auch Ansätze zur Behandlung entdeckt. Jetzt kehren Opioide zurück. Sie könnten schon bald das therapeutische Portfolio bereichern.

In Deutschland sterben pro Jahr zwischen 10.000 und 12.000 Menschen an einem Suizid – bei unbekannt hoher Dunkelziffer. Neben bekannten Risikofaktoren wie depressiven Erkrankungen oder Psychosen spielen Unfälle ebenfalls eine Rolle, berichtet Donald A. Redelmeier aus Toronto.

Erschütternde Erkenntnis

Im Rahmen einer Kohortenstudie hat er Aufzeichnungen von 235.110 Patienten mit Gehirnerschütterung ausgewertet. Entsprechende Daten kamen vom Ontario Health Insurance Plan, einer Krankenversicherung aus der gleichnamigen kanadischen Provinz. Wie Redelmeier herausfand, hatten 168.188 Personen keine weiteren Risikofaktoren, sprich psychische Vorerkrankungen. In dieser Gruppe nahmen sich 667 Menschen innerhalb von 9,3 Jahren das Leben. Das entspricht umgerechnet 31 Suiziden pro 100.000 Einwohner und Jahr. WHO-Forscher geben für den Bevölkerungsdurchschnitt 9,8 Fälle pro 100.000 Einwohner und Jahr an. Bei Gehirnerschütterungen, die sich Freizeitsportler am Wochenende zugezogen hatten, errechnete Redelmeier sogar 39 Selbsttötungen pro 100.000 Einwohner und Jahr. Plausible Erklärungen bleibt der Wissenschaftler jedoch schuldig.

Magen mit Macken

Redelmeiers Kollegen aus Toronto stießen noch auf eine weitere Spur. Junaid Bhatti aus Toronto hat Daten von 8.815 Patienten untersucht, die sich aufgrund von Adipositas einer bariatrischen OP unterzogen. Älteren Studien zufolge ist die Suizidrate vier Mal höher als bei der Allgemeinbevölkerung, was Bhatti im Großen und Ganzen bestätigen konnte. Bereits vor entsprechenden Eingriffen fand er 2,33 Suizide pro 1.000 Personenjahre, danach waren es 3,63. Als Grund sehen Psychiater vor allem psychiatrische Komorbiditäten bei Adipositas. Die American Society for Metabolic and Bariatric Surgery fordert schon lange, Patienten vor Eingriffen psychiatrisch zu untersuchen, hat sich aber noch kein ausreichendes Gehör verschafft.

Ein Oldie kehrt zurück

Umso wichtiger wären Möglichkeiten zur Intervention. Ärzte schreiben in der mittlerweile überarbeitungsbedürftigen Leitlinie „Suizidalität im Kindes- und Jugendalter“: „Zurückhaltung ist geboten bei der Verschreibung einer Medikation, die nicht überwacht werden kann und potenziell gefährlich ist.“ In diese Kategorie fallen auch Opioide. Vor der Einführung moderner Trizyklika erhielten Patienten mit schweren Depressionen nicht selten Opioide. Yoram Yovell aus Haifa machte sich Daten aus Tierversuchen zunutze: Separierten Wissenschaftler einzelne Nager von ihrer Gruppe, linderten niedrig dosierte Opioide den Trennungsschmerz. Diesen Effekt untersuchte Yovell jetzt am Menschen. Er nahm 62 Patienten mit ausgeprägten Suizidgedanken in seine Studie auf. Alle Teilnehmer hatten elf oder mehr Punkte auf der Beck-Suizidgedanken-Skala (BSS). Der Schnitt lag bei knapp 20 Punkten; maximal sind 38 Punkte möglich. Dahinter verbargen sich Borderline-Persönlichkeitsstörungen, Anpassungsstörungen oder Depressionen, aber ohne Suchtprobleme.

Yovell verabreichte als Ergänzung zur bestehenden Pharmakotherapie niedrig dosiertes Buprenorphin. Er wählte 0,1 bis 0,2 Milligramm pro Tag. In der Schmerztherapie setzen Ärzte 0,6 bis 1,6 Milligramm pro Tag ein. Dass seine Wahl auf Buprenorphin fiel, ist kein Zufall. Der Arzneistoff führt bei einer willentlich herbeigeführten Überdosierung zu geringeren Nebenwirkungen als andere Opioide. Jeder dritte Patient erhielt nur Placebo. Vom Psychiater verordnete Arzneistoffe wurden weiter eingenommen. Nach vier Wochen verringerte sich der BSS-Score unter Verum signifikant um 7,1 Punkte. Sowohl in der Placebo- als auch in der Opioidgruppe gab es einen Suizidversuch. Opioidtypische Nebenwirkungen traten trotz der niedrigen Dosierung auf. Dazu gehörten gastrointestinale Symptome, Müdigkeit und Mundtrockenheit. Trotz dieser vielversprechenden Resultate hat Yovells Arbeit einen Haken. Über langfristige Effekte kann der Wissenschaftler nichts sagen.

Ringen um Rezeptoren

Alan F. Schatzberg von der Stanford School of Medicine fordert deshalb größere Studien von längerer Dauer. In einem Kommentar schreibt er, um den Mehrwert abzuschätzen, sei das Abhängigkeitsrisiko unbedingt zu beachten. Schatzberg sieht hier große Chancen für ALKS 5461, sprich Buprenorphin plus Samidorphan. Der Opioidantagonist blockiert μ-Opioid-Rezeptoren, aber keine δ- oder κ-Rezeptoren. Er soll helfen, Arzneistoffabhängigkeiten zu vermeiden. Wissenschaftlich betrachtet stehen die Chancen gut. Nach umfangreichen Vorarbeiten hat Alkermes als Hersteller Mitte 2014 die FORWARD-5-Studie (A Study of ALKS 5461 for the Treatment of Major Depressive Disorder) gestartet. Pharmakologen testen ihren Wirkstoff in niedriger und hoher Dosierung versus Placebo. Mit ersten Ergebnissen rechnet Alkermes im Juli 2016.

110 Wertungen (3.97 ø)

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6 Kommentare:

Arzt

interessanter Artikel…..die Ergebnisse der Forward-5-Studie werden moeglicherweise eine echte Therapiealternative einleiten koennen

#6 |
  1
Gast
Gast

Naja, Psychopharmaka können einen Patienten überhaupt erst therapiefähig machen. Aber Opioide sind m.e. da eine ausgesprochen schlechte Wahl, selbst wenn sie die o.g. Wirkung haben. Nicht umsonst, dass die Gruppe der psychisch Kranken einen hohen Anteil an Abhängigkeitserkrankungen zeigt- die Lösung im Wirkstoff statt in der Bewältigung der Situation ist dort ein gern genommener Ausweg. Ich glaube nicht, dass sich diese Patienten langfristig an diese Dosierungen halten werden und selbst wenn, dann haben sie zu den Problemen, die sie sowieso schon haben, noch die Opiate, die ja so ganz easy auch nicht sind. Wieviele davon nach Abklingen einer dann behandelten Depression schaffen, die Opiate wieder abzusetzen, bleibt dahingestellt. Im Übrigen bekommen jetzt schon eine ganze Menge Menschen mit Depressionen Opiate, weil sie z.b. chronische Rückenschmerzen haben- depressiv sind die aber immer noch. Meistens. Irgendwie denke ich, dass hier hauptsächlich die Ursachen bearbeitet werden sollten. Und dafür wäre es dringend notwendig, dass ZEITNAH Therapieplätze zur Verfügung stehen. Denn wenn eine neu aufgetretene psychische Erkrankung schnell behandelt werden kann, dürften die Aussichten erheblich besser sein als wenn man die Leute dann während der WArtezeit irgendwann in die Klinik stecken muss, nachdem sie einen Suizidversuch begangen haben.

#5 |
  1

…oder wie wäre es damit, dass wir die Ursache behandeln, anstatt die Symptome zu unterdrücken? Nur als allerletztes Mittel macht es Sinn, Psychopharmaka zu verschreiben, nur dann, wenn Psychotherapie VT, TP, Psychoanalyse und Achtsamkeitstraining etc. nicht wirksam sind. Wir wollen doch die Patienten nicht vergiften, oder?

#4 |
  7
Medizinjournalist

Buprenorphin agiert als Partialagonist und hat wegen seiner antagonistischen Eigenschaften auch als Monosubstanz antidepressive Eigenschaften. Diese Wirkungen sind sicherlich nicht auf andere Opioide übertragbar.

#3 |
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Sonja-Kerstin Schmeisser
Sonja-Kerstin Schmeisser

Für Kinder- und Jugendliche aufgrund des bestehenden Abhänhigkeitspotentials und Toleranzentwicklung sicher keine Erst- oder Zweitmedikation. Das hohe Selbstschädigungsrisiko von Opioiden (sowie anderer Medikamente) in Einheit mit erhöhter Impulsivität und geringerer emotionaler Stabilität gerade bei pubertierenden Jugendlichen ist besonders zu beachten.

#2 |
  0
Gast
Gast

Das macht Hoffnung, die Dosierung von 100 microgramm/Stunde Fentanyl in Verbindung mit 40 mg Cytalopram macht schwierigkeiten genug. Der neue Arzneimittelwirkstoff lässt da hoffen….

#1 |
  8


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