Stress: „Herdenzugehörigkeit“ mit Wohlfühlfaktor

11. Februar 2016
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Je mehr sich Menschen einer Gruppe zugehörig fühlen, desto geringer ist das Stressempfinden und desto weniger Stresshormone produziert der Körper – auch dann, wenn eigentlich gerade eine belastende Situation ansteht. Eine solche Verbundenheit kann in einem kurzen Zeitraum entstehen.

Sich einer Gruppe zugehörig zu fühlen, eine gemeinsame „soziale Identität“ zu haben, hilft, besser mit Belastungen fertig zu werden. In früheren Studien wurden die Personen miteinander verglichen, die sich mehr oder weniger stark mit einer Gruppe identifizierten. Andreas Mojzisch, Professor für Sozialpsychologie an der Universität Hildesheim, hat gemeinsam mit seinen Kollegen diesen Ansatz erweitert. Die Forscher wollten zusätzlich wissen, wie sich Veränderungen des Identifikationsgefühls über die Zeit innerhalb einer Person auf das Stresserleben auswirken.

In einer realen Belastungssituation untersuchten die Wissenschaftler 85 junge Erwachsene, die an einem eintägigen Aufnahmetest für das Sportstudium an der Universität Hildesheim teilnahmen. Zu Beginn wurden die Bewerber von den Mitarbeitern des Instituts für Sportwissenschaften zufällig in Gruppen zu je etwa 10 Personen eingeteilt. In diesen Gruppen absolvierten sie über den Tag hinweg sechs verschiedene Sporttests (Schwimmen, Turnen, Basketball, Badminton, Kugelstoßen, 3-km-Lauf). Nach der Gruppeneinteilung sowie jeweils vor vier der sechs Disziplinen wurden die Bewerber per Fragebogen zu ihrem subjektiven Stressempfinden und zu ihrer Identifikation mit der Gruppe befragt. Nach vier der sechs Sporttests wurde zusätzlich mittels Speichelproben die Ausschüttung des Stresshormons Cortisol untersucht. Außerdem sollten die Probanden am Ende des Tages angeben, wie stark sie sich von ihren Gruppenmitgliedern emotional und praktisch unterstützt fühlten.

Weniger Stress durch soziale Identifikation

Es zeigte sich: Je mehr sich die Bewerber mit ihrer Gruppe identifizierten, umso weniger gestresst waren sie. Sie fühlten sich subjektiv weniger belastet und setzten während der Belastungssituationen bei den Sporttests weniger Cortisol frei. Wenn im Tagesverlauf die Identifikation mit der Gruppe anstieg, verringerten sich dementsprechend das Stresserleben und der Cortisol-Level. Bemerkenswert ist, dass sich diese Effekte finden, obwohl die Gruppen ja erst am Morgen des Bewerbungstest-Tages gebildet wurden. Die Autoren schlussfolgern, dass Gruppen nicht unbedingt auf eine lange gemeinsame Geschichte und geteilte Erfahrungen zurückblicken müssen, um von ihrer Verbundenheit zu profitieren.

„Das Ausmaß, in dem wir uns mit Gruppen identifizieren, sei es am Arbeitsplatz oder in der Freizeit, ist ein Schlüssel für unser Wohlbefinden und unsere Gesundheit“, sagt Andreas Mojzisch. „Gezielte Interventionen bei der Arbeit in Teams oder bei Kindern in Schulklassen können helfen, die Gruppenzugehörigkeit zu stärken und dadurch Stress zu verringern.“

Originalpublikation:

Disaggregating within- and between-person effects of social identification on subjective and endocrinological stress reactions in a real-life stress situation
Charlene Ketturat et al.; Personality and Social Psychology Bulletin, doi: ; 2016

29 Wertungen (4.03 ø)

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10 Kommentare:

Bürgerin Marina Bausmer
Bürgerin Marina Bausmer

Man tut bei Herdentieren vergessen , das diese auch zusammenhalten auch wenn jeder einzelne seine eigenen Bedürfnisse auch hat. So gesehen ist es also auch beim Menschen der Wunsch sich zuhause auch in der Gemeinschaft und auch als Einzelner sich unterscheiden zu dürfen was aber gleichzustellen wäre , unterschiedlich und auch gleich , ein Mensch bleiben zu können.-

#10 |
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Dr. med. Walter Bachmann
Dr. med. Walter Bachmann

Auch im (Verkehrs-)Alltag findet sich dieses Kohortenphaenomen:PKW’s der sog.Ober-/Praemiumklasse werden von ihren “Artgenossen” haeufig konsilianter behandelt als das Mittel- oder Unterklassenbesitzern widerfaehrt.
Noch akzentuierter ist dieses Phaenomen,wenn es sich um die gleiche Marke handelt.
Dr.med.Walter Bachmann/Neunkirchen

#9 |
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Gast
Gast

Leider viel zu undifferenziert. Das kannauch nach hinten losgehen. Es hat eben alles Vor- und Nachteile. Das ist die ganze Wahrheit. Wenn man beweisen möchte, was zu beweisen ist, dann ist das meist hinzubekommen, ebenso aber auch etwas anderes.

#8 |
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Robert Dettmann
Robert Dettmann

Die relevanten Innovationen in der aufgezeichneten Menschheitsgeschichte kamen nie von angeblich entspannten “Herdentieren”.
Es ist dann eben auch latent langweilig für das gruppengedämpfte Hormonsystem eines jeden Mitgliedes.
Ich selbst hingegen kenne das innere Feuer, wenn ich allein etwas auf den Weg bringen konnte, besonders dann, wenn der Gruppen-Mob dagegen arbeitete.
Ob es da wohl immer noch stressfrei in der Horde zuging?
Fazit: Diese Studie? greift viel zu kurz…

#7 |
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Wolfram Berg-Holldack
Wolfram Berg-Holldack

Nix für Leader !

#6 |
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Dr.Bayerl
Dr.Bayerl

pardo Schreibfehler:
“zoon politikon”,
https://de.wikipedia.org/wiki/Politik_(Aristoteles)

#5 |
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Dr.Bayerl
Dr.Bayerl

na klar,
der Mensch ist ein gesellschaftliches Wesen “zoom politikon” (Aristoteles).
Gemeinschaftlich wird allerdings auch grober Unsinn gemacht, wie bei den Schildbürgern,
der “Klimarettung”,
der “Atomangst”
oder gar wie bei den Lemmingen,
der gemeinsame Weg ins Verderben,
wobei ich an die ständige militärische Aufrüstung denke.

#4 |
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Psychotherapeut

Schade, dass die Art des Zusammenhangs zwischen Identifikationsgefühl mit der Gruppe und der Leistungsqualität bei den Sporttests nicht erfasst wurde. Schließlich befinden sich die Bewerber ja in einer Konkurrenzsituation.
Hans Brenner
Psychologischer Psychotherapeut

#3 |
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heilpraktikerin Claudia Behrens
heilpraktikerin Claudia Behrens

Heilpraktikerin
Claudia Behrens schreibt:

und was ist wenn Gruppen eher Stressgefühle auslösen?

#2 |
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Dr. rer. nat. Frank Werner
Dr. rer. nat. Frank Werner

Was wenn man das jetzt auf Bio-Schweden/Österreicher/Deutsche/… und Zuwanderer ausdehnen würde?

#1 |
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