Depressionen: Sie haben Post

29. Mai 2013
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Viele Patienten mit Depressionen verzweifeln, wenn sie hören, wie lange sie auf einen Therapieplatz warten müssen. Doch das Internet bietet neue Chancen, um Patienten mit leichten bis mittelgradigen Depressionen schneller zu helfen.

Depressionen kehren häufig zurück – auch, wenn die akuten Symptome mithilfe einer Psychotherapie behoben wurden. Innerhalb eines Jahres leiden 29% der Patienten, die eine kognitive Verhaltenstherapie (CBT) erfolgreich abgeschlossen haben, erneut an depressiven Symptomen. Innerhalb von zwei Jahren sind es 54% (Vittengl et al. 2007, zitiert von Andersson et al. 2013). Doch durch vorbeugende Maßnahmen lässt sich ein Rückfall häufig verhindern. Außerdem werden Rückfälle als weniger belastend und bedrohlich erlebt, wenn die Patienten darauf vorbereitet sind.

ICTB als moderne Therapieform

Die internetbasierte Verhaltenstherapie (ICBT) kann als eine moderne Form der Bibliotherapie (Therapie mittels Lektüre) angesehen werden. Kristofer Vernmark und seine Kollegen von der Linköping-Universität in Schweden führten hierzu eine randomisiert-kontrollierte Studie durch, an der 88 Patienten teilnahmen. Ein Teil der Patienten erhielt eine geführte Anleitung zur Selbsthilfe via Internet, eine andere Gruppe erhielt eine individuelle CBT via E-Mail und eine dritte Gruppe wartete auf ihre ICBT. Beide Therapieformen enthielten verhaltenstherapeutische Elemente wie z.B. Verhaltensaktivierung, kognitive Restrukturierung, Schlafstrategien, Zielsetzungen und Rückfallprävention. Bei der E-Mailberatung ging der Therapeut jedoch individuell auf den Patienten ein, während die geführte Selbsthilfeanleitung zum größten Teil aus vorgefertigten Texten bestand, die als PDF-Dateien zum Ausdrucken geliefert wurden. Sowohl die Anleitung zur Selbsthilfe als auch die E-Mail-Therapie wurde 8 Wochen lang durchgeführt. Danach erhielten auch die Patienten der Wartegruppe eine internetbasierte Anleitung zur Selbsthilfe.

Fast alle Studienteilnehmer „blieben dran“

27 von 29 Patienten riefen alle Selbsthilfe-Therapieeinheiten ab und 29 von 30 Patienten nahmen alle vorgesehenen „E-Mail-Therapiesitzungen“ wahr. Beide Therapieformen zeigten Erfolg. 34,5% der Teilnehmer der „Selbsthilfe-Therapie“ und 30% der “E-Mail-Therapie-Gruppe” erreichten ein hohes Funktionsniveau gemäß der Beck-Depressions-Skala (BDI): Ihr Punktwert lag bei unter 9. Nach 6 Monaten hatten sogar 47,4% bzw. 43,3% der Studienteilnehmer dieses Niveau erreicht. Doch wie würde das Ergebnis nach 3,5 Jahren aussehen? Dieser Frage gingen Gerhard Andersson und seine Kollegen, ebenfalls von der Linköping-Universität in Schweden, nach.

Die Autoren konnten die Daten von 51 Patienten nach 3,5 Jahren auswerten. Die Patienten hatten zu diesem Zeitpunkt ein Durchschnittsalter von 39 Jahren (Standardabweichung = 12,4 Jahre). 34 von 51 Patienten (66,7%) waren Frauen. Etwa die Hälfte der Patienten hatte nach der Internet-Therapie noch weitere Therapien beansprucht und/oder Medikamente erhalten.

Der Vergleich der Beschwerden vor der Internet-Behandlung und 3,5 Jahre danach ergab eine Effektgröße von d = 1,7 in der angeleiteten Selbsthilfegruppe und von d = 1,5 in der E-Mail-Therapiegruppe. Etwa die Hälfte der Patienten (29 von 51) hatte 3,5 Jahre nach der ICBT einen BDI-Score von unter 10, was als minimale oder fehlende Depression gewertet werden kann.

Internetbasierte Therapie in Deutschland

Auch in Deutschland gibt es immer mehr Ansätze und Forschungsarbeiten zur internetbasierten Therapie. Die Kölner Diplom-Psychologin Christiane Eichenberg  hat bereits viele interessante Beiträge zu diesem Thema publiziert. Speziell auf Menschen mit Depressionen ausgerichtet ist das Internet-Projekt “deprexis®”, das von der Deutschen Angestellten-Krankenkasse (DAK) unterstützt wird. Hierbei evaluieren Wissenschaftler, wie hilfreich die internetbasierte Therapie für Menschen mit leichten und mittelgradigen Depressionen sind. An diesem Projekt nehmen unter anderem die Universitäten Bern, Lübeck und Hamburg teil – es wird gefördert vom Bundesgesundheitsministerium.

Der Verband Psychologischer Psychotherapeuten hat hierzu jedoch eine kritische Stellungnahme abgegeben, denn bei Internetprogrammen bestehe unter anderem die Gefahr, dass Chronifizierungen und Suizidalität übersehen werden. Patienten mit einer leichten bis mittelgradigen Depression, die an einer Studie zur Internetbasierten Selbsthilfe teilnehmen möchten, können sich bei der “EVIDENT-Studie” (online-studie-depression.de) der Uni Lübeck anmelden.

114 Wertungen (3.78 ø)

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17 Kommentare:

Dr. med. Dunja Voos
Dr. med. Dunja Voos

Sehr geehrte Leserinnen und Leser, vielen Dank für Ihre Rückmeldungen!
LIebe Frau Kunde, vielen Dank auch für Ihre Zusatz-Information, dass “deprexis” von Pharmarefernten in Kliniken beworben wird.
Ich finde die Informationen, die von “deprexis” kommen, oft etwas undurchsichtig. Bei meiner Recherche war ich sehr verwirrt. Beispielsweise ist für Patienten nur sehr schwer erkennbar, dass die Teilnahme an diesem Selbsthilfeprogramm kostenpflichtig ist.
Die dazugehörige Studie “evident” verwendet nach meinen Informationen ebenfalls das deprexis-Programm, ist jedoch wiederum kostenlos.

#17 |
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Dipl.Psych. Johanna Schröder
Dipl.Psych. Johanna Schröder

Für mich ist das Thema von besonderem Interesse, da ich aktuell einen Fragebogen entwickle, der die Einstellung von depressiv erkrankten Personen sowie Psychotherapeuten bezüglich psychologischer Online-Interventionsprogramme misst. Für die Optimierung sowie Implementierung solcher Programme in die bestehenden Versorgungsstrukturen ist die Evaluation der von möglichen Nutzern und Akteuren des Versorgungsnetzes empfundenen Erwartungen und Vorbehalte sehr wichtig. Im Rahmen meiner Dissertation möchte ich den Fragebogen daher nicht nur den depressiven Teilnehmern einer aktuellen Studie vorgebeben, sondern auch die Einstellung von Psychotherapeuten gegenüber psychologischen Online-Interventionsprogrammen erfassen.

Ich würde mich sehr freuen, wenn Sie mein ergebnisoffenes Forschungsvorhaben unterstützen und unter folgendem Link eine 5-minütige, anonyme Online-Befragung durchführen!

Die Online-Befragung finden Sie unter folgendem Link:

http://ww3.unipark.de/uc/apoi/

#16 |
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Silke Kunde
Silke Kunde

Eine Pharmafirma hat eine Werbekampagne gestartet und bewirbt durch ihre Pharmareferenten “deprexis” in Kliniken. Dabei kostet eine Lizenz pro Pat. für 3 Monate übrigens deutlich mehr als oben genannt.
Die Qualität des Programms will ich nicht in Frage stellen. Aber es bleibt eine Ergänzung zu einer Therapie. Damit müsste nicht nur untersucht werden, ob es wirksam ist, sondern auch ob die Mehrkosten gerechtfertigt sind. Oder soll das Ziel doch sein, dass langfristig der menschliche Therapeut ersetzt wird?
Die Argumentation der Überbrückung von Wartezeiten halte ich für gefährlich, wenn so die Diagnose und psychiatrische Behandlung von schweren Depressionen verzögert wird.

#15 |
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Anja Holl
Anja Holl

Das scheint den Patienten besser zu gefallen, als das Angebot einer Gruppentherapie. Ganz oft möchten nach meiner Erfahrung die Menschen lieber Jahre auf einen Einzelplatz warten, als an einer Gruppentheraoie zeilzunehmen, die von einer Fachkraft (Arzt oder Psychologe) geführt wird. Verstehe ich nicht.

#14 |
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Dr. med. Danny Fritzsche
Dr. med. Danny Fritzsche

ICBT funktioniert, das haben diverse Studien gezeigt.
Suizidalität und Chronifizierung kann auch ein face-to-face Therapeut übersehen…
Finanzierbarkeit, auch je nach Land, aber nur mit Hilfe von Gross-Sponsoren…

#13 |
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Dr. med. Uta Dörtelmann
Dr. med. Uta Dörtelmann

Sehr gut u informativ

#12 |
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Gast
Gast

Ich bin ebenso wie viele Vorredner skeptisch. Es sollte jedoch natürlich weiter beforscht werden. Als psychoedukative Begleitmaßnahme nicht zu verachten. kürzere Email-Kontakte und PDF-Zusendungen können die Bindungskonstanz neben den auseinander liegenden persönlichen Kontakten fördern, bzw. aufrecht erhalten und die Umsetzung im Alltag beschleunigen, vermute ich.
Ich stelle mir in einem Kombinationsmodell eine niederfrequente Therapie von, 14-tägigen oder auch dreiwöchigen persönlichen Kontakten mit emails und PDF-Zusendungen dazwischen vor. Warum nicht, für “passende” Patienten. Auch der Einsatz von Videotherapie mittels Facetime oder Skype erscheint interessant und ausbaufähig. Als kompletten Ersatz für echten menschlichen Kontakt jedoch für mich für 99% meiner Patienten undenkbar. Dipl.-Psych. T.J.Wolff

#11 |
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Benno Mertens
Benno Mertens

Viel sinnvoller wäre eine Aufstockung der Psychotherapiesitze. Ich praktiziere im Nordosten Berlins und hier sind Wartezeiten von 6 Monaten die Regel. Da stehen einem die Haare zu Berge, wenn man hört, dass Sitze in Berlin von der KV zurückgekauft werden, um sie zu “löschen”. Die Bedarfsplanung geht völlig am Bedarf vorbei. Die Versorgung der psychisch Kranken in Berlin ist nicht gewährleistet. Diese Mini”Studie” ist nur ein Versuchballon, um herauszufinden, ob und wie man die Kostendämpfungsschraube in diesem Sektor noch enger zuziehen kann. Helfen Sie uns, indem Sie Beschwerden an den Gemeinsamen Bundesausschuss senden! Danke

#10 |
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Dr. med. Kirsti Göttlicher
Dr. med. Kirsti Göttlicher

Dies möge ein Versuch sein den sicherlich hilfsbedürftigen depressiven zu helfen,
nur kann ich mir auch nicht vorstellen, das das Schweigsame dem wirklich dep-
ressiven ohne ein Gegenüber- etwas bringt. Nach über 30 -jähriger Erfahrung
mit depressiv Kranken, muss der “Vis a Vis” Kontakt ein Muss für den wirk-
lich depressiv Kranken sein. Ein virtuelles Gegenüber kann niemals eine
wirkliche Hilfe sein. !!

#9 |
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Monika Geissler
Monika Geissler

Mir stehen die Haare zu Berg, wenn ich so etwas lese. Eine Studie mit gerade mal 88 Patienten ist ja überhaupt nicht aussagefähig. Man kann nur wünschen, daß weiterhin die gesetzlichen Krankenkassen dieses Procedere nicht unterstützen. Depressive Menschen benötigen immer den persönllichen Kontakt.

#8 |
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Ute Moeser
Ute Moeser

Diese “Idee” kann ich (ich bin MFA seit 20 Jahren im Bereich der Neurologie und Psychiatrie) definitiv nicht unterstützen. Für mich ist ein Patient-Facharzt-Kontakt von Angesicht zu Angesicht unumgänglich bei einer V. D. auf F.20, oder F.43…Auch stimme ich der Meinung von Frau Dr. Wegener zu. Es gibt viele, sog. Hypochonder, die nicht arbeiten wollen oder nicht können. Die, die wirklich nicht können, aber wollen, denen werden “Steine in den Weg gelegt”. In was für einer Welt leben wir eigentlich? In einer schnelllebigen. Kein Mensch hat Zeit. Alle sind im Stress. Alles muss schnell gehen: der Arbeit nachgehen, Einkaufen, schnell nach Hause, weil Kind, Frau und Hund warten. WARUM?

#7 |
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Gilt aber nur für “Selbstzahler”, weil Online-Beratung und “Therapie” von den Kassen nicht anerkannt wird – auch wenn die DAK das Projekt derzeit unterstützt, ist die Stellungnahme der KV zu dieser Problematik eindeutig und noch vor kurzem publiziert worden. Ganz abgesehen davon, daß “Papier” geduldig ist und die Schwingungen und Emotionen, die im persönlichen Kontakt gerade bei dieser Klientel immens wichtig sind, völlig außen vor bleiben. Viele “geübte” Depressive versuchen ja gerade verbal zu banalisieren, was wirklich in ihnen vorgeht; und hier ist es gerade die Kunst des Therapeuten, die Dinge auf den Punkt zu bringen, und dies wiederum gelingt meist nur in der persönlichen face-to-face-Interaktion.

#6 |
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Wichtig ist die persönliche Komponente und die fehlt dabei.Sicherlich gibt es auch
Patienten,die keinen Computer haben oder nicht richtig damit umgehen können.
Ein Wiederaufleben einer Depression sollte direkt behandelt werden und eine u.U.
akute Suizidalität kann nicht erkannt werden.
Eignet sich aber sicher für therapierte leichte bis mittelschwere Depressionen als
Begleittherapie bis zum Beginn der eigentlichen Psychotherapie.

#5 |
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“34,5% der Teilnehmer der „Selbsthilfe-Therapie“ und 30% der “E-Mail-Therapie-Gruppe” erreichten ein hohes Funktionsniveau gemäß der Beck-Depressions-Skala (BDI): Ihr Punktwert lag bei unter 9. Nach 6 Monaten hatten sogar 47,4% bzw. 43,3% der Studienteilnehmer dieses Niveau erreicht”..

Dies sind exakt die allseits bekannten PLACEBO-Werte…also, nehmt ein Stück Zucker, glaubt dran und haltet Spontanheilung für einen Therapieerfolg..so werden Sekten geboren..

#4 |
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Schliesse mich meinem ›Vorschreiber‹ an.
Auf den Punkt gebracht, konzise Information.
Problematik: Was machen ältere, nicht ›internetaffine‹ Patienten?

#3 |
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Paula Risser
Paula Risser

Vielen Dank! Das ist wirklich sehr informativ!

#2 |
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So sollten mehr Artikel sein: kurz, sachlich, auf wissenschaftlicher Basis und ohne Polemik. Gut so!

#1 |
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