Das Sitzfleisch des Todes

1. Juli 2011
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Körperliche Inaktivität ist bekanntlich ungesund, Aktivität dagegen lebensverlängernd. Es muss aber keineswegs Sport sein. Viel ist angeblich schon gewonnen, wenn exzessives Sitzen vermieden wird. Denn Sitzen an sich scheint richtig lebensgefährlich zu sein.

Körperliche Inktivität fördert Bluthochdruck, Diabetes, Übergewicht sowie eine nicht-alkoholische Fettleber – und damit eben eine lebensbedrohliche Atherosklerose der Herz- und Hirngefäße. Insofern wundert es kaum, wenn der US-Endokrinologe Professor James Levine von der „Mayo-Klinik“ in Rochester sagt: „Sitzen ist eine geradezu tödliche Tätigkeit.“ Levine beschäftigt sich seit Jahren mit den Themen Übergewicht, Stoffwechsel und Inaktivität. Zu einer der Kernfragen seiner Forschung gehört zum Beispiel die, warum trotz identischer Kalorienaufnahme und (scheinbar) gleicher körperlicher Aktivität manche Menschen immer dicker werden, andere jedoch gertenschlank bleiben. Eine der Haupterkenntnisse, die Levine in seinen Untersuchungen gewonnen hat, ist etwa die, dass Menschen, die schlank bleiben, sich unbewusst mehr bewegen als jene, die dazu neigen, dick zu werden. Ergeben haben dies zum Beispiel Untersuchungen, in denen die Probanden spezielle Wäsche mit Sensoren trugen, die selbst die geringsten Bewegungen registrierten. Dabei fand er zum Beispiel heraus, dass die übergewichtigen Probanden durchschnittlich zwei Stunden mehr als die Normalgewichtigen auf einem Stuhl oder in einem Sessel verbrachten.

Fürs Sitzen ist der Mensch nicht „designed“

Wie schädlich Sitzen ist, hat erst im vergangenen Jahr eine epidemiologische Studie (Beobachtungszeit 14 Jahre) mit über 120.000 US-Amerikanern gezeigt, die im „American Journal of Epidemiology“ erschienen ist: Männer, die täglich sechs Stunden oder mehr sitzend verbrachten, hatten eine um 20 Prozent höhere Sterblichkeit als Männer, die maximal drei Stunden auf ihrem Hosenboden saßen. Bei den Frauen betrug der relative Unterschied sogar 40 Prozent. Andere Studien haben dieses Ergebnis bestätigt, so dass Levine wohl zu Recht sagen kann: „Exzessives Sitzen ist eine tödliche Aktivität“. Das bekannte Problem ist eben: Eine überwiegend sitzende Lebensweise, die in der Evolution ja nicht vorgesehen war, ist die Norm in den wohlhabenden Ländern. Kein Wunder also, dass Levine in einem Kommentar in der Zeitschrift „Diabetes“ seine Mitmenschen dazu auffordert, aufzustehen – im wahrsten Sinne des Wortes. Auch sein Mitstreiter im Kampf gegen die „Bequemlichkeit“ Professor Peter T. Katzmarzyk vom „Pennington Biomedical Research Center“ in Baton Rouge wettert gegen die überwiegend sitzende Lebensweise vieler Menschen in den wohlhabenden Ländern und fordert sogar öffentliche Maßnahmen – und natürlich weitere Forschungsarbeit („Diabetes“), da viele Fragen noch unbeantwortet seien, etwa die, welche öffentlichen Maßnahmen am Erfolg versprechendsten seien. Klar sei aber, dass der Mensch für Bewegung, nicht fürs Sitzen geschaffen sei.

Nun könnte man natürlich meinen, dass eine längere sitzende Tätigkeit ganz einfach durch mehr sportliche Aktivität kompensiert werden könnte. Aber ganz so einfach scheint es nicht zu sein. Der Versuch, die Folgen der Inaktivität durch vermehrte körperliche Aktivität zu kompensieren, sei genau so wenig sinnvoll wie etwa der Versuch, den schädlichen Wirkungen des Rauchens mit regelmäßigem Jogging begegnen zu wollen, meint hierzu Dr. Marc Hamilton in der „New York Times“, der am „Pennington Biomedical Research Center“ seit mehreren Jahren die Physiologie der Inaktivität erforscht. Sitzen bzw. Inaktivität führe sehr rasch zu einer massiven Abnahme des Energieverbrauchs, die Insulinwirkung nehme innerhalb eines Tages ab, der HDL-C-Spiegel sinke. Um rund 40 Prozent fiel bei gesunden Probanden nach 24 Stunden Sitzen die Insulinwirkung auf die Glukoseaufnahme, so nur ein Ergebnis der Forschung von Hamilton. Dieser schädliche Effekt sei so gar dann noch nachweisbar gewesen wenn die Energieaufnahme dem reduzierten Energiebedarf angepasst worden sei, schreiben Hamilton und seine Kollegen in der Zeitschrift „Metabolism“. Dass Inaktivität sehr rasch zu potenziell schädlichen Stoffwechsel-Änderungen führt, bestätigt auch der Ernährungs- und Sportphysiologe Professor John P. Thyfault von der Universität von Missouri, der gerade die vorhandenen wissenschaftlichen Daten dazu ausgewertet hat („Current Opinion in Clinical Nutrition & Metabolic Care“). Sitzen an sich, ob im Auto, vor dem Fernseher oder am Schreibtisch, sei an sich lebensbedrohlich, betont auch Professor Wendell C. Taylor von der Universität von Texas in Houston in einer aktuellen Übersichtsarbeit zum Zusammenhang von Sitzen und kardiovaskulärer Morbidität und Mortalität.

Kräftiges Schwitzen muss nicht sein

Glücklicherweise ist das Gegenteil von Inaktivität nicht unbedingt Sport, sondern Aktivität. Und da reicht es möglicherweise schon, über Jahre hinweg nur ein bisschen rege zu sein, selbst geringe Muskelbewegungen scheinen zu zählen. Untersuchungen von Levine ergaben nämlich, dass übergewichtige Probanden täglich nur 1.500 Bewegungen ausführten und fast zehn Stunden saßen. Schlanke Bauern in Jamaica hingegen kamen nach Angaben von James Vlahos in der „New York Times“ auf täglich immerhin 5.000 Bewegungen und eine Sitzdauer von nur 367 Minuten. Untersuchungen in der Glaubensgemeinschaft der Amischen („Amish people“), bei denen Übergewicht und Adipositas anders als bei ihren Mitbürgern nicht grassieren, ergaben laut Katzmarzyk, dass die Männer täglich über 18.000 Schritte tun, die Frauen etwas mehr als 14.000, was etwa das Doppelte der Schrittleistungen in der Allgemeinbevölkerung ist.

Ab und zu ein Steh-Päuschen genügt

So betrachtet sollte man, wenn man denn schon sitzen muss, das so genannte dynamische Sitzen bevorzugen, also ruhig ein wenig auf dem Stuhl herumzappeln. Das soll übrigens auch Rückenschmerzen vorbeugen, wie etwa der Orthopäde und Sportmediziner Hannes Schoberth 1989 in seinem Standardwerk „Orthopädie des Sitzens“ schrieb. Noch besser ist aber sicher, ab und zu aufzustehen. Denn viele Pausen – sogar wenn sie nur eine Minute dauerten – stärkten das Herz und minderten den Hüftumfang, berichteten vor wenigen Monaten Dr. Genevieve N. Healy von der Universität von Queensland und ihre Kollegen im „European Heart Journal“. Die Forscher hatten 4.757 Erwachsene untersucht, die mit einem Aktivitätsmesser an der Hüfte ausgestattet wurden, der wie ein Schrittzähler funktionierte.

Jene Probanden, die am häufigsten aufstanden, wiesen die günstigsten Blutfett-Werte, den niedrigsten Blutzucker-Spiegel und den geringsten Hüftumfang auf. „Vermutlich könnte man Herz-Kreislauf-Leiden in erheblichem Maß vorbeugen, wenn die ganze Bevölkerung weniger sitzen würde”, wird Healy in der „Süddeutschen Zeitung“ zitiert. Besonders überrascht habe die Forscher, „dass sich schon geringfügige Tätigkeiten positiv auswirkten – beim Telefongespräch aufzustehen, zum Kollegen ins Nachbarzimmer zu gehen statt anzurufen oder zum Beispiel die Toilette ein Stockwerk höher zu benutzen“. Es gibt also noch einen guten Grund, ab und zu ein Schwätzchen im Büro zu halten.

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Medizin

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27 Kommentare:

Dr. med. Ilona Polzer
Dr. med. Ilona Polzer

Wie ist dann mit Liegen anstatt Sitzen?!? Es gibt etliche Menschen, die zwar nicht nur sitzen, sondern auch sehr viele Stunden in der horizontalen Position z.B. beim Fernsehen am Tag verbringen und rühren sich nicht vom Fleck. Sind sie auch in die Studien mithineinbezogen worden?

#27 |
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Dr. med Karen Awiszus
Dr. med Karen Awiszus

@27:
Die durchschnittliche Lebensaerwartung ist immerhin noch ein Durchschnittswert und der ist u.a. sehr wesentlich beeinflusst durch die Kindersterblichkeit.
Und die Aussage zum Thema “sauberes Wasser” stellt sich unter dem Gesichtspunkt “Bakterien” doch etwas anders dar.

#26 |
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Student

Oh je… Gibt es nicht schon eine Art “aktives Sitzen”…? Dafür würde ich plädieren… ;-)

#25 |
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Rettungsassistent

Zum Glück gibt es höhenverstellbare Schreibtische. Man kann entspannt davor sitzen und arbeiten oder den Schreibtisch hochfahren und entspannt davor stehen und arbeiten.

Niemand behauptet, dass ich sitzen muss um auf der Tastatur meines PC herum zu tippen. Dazu gibt es diverse Stühle, die einen dazu animieren, die Körperhaltung zu ändern.
Dann kann man im Alltag Aufzüge meiden, mal eher mit dem Fahrrad statt mit dem Auto zur Arbeit fahren usw. usw.
Zum umschalten des Fernsehers aufstehen um am Fernseher wie früher ohne Fernbedienung umzuschalten.
und wenn ich mit dem Auto zur Arbeit fahre, einen Parkplatz etwas weiter weg suchen, damit ich einfach nochmal ein paar Minuten gehe, bevor ich schon wieder sitze.

#24 |
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iCH DENKE MAN SOLLTE NICHT GLEICH ÜBERTREIBEN SONDERN EIN GESUNDES MITTELMAß ANSTREBEN:

#23 |
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Dr. Nikolaus Graben
Dr. Nikolaus Graben

ich denke an unsere vorfahren : sie lebten in einer sauberen
umwelt ,sie assen nur biokost ,sie tranken nur sauberes wasser , alkohol und tabak war ihnen unbekannt , sie hatten
unendlich viel körperliche bewegung .
aber keiner von ihnen wurde älter als 30 jahre .
was lernt uns das ?

#22 |
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Dipl pol Georg Mühlenkamp
Dipl pol Georg Mühlenkamp

Ich benutze einen höhenverstellbaren Hubtisch und sitze auf einem Bioswing Stuhl. Das ich gertenschlank bin, scheine ich also meiner “Unruhe” zu verdanken. Das freut mich sehr, denn was sportliche Aktivitäten angeht halte ich es mit Winston Churchill. “First of all, no sports”
Ein Bekannter berichte aus den USA, das in seiner Firma Fitnesstage eingeführt wurden. So bleiben z.B. an einem Tag der Woche die Aufzüge geschlossen.

#21 |
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Weitere medizinische Berufe

Prof. Braumann:
Sie haben nur leider eins vergessen: bei Rollstuhlfahreren werden die Sehnen im Schulterbereich sehr stark strapaziert bzw. überstrapaziert, so dass sie reißen … und dann?

#20 |
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Physiotherapeut

sitzen ist für die WS so wie schokolade für die zähne.im sitzen habe ich in den meisten gelenken eine max.loose position und auf der BS fast 10 bar mehr druck als im stehen.übrigens hängen die organe beim sitzen auch nur rum was die motilität der organe stark beeinträchtigt und deswegen der motabolismus eingeschränkt sein muß.

#19 |
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Dr. med. ERNST  H. Tremblau
Dr. med. ERNST H. Tremblau

ERROR !
Leibarzt Bismarcks war
Dr. Ernst Schweninger.
Ich bitte um Nachsicht.-
Immerhin führt solcher Irrtum auf einen interessanten Nebenweg unserer Geschichte.-

#18 |
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Dr. med. ERNST  H. Tremblau
Dr. med. ERNST H. Tremblau

Lieber Herr Kollege Schlesinger;

neben der Sache hier. Sie haben einen Namensvettern in
Melbourne, den ich nach Bimarck fragte. Lachend bestätigte
er mir, Leibarzt des Fürsten sei einer seiner Vorfahren
gewesen.
Sind die verwandt ?

Die preußischen Minister erstatteten stehend Rapport!-
Vielleicht zwang das zu sachlicher Kürze.-
Arztbriefe pflegte ich im Stehen zu diktieren und swar
glücklich über die ersten Hand-Diktiergeräte.-

Ich konnte lange einen nach Spreche von einem nach
Schreibe verfaßten Brief unterscheiden.

Mit freundlichen Grüßen
EHT

#17 |
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Stefan Kelter
Stefan Kelter

Ich habe mir vor einigen Monaten ein Stehpult gekauft und stehe zumindestens Abends mehrere Stunden davor und mache meine Sachen am Computer. Der Artikel bestätigt meine Entscheidung also im Nachhinein.
Mir fiel auf, dass ich mich anfangs gar nicht wohl dabei fühlte und sogar aus den Empfindungen heraus Gedanken entwickelte, dass das Stehen nicht gesund sein könnte, inzwischen aber sogar richtige Wohlfühlphasen habe. Eine weitere Beobachtung ist, dass ich mich sehr viel häufiger vom Schreibtisch kurz entferne als früher. Also Sitzfleisch scheint auch eine Art Klebefähigkeit zu haben.
Die Wahrscheinlichkeit mir für das Büro auch ein Stehpult zu kaufen ist auf jeden Fall nach diesem Artikel gewachsen.

#16 |
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Jeder sollte sich so viel Bewegung gönnen wie er nur kann! Es ist für Gesunde und Kranke gut, jeder soviel wie geht und er sich dabei wohlfühlt.
Ist doch ein alter Hut in neuer Auflage!

#15 |
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Dr. Hans Concin
Dr. Hans Concin

Die Evidenz verdichtet sich immer mehr Richtung moderate Bewegung.

#14 |
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Dr. Eduard Mayer
Dr. Eduard Mayer

Die Studie scheint mir plausibel. Dennoch sollte man sich fragen, wie läßt sich bei derartigen Studien vermeiden Ursache mit Wirkung zu verwechseln.
Nur als Frage:
Könnte es auch sein, daß Kranke eher dazu neigen sich zu setzen bzw. Gesunde automatisch eine größere Aktivität zeigen? ;-)
Dieses Verhalten würde auch die Studienergebnisse erklären. Man kann weiter fragen, wie eine zwangsweise Erhöhung der Aktivität von Kranken auf die “Gesundheit” der Kranken sich auswirkt. Vielleicht sind diese Fragen in der Originalliteratur berücksichtigt.

#13 |
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Tierärztin

Mein Vorschlag: Alle Aufzüge für Leute mit gesunden Beinen erst ab dem dritten Stockwerk fahren lassen….

#12 |
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weniger reisserisch = langweilig
sich REGEN
bringt SEGEN
alte Weisheit

#11 |
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Mathias Huber
Mathias Huber

Mal wieder der Beweis, wer viel aktiv arbeitet bleibt lange gesund und wer nur den lieben langen Tag sitzt sondert die Natur früher aus.

#10 |
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Diabetes-Beraterin

Super Aufreißer und eine Bestätigung für alle, die trotz Sitzstress “Hummeln im Ar..” haben resp. ich wollte immer schon ein Mensch-Schutzrecht ausrufen: befreit nach den Hühnern endlich auch die Menschen aus ihren (Büro-)Käfigen

#9 |
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Es lebe das Stehpult!

#8 |
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Rettungsassistentin

@ Frau Tullius: ich finde den Humor klasse. Ist eben eine Geschmacksfrage. Inahltlich trifft die Headline jedenfalls den Kern des Artikels.

#7 |
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Frau Tullius,

sitzen ist doch nur der Ausdruck von nicht durchegführter Muskeltätigkeit und der Rollstuhlfahrer benutz ja nun in der Regel sehr wohl seine Muskekn – zumindest die der oberen Extremitäten. Und diejenigen, die das nicht können haben ja auch oftmals ihre massiven Gesundheitsprobleme…

#6 |
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Dr Claudia Tullius
Dr Claudia Tullius

Abgesehen vom Wahrheitsgehalt der Botschaft, könnte man es ja auch unter einer weniger reisserischen und geschmacklosen Headline “verkaufen”
Sonst müssen sich ja alle Rollstuhlfahrer schon tot sehen!

#5 |
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angela ingwersen
angela ingwersen

Mein ganz persönliches Vorbild: meine Mutter (85Jahre) ist seit jeher ca. 14 Stunden am Tag auf den Beinen – Dank Großfamilie und großem Garten ständig im Dienst und in Bewegung – gertenschlank, erfreut sich bester mentaler und physischer Gesundheit! Least but not last: sie hat NIE Sport getrieben!

#4 |
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Weitere medizinische Berufe

Das sollte natürlich – ganz vorbildlich – auch “vorbildlich” heißen.

#3 |
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Weitere medizinische Berufe

@Dr. Schlesinger: Das finde ich in jeder Hinsicht vorbidlich!

#2 |
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Sehr fein, Da habe ich ja totz mäigem Übergewicht den richtigen Beruf, denn ich kann nicht lange stillsitzen und hole jeden Patienten im Wartezimmer ab.

#1 |
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