Psychotherapie: Onlinesitzung in greifbarer Nähe

4. Februar 2016
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Obwohl Internet-Psychotherapie teilweise mit großer Skepsis beäugt wird, hätte sie doch für mobilitätseingeschränkte Menschen viele Vorteile. Ein erstes Pilotprojekt in Berlin-Wedding soll nun zusammen mit 16 Ärzten eine Kombination aus Online- und Real-Life-Therapie erproben.

“(4) Ärztinnen und Ärzte dürfen individuelle ärztliche Behandlung, insbesondere auch Beratung, nicht ausschließlich über Print- und Kommunikationsmedien durchführen. Auch bei telemedizinischen Verfahren ist zu gewährleisten, dass eine Ärztin oder ein Arzt die Patientin oder den Patienten unmittelbar behandelt.”

Dies wurde bislang strikt so ausgelegt, dass Ärzte keine Psychotherapie per Videokonferenz, also beispielsweise per Skype, leisten durften.

Für Psychologen gibt es keine vergleichbare Regelung in deren Berufsordnung. Aber die Krankenkassen übernehmen die Kosten einer Psychotherapie in aller Regel nur, wenn bei der Behandlung Therapeut und Patient im gleichen Zimmer sitzen.

Es gibt einige zarte Pilotprojekte zu dem Thema, insbesondere Online-Angebote mit psychotherapeutischem Inhalt, die aber häufig eine asynchrone Kommunikation wie den Austausch per Email oder Online-Trainingseinheiten anbieten. Ein Pilotprojekt, in dem ein per Internet übertragenes Video-Gespräch zum Einsatz kommt, war mir in Deutschland bislang nicht bekannt.

Nun ist im Januar 2016 das neue e-Health-Gesetz in Kraft getreten. Dies regelt eine Modernisierung vieler Aspekte der elektronischen Kommunikation im Gesundheitswesen, beispielsweise, was alles auf der neuen Gesundheitskarte gespeichert wird und wie diese Daten gesichert werden. Ein Aspekt des e-Health-Gesetzes regelt aber auch die Telemedizin, und hier explizit auch Video-Sprechstunden. Hierzu heißt es auf der Seite des BMG:

“Zur Förderung der Telemedizin wird die telekonsiliarische Befundbeurteilung von Röntgenaufnahmen ab April 2017 und die Online-Videosprechstunde ab Juli 2017 in die vertragsärztliche Versorgung aufgenommen werden. Das wird Patienten die Kontaktauf­nahme mit dem Arzt deutlich erleichtern, gerade bei Nachsorge- und Kontrollterminen.”

YEAH !!!

Das ermöglicht dann endlich im Prinzip eine zumindest teilweise Durchführung von Psychotherapiegesprächen auch vermittels Video-Sprechstunden. Unnötig darauf hinzuweisen, welchen Vorteil man sich davon versprechen kann, insbesondere für mobilitätseingeschränkte Patienten und Patienten, die in einem psychotherapeutisch unterversorgten Gebiet wohnen und eine lange Anreise zum nächsten freien Psychotherapeuten hätten.

Die AOK Nordost hat nun mit 16 Ärzten am Institut für psychogene Erkrankungen in Berlin-Wedding ein mit der Berliner Ärztekammer abgestimmtes Pilotprojekt gestartet, dass die neue Möglichkeit genau so erprobt, wie es mir vernünftig erscheint. Die Patienten kommen zunächst zur genauen Diagnostik und Therapieplanung zum realen Termin in die Praxis. So lernen sich Therapeut und Patient offline kennen und können eine Beziehung zueinander aufbauen. Liegen die erforderlichen Voraussetzungen vor, können dann zukünftige Sitzungen zum Teil auch als Videokonferenz mit einem verschlüsselten Zugang durchgeführt werden. Einen guten Artikel über das Projekt findet ihr hier.

Ich darf mit besonderer Freude berichten, dass mein Freund und Mit-PsychCaster Alexander Kugelstadt einer der beteiligten Projektärzte ist. Ich verspreche, ihn bei der nächsten Folge nach seinen Erfahrungen zu fragen!

Mehr wie immer unter http://www.psychiatrietogo.de

17 Wertungen (4.29 ø)
Medizin, Psychiatrie

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6 Kommentare:

Elvira
Elvira

Herr microsoft kennt dann deine “Schwächen” mit Abstand am besten.
Oder war es google?

#6 |
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Elvira
Elvira

Erinnert irgendwie an Sex übers Internet.
Wie die Teleradiologie eher ein Nachteil für Patienten. Das darf man nicht vergessen. Einmal will sich der Doktor nicht bewegen, einmal der Patient. Regierung und Kassen denken nur an Geld sparen.
Bitte nicht vergessen, dass der Dr. nicht gleichzeitig Sprechstunde und Telemedizin machen kann, also entweder oder.
Der Kunde (Patient) wird ja ganz besoffen gemacht vor lauter Internet-Zwang.
Sicher ist nur, dass bei allen unbestrittenen Vorteilen durch die “Organisation” von Internet die Fremdbestimmung des Konsumenten stark zunimmt. Ein übliches “Betriebssystem” sagt dir beständig, was du zu tun hast, schaltest du den Internet-Anschluss ab, weil du nur den Rechner für dich benutzen willst, klappt kaum noch was.
Die Industrie möchte natürlich den Roboter-Doktor, den es nie geben wird!
Der Mensch ist kein Auto.
Und dann ist nur noch ein kleiner Schritt, den Dr. eigentlich ganz auszuschalten.

#5 |
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Gast
Gast

Aus dem psychotherap. Sektor kommend muss ich hier Hr. Mathis bestätigen. Und auch Dr. Fritzsche. Plötzlich erscheinende Affekte oder sich zeigende traumatische Erlebnisinhalte können so sehr schwer aktiv gestützt oder abgesichert werden. Auch bei genauester Befundung und bekannter Diagnose ist man davor nie sicher in der Therapie. Natürlich ist es ein großer Kosten- und Zeitfaktor, der gerade bei Hausbesuchen zum Tragen kommt. Meine Klienten legen großen Wert auf den direkten Kontakt in der Praxis. Und kommen teilw. weite Strecken. Andererseits mache ich auch Hausbesuche falls der Klient immobil ist. Bisher hat das wirklich gut funktioniert. Ich denke, dass es hier auch an Problemen mit der Kassenniederlassung liegt. Würde hier mal nachgebessert, gäbe es sicher auch am Land mehr Optionen für die Betroffenen.

#4 |
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Gast
Gast

Problematisch wird die Möglichkeit, die vertraulichen Sitzungen ohne Absprache aufzuzeichen, auch von außerhalb.

#3 |
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Dipl.-Psych. Andreas Mathis
Dipl.-Psych. Andreas Mathis

Man könnte alternativ vielleicht auch die psychotherapeutische Versorgung auf dem Land verbessern und die Niederlassung attraktiver gestalten…

#2 |
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Dr. med. Danny Fritzsche
Dr. med. Danny Fritzsche

Bei guter Clientenvorauswahl ein whs. gutes Verfahren, zu Bedenken wäre der Umgang mit Krisen oder gar Parasuizid/Suizid vor der Kamera, incl. der damit evtl. verbundenen Traumatisierung des Therapeuten.

#1 |
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