Konsole mit AHA-Effekt

5. Juli 2011
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Die American Heart Association (AHA) erlaubt dem Unternehmen Nintendo, das AHA-„Heart Check“-Logo auf eine Spielkonsole und einige Videospiele zu drucken. Kritiker sehen darin eine problematische Verquickung medizinischer und kommerzieller Interessen.

So prominent ist eine Spielkonsole in einer medizinischen Fachzeitschrift wohl noch nie platziert worden. In der Fachzeitschrift Circulation veröffentlichte eine Gruppe namhafter US-Kardiologen einen immerhin elfseitigen Beitrag unter dem Titel „The Power of Play“. Es handelt sich um den Bericht von einer Konferenz, die Anfang des Jahres stattgefunden hatte und bei der sich alles um die kardiovaskulären Nutzeneffekte so genannter Exer-Games gedreht hatte.

Wissenschaftler untersuchen Exer-Games in Reha und Prävention

Exer-Games sind Videospiele, bei denen die Spieler nicht passiv vor einem Monitor kleben, sondern sich aktiv bewegen müssen. Als Begründer des Genres gilt das Unternehmen Nintendo, das vor fünf Jahren seine Spielkonsole Wii auf den Markt gebracht hat. Die Wii arbeitet mit unterschiedlichen neuartigen Controllern, die es dem Spieler erlauben, eine Figur auf dem Fernsehbildschirm mit ausladenden Körperbewegungen zu steuern. Ein Spieler kann so beispielsweise ein Sportspiel wie Bowling, Boxen oder Tennis absolvieren, bei dem er mehr oder weniger realistische Bewegungen macht und damit die Kegel umwirft, den Gegner k.o. schlägt oder einen Ball übers Netz drischt. Nach ihrer Markteinführung war die Wii unerwartet erfolgreich. Mittlerweile haben die beiden großen Nintendo-Konkurrenten Sony und Microsoft ähnliche Konsolen im Programm oder arbeiten daran.

Auch die medizinische Forschung hat die Wii schnell als ein mögliches Hilfsmittel erkannt. Einige Arbeitsgruppen in den USA und in Deutschland, haben das System genutzt, um Patienten in Rehabilitationseinrichtungen zu mobilisieren (DocCheck berichtete). Die Erfahrungen dabei waren überwiegend positiv, vor allem weil die Motivation, selbständig Übungen auszuführen, bei Einsatz der Konsole relativ hoch ist. Studien, die den Nutzen der Exer-Games in rehabilitativen und in präventiven Kontexten evaluiert haben, bildeten einen der Schwerpunkte der eingangs genannten Konferenz: „Die Konferenz war ein wichtiger erster Schritt, um den möglichen Nutzen aktiver Videospiele besser zu evaluieren und Kindern und Erwachsenen dabei zu helfen, einen sitzenden Lebensstil zu vermeiden“, betonte Dr. Debra Lieberman von der University of California, die die Veranstaltung ausgerichtet hatte. „Mittlerweile gibt es bereits Forschungsergebnisse in einem vernünftigen Umfang, sodass wir erste Aussagen zum Nutzen dieser Spiele treffen können.“ Vorgestellt wurden bei der Konferenz beispielsweise Untersuchungen, die zeigen, dass der Energieumsatz bei übergewichtigen Menschen um den Faktor zwei bis fünf gesteigert werden kann, wenn sie damit beginnen, Exer-Games zu praktizieren.

Umstrittene Partnerschaft, großer Scheck

So weit, so unumstritten. Was nun allerdings Diskussionen ausgelöst hat, war die Entscheidung der American Heart Association (AHA), Nintendo zu gestatten, die Wi-Konsole und die beiden Videospiele „Wii Fit“ und „Wii Sports Resort“ mit dem Heart Check-Logo der AHA zu versehen. Dieses Logo soll Konsumenten anzeigen, welche Produkte besonders herzfreundlich sind. Bisher prangte dieses Logo fast ausschließlich auf Nahrungsmitteln. Kritiker der im Sommer 2010 getroffenen Entscheidung fragen nun, warum das Logo denn nicht zunächst einmal auf Fahrräder, Turnschuhe oder andere Sportgeräte gedruckt wird.

Woran sich einige US-Experten besonders stoßen ist, dass die AHA das Ausmaß, in dem sie von Nintendo Geld erhält, in dem Circulation-Beitrag nicht transparent macht. Zwar steht unter dem Artikel, dass die Konferenz von Nintendo unterstützt wurde. Der Betrag, um den es geht, wird allerdings nicht deutlich. Dazu muss man schon etwas suchen. Im Jahresbericht 2009 wird Nintendo noch als ein vergleichsweise kleiner Geldgeber mit Spenden in der Region 10.000 bis 24.999 US-Dollar aufgeführt. Im Jahr 2010 wurde dann eine formale Partnerschaft eingegangen. Sie beinhaltet außer der Vereinbarung zum Heart Check-Logo auch noch eine Spende in Höhe von 1,5 Millionen US-Dollar, die Nintendo an die AHA überweist. Im Gespräch mit dem Onlinedienst heartwire weist der Kardiologe Dr. Allen Taylor vom Washington Hospital Center dann auch auf die Risiken hin, die dieses Vorgehen der AHA beinhaltet: „Was wir nicht sehen wollen, sind Schlagzeilen wie ‚AHA unterstützt Wii-Konsole‘ oder ‚die offizielle Spielkonsole der AHA‘. Aber sie werden schon vorsichtig genug sein und das vermeiden.“

19 Wertungen (4.05 ø)
Kardiologie, Medizin
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4 Kommentare:

Rettungsassistent

Unter welchem Aspekt wurde die Wii untersucht? Richtig, Reha und nicht Massensport.
Und was liegt vor bei vielen Reha Patienten, insbesondere Geriatrischen? Die Lust sich zu bewegen, also muss eine Belohnung her. Und die wird mit eine Spielekonsole direkt mitgeliefert.
Dass das Heart Check Logo dort trotzdem fehlplaziert ist, finde ich allerdings auch. Zunächst sollten doch mal die klassischen Ausdauersportarten gewürdigt werden.
Und nebenbei, es gibt wenig langweiligere Dinge als walken, ob mit Stöckchen oder ohne.
Wandern meinetwegen, aber Sport ist, wenn nur ein Fuß den Boden berührt.

#4 |
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Rettungsassistent

als übergewichtiger Wii-Fit Spieler muß ich da widersprechen.
Wir haben durchweg positive Erfahrungen mit der Konsole gemacht. Durch unseren Wechselschichtdienst (RA und Krankenschwester) sind wir nicht in der Lage einen Manschaftssport zu betreiben. Die Wii-Spiele ermöglichen ein individuelles Training auch an einem Vormittag ohne das ich ich in ein Fitnessstudio rennen muß.
Es wäre schön Dr. Sigrist wenn Sie die Konsole selbst mal für ein paar wochen ausprobieren würden als über Sachern zu schreiben von denen sie augenscheinlich keine Ahnung haben.

K.Qual

#3 |
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Dipl.-Ing Otto Lechner
Dipl.-Ing Otto Lechner

Wie im Artikel richtig festgestellt wird, ist die Bewegung vor dem Bildschirm doch mehr oder weniger marginal. Die AHA sollte Menschen vielmehr dazu animieren, sich einfach zu bewgen und den zwischenmenschlichen Kontakt zu suchen. Dies ist z.B. beim Walking in der Gruppe möglich, weil hier auch die sozialen Kontakte gepflegt werden können. Sind die sozialen Kontakte erst ein Mal vorhanden, wird wegen der verminderten Einsamkeit auch der Fernseh-, bzw. Spielkontakt vor dem Bildschirm weniger werden. Hier sollte die AHA viel mehr Wert darauf legen und nicht darauf Gelder einzusammeln, un die WOFÜR??

#2 |
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Bewegung ist sicher gut – aber Sport ist besser.

Hier geht die soziale Domäne des Sports unter, Maschinenschütteln ersetzt den Dialog in einer Mannschaft.Der Mensch ist ein soziales Wesen – dem entgegen zu arbeiten nennt man “unsozial”. Also wenn schon electronic-klim-bim bei der körperlichen Belastung, dann bitte ausschließlich Programme, die man nur zu mindestens zweit spielen kann.

Wir brauchen nicht noch mehr Individualisierung und Vereinzelung in der Gesellschaft. Wir brauchen nicht noch mehr psychopathische “nerds” die sich selbst aus dem Orbit katapultieren.

Die AHA ist schlecht beraten, sowas muß eine Extremlösung für anders nicht therapierbare Fälle sein, gehört unter Rezeptpflicht und sollte auf keinen Fall wg. oder o.g. unerwünschten Effekte auch noch promoted werden.

Die Vorstellung, daß das eine Massenbewegung werden soll, und nur dann lohnt sich die “Spende” für Nintendo, ist absolut abzulehnen. Wer sich nicht ohne so etwas motivieren kann, hat ein Defizit und sollte Platz machen für “fittere” Organismen. Ich singe hier daa hohe Lied der Evolution durch Selektion; wer zu dumm ist das zu sehen, muß weg.

Wir versuchen Kindern klarzumachen, das unkontrollierter Fernsehkonsum zu einer bleibenden Behinderung der Fähigkeiten zur zwischenmenschlichen Kommunikation führt, und dann geben sich Ärzte für so eine Fehlentwicklung her.

Sibi quisque, suum cuiuque.

In die Tonne damit.

The Item is open for discussion….

Dr. G. Sigrist

#1 |
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