Apothekenumsatz: Jammern auf hohem Niveau?

8. Juli 2011
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Die Situation öffentlicher Apotheken hat sich durch das AMNOG drastisch verschlimmert. In den letzten Monaten brachen die Umsätze immer weiter ein. Jetzt ist guter Rat teuer – bringt die Erstattungsfähigkeit von OTCs oder das Konzept zur Arzneimittelversorgung etwas Linderung?

Hiobs-Botschaften vom Branchen-Infodienst: IMS Health errechnete für März einen Rückgang der Apothekenumsätze von 6,4 Prozent, im April waren es minus 5,7 Prozent. Vor allem der verhasste Zwangsabschlag, von einstmals 1,75 Euro auf 2,05 Euro angehoben, sorgte für Leere in der Registrierkasse – rund 415 Millionen Euro an Rabatten drückten Apotheken in den ersten vier Monaten ab. Großhandelsabschläge hingegen summieren sich auf 55 Millionen Euro, und Hersteller verzichteten zwangsweise auf 749 Millionen Euro. Damit nicht genug: Laut Deutschem Apothekerverband (DAV) reiche der Pharmagroßhandel die eigentlich durch ihn zu leistenden Sparbeträge in Richtung Apotheken weiter.

Summa summarum bringt das immer mehr Chefs in arge Bedrängnis: Im ersten Quartal 2011 mussten laut DAV bereits 52 Apotheken ihre Pforten für immer schließen. Entsprechend pessimistisch bewerteten die verbliebenen Kollegen beim Apothekenkonjunkturindex (APOkix) die Sachlage. Knapp 57 Prozent der Befragten äußerten sich negativ, 32 Prozent neutral und magere 11,7 Prozent blicken mit positiven Erwartungen in die Zukunft. Gemessen an den letzten Monaten verschlechterten sich damit ökonomische Einschätzungen signifikant.

Selbstständigkeit – nein danke

Angesichts dieser Situation wundert es niemanden, wenn die eigene Apotheke schnell zum Vabanque-Spiel wird. „Der Generationswechsel ist in vollem Gange. Aber es fehlen die Nachfolger“, weiß Ronald Schreiber, Präsident von Thüringens Apothekerkammer. Allerdings sei bei vielen Apotheken zweifelhaft, ob sie wirtschaftlich weiter zu führen seien. Ein Gedanke, der sich nicht auf dieses Bundesland beschränkt: Heute ist der riskante Schritt in die Selbstständigkeit in vielen Kammerbezirken nicht mehr das ausdrückliche Ziel vieler Approbierter. Apothekenfilialen hingegen bieten je nach Vertragsgestaltung gewissen Freiheiten sowie ein überschaubares Risiko. Jetzt werden auch noch die Fachkräfte zur Mangelware: Bereits heute hat laut APOkix etwa jede zweite Apotheke Schwierigkeiten, neue PTA und Approbierte einzustellen (DocCheck berichtete) – eine direkte Folge der schwindenden Attraktivität entsprechender Berufsbilder durch sich ständig verschlechternde Rahmenbedingungen.

Selbst die Versandapotheken bekommen langsam aber sicher die Folgen der Sparpakete zu spüren. „Auch wir haben klare Einschnitte im Rohertrag“, so Christian Buse, Vorsitzender des Bundesverbands Deutscher Versandapotheker (BVDVA). Im April wuchs der Rx-Umsatz „nur“ um neun Prozent, und gleichzeitig wanderten vier Prozent mehr OTCs in die Versandkisten. Dennoch erwartet Buse eine weitere Steigerung des Umsatzes. Zudem änderten Kunden ihr Kaufverhalten: Standen vormals hochpreisige Präparate im Mittelpunkt, landet jetzt die ganze Produktpalette als Vorrat im Warenkorb, oftmals als Vorrat für saisonale Wehwehchen wie Erkältungen oder Allergien.

OTCs bald wieder mit Perspektive?

Von solchen Zahlen können öffentliche Apotheken momentan nur träumen: Laut IMS Health legte der Umsatz entsprechender OTCs im April um magere 1,2 Prozentpunkte zu. Möglicherweise tun sich hier bald neue Möglichkeiten auf, und zwar durch den Referentenentwurf zum unaussprechlichen Gesetz zur Verbesserung der Versorgungsstrukturen in der gesetzlichen Krankenversicherung (GKV-VSG): KVen sollen demnach in Zukunft unter anderem auch rezeptfreie Medikamente mit in ihren Leistungskatalog aufnehmen können. Diese müssen nach wissenschaftlichem Stand einen therapeutischen Nutzen bringen, medizinisch notwendig oder ökonomisch sinnvoll sein – Kriterien, nach denen der Gemeinsame Bundesausschuss (G-BA) generell Bewertungen vornimmt. Und Mehrkosten seien dann durch Zusatzbeiträge zu finanzieren, falls eigene Reserven oder Gelder aus dem Gesundheitsfonds nicht ausreichten, heißt es in dem Papier.

Lobende Worte kamen derweil vom Bundesverband der Arzneimittelhersteller (BAH). Man begrüße die geplanten Möglichkeiten für Kassen, hieß es. Hingegen äußerten sich Vertreter der Krankenversicherer ablehnend. „Das machen wir nicht und andere Kassen sicher auch nicht“, so Barmer GEK-Vorstandsvize Rolf-Ulrich Schlenker. Eine Wettbewerbsregelung sei dies sicher nicht. Und aus AOK-Kreisen verlautete: „Nicht verschreibungspflichtige Medikamente wie zum Beispiel Nasentropfen, Hustensaft oder Lutschtabletten hat der Gesetzgeber aus der Erstattungsfähigkeit aus wirtschaftlichen Gründen herausgenommen.“ Begründete Ausnahmen gebe es bereits heute. Andererseits führe die Aufweichung bestehender Regelung laut DAK zu einem „unsinnigen Wettbewerb unter den Kassen, ohne die Qualität oder Sicherheit der Versorgung zu verbessern.“

Volle Kassen bei den anderen?

Des einen Leid, des anderen Freud: Im ersten Quartal verringerten sich Ausgaben für Arzneimittel um 4,8 Prozent auf 7,64 Milliarden Euro. Unter dem Strich verbuchten damit die Krankenkassen ein Plus von rund 1,5 Milliarden Euro. Dennoch warnten Vertreter des Bundesgesundheitsministeriums vor allzu großer Euphorie. Zeitgleich kletterten nämlich die Kosten pro Mitglied um 3,1 Prozent, der GKV-Schätzerkreis rechnet mit einem Anstieg auf 4,3 Prozent in den nächsten Monaten. Jetzt sind – oh Wunder – aber nicht die Arzneimittel schuld: Vor allem Ausgaben für Krankengeld (plus 11,2 Prozent) und Krankenhausbehandlungen (plus 4,8 Prozent) schlagen zu Buche.

In dieser wirtschaftlichen Situation mag es erstaunen, dass die ABDA – Bundesvereinigung Deutscher Apothekerverbände ihren Haushaltsvoranschlag trotz fadenscheiniger Proteste aus den eigenen Reihen um 4,5 Prozent auf nunmehr 13,5 Millionen Euro erhöhte. Weitere Zuwächse für 2012 sind schon in der Pipeline, die Gerüchteküche spricht von mehr als fünf Prozent mehr, in Zahlen 15,4 Millionen Euro. Und das will gegenfinanziert sein: Bei so manchen Landesapothekerkammern- und verbänden schließen Branchenkenner mittelfristig eine Erhöhung der Mitgliedsbeiträge nicht aus.

Sonne über den Alpen

Bessere Aussichten herrschen da in der Alpenrepublik: Österreichs Apotheken sind weiter auf Wachstumskurs, zwar etwas gebremst, aber dennoch stabil mit 1,7 Prozent im Plus. In Deutschland bleibt nur der fromme Wunsch auf eine politische Kehrtwende. DAV-Chef Fritz Becker: „Wir fordern vom Gesetzgeber deshalb, den Zwangsabschlag umgehend wieder auf das alte Maß von 1,75 Euro zu reduzieren.“ Oder der Staat integriert in das Versorgungsgesetz doch noch das viel zitierte Zwei-Säulen-Modell von ABDA und Kassenärztlicher Bundesvereinigung. Darin war vorgesehen, dass Ärzte lediglich den Wirkstoff verordnen und Apotheker ein passendes Präparat auswählen. Inklusive pharmazeutischer Betreuung läge das Honorar bei 360 Euro pro Patient und Jahr, aufzuteilen zwischen den beiden Leistungserbringern. Doch Bundesgesundheitsminister Daniel Bahr (FDP) möchte erst einmal Ergebnisse aus einer Testregion sehen.

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10 Kommentare:

Helen Blaschke
Helen Blaschke

Was muß in diesem System eigentlich noch passieren, bis sich alle Kolleginnen und Kollegen sich endlich solidarisieren und auf die Barrikaden gehen? Für mich ist es unbegreiflich, daß wir uns immer noch nett und freundlich bedanken , dass es nicht noch schlimmer gekommen ist. Ich liebe meinen Beruf, nur das , was wir heute tun müssen, hat mit unserem Beruf nichts mehr zu tun.Oder habe ich im Studium die hohe Lehre zum Thema Rabattverträge versäumt? Ganz abgesehen von den sinkenden Roherträgen, empfinde ich die heutigen Regelungen als Unverschämtheit einem akademischen Beruf gegenüber.Der Aufwand ist enorm und zum Dank dafür , werden wir weiter gekürzt.Wir müßten für jedes Rezept eine Bearbeitungsgebühr als Entschädigung für diesen Schwachsinn erhalten!

#10 |
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Selbstst. Apotheker

Wie der ein oder andere schon vor mir schrieb:
Umsätze sind Schnee von gestern und keine taugliche Kenngröße für die Bewertung der wirtschaftlichen Situation mehr.
Durch das inzwischen keineswegs mehr neue Kombimodell bei der Preisbildung verschreibungspflichtiger Medikamente sind Rohertrag und Umsatz weitgehend voneinander entkoppelt.
Tauglicher zum Vergleich wären Packungszahlen oder direkt Roherträge.

#9 |
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Hans-Hermann Knobloch
Hans-Hermann Knobloch

Zahlen der Treuhand Hannover, vorgetragen am 20. Mai 2011/Bayer. Apothekertag in Rosenheim:
“Wird das 1. Quartal (Faktzahlen!) auf das Jahr 2011 hochgerechnet, ergibt sich für die Durchschnittsapotheke mit 1,7 Mio. Euro Umsatz ein zu versteuerndes Einkommen des Apothekenleiters con ca. 55.000.- Euro. Nach Abzug seiner eigenen “Sozialbeiträge” und Steuern bleiben ca. 22.000.- Euro netto, monatlich rund 1.900.- Euro.” Bei einer angenommen Arbeitszeit von 60 Wochenstunden ergibt sich ein Stundenlohn von rund 8,00 Euro. Selbstausbeutng gesetzlich verordnet!!

#8 |
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Apothekerin

Sehr geehrter Herr van den Heuvel,
ohne Ihnen nahe treten zu wollen, den Titel haben Sie doch als kleinen Anreißer gewählt, damit möglichst viele auf “high on emotions” Modus gehen. It’s cool man!

Abgesehen von den vielen existenziell bedrohenden Umwälzungen auf dem Apothekenmarkt, die leider gerade von selbstständigen KollegenInnen, sei es aus vermeintlich schierer Verzweiflung über Ihre Lage/Perspektive oder in der Suche nach vermeintlichem “innovativen” Heil auch noch mitgetragen werden, schließe ich mich der Meinung von Herrn Sören Schwarzbeck nicht nur an, nein, es kommt noch “besser”.

Zur Zeit findet der Generationswechsel statt und was für einer.
Wir/ich versuchen im Mandantenauftrag Objekte zu verkaufen oder gar zu kaufen.

Was da heute als Gewinn vor Steuern bei einem Objekt ausgewiesen wird und auf Herz und Nieren geprüft mit dem Gewinn vor 10 Jahren verglichen wird, ja das kann man heute getrost und gepflegt vergessen. Da verdienen angestellte Apotheker teilweise mehr. So schaut es aus.

Ich kenne aus eigener Anschauung inzwischen genug Kollegen, die schlicht auf ihren unverkäuflichen Objekten sitzen blieben und einfach geschlossen haben.

Andere Unternehemn in Deutschland haben die Möglichkeit zum Wohle ihrer Kinder/Nachkommen ihre Unternehmen weiter zu geben oder zu verkaufen. Der “gemeine ApothekerIn” soll dies in Zukunft wohl nicht mehr können dürfen.

Ein Konglomerat zum einen aus der ewigen? Konstante des Apothekerstandes, dem Nichtwollen/-können sich berufständig zielorientiert zum GEMEINSAMEN Nutzen zu formieren und den vielen Variablen wie der politischen Entwicklung, dem Pharmamarkt, den Entwicklungen in rechtlicher Hinsicht etc.tun ihr übriges.

Doch solange es noch engagierte KollegInnen gibt, die die Selbstständigkeit auch als Möglichkeit zur kreativen “Selbst”- oder schlicht Verwirklichung in einem Beruf sehen, der auch einer der schönsten Berufe sein kann, wenn auch häufig zum “best price” der Selbstausbeutung, solange wird es inhabergeführte Apotheken geben, auch um den Preis ÜBERDEUTLICHER Gewinnverminderungen und in Zeiten des MANGELS AN QUALIFIZIERTEM PERSONAL, der steten Zunahme des administrativen Aufwandes, der Ketten am Horizont etc.

Doch nicht nur die niedergelassenen ApothekerInnen sollten langsam erkennen, dass das permanente Streben der hochindustrialisierten Informationsgesellschaften nach noch mehr Wachstum, Gewinn und Umsatzsteigerung, Chimären sind, denen der Einzelne nachjagen zu müssen glaubt, wo er aber auch zu oft manipuliert und vor allem instrumentalisiert wird.

Nicht wahr, Herr van den Heuvel ;-)

#7 |
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Frauke Wagner
Frauke Wagner

Was Herr Lauinger beschreibt,trifft den Nagel auf den Kopf:Ein Soufflé wie der Umsatz ist schön anzuschauen;sticht man mit der Gabel rein fällt alles zusammen.
Die Darstellung einer margeren Marge bei gleichzeitiger Umsatzsteigerung ist realistisch aber eben nicht stimmungsaufhellend.
Das Wort Soufflé kommt bekanntlich aus dem französischen Sprachraum und bedeutet soviel wie souffle = Atem oder Hauch.
Ergo:steche ich mit einer Gabel in die Atemfunktionen wird es nicht lustig!

#6 |
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Dass die Situation für Niedergelassene nicht mehr rosig ist, ist für Marktinsider nachvollziehbar. Wenn die Situation für einen Großteil der Apotheken bedrohlich wird, ist die Standesvertretung der Apotheker gefragt, dies zu kommunizieren und vor allem auch zu belegen.
Das erinnert mich an Folgendes: Früher wurde in Zahlen – Daten – Fakten immer der Rohertrag der typischen Apotheke ausgewiesen. Seit einigen Jahren erfolgt dies nicht mehr. Was wäre ein besserer Beleg für wirtschaftliche Probleme als kontinuierlich sinkende Roherträge.

#5 |
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Sören Schwarzbeck
Sören Schwarzbeck

Das “hohe Niveau”, von dem Nicht-Brancheninsider immer fabulieren, hat sich in den letzten 10 Jahren meiner Selbstständigkeit erübrigt. Mein Vorgänger hat bei gleichgebliebenen Umsätzen mindestens den dreifachen Gewinn nach Hause getragen, und das bei geringerem Arbeitsaufwand.
Ansonsten eine semantische Anmerkung: “Fadenscheinig” wären die Proteste aus den Reihen der Verbände nur, wenn nur vorgeschoben oder vorgespiegelt gewesen wären, sie waren in diesem Fall aber bitterernst. Die ABDA träumt nach wie vor von Luxusimmobilien in Berlin und davon, über den Umweg über eine prestigeträchtige Residenz endlich bei der Politik das Gehör zu finden, das unserem Berufsstand eigentlich zusteht.

#4 |
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Zusatz: Gerade der geänderte Kassenabschlag führt ja zu absolut KEINER Veränderung im Umsatz. Es sollte daher selbstverständlich sein, dass Umsatzzahlen jeder Aussagekraft entbehren.

#3 |
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Mich würde auch mal interessieren, welcher Jahreslohn denn jetzt den Median darstellt, und welcher Jahreslohn zuvor dem Median entsprach.

Am allerschönsten fände ich ja zwei Histogramme. Aber das ist wohl zu viel geträumt.

#2 |
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Apotheker

Wann endlich wird der Umsatz als Maß aller Dinge in den Papierkorb gekloppt? Was nützt den eine Umsatzsteigerung wenn gleichzeitig die Marge reduziert wird? Da kommt es zu der Perversion dass mit einer Umsatzsteigerung weniger Geld in der Tasche bleibt. Wenn man seriös berichtet, sollte man sich auch etwas um die zugegeben komplizierte Preisbildung und Ertragsbildung der Apotheken in Deutschland kümmern.
CL

#1 |
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