Hypertonie: Natural Born KilleRR

1. Februar 2013
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Die neue "Global Burden of Disease"-Studie berichtet, dass 2010 rund 9,4 Mio. Menschen an den Folgen von Bluthockdruck starben. Acht Mio. starben an Krebserkrankungen und 6,3 Mio. an Nikotinsucht. Was haben die Zahlen für Auswirkungen auf die Gesundheitssysteme?

Ein internationales Konsortium hat sich fünf Jahre lang mit den Gesundheitsdaten von Millionen Menschen beschäftigt, diese analysiert und ausgewertet. Herausgekommen ist eine Art Krankheits-Weltatlas, der umfangreiche Statistiken zu Todesursachen, Lebenserwartung, und Risikofaktoren auflistet.

Das Global Burden of Disease-Projekt

Ziel des GBD-Projekts ist es, Todesfälle, Krankheiten, Behinderungen und Risikofaktoren, aufgeteilt nach Regionen und Bevölkerungsgrupen, zu quantifizieren und auszuwerten. Mit Hilfe der gewonnenen Studienergebnisse sollen die politischen Entscheidungsträger abwägen können, welche Prioritäten sie künftig in der Gesundheitspolitik setzen sollen. Die erste GBD-Studie wurde 1992 von der Harvard School of Public Health, der Weltgesundheitsorganisation (WHO) und der Weltbank durchgeführt. Sie quantifizierte und untersuchte insgesamt 135 Krankheiten und Behinderungen und zeigte anhand der gewonnenen Daten die weltweiten Ursachen für Sterblichkeit und Krankheiten auf. Als Maßeinheit für die Lebensqualität wurde das Disability-Adjusted Life Year (DALY) eingeführt – ein negativer Behinderungsindex, der bei hohen Werten eine niedrige Lebensqualität beschreibt. Das DALY misst globale Gesundheitslücken und kann als ein verlorenes Jahr gesunden Lebens gedacht werden. Es beschreibt den Unterschied zwischen der tatsächlichen Situation und einer idealen Situation in der jeder Mensch bei voller Gesundheit das Lebensalter erreicht, das den Standardwerten der Lebenserwartung entspricht.

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1.) Kontraindikation Betablocker bei COPD
2.) Hypertonie – wie behandeln?

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Diese Standard-Lebenserwartung basiert auf Sterbetafeln bei der Geburt und ist mit 80 Jahren für Männer und 82,5 Jahren bei Frauen definiert. Die mit einer Behinderung oder Krankheit verbrachten Lebensjahre (Years Lost due to Disability = YDL) und durch vorzeitigen Tod verlorenen Lebensjahre (Years of life lost = YLL) entsprechen im Wesentlichen der Anzahl von Todesfällen multipliziert mit der verbliebenen Lebenserwartung in dem Alter, in dem der Tod vorzeitig eintritt. Die Formel lautet: DALY = YLL + YLD. Die Quantifizierung der Krankheitslast (burden of disease) hilft mittels einer nachvollziehbaren und standardisierten Herangehensweise, Prioritäten für eine Verbesserung der Gesundheit der Bevölkerung zu definieren.

Weltgrößte Gesundheitsstudie

20 Jahre nach dem ersten Bericht wurde die neue 196-Seiten-Studie von der Zeitschrift “The Lancet” veröffentlicht. “Die Veröffentlichung der GBD 2010 ist ein Meilenstein für unsere Zeitschrift und, wie wir hoffen, für die Gesundheit”, betont The Lancet-Chefredakteur Dr. Richard Horton. Das Forscherkonsortium untersuchte bei der aktuellen Auswertung insgesamt 235 Todesursachen in über 20 Altersgruppen und 67 gesundheitliche Risikofaktoren. Nach weltweit 46,5 Mio. Todesfällen im Jahr 1990 wurden 2010 insgesamt 52,8 Mio. Todesfälle registriert. Während vor 20 Jahren der Anteil der nicht-übertragbaren Krankheiten (“non-communicable diseases”) an den Todesursachen bei 50 Prozent lag, stieg er 2010 auf zwei Drittel (34,5 Mio. Todesfälle). Ischämische Herzerkrankungen und Schlaganfälle führten bei 12,9 Mio. Menschen zum Tod.

Weltweit war damit jeder vierte Todesfall auf kardiovaskuläre Erkrankungen zurückzuführen, 1990 lag der Anteil bei 20 Prozent. 1,3 Mio. Todesfälle wurden 2010 durch Diabetes verursacht, eine Verdoppelung gegenüber 1990. In den vergangenen 20 Jahren ist laut GBD- Studie Fettleibigkeit zum großen Problem geworden. Lag diese Krankheit 1990 erst auf Platz 10, ist sie nun auf dem sechsten Platz der möglichen Todesursachen zu finden. Mehr als drei Millionen Todesfälle waren 2010 auf einen zu hohen Body-Maß-Index (BMI) zurückzuführen gewesen. Besonders dramatisch ist die Situation in Australien und Lateinamerika. Die drei häufigsten Risikofaktoren für die weltweit vorkommenden Krankheitsfälle waren 2010 Hypertonie, Rauchen (inkl. Passivrauchen) und Alkoholkonsum. Vor zwei Jahrzehnten standen Untergewicht bei Kindern und Luftverschmutzung durch schädliches Heizmaterial und Rauchen an der Spitze der Risikofaktoren.

Durchschnittliche Lebenserwartung gestiegen

Deutliche Fortschritte gab es bei der durchschnittlichen Lebenserwartung Neugeborener: Sie hat sich seit 1970 bei Männern um 11,1 Jahre auf 67,5 Jahre (+19.7%) erhöht. Bei Frauen gab es sogar einen durchschnittlichen Anstieg von 12,1 auf 73,3 Jahre (+19,8%). Das bedeutet, dass eine 1970 geborene Frau eine durchschnittliche Lebenserwartung von 61,2 Jahren hatte. “In den letzten 20 Jahren hat sich die Lebenserwartung um rund fünf Jahre erhöht, aber nur vier Jahre als gesunde Lebenserwartung”, berichtet Josh Salomon von der Harvard School of Public Health. Das bedeutet, dass die Menschen im Schnitt um fünf Jahre älter werden, wovon sie ein Jahr lang mit einer Krankheit verbrachten. Die weltweit höchste Lebenserwartung hatten 2010 Japanerinnen mit 85,9 und Isländer mit 80 Jahren. Für Deutschland weist die Studie bei Frauen eine Lebenserwartung von 82,8 Jahren und bei Männern von 77,5 Jahren aus. Am frühesten sterben Menschen in Haiti: 2010 geborene Männer werden im Schnitt 32,5 Jahre alt, neugeborene Mädchen 43,6 Jahre. Am stärksten stieg die Lebenserwartung auf den Malediven (von 50,2 auf 77,5 Jahre bei Männern und von 51 auf 80,4 Jahren bei Frauen).

Todesfälle bei Kindern unter fünf Jahren sind im weltweiten Vergleich seit 1970 um 60 Prozent zurückgegangen. 2010 starben 860.000 Kinder an Unterernährung, 1990 waren es noch 2,3 Millionen. Gleichzeitig stellten die Forscher fest, dass mehr junge und mittelalte Erwachsene an Krankheiten und Verletzungen starben. Auch bei Krankheiten variierten die Gefahren in den unterschiedlichen Regionen der Welt stark, erklärte Dr. Majid Ezzati vom Imperial College London, der ebenfalls an der Studie mitgearbeitet hat. “Insgesamt können wir eine wachsende Belastung für Risikofaktoren erkennen, die bei Erwachsenen zu chronischen Krankheiten führen, wie Krebs, Herz-Kreislauf und Diabetes. Gleichzeitig sinkt der Druck durch Risiken, die mit Infektionskrankheiten bei Kindern in Verbindung gebracht werden.”

Weniger Krankheiten durch Armut

Gesundheitsprobleme in Zusammenhang mit Armut seien in den meisten Ländern gesunken, beispielsweise in Asien und Lateinamerika. In Afrika südlich der Sahara seien sie aber weiterhin das größte Problem. Dort ging die Lebenserwartung in den vergangenen 40 Jahren bei Männern um 1,3 und bei Frauen um 0.9 Jahre zurück. Grund ist in erster Linie die Immunschwächekrankheit Aids. 1990 starben 300.000 Menschen durch HIV bzw. Aids. 2010 waren es weltweit 1,5 Mio. Menschen. Die Spitze lag 2006 bei 1,7 Mio. Aidstoten. Auch die Malaria-Sterblichkeit hat sich in den vergangenen 20 Jahren um 19,9 Prozent erhöht. 2010 erlagen 1,17 Mio. Menschen einer Malaria-Infektion. “Die gute Neuigkeit ist, dass wir sehr viel tun können, um die Gesundheitsrisiken zu reduzieren”, sagte Ezzati. Im Kampf gegen Bluthochdruck etwa müsse der Salzgehalt von Lebensmittel gesenkt und der Zugang zu frischem Obst und Gemüse verbessert werden. Allgemein sei Mangelernährung in den letzten zehn Jahren geringer geworden, in Afrika sei dies aber weiterhin ein häufiges Problem.

Gesundheitspolitik neu überdenken

Die Verfasser der insgesamt sieben ausgewerteten Untersuchungen rufen zu einer Änderung in der Gesundheitspolitik auf. Es müsse mehr dafür getan werden, dass die Menschen nicht nur länger am Leben bleiben, sondern auch gesünder leben können. “Gesundheit ist mehr als nur den Tod zu vermeiden”, betonen Alan Lopez und Theo Vos von der Universität Queensland in Australien. Durch die gestiegene Lebenserwartung und neue Krankheitsbilder kommen auf die Gesundheitssysteme neue Belastungen hinzu. Mit Ausnahme von der Situation im südlichen Afrika zeigt die Studie eine Entwicklung weg von den traditionellen Gesundheitsbelastungen wie Unterernährung, ansteckenden Krankheiten oder Kindersterblichkeit hin zu nicht-ansteckenden Kranheiten wie Krebs, Diabetes und Herz-Kreislauferkrankungen bei Erwachsenen.

Daher werden laut Schätzungen zum ersten Mal in der Geschichte kurz nach dem Jahr 2015 mehr über 65-Jährige als Kinder unter 5 Jahren auf unserer Welt leben. “Das große Zukunftsthema ist der weltweite Wandel von Gesundheitsrisiken die mit Armut zusammenhängen zu Risiken, die mit einer Reihe von nicht-ansteckenden Krankheiten und dem Lebenswandel der Menschen zu tun haben”, erklärt Studienleiter Prof. Christopher J.L. Murray von der University of Washington und Leiter des Instituts of Health Metrics and Evaluation (IHME).

113 Wertungen (4.61 ø)
Allgemein

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8 Kommentare:

Dieser Artikel sollte mal wieder Anlass geben, die aktuelle Gesundheitspolitik zu überdenken. Gefragt wären mehr Investitionen in präventive Maßnahmen (Lebensstiländerungen, z.B. Bewegungssteigerung) anstatt immer nur in die reparative Medizin zu investieren.

#8 |
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Dr. med. Faes Aboudan
Dr. med. Faes Aboudan

vom wiederholen wird alles nicht besser effektive prblem lösungen sind gefragt

#7 |
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Schade, daß hier die von den deutschen Neurochirurgen Jannetta und Hänggi vorbildlich dokumentierte Möglichkeit eine essentielle Hypertonie über Gefäßdekompression des unteren Hirnstamms auszuschalten, wieder einmal nicht zur Sprache kommt.
Es ist kaum zu glauben, wie oft entsprechende Befunde im MRI übersehen werden!

#6 |
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Sehr interessnte Entwicklung, die Sorgen macht, weil die mit dem westlichen Lebensstil zusammenhängenden Risiken offenbar weltweit auf dem Vormarsch sind.

#5 |
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sehr wertvoll artikle
danke

#4 |
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Wieder eine sinnlose angeblich neue Statistik ,die nichts bringt

#3 |
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Dr G K
Dr G K

Also, speziell den Bluthochdruck könnte man mit Heilpflenzen sehr wohl behandeln.Und die Leberbelastung ist gleiyh NULL-)

#2 |
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Meine Enkelin (5) hätte dazu gesagt: “Weiß ich schon”.

#1 |
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