Tierversuche: In der Mausefalle

27. Januar 2016
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Jahr für Jahr stecken Forscher viel Zeit und Geld in Tierversuche. Ihre Ergebnisse lassen sich nicht immer auf Menschen übertragen – und teilweise nicht einmal von anderen Labors reproduzieren. Jetzt wächst der Widerstand.

Viel Arbeit für die Katz’: Tierversuche sind in ihrer Aussagekraft umstritten. Bereits im Jahr 2006 untersuchte Daniel Hackam von der University of Western Ontario mehr als 70 tierexperimentelle Studien [Paywall]. Alle Papers hatten einen kleinsten gemeinsamen Nenner. Sie berichteten von erfolgreichen Therapien, etwa bei Alzheimer oder Parkinson. Nur ein Drittel aller Innovationen ließ sich später auf den Menschen übertragen. Viele Ansätze funktionierten beim Homo sapiens nicht oder waren – oft aus Sicherheitsbedenken – erst gar nicht getestet worden. Dahinter stecken aber nicht nur oft zitierte Unterschiede im Erbgut, sondern methodische Fehler. Tiermodelle menschlicher Erkrankungen bilden nur einige, zentrale Aspekte nach, aber nie das gesamte Bild. Gleichzeitig schönen Forscher viele Arbeiten, indem sie manche Tiere „vergessen“.

Mäuse vermisst

Mit diesem Aspekt befasste sich jetzt Professor Dr. Ulrich Dirnagl von der Charité – Universitätsmedizin Berlin. Er hat zusammen mit Kollegen 100 Veröffentlichungen aus den Bereichen Schlaganfall und Krebs kritisch beleuchtet. Dabei fand der Wissenschaftler 316 Tierexperimente zum Infarktvolumen und 206 Arbeiten zur therapeutischen Schrumpfung von Tumoren. In etlichen Fällen fehlten bei den Papers Informationen über die genaue Zahl an Tieren. Mit durchschnittlich acht Lebewesen war die Gruppengröße auch statistisch zu gering, um relevante Informationen zu gewinnen. Gleichzeitig „verschwanden“ Organismen auf dubiose Art und Weise, was massive Folgen für die Aussagekraft hat. Haben Kollegen sie bewusst aussortiert, etwa aufgrund schwerwiegender Nebenwirkungen der Behandlung?

Ulrich Dirnagl fand keine Antwort, kommt aber mit Computersimulationen zu einem vernichtenden Urteil. Dass Versuchstiere im Laufe einer Arbeit ausgeschlossen werden, kommt vor, ist von Wissenschaftlern aber zu dokumentieren. Selektieren Forscher Organismen, die ihre Hypothese nicht bestätigen, führt das zu falsch positiven Resultaten. In der Regel sei die Ursache aber nicht auf Betrug zurückzuführen, sondern auf einen ‚Bias‘, sprich den unbewussten Einfluss von Forschern, um ihre Hypothesen zu verifizieren, ergänzt Dirnagl.

Gefangen im Teufelskreis

Arbeitsgruppen, die hier aufbauen, ziehen methodisch schlechte Veröffentlichungen als Basis für ihr Projekt heran – ein Teufelskreislauf, sogar für Hersteller. Mitarbeiter bei der US-Pharmafirma Amgen konnten gerade einmal sechs von 53 Arbeiten zur Krebstherapie reproduzieren. Diese pessimistische Einschätzung bestätigte kürzlich John P. A. Ioannidis aus Stanford. Er hat 441 Veröffentlichungen überprüft, die von 2000 bis 2014 in PubMed aufgenommen worden sind. Dabei ging es vor allem um Fragen zur Transparenz und zur Reproduzierbarkeit.

Ioannidis stört sich bei den meisten Papers an unvollständigen Versuchsprotokollen und fehlenden Rohdaten – im Online-Zeitalter würden sich Webressourcen für ergänzende Informationen anbieten. Angaben zu möglichen Interessenkonflikten, respektive zur Finanzierung, tauchen nur in wenigen Fällen auf. Ulrich Dirnagl spricht von einer substanziellen Ressourcenverschwendung im Wissenschaftsbetrieb, unter der nicht zuletzt alle Steuerzahler zu leiden hätten. Jetzt sind Lösungen gefragt.

Menschen auf dem Chip

Schon länger fordern Forscher, verbindliche Standards, wie sie heute schon bei klinischen Studien gelten, auf die Grundlagenforschung zu übertragen. Dazu gehören akkurate Beschreibungen im Methodenteil, aber auch Kriterien zum Ausschluss von Versuchstieren. Um bessere Resultate für die Humanmedizin zu erhalten, sollte das Design von Experimenten überdacht werden. Einige Beispiele: Im Labor lässt sich per Zellkultur menschliche Haut züchten. Die Hoffnung ist, mit entsprechenden Zellen Arzneimittel oder Chemikalien verlässlicher zu testen als mit Versuchstieren. Außerdem versuchen Wissenschaftler, per Computermodell physiologische Prozesse zu simulieren – mit Einschränkungen, wie sie jedes virtuelle System hat.

Organ-on-a-chip-Systeme simulieren Vorgänge unter realen, reproduzierbaren Bedingungen. Mit Lung-on-a-chip-Modellen [Paywall] testen Forscher nicht nur Arzneistoffe, sondern untersuchen Entzündungen oder Infektionen. Heart-on-a-chip-Systeme [Paywall] setzen auf Herzmuskelzellen. Weitere Arbeitsgruppen haben Nephrone (Kidney-on-a-chip) oder explantierte kleine Blutgefäße (Artery-on-a-chip [Paywall]) im Fokus.

Patrick Guye und Ron Weiss vom Massachusetts Institute of Technology (MIT) fanden jetzt heraus, dass komplexe Gewebe über die Selbstorganisation induzierter pluripotenter Stammzellen auf Chips entstehen. Als Vision bleibt ein „Human-on-a-Chip“ [Paywall], um diverse Vorgänge parallel zu simulieren. Trotz aller Euphorie bleibt ein Wermutstropfen. Neue Technologien kompensieren bekanntlich keine methodischen Schwächen. Qualitätsansprüche, wie sie Experten beim beim Consort-Statement (Consolidated Standards of Reporting Trials) fordern, gehen eher in die richtige Richtung.

83 Wertungen (3.75 ø)

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25 Kommentare:

Lars Dittrich
Lars Dittrich

Frau Dauses, Sie scheinen eine mangelhafte Vorstellung davon zu haben, wie die Entwicklung neuer Medikamente funktioniert. Ohne Grundlagenforschung, “Forschung nur um des Forschens Willen”, wie Sie es ausdrücken, würden uns schnell die Ansätze für “wirklich sinnvolle neue Medikamente” ausgehen. Denken Sie z.B. an Checkpoint-Inhibitoren. Sie wissen vielleicht, dass diese neue Generation von Krebsmedikamenten gegen Krebsarten wirkt, gegen die wir vorher nahezu völlig machtlos waren. Und Sie wissen vielleicht auch, dass das Prinzip der Checkpoint-Inhibition durch Grundlagenforschung von Dr. James Allison am Immunsystem von Mäusen in den 1990ern entdeckt wurde. Ohne diese Entdeckung gäbe es heute diese ganze Klasse von Medikamenten nicht. Oder denken Sie an Surfactants für Frühgeborene, an Röntgenbilder, oder die Herstellung von Humaninsulin, die erst durch die Entdeckung der Restriktionsenzyme möglich wurde. Ohne Grundlagenforschung hätten wir nichts davon, Frau Dauser.

Da Sie Ethik und möglichen Empathiemangel ansprechen – Ich kann beim besten Willen nicht nachvollziehen, wie jemand sich bewusst entscheiden kann, Patienten leiden und sterben zu lassen, um Ratten und Mäuse zu verschonen.

#18 hat meine Position richtig erläutert, Herr Lorenz.

#25 |
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Norepinephrin
Norepinephrin

Ich finde es schon ein wenig bedenklich, wie leichtfertig hier manchen Kollegen Empathie abgesprochen, dafür alles mögliche von Sadismus, Kaltblütigkeit, Karrieregeilheit zugesprochen wird.

Tierversuche sind teuer, die Tiere müssen ja auch gehalten, ernährt etc werden. Der Grund, warum dennoch nicht vollständig darauf verzichtet ist sehr einfach: Es ist nicht möglich vollständig auf Tierversuche zu verzichten. Modelle mögen Einblicke in Prozessausschnitte geben, viel mehr aber auch nicht. Natürlich lässt sich nicht alles 1:1 auf den Menschen übertragen. Das bedeutet aber nicht, dass diese Praxis per se sinnlos ist.

Es wäre auch aus meiner Sicht schön und wünschenswert, wenn es anders ginge. Ich sehe aber nicht wie.

#24 |
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Arzt
Arzt

Als politisch correcter Schreiber
wird Herr Michael van den Heuvel sicher nicht über ZUNEHMENDES “halal” – Fleisch in Deutschland berichten.

#23 |
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Dr Dagmar Hermes
Dr Dagmar Hermes

Eigentlich alles nichts Neues – natürlich ist wissenschaftliche Redlichkeit auch bei Tierversuchen erforderlich, natürlich sind die Ergebnisse nicht pauschal auf den Menschen übertragbar.
Allerdings: die Behauptung, Tierversuche ließen sich durch Zellkuklturmodelle grudsätzlich ersetzen, ist naiv. Ein Tier ist ein Organismus, ein Zellkulturmedell bestenfalls ein winziger Ausschnitt.
Einer von vielen Belegen:: wie anders als an Tieren sollen Fehlbildungen durch Medikamente untersucht werden? Contergan beispielsweise verursacht in zahlreichen Tiermodellen ähnliche Fehlbildungen wie beim Menschen, kein Zellkulturmodell kann derartige Katastrophen bei der Pharmaentwicklung zukünftig vermeiden.
Auch die Grundlagenforschung kann viele Fragen nur durch die Betrachtug von Organismen klären, wir wüssten unter anderem fast nichts über die Funktion des Immunsysterms ohne Mäuse.

#22 |
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Gast
Gast

#18 : Meinen Sie nicht, daß es doch ein Unterschied ist, wenn derartiger menschlicher Sucht und Gier Lebewesen große Qualen erleiden müssen ?

#21 |
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Ich kann Herrn Kollegen Henrich nur Recht geben. Ob Tierversuche in der Endphase, nach Ausschöpfung aller modernen Methoden (wir leben doch nicht mehr im Mittelealter!) zur Zulassung eines evtl. mal wirklich sinnvollen neuen Medikaments(!) noch nötig sind, sei dahin gestellt, in der Forschung nur um des Forschens und der Karriere willen haben sie einfach nichts verloren! Zumal sie ja bekanntlich in keinster Weise auf den Menschen übertragbar sind.
Wie viel an Sadismus und dissoziativer Persönlichkeitsstörung gehört eigentlich dazu, jegliches Ethos und jegliche Empathie mit unseren sehr wohl leidensfähigen Mitgeschöpfen im Labor komplett auszublenden, um abends zu Hause das eigene Haustier und die eigenen Kinder zu hätscheln, ohne vor Scham in den Erdboden zu versinken, als wäre nichts geschehen.
Guantamo und Auschwitz lassen grüßen.

#20 |
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Sportfan
Sportfan

liebe Frau Blank (#15), hier liegt ein Tippfehler vor: Wie alle wissen, wird die Seite “Ärzte gegen Torversuche” von Bayern München gesponsert. Dieser Verein hat mit dem Thema m. W. nichts zu tun.

#19 |
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Noch ein Gast
Noch ein Gast

@ Dr. Lorenz
Ganz einfach: Herr van Heuvel macht die von ihm wahrgenommene “Bad Publication Praxis” daran fest, dass -nach seiner Meinung- Wissenschaftler Ergebnisse schönen, um daraus Vorteile zu ziehen.

Das hat mit den Themen und den Methoden (hier: Tierversuchen) nichts zu tun! Das Risiko besteht bei jeder wissenschaftlichen Publikationstätigkeit – man kann auch in-vitro Daten türken/verzerrt darstellen, oder jeden anderen wissenschaftlichen Inhalt.

Herr van den Heuvel vermischt hier gekonnt verschiedene Themen, um Stimmung gegen Tierversuche zu machen. Sauber ist das nicht, aber es sorgt für reges Kommentieren, wie man sieht.

#18 |
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Kann das Argument von Herrn Dittrich nicht nachvollziehen. Vielleicht kann er es näher erläutern.

#17 |
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Lars Dittrich
Lars Dittrich

Herr van den Heuvel, Ihr Artikel vermittelt, dass es sich hier um ein Problem mit Tierversuchen handele, und tierfreie Methoden ein Ausweg wären. Das ist Unsinn. Es handelt sich um ein Problem der wissenschaftlichen Praxis, das auch schon für die Humanpsychologie und andere Bereiche gezeigt wurde. Würden wir vollständig auf die genannten tierfreien Systeme wechseln, bestünde das identische Problem mit diesen Systemen.
In den letzten beiden Sätzen scheint durch, dass sie das durchaus wissen. Warum um alles in der Welt schreiben Sie dann einen Artikel, der diesen falschen Eindruck vermittelt?

#16 |
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Valentina Blank
Valentina Blank

Ich empfehle den Verein und die HP ” Ärzte gegen Toerversuche” !!!!!

#15 |
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Gast
Gast

zu #13: Ist das wirklich so, mit den “rüstigen Greisen” die “durch das Leben springen”? Was ich in den letzten Jahren verstärkt beobachte ist, dass an Symptomen gearbeitet wird, die Grunderkrankung aber nicht geheilt werden kann (MS, Parkinson, COPD,u.v.m.) und die Lebensqualität so nicht mehr vorhanden ist. Das ist doch kein Fortschritt, wie wir uns ihn wünschen.

#14 |
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Gast
Gast

Die Welt ist einfach schlecht! Politik und Geld machen sie auch immer schlechter. Denken manche.

Ich würde mir z. B. lieber eine Gelenkprothese einsetzen lassen, die vorher nicht nur an Zellkulturen getestet wurde. Ich finde es auch schön, dass die Lebenserwartung beständig steigt und heute rüstige Greise durch das Leben springen, die vor den verteufelungswürdigen pharmazeutischen Fortschritten früher schon längst der grüne Rasen gedeckt hätte. Dann halte ich mir doch lieber als Tierfreund eine süße Katze, die ungefragt Mäuse massakriert, ohne voher einen Tierversuchsantrag gestellt zu haben.

#13 |
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Dr. Anna Leichsenring
Dr. Anna Leichsenring

Wäre die Forschung weniger von Geld und Politik beeinflusst, würden sich die Probleme deutlich reduzieren. Aber wenn der eigene Job oder auch nur der schnöde Gewinn an wackeligen Ergebnissen hängt, braucht man sich wohl nicht wundern, wenn Firmen und Forscher ihre Daten frisieren. Der Artikel wird dem (eigentlichen) Problem in keinster Weise gerecht.

#12 |
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Ob ein Tierversuch übertragbar ist, das ist reiner Zufall. Tierversuche dienen in erster Linie dazu, “wissenschaftliche” Arbeiten zur Förderung der eigenen Kariere zu generieren. Zu Lasten und auf Kosten der Tiere. Aus meiner Sicht eine intellektuelle und moralische Bankrotterklärung.
„Wer nicht davor zurückschreckt, Tierversuche zu machen, der wird auch nicht zögern, darüber Lügen zu verbreiten.“ – George Bernard Shaw, Nobelpreisträger

#11 |
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Dr. Thomas Weiser
Dr. Thomas Weiser

Wie wäre es mal mit “Good Journalists’ Praxis”?
In dem Beitrag wird erst Präzision vorgetäuscht (“100 Veröffentlichungen”, “316 Tierexperimente”, “216 Arbeiten”). Bei der eigentlichen Kritik wird es schwammig und unbestimmt, sprich, eine bedenkliche Grundstimmung zur derzeitigen Situation erzeugt. Am Ende wird die Lösung aller Probleme durch innovative Techniken suggeriert, die nicht validiert sind.

“Journalismus ist eine Dienstleistung?” Stimmt! Schön, wenn das in der Qualität derselben widerspiegelte.

#10 |
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Dr. Stefan-Lutz Wollin
Dr. Stefan-Lutz Wollin

Als Biologe und Pharmakologe kann ich nur bestätigen, dass der Trend bei der Erforschung von neuen Medikamenten ganz klar zu komplexen humanen Zellkultursystemen geht. Im idealen Fall sind die darin verwendeten Zellen aus Organen betroffenen Patienten gewonnen. Vielfach finden diese Systeme heute schon Verwendung in Screeningkaskaden der der Industrie und zur Validierung neuer molekularer Targets. Allerdings können diese Systeme die Komplexität eines Organs oder Organismus nur unvollständig wiedergeben. Einen gänzlichen Verzicht auf die auch beim durchführenden Personal ungeliebten und teuren Tierversuche wird es deshalb sicher in Zukunft nicht geben.

Es ist für mich immer wieder erstaunlich, dass in wissenschaftlichen Publikationen die Journale darauf drängen den Methodenteil so kurz zu halten, dass eigentlich nicht mehr nachvollzogen werden kann, wie eine tierexperimentelle Studie im Detail durchgeführt wurde. Hier könnte die Forschung siche ganz erheblich mit nachvollziehbaren Standards verbessert werden. Zwingende Online Supplements mit vollständigen Angaben wären einfach umzusetzen.
Für mich ist es auch nachvollziehbar, dass ein Doktorand oder Post Doc der an der Universität unter erheblichem Publikationsdruck steht eine andere Publikationsstrategie hat als z.B. ein Pharmakonzern, der auf seine Forschung millionenschwere klinische Projekte aufsetzt. Das liefert sicher die eine oder andere Erklärung warum viele Studien nicht reproduziert werden können.

#9 |
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Tierärztin

# Herr Dr. Rinast: Sie haben recht, es gibt nicht die Möglichkeit, auf Tierversuche zu verzichten, ohne unerwünschte Risiken einzugehen oder auf viele wissenschaftliche Fragen keine Antworten zu erhalten.
Ihr Vorschlag betrifft “die Genehmingungspraxis noch stringenter” zu machen, geht aber am wesentlichen Punkt vorbei. Auch Genehmigungsbehörden sind auf veröfflentlichtes Wissen angewiesen und können nur Vorgaben zu Dingen machen, die sie auch wissen. Wenn bestimmte Krankheitsmodelle oder Versuchsaufbauten als funktionierend beschrieben werden, so müssen diese zunächst auch als Referenz verwendet werden. Grundsätzlich an allen Publikationen zu zweifeln bringt nicht weiter – und zu Gunsten welcher alternativen Vorgaben sollte das auch geschehen? Das Problem sind tatsächlich die Publikationen selbst, die Ehrlichkeit und Gründlichkeit, mit der jeder die eigenen Daten aufarbeitet, bevor er sie als “Wahrheit” veröffentlicht. Was der Artikel aber auch aufzeigt: “Tiersparsamkeit” ist nicht immer der richtige Weg und führt, wenn sich z.B. im Nachhinein herausstellt, dass die Gruppengröße zu klein waren, zur größeren Tierverschwendung. Im Sinne des Tierschutzes also nahezu das Kontraproduktivste, was man tun kann. Der Schluss, das geringere Tierzahlen im Forschungsbereich mit besserem Tierschutz korrelieren, ist sehr of ein Trugschluss

#8 |
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Roman Stilling
Roman Stilling

Artikel wie dieser, mögen durchaus geeignet sein, Probleme zu beschreiben, Teil einer Lösung, auch nur Ansatzweise sind sie sicherlich nicht.
Wie hier beschrieben sind Mangel an guter Laborpraxis und diverse Missstände im Publikationswesen sowie im Qualifizierungssystem junger Wissenschaftler beklagenswerte Zustände – mit der Sinnhaftigkeit von Tierversuchen haben Sie allerdings wenig bis überhaupt nichts zu tun. Die Verbindung, die hier wie auch oft anderswo im Netz gezogen werden soll, ist einfach nicht gegeben. Tierversuche müssen nicht abgeschafft, sondern verbessert werden. Dies sollte der Tenor eines kritischen Beitrags sein. Sicherlich ist die völlige Abwesenheit von Tierversuchen in der biomedizinischen Forschung auf Dauer wünschenswert, auf absehbare Zeit aber nicht zu haben. Wer dem Tiermodell Unvollständigkeit vorwirft, kann doch nicht ernsthaft die hier beschriebenen XX-on-a-Chip Ansätze anpreisen! Besonders bei der Erforschung von Organen, die ohne die außerhalb eines funktionierenden Organismus keine oder nur sehr eingeschränkte Funktion haben, müssen solche Ansätze einfach versagen. Auch die Forderung nach mehr Forschung in Richtung von neuen Alternativen verhallt ja nicht einfach ungehört. Jeder Wissenschaftler, der mit teuren, aufwendigen, zeitintensiven Tiermodellen arbeitet, begrüßt eine solche Entwicklung nicht nur sondern fordert sie! Wer so argumentiert wie hier in diesem kurzen, undifferenzierten Beitrag, hat das System Wissenschaft und das Prinzip Forschung nicht verstanden und gibt damit der wissenschaftsfeindlichen Stimmung, die sich momentan in Deutschland breit macht Vortrieb. Fachkundige Erklärungen, Hintergründe und Weiteres gibt es u.A. bei http://www.pro-test-deutschland.de/

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Prof. Dr. Ulrich Martin
Prof. Dr. Ulrich Martin

Auf vielen Gebieten wird mit Hochdruck an der Entwicklung von Ersatzmethoden für Tierversuche gearbeitet. Dieses schließt insbesondere die Oben erwähnten iPS-Zellen und Organ-on-a-Chip Strategien ein. Sicher hat die Verwendung humaner Zellen hier große Vorteile gegenüber Tiermodellen, und Hoffnungen in solche Systeme sind sehr berechtigt. Es ist jedoch ein Trugschluss, dass sich Tierversuche damit komplett ersetzen lassen, ein lebender Organismus ist doch etwas ganz Anderes als ein kleiner Zellverband auf einem Chip. Die Darstellung in diesem Artikel halte ich daher auch und gerade als Wissenschaftler, der in den angesprochenen Gebieten selbst aktiv arbeitet, für ausgesprochen problematisch!

Prof. Dr. Ulrich Martin,
Stellvertretender Koordinator des Exzellenzclusters Rebirth und amtierender Präsident des Deutschen Stammzellnetzwerkes GSCN

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Dr. med. Klaus Tenbrock
Dr. med. Klaus Tenbrock

Ich finde die Tatsache, dass sich immerhin 1/3 der Ergebnisse aus Tierversuchen übertragen lassen, bemerkenswert. Anstatt das negativ darzustellen muss eindeutig gesagt werden, dass es weiterhin keine Zulassung und Entwicklung von Arzneimitteln ohne Tierversuche geben kann.
Es werden in Deutschland im Schnitt pro Jahr ca. 2.500.000 Versuchstiere eingesetzt, der größte Teil davon Mäuse. Inzwischen dauert die Antragstellung für einen Tierversuch über ein Jahr und man muss jedes einzelne Tier mit Abbruchkriterien begründen.
Gleichzeitig werden ca. 56.000.000 Schweine pro Jahr für den Verzehr geschlachtet, geschätzt 0-5-1% davon gehen lebend in das Brühebad, weil der Elektroschock ineffektiv war. Dort gäbe es ein hohes und sinnvolles Potential, das Leiden zu Vermindern.

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“unvollständige Versuchsprotokolle und fehlende Rohdaten”- ein klarer Verstoß gegen die Grundsätze der Guten Laborpraxis. Dilettantisch. In der Regel ein Fall für den Papierkorb.

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Dr. rer. nat. Karl-Albert Rinast
Dr. rer. nat. Karl-Albert Rinast

Tierversuche werden auf absehbare Zeit nicht völlig ersetzbar sein. Deshalb sind pauschale Vorstöße wie im letzten jahr in Richtung EU Parlament zum Verbot ausnahmslos aller Tierversuche sinnlos und nicht zielführend. Der kauf tierversuchefreier Kosmetik ist möglich. Der Verzicht auf mittels Tierversuchen mitentwickelter Medikamente ist nicht möglich, jedenfalls nicht ohne Lebensgefahr.
Etwas tun kann man aber schon. Die Genehmingungspraxis muss noch stringenter werden und klare Vorgaben machen, was Begründung und Tiersparsamkeint betrifft. Es wäre schon viel gewonnen, wenn nicht nur die Sinnhaftigkeit geplanter Versuche sondern die *Notwendigkeit* wegen des Fehlens geeigneter Alternativen und gleichzeitigen Unverzichtbarkeit für eine Bestimmte Entwicklung nachgewiesen werden müsste.

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Tierärztin

Das Riesenproblem besteht nach wie vor darin, dass sich Tierversuche leider sehr gut publizieren lassen und zudem in der Regel hohes Ansehen in der wissenschaftlichen Community besitzen. Hinzu kommt, dass das System “Tierversuch” häufig an den Forschungsanstalten institutionalisiert ist. Viele Forscher setzen auf Tierversuche anstatt Alternativen leidensfreier Organismen zu nutzen. Dem hier erwarteten potentiellen wissenschaftliche Erfolg inclusive dem Sammeln von Impactpunkten wird hier ohne mit der Wimper zu zucken der Vorrang gegenüber der Empathie mit dem Mitgeschöpf gegeben.

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Antonietta
Antonietta

Kaufen Sie tierversuchsfreie Kosmetik- und Haushaltsprodukte. Jedes Jahr werden über 12 Millionen Tiere in Laboren der EU gefoltert und getötet – für den Biologieunterricht, das Medizinstudium, aus Wissbegier und zum Testen von Chemikalien, Medikamenten, Lebensmitteln und Konsumgütern.

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