Samenleiter – Vorübergehend geschlossen

11. Juli 2011
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Immer mehr Männer entschließen sich zur Sterilisation. Im Gegensatz zur klassischen Vasektomie lässt sich ein Verfahren mit speziellem Kunststoffpfropfen später leicht rückgängig machen. Dessen Zulassung zieht sich allerdings schon über Jahre hin.

Immer mehr Männer lassen in der urologischen Praxis eine Vasektomie durchführen, also eine Durchtrennung des Samenleiters (Vas deferens). Bis zu einem Drittel der Operierten klagen danach über Schmerzen durch testikulären Rückdruck: Neu entstandene Spermien können die Nebenhoden nicht mehr verlassen, Schwellungen sind die Folge. Weitere Ursachen der Beschwerden sind Entzündungen oder die vermehrte Bildung von Bindegewebe.

Zwar kann eine Vasektomie theoretisch rückgängig gemacht werden. Chirurgen versuchen dabei, durchtrennte Samenleiter unter dem Mikroskop wieder zusammenzuflicken. Die Ergebnisse schwanken stark, in manchen Veröffentlichungen sprechen Kollegen von einem 50-prozentigen Erfolg, andere Artikel konnten in bis zu 80 Prozent aller Fälle die Zeugungsfähigkeit wieder herstellen. Je länger die Vasektomie zurückliegt, desto geringer sind auch die Chancen. Ändern sich mehrere Jahre nach der OP also Lebensbedingungen durch eine späte Ehe mit erneutem Kinderwunsch, hat „er“ ein Problem. Alternativen sind gefragt.

Kunststoff im Körper

Genau für diese Männer hat der indische Forscher Professor Dr. Sujoy Kumar Guha ein Verfahren entwickelt: Bei der RISUG-Methode (Reversible Inhibition of Sperm Under Guidance) injizieren Urologen unter Lokalanästhesie ein spezielles Gel in den Samenleiter. RISUG ist ein Kunststoffgemisch aus zwei Komponenten, nämlich Styrol, bekannter Ausgangsstoff von Styropor, sowie Maleinsäureanhydrid, eine organische Säureverbindung. Gelöst in Dimethylsulfoxid und unter Beschuss mit Gammastrahlung bildet sich im Labor ein gelartiges Polymer.

Nach der Injektion in den Samenleiter härtet der Kunststoff schnell aus. Die klebrige Masse verschließt relevante Strukturen allerdings nicht vollständig, ein Druckausgleich der Nebenhoden besteht weiterhin. Und ist das Spermiogramm negativ, Studien zufolge dauert der Prozess maximal fünf Tage, war der Eingriff erfolgreich. Lediglich einer von 250 Männern blieb zeugungsfähig, berichten indische Urologen. Wissenschaftler vermuten, dass durch Feuchtigkeit im Samenleiter positive Ladungen am Polymer entstehen. Passieren Spermien mit negativer Ladung diese halb durchlässige Barriere, wird deren zelluläre Membran beschädigt. Auch die Geißeln stellen ihre Funktion ein – das Ende einer jeden Reise zur weiblichen Eizelle.

Interessant ist die Methode vor allem für Paare mit späterem Kinderwunsch: Die Produktion von Spermien bleibt erhalten, zur Verhütung sind aber weder unverträgliche Hormone noch störende Kondome notwendig. Einfluss auf die Potenz oder die Menge des Ejakulats hat der Eingriff nicht. Und sollte das Thema Schwangerschaft auf dem Programm stehen, lässt sich der Kunststoff mit Dimethylsulfoxid quasi heraus spülen. Selbst nach Jahren wurden Männer, die nach der Methode vorübergehend steril waren, laut Studien wieder zeugungsfähig. Allerdings musste die Prozedur bei einigen Patienten drei bis vier Mal wiederholt werden, bis der Kunststoff ganz entfernt war. Sujoy Kumar Guha strebte dennoch weitere Verbesserungen an: Er versetzte das alt bekannte Polymer mit Kupfer- und Eisenoxidkörnchen. Im gepulsten magnetischen Feld begannen die Partikel dann zu wandern. Dies ermögliche laut Guha, vielleicht schon bald ohne Eingriff die Fertilität wieder zu erlangen.

Langer Atem lohnt

Vom Labor in die Praxis ist der Weg bekanntlich weit. Erste systematische Untersuchungen begannen 1993 mit 17 indischen Patienten, die alle durch die Methode zeitweilig unfruchtbar wurden. Eine klinische Phase III-Studie mit 193 Probanden folgte sieben Jahre später. Mitte 2002, RISUG war kurz vor der Markteinführung im Heimatland Guhas, dann der Rückschlag: Ärzte der Weltgesundheitsorganisation (WHO) analysierte die Arbeiten – und war skeptisch. Zwar überzeugte das Verfahren an sich, alle Herstellungsbedingungen des Kunststoffgels entsprächen aber keinem pharmazeutischen Standard, hieß es. Auch die Studien selbst stießen auf Kritik, teilweise fehlten laut den Gutachtern wichtige Daten. Dennoch gaben sich die indischen Kollegen nicht geschlagen.

Dann die nächste Hiobs-Botschaft: Auch das Indian Council for Medical Research forderte erneut toxikologische Beweise der Unbedenklichkeit – bei einigen Patienten war der Hodensack angeschwollen und im Harn konnten Proteine nachgewiesen werden. Glücklicherweise erwies sich das Kunststoffgemisch als unbedenklich, und die Entwicklung konnte weiter gehen. Dennoch zeigten indische Pharmafirmen an einem preisgünstigen Produkt, das nur ein Mal zum Einsatz kommt, kein Interesse. Auch Guha, Jahrgang 1939, war mittlerweile im Rentenalter. Das Ende eines Traums?

Sprung über den Teich

Hier kam Elaine Lissner ins Spiel. Die Amerikanerin, bereits aktiv im „Male Contraception Information Project“, erwarb für 100.000 US-Dollar internationale Rechte an der Technologie. Mit der eigens gegründeten Parsemus-Stiftung will sie bis 2015 den Markt erobern. Bis dahin muss sie noch einige Meilensteine erreichen: Nach der Analyse von RISUG-Präparaten aus indischer Produktion stellen Forscher jetzt Kunststoffproben unter Gesichtspunkten der Qualitätssicherung und Reinheit her. Entsprechen die Gele den ursprünglichen Chargen, wird spätestens im Sommer 2011 reines Vasalgel, so der neue Name, in größerer Menge für die klinischen Studien produziert werden. Anschließend widmet sich Parsemus Fragen der Biokompatibilität. Sollte alles gut laufen, rechnet das Konsortium in 2012 mit toxikologischen Studien sowie mit dem Start von klinischen Studien in den USA. Mittlerweile wendete sich auch der Wind in Indien – erneut sollen klinische Phase III-Studien durchgeführt werden, dieses Mal aber mit voller Unterstützung der Regierung.

Wer soll das bezahlen?

Die hehren Ziele von Elaine Lissner könnten aber am Geld scheitern – rund fünf Millionen US-Dollar bräuchte Parsemus für alle Schritte. Jetzt hofft die Amerikanerin auf öffentliche Unterstützung oder auf Stiftungsgelder. Interesse hätte möglicherweise das WomanCare Global-Netzwerk, das die Entwicklung neuer, erschwinglicher Technologien zur Schwangerschaftsverhütung in Afrika, Asien und Lateinamerika zur Verfügung forciert. Chancen bestehen auch bei der Bill & Melinda Gates-Foundation oder der Susan Thompson Buffett Foundation.

RISUG würde vom alten Traum der „Pille für den Mann“ profitieren. Rein pharmakologische Ansätze stecken nämlich immer noch in den Kinderschuhen. Und Urologen erwarten, dass die Markteinführung des Polymers starke Auswirkungen auf den Absatz von Kondomen haben könnte. Inwieweit RISUG aber nicht nur Spermien abtötet, sondern auch das Humane Immundefizienz-Virus (HIV), ist Gegenstand weiterer Untersuchungen.

78 Wertungen (4.69 ø)

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8 Kommentare:

Nun, die Dame hat dann keine Veranlassung mehr, ein “Heavy Duty”-Verhütungsmittel wie Pille oder Spirale zu verwenden. Bleiben ihr also die etwas weniger sicheren Mittel – und wenn es schief geht, dann weiß der Mann, was los war, denn er ist ja sterilisiert.

Obwohl, es soll ja schon Männer mit drei Samenleitern gegeben haben, aber das ist vielleicht auch nur eine Großstadtlegende aus Kuba.

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Horst Rieth
Horst Rieth

“Ich habe mich sterilisieren lassen, damit meine Frau nicht fremdgehen kann.”
und das soll helfen,
alle achtung,
wie bescheuert männer doch sein können
oder war das die pointe von einem witz ????????

#7 |
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@ Dr. Tahan: Vielleicht, um der Partnerin “Stress, Schmerzen Leiden und unabsehbare Folge-Risiken im Nachhinein” wie etwa den frühen Schlaganfall, Gewichtszunahme, Akne, Unfruchtbarkeit etc. zu ersparen? Es gibt “elegante” Verhütungsmethoden für Frauen, aber die besten sind für jüngere Frauen nicht geeignet bzw. werden nicht verschrieben wegen der Gefahr der späteren Unfruchtbarkeit (Spiralen) bzw. Osteoporose (Drei-Monats-Spritze). Außerdem verträgt nicht jede Frau alles.

Nicht jeder Mann steht dann auf dem Standpunkt, dass seine “Alte” doch nur einem Nocebo-Effekt zum Opfer gefallen ist und sich gefälligst nicht so anstellen soll.

Das Pro-Sterilisations-Argument für Chauvis (das habe ich im O-Ton wirklich so gehört): “Ich habe mich sterilisieren lassen, damit meine Frau nicht fremdgehen kann.”

#6 |
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Naturwissenschaftler

Warum wird zur Sterilisation entschieden?

weil sich die Partnerin für eine elegante und sichere Verhütungsmaßnahme nicht entscheiden möchte?

Warum dieser Stress, Schmerzen Leiden und unabsehbare Folge-Risiken im Nachhinein(wie Schwellungen, Entzündungen oder die vermehrte Bildung von Bindegewebe)?

MfG
Dr.Samman T.
(Zulassungsarzneimittelprüfung)

#5 |
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Horst Rieth
Horst Rieth

ja ja die dubiosen verfahren von irgendwelchen spinnern wie semmelweis etc

#4 |
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Dr. med. Wolfram  Netzer
Dr. med. Wolfram Netzer

Sehr interessante Verhütungsmaßnahme,preiswert und ohne hormonelle systematische Einflüsse . Bis zum Serieneinsatz werden wohl noch einige Jahre vergehen.Was wird der Vater der Pille Mr. Jerassi dazu sagen ?

#3 |
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Dipl.-Chem. Hans Koss
Dipl.-Chem. Hans Koss

Sehr geehrter Herr Dr. Sälzer,

als völlig unbeteiligter und fachfremder Arzt und Naturwissenschaftler habe ich Ihre Kritik mit Interesse gelesen. Allerdings kann ich die meisten der Argumente gegen RISUG nicht nachvollziehen.

– Als naturwissenschaftlicher Mensch kann man sich eine Filterung der Samenzellen im Polymerpropfen im Samenleiter sehr gut vorstellen. Dabei könnte – wie im Artikel schön erklärt – Ladung eine Rolle spielen. Spermien sind viel größer als Proteine, also könnte die Porengröße sowieso eine Rolle spielen. Aus Labor kommen mir ähnliche Mechanismen bekannt vor (z.B. SDS-Gele, Membranen, Glomerulum).

– Zwischen einem Gel und einem Schnitt besteht ein Unterschied, der im Artikel “Druckausgleich” genannt wird. Durch ein Gel könnten doch kleinere Partikel – wie Flüssigkeit, Proteine oder Bruchstücke von Spermien – gut abfließen.

– Die Entfernung des Polymers durch Auflösung in DMSO ist sehr eingängig und im Labor sofort nachvollziehbar. Ein Lösungsmittel heißt Lösungsmittel, weil es organische Stoffe gut auflöst. Aceton beispielsweise löst Plastikkugelschreiber oder Nagellack auf. Das Wort “freispülen” ist also passend und bleibt dies auch, wenn es in Anführungszeichen gesetzt wird.

– Eine erfolgreiche Refertilisierungsrate nach Vasoresektion beträgt nach Ihrer Aussage “in geübten Händen” 90%. Der Artikel sagt 50-80%. Wo kommen diese 90% her? Wie viele Versuche wurden dazu maximal unternommen? Wer sagt einem, welcher Arzt welche Erfolgsrate hat? Auch 90% ist viel zu niedrig, um die Methode als “reversibel” zu bezeichnen.

– Selbst in Indien sind Männer nicht ohne weiteres zu einer Infertilität zu überreden, die mit hoher (10-50%) Wahrscheinlichkeit irreversibel ist. Zu RISUG wären diese Leute womöglich eher bereit.

– Ziele können auch dann hehr sein, wenn man wie Elaine Lissner mit dem vermarkteten Produkt Geld verdient. Wenn RISUG so funktioniert, wie im Artikel beschrieben, wäre es sicherlich ein Segen, und da würde man Frau Lissner den Gewinn ebenso gönnen wie einem deutschen Andrologen, der 90%ige Refertilisierungsraten erreicht.

– Der Bezug zum HI-Virus ist in der Tat seltsam, ist aber womöglich nicht mehr als ein journalistischer Nebenaspekt (Gerücht?). Die Übertragungsrate des HI-Virus könnte natürlich – ähnlich wie bei der Pille – durch RISUG ansteigen. Deshalb RISUG zu verteufeln, wäre unfair gegenüber verantwortungsvollen Nutzern. Der Bezug zum HI-Virus ist evtl. irrelevant, aber womöglich ein schäbiger Marketingtrick.

Es kann natürlich sein, dass ich weitere noch nicht genannte Sachargumente übersehe. Wahrscheinlich nehmen sie an, dass jedem Ihrer ärztlichen Kollegen diese Argumente bekannt sind. Konkretere Kritik an RISUG und eine Erklärung, warum diese Methode “zu Recht” erfolglos ist, würden mich interessieren.

Mit freundlichem Gruß
Dipl.-Chem. Hans Koss
Arzt und Chemiker

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Dr. med. Norbert Sälzler
Dr. med. Norbert Sälzler

Sehr geehrter Herr van den Heuvel,

Als Androloge mit weit über zwanzigjähriger Erfahrung im Bereich der Kontrolle der männlichen Fertilität einschließlich der Vasoresektion und der mikrochirurgischen Refertilisierung erlaube ich mir, Ihren Artikel zum Thema RISUG zu kommentieren.
Es erscheint nachgerade paradox, dass ausgerechnet in einem völlig überbevölkerten Land wie Indien Anstrengungen unternommen werden, die Vasoresektion als sowohl sichere als auch nachgewiesen komplikationsarme Methode der Kontrazeption durch ein dubioses und unsicheres Verfahren zu ersetzen.
Auch die RISUG ist, wenn sie denn funktioniert, eine Blockade des Samenleiters, somit ist hier gegenüber der Vasoresektion kein Vorteil zu sehen, der Nebenhoden wird so oder so gestaut bei völlig ungestörter Samenzellproduktion. Wie ein naturwissenschaftlich denkender Mensch an eine “Filterung” der Samenzellen im Polymerpropfen im Samenleiter glauben kann, ist mir unvorstellbar. In diesem Zusammenhang über eine Abtötung des HIV-Virus zu spekulieren ist abwegig. Lassen Sie es sich gesagt sein, dass ein mit RISUG behandelter Mann natürlich in seinem aus den Prostatadrüsen und Samenblasen stammenden Ejakulat, das die Blockadestellen in den Samenleitern ja nicht passiert, weiter HI-Viren ausscheiden wird.
Anstatt bei erneutem Kinderwunsch mehrere Versuche zu unternehmen, den Samenleiter mit fragwürdigem Erfolg “freizuspülen”, gehört eine klassische mikrochirurgische Refertilisierung gemacht, die in geübten Händen zu Durchgängigkeitsraten des Samenleiters von um 90 Prozent führt.
Ich hoffe inständig, dass es den Protagonisten, die den Ungeist des seit Jahrzehnten zu Recht erfolglosen Verfahrens der RISUG wiederzubeleben versuchen, nicht gelingt, Spendengelder für ihr Unterfangen zu bekommen.
“Hehre Ziele”, wie Sie sie der erwähnten Elaine Lissner unterstellen, kann ich hier durchaus nicht erkennen.

Mit freundlichem Gruß
Dr.med. Norbert Sälzler
Facharzt für Urologie – Andrologie
Ltd. Oberarzt der Urologischen Abteilung
SLK Klinikum am Plattenwald
Am Plattenwald 1
74177 Bad Friedrichshall

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