Mit Piercing zur Visite

13. Juli 2011
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Viele Medizinstudenten sind gepierct oder tätowiert. Doch ist das für einen Arzt überhaupt angebracht? Oder anders: muss man sein Aussehen dem Beruf anpassen?

Früher sah man Tätowierungen nur bei wilden Seebären und gefährlichen Rockern, heutzutage sind sie jedoch längst keine Seltenheit mehr. Viele Tattoo- und Piercingträger bringen durch ihren Körperschmuck ihren Stil und ihre Persönlichkeit zum Ausdruck – auch Medizinstudenten bilden da keine Ausnahme. Doch gerade angehende Ärzte haben oft mit Vorurteilen und ablehnender Haltung zu kämpfen.

Im Laufe des Medizinstudiums stellt sich irgendwann die Frage ob ein Tattoo oder ein auffälliges Piercing für den späteren Arztberuf geeignet, oder ob es nicht doch eher hinderlich ist. Die Meinungen gehen unter Studenten, Dozenten und Patienten weit auseinander.

Jung gegen alt

Zum einen ist da natürlich der Generationenkonflikt zwischen Arzt und Patient. Viele ältere Patienten, die man als Arzt im Krankenhaus versorgt, stammen aus einer Generation, in der es nicht üblich oder sogar verpönt war, sich tätowieren zu lassen. Ganz zu schweigen davon, sich Metall durch irgendwelche Körperteile zu stechen. Jeder, der es macht, fällt aus der Reihe und ist für den Patienten keinesfalls vertrauenswürdig. Diese Einstellung kann dazu beitragen, dass der Arzt in seiner Funktion als solcher nicht erstgenommen oder vielleicht sogar abgelehnt wird. Viele Patienten wollen nicht von einem Arzt behandelt werden, welcher nicht dem typischen Arztbild entspricht. Ein anständiger Arzt ist nun mal nicht gepierct oder tätowiert, sondern verhält sich angepasst und vorbildlich.

Der Generationenkonflikt kommt aber nicht nur zwischen Arzt und Patient vor, sondern mitunter auch zwischen Lehrkörpern der Universität und Studierenden. Viele Dozenten stammen ebenso aus einer anderen Generation und sind daher der Meinung, dass auffälliger Körperschmuck nicht mit dem Arztberuf vereinbar ist. Bei einigen Dozenten ist es nicht gerne gesehen, wenn der Student Piercings im Gesicht oder Tattoos an sichtbaren Körperstellen trägt. Er verbindet dies leider häufig auch mit Inkompetenz des Studierenden. Manche Dozenten machen ihrer Abneigung dann Luft, indem sie diese Studenten anders behandeln als andere. Im Extremfall kann das dazu führen, dass ihnen nicht die gleichen Chancen bei Prüfungen eingeräumt werden und die Studenten schlechtere Ergebnisse erzielen.

Vorbildfunktion

Im Arztberuf ist Körperschmuck auch deswegen immer noch so verpönt, weil dieser Beruf in der Gesellschaft immer noch eine sehr hohe Stellung hat. Arzt zu sein und als Arzt zu praktizieren ist für viele mehr als ein Beruf und hat eine gewisse Vorbildfunktion für andere Menschen. Viele Patienten sehen in ihrem Arzt eine wichtige Vertrauensperson und Konstante. Umso abschreckender ist es für viele Menschen, wenn der Arzt, dem sie sich anvertrauen, dem äußeren Bild des bodenständigen Durchschnittsbürgers nicht mehr entspricht. Viele Patienten lehnen die Behandlung durch einen solchen Arzt ab, weil sie ihm das nötige Vertrauen nicht entgegen bringen. Der Körperschmuck kann auch als extrem abstoßend empfunden werden, sodass die Meinung aufkommt, dass der Arzt auf seinem Fachgebiet schlecht ist und die Patienten auch dementsprechend schlecht behandelt. Solch ein Arzt ist definitiv kein Vorbild mehr und wird auch von einigen Patienten und (älteren) Kollegen nicht ernst genommen.

Unterschiedliche Meinungen unter Studenten

Auch unter Medizinstudenten selbst gehen die Meinungen sehr weit auseinander. Einige Studenten teilen die Meinungder älteren Patienten und Dozenten: sie empfinden es als unangebracht, sich als Medizinstudent und späterer Arzt tätowieren oder piercen zu lassen. Unter anderem, weil Sie einfach wissen, dass ältere Patienten oft negativ darauf reagieren.

So gibt es aber im Gegensatz dazu auch Studenten, welche dies völlig okay finden und sogar selbst Körperschmuck tragen. Sie vertreten die Meinung, dass dies in den Bereich Privatleben fällt und nichts mit dem Arztberuf zu tun hat. In dem Falle werden Grenzen gezogen, inwieweit der Beruf Einlass in das Privatleben gewinnt und inwieweit man sich der (vielleicht veralteten) Norm anpassen möchte. Eine Frage, die man sich auch ohne Körperschmuck stellen muss.

Fazit

Letztendlich muss jeder Student für sich selbst entscheiden, ob Körperschmuck im Arztberuf angebracht ist oder nicht und ob man mit den Vorurteilen der anderen gut umgehen kann. Meiner Meinung nach hat jeder Student das Recht, auszusehen wie er möchte, denn dies fällt in den Bereich Privatleben und sollte unantastbar bleiben. Kein Patient oder Dozent sollte das Wissen und die Kompetenz einer Person an ihrem Äußeren messen und zum Glück bilden mittlerweile Mediziner mit Körperschmuck auch keine Seltenheit mehr.

125 Wertungen (2.33 ø)
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6 Kommentare:

Andrea Stahl
Andrea Stahl

Also aich habe ein Nasenpiercing und eins unterhalb der Lippe. Ich habe es bisher selten erlebt, dass irgendwelche Patienten darauf komisch oder gar ablehnend reagiert haben. Die gehen viel mehr auf das Auftreten insgesamt, auf deine Art und ob du professionell rüberkommst und so weiter. Außerdem kann man die ja rausmachen, sollte es wirklich irgendwo stören. Und ist es wirklich besser, mit ultrakurzem Röckchen, voller Kriegsbemalung, High Heels und weit ausgeschnittenem Dekollete anzutanzen??? An unserer Uni hat man das beim Patientenkontakt verboten, die Piercings aber nicht. Ich finde, das sagt alles ;-).

#6 |
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Johanna Möller
Johanna Möller

Und wo bitte ist das Problem, ein Piercing während der Arbeitszeit zu entfernen und in der Freizeit zu tragen? Oder ein Tattoo an einer wenig exponierten Stelle zu tragen? Bzw. unter dem Kittel sollte ein Tattoo ja ohnehin nicht auffallen, es sei denn es ist mitten im Gesicht…
Man kann auch Probleme schaffen, wo keine sind…

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Mathias Arnheim
Mathias Arnheim

Sichtbare Piercings und Tattoos sind no-go. In der ‘freien Wirtschaft’ kann sich das auch keiner erlauben. Ich habe früher viel auf Messen gejobbt, da gab es öfter mal die Situation, dass eine Hostess mit Lippen- oder Gescichtspiercing ankam; jenen wurde freigestellt, ob sie es entfernen, im Bereich ohne Kundenkontakt arbeiten oder gehen möchten.

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Jorge Duque
Jorge Duque

Guter Text. Aber wie schon erwähht fehlten mir auch ein Paar Umfragen.
Hättest ein Paar Patienten oder Dozenten fragen können :D!!

#3 |
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Student

Naja, “Behauptungen” sind dies ja nicht wirklich, denn man kann mindestens in diesen zwei Facetten darüber denken.
Ich finde auch, dass Körperschmuck in das Privatleben gehört und man allein durch diese Tatsache keine weiteren Schlussfolgerungen ziehen kann à la “Tattoo=minderqualifiziert”. Ich hatte während meiner Ausbildung auch verschieden bunte Haare. Manche PAtienten hat’s gewundert/gestört andere fanden es nicht schlimm. Aber an der Art/Qualität/Professionalität meiner Pflege und dem Umgang mit Patienten hat das nichts geändert.
Also: “Jedem das Seine!”

#2 |
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Danny Polzin
Danny Polzin

Ich finde den Artikel gut. Er regt dazu an einmal über diese Fragen nachzudenken. Er zeigt außerdem auf, dass es natürlich einer Haltung in dieser Frage bedarf. Meine werde ich nochmal überdenken.

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