Antibiotika: Colistin-Resistenz auf dem Vormarsch

15. Januar 2016
Teilen

Bei multiresistenten Enterobakterien ist das Antibiotikum Colistin eines der wenigen noch wirksamen Mittel. Doch diese Option könnte bald ausgedient haben: Nachdem das Resistenzgen mcr-1 bereits 2014 in China gefunden wurde, konnte es nun auch in Deutschland nachgewiesen werden.

Im November vergangenen Jahres wurde in China ein neues Colistin-Resistenzgen entdeckt. Wissenschaftler im Deutschen Zentrum für Infektionsforschung (DZIF) und dem Institut für Medizinische Mikrobiologie der Justus-Liebig-Universität Gießen (JLU) konnten das Resistenzgen mcr-1 nun auch in Deutschland nachweisen – in einem Isolat einer Humanprobe aus dem Jahr 2014.

Das Isolat enthielt das neu entdeckte Colistin-Resistenzgen mcr-1 zusätzlich zu einer Carbapenem-Resistenz. Carbapeneme sind breit wirksame Antibiotika, die in Notfällen gegen multiresistente Bakterien zum Einsatz kommen. Wenn sie unwirksam werden, kommt Colistin als letzte Reserve zum Einsatz. Besteht auch dagegen eine Resistenz, kann eine ausweglose Situation ohne Behandlungsoption entstehen. Besonders alarmierend ist, dass das neu entdeckte Resistenzgen – im Gegensatz zu den vorher bekannten Colistin-Resistenzen – zwischen Bakterienstämmen übertragbar ist und sich so leicht verbreiten könnte.

Schnelle Identifizierung des mcr-1-Gens

Seit 2013 arbeiten Wissenschaftler des DZIF-Forschungsbereichs „Krankenhauskeime und Antibiotika-resistente Bakterien“ eng mit dem interdisziplinären Forschungsverbund RESET am Institut für Medizinische Mikrobiologie der JLU zusammen. Die Verbindung der Forschungsverbünde führte zum Aufbau einer umfangreichen Sammlung multiresistenter Erreger aus Tier und Mensch. Isolate dieser Sammlung wurden sequenziert und die bakteriellen Genome in einer Datenbank hinterlegt. Diese Datenbank wurde genutzt, um die Isolate auch auf das neu entdeckte Resistenzgen mcr-1 zu untersuchen.

Carbapenemase-produzierende Enterobakterien (blau gefärbt) auf einer Agarplatte. © Institut für Medizinische Mikrobiologie der JLU Gießen / Judith Schmiedel

Carbapenemase-produzierende Enterobakterien (blau gefärbt) auf einer Agarplatte. © Institut für Medizinische Mikrobiologie der JLU Gießen / Judith Schmiedel

„Voraussetzung für die schnelle Identifizierung des mcr-1-Gens war eine große Sammlung von Genomsequenzen multiresistenter Bakterien in einer spezialisierten Datenbank“, so Prof. Dr. Trinad Chakraborty, Co-Koordinator im DZIF und Direktor des Instituts für Medizinische Mikrobiologie an der JLU. „Diese von der Bioinformatik erstellte Datenbasis war wegweisend und zeigt eindrucksvoll das Potenzial Genom-basierter Epidemiologie.“

In Europa gab es bislang Meldungen aus Dänemark und Großbritannien, wo das neu entdeckte Colistin-Resistenzgen in Enterobakterien aus Geflügel- bzw. Humanproben gefunden wurde, die bis 2012 zurückdatieren. In Deutschland kommt dieses Gen mindestens seit dem Jahr 2010 in Tieren vor – was bedeutet, dass seitdem die Möglichkeit einer Übertragung auf den Menschen bestanden hat. Es steht nun aus, weitere Bakterienstämme und ältere Stammsammlungen aus menschlichen Proben zu untersuchen, um das Ausmaß der Problematik in Deutschland zu erfassen.

Originalpublikation:

Colistin resistance gene mcr-1 in extended-spectrum β-lactamase-producing and carbapenemase-producing Gram-negative bacteria in Germany
Linda Falgenhauer et al.; The Lancet Infectious Diseases, doi: 10.1016/S1473-3099(16)00009-8; 2016

22 Wertungen (4.5 ø)
Medizin, Pharmazie

Die Kommentarfunktion ist nicht mehr aktiv.

2 Kommentare:

Beamter im Gesundheitswesen

@#1: Colistin ist im Moment Reserveantibiotikum bei Acinetobacter baumanii (4MRGN) und wird in Zukunft bedeutsamer werden bei der Bekämpfung der “CRE”. So wie es auch im Text steht …
Eine Resistenz gegen Colistin ist dann eben doch eher “schlimm”…

#2 |
  0
Dr. Pierre Ackad
Dr. Pierre Ackad

Die Colistinresistenz ist meiner Meinung nach nicht sehr schlimm weil das Antibiotikum vorwiegend oral eingesetzt wurde zur Darmdekontamination (bei Leukämikern) also sehr selten.

#1 |
  4


Copyright © 2017 DocCheck Medical Services GmbH
Sprache:
DocCheck folgen: