ABDA: Katerstimmung in der Jägerstraße

1. Februar 2013
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Schlechter hätte 2013 für die ABDA kaum beginnen können: Erst spekulieren Medien, Standesvertreter könnten ebenfalls in den Datenskandal verwickelt sein. Kurz darauf wirft Pressesprecher Florian Martius das Handtuch: kein guter Start für Monate voller Herausforderungen, vom Kassenabschlag bis zur Notdienstpauschale.

Journalisten haben ein Faible für despektierliche Spitznamen: “Maulwurfsaffäre” wurde zum geflügelten Wort für einen Datenskandal ungeahnten Ausmaßes. Ende 2012 häuften sich im Bundesministerium für Gesundheit (BMG) Hinweise auf undichte Stellen. Ermittlungsbehörden fanden das Leck relativ schnell: Christoph H., ein chronisch klammer IT-Experte und Systemadministrator, der von Gesundheitspolitik jedoch wenig Ahnung hatte.

Staatsanwälte ermitteln gegen den ehemaligen ABDA-Pressesprecher Thomas Bellartz als möglichen Strippenzieher. War seine Motivation, den Branchendienst “Apotheke adhoc” mit brandheißen Informationen zu versorgen – oder steckt mehr dahinter?

ABDA, übernehmen Sie!

Umgehend konstituierte sich bei der ABDA eine hochkarätig besetzte Arbeitsgruppe zur “Verbands-Compliance”. An dem heiklen Thema arbeiten neben ABDA-Chef Friedemann Schmidt der ABDA-Vize Mathias Arnold, der Präsident der Bundesapothekerkammer Dr. Andreas Kiefer, der Vorsitzende des Deutschen Apothekerverbands Fritz Becker, der ABDA-Hauptgeschäftsführer Dr. Sebastian Schmitz sowie der Kommunikationschef Florian Martius. Sie alle sollen interne Prozesse unter die Lupe nehmen, aber vor allem Empfehlungen erarbeiten. “Wir haben klar und deutlich gesagt: Dies ist und dies wird niemals Arbeitsstil der ABDA sein; das bedeutet auch, dass niemals Finanzmittel der ABDA für strafbare Handlungen eingesetzt wurden”, sagt Schmidt. “Allein die Tatsache, dass man uns als Interessenvertretung der deutschen Apotheker ein solches Verhalten zutraut, ist Beweggrund genug, sich mit den Vorwürfen aktiv auseinanderzusetzen.” Jetzt wolle man “maximale Transparenz herstellen”. Große Worte – auf Informationen zum Status quo warten Apotheker aber nach wie vor.

“Fragwürdige Methoden, um Interessen durchzusetzen”

Trotz aller Dementis bekommt die Maulwurfsaffäre möglicherweise auch für den Spitzenverband unangenehme Folgen. Journalisten der taz berichten jetzt von weiteren Verdachtsmomenten. Bei Gesprächen zur neuen Apothekenbetriebsordnung soll ein Ministerialbeamter stutzig geworden sein: ABDA-Vertreter gerieten sich in die Haare, da sie verschiedene Dokumente dabei hatten. Der BMG-Mitarbeiter sah des Pudels Kern: ein internes, vertrauliches Papier seines Hauses. Doch wie gelangte diese Akte zur ABDA? Und flossen möglicherweise Gelder? Das wird noch zu klären sein. Die ABDA bestreitet alle Vorwürfe, aber Ermittlungsbehörden gehen entsprechenden Hinweisen nach. Zumindest ein Schaden ist unabhängig vom Ergebnis der Prüfung bereits entstanden: Wieder einmal stehen Apotheker am Pranger. Die “ohnehin schon mächtige Apothekerlobby” schrecke laut taz womöglich nicht vor “fragwürdigen Methoden zurück, um ihre Interessen durchzusetzen”.

Erneut ein freier Sessel

Zeitgleich erschüttert eine Personalie die ABDA: Nach nur 15 Monaten wirft Kommunikationschef Florian Martius das Handtuch – offiziell aus privaten Beweggründen. Sein Plan, den familiären Mittelpunkt von München nach Berlin zu verlegen, sei nicht geglückt, heißt es. Apotheker munkeln, ihm sei die Luft in der Jägerstraße zu dünn geworden. Trotz eines millionenschweren Marketingbudgets gelang es der Standesorganisation nicht, signifikante Erfolge zu erzielen. Exemplarisch seien Eckdaten aus dem ABDA-Jahresbericht 2011 genannt. Die Einnahmen aus Beiträgen summierten sich auf 12,9 Millionen Euro. Der größte Posten auf der Ausgabenseite: 5,4 Millionen Euro für Presse- und Informationsarbeit. Im letzten Jahr genehmigte eine Mitgliederversammlung 500.000 Euro als Sonderbudget. Damit wurden bundesweit Imageanzeigen und Banner geschaltet, kein sonderlich innovativer Ansatz. Mit welch originellen – respektive preisgünstigen – Maßnahmen Bürger aufmerksam werden, zeigte beispielsweise Ann-Katrin Kossendey mit ihren selbst produzierten Videos bei Youtube. Doch Social Media sind beim Spitzenverband der Apotheker kaum im Fokus. Kritik kam von der Basis selbst, wobei das Kommunikationsreferat generell unter keinem guten Stern steht.

Willkommen auf dem Schleudersitz

In nur sieben Jahren verlor der Spitzenverband gleich vier Pressesprecher: Elmar Esser, Annette Rogalla, Thomas Bellartz und nun Florian Martius. Immerhin hat sich Martius die Praktiken seines Vorgängers nicht zu Eigen gemacht. Bellartz scheute keine noch so brachiale oder schlüpfrige Aktion. Unvergessen: ein Penis, der Viagra verkauft, als Warnung vor gefälschten Medikamenten. Sein Clip, vor Jahren in Kinos zu sehen, löste bei Apothekern ungläubiges Kopfschütteln aus. Das nächste Highlight im negativen Sinne war sein Internetauftritt “Studier’ Pharmazie”, ebenfalls begleitet von bizarren Filmchen. Ob sich Abiturienten durch Virenjagden überzeugen lassen, Apotheker zu werden, darf bezweifelt werden. Immerhin halten Kollegen Florian Martius zu Gute, dass er seine Schwerpunkte verlagert hat. Kooperationen mit dem Deutschen Behindertensportverband, dem Deutschen Olympischen Sportbund oder der Nationale Anti-Doping-Agentur Deutschlands wurden nunmehr beendet. Ob es zusammen mit Sportlern weitere Projekte geben wird, ist offen.

Jahr der Weichenstellungen

Martius’ Demission kommt für die ABDA zum denkbar schlechtesten Zeitpunkt. Aus dem letzten Jahr sind zahlreiche Baustellen offen geblieben, und die Apothekerschaft gerät finanziell immer unter Druck. Trotz aller Maßnahmen blieben Fixhonorare bei mageren 25 Cent. Dass Gesundheitspolitiker gerade vor dem Apothekertag plötzlich eine Notdienstpauschale in Aussicht stellten, wertet niemand als Zufall. Doch die Umsetzung vollmundiger Versprechen blieb aus. Auch waren Verhandlungen zum Kassenabschlag nicht gerade von durchschlagendem Erfolg gekrönt. DAV-Chef Fritz Becker wies Rechenzentren im neuen Jahr an, nur noch mit 1,75 Euro statt 2,05 Euro zu kalkulieren. Dieses einseitige Vorgehen brachte ihm üble Kritik ein. Uwe Deh, geschäftsführender Vorstand des AOK-Bundesverbandes, sprach von “praxisferner Destruktionspolitik”, wenn Apothekerverbände nicht mehr bereit seien, bis zur anstehenden Entscheidung des Schiedsverfahrens über die künftige Höhe des Apothekenabschlags geschlossene Verträge zu respektieren. Becker stellte klar, dass die letzte freiwillige vertragliche Vereinbarung mit dem GKV-Spitzenverband auf das Jahr 2010 zurückgeht. “Wir wollen nicht den Abschlag für 2013 auf 1,75 Euro absenken! Wir wollen, dass der zuletzt ohne zeitlich befristete gesetzgeberische Zwangsmaßnahme freiwillig vereinbarte Abschlag von 1,75 Euro Ausgangsbasis für weitere Anpassungen ist.”

Apotheker beim Talk

Angesichts dieser Themen ist erfolgreiche Presse- und Öffentlichkeitsarbeit wichtiger denn je. Kollegen lästern bereits, ob ABDA-Präsident Friedemann Schmidt künftig sein eigener Kommunikationschef wird. Der Apotheker ist seit 1999 gern gesehener Experte, teilweise auch Moderator, von “Hauptsache Gesund” beim MDR.

Mitte 2011 kam als weiteres Format “Deutschland akut – Der Talk mit Friedemann Schmidt” hinzu. Berührungsängste hat der ABDA-Chef auch nicht im Umgang mit kritischen Stimmen: Am letzten Wochenende traf er Kollegen der Protestbewegung “Aufbruch!Apotheke” zum informellen Meinungsaustausch.

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Medizin, Pharmazie

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2 Kommentare:

Medizininformatiker

Wohin führt uns unser krankhaftes Gesundheitrssystem ?
Anstatt auf echte Gesundung hinzuwirken, werden nur Gelder verteilt und die Einkommen der Industrie, Ärzte und Apotheker und Krankenkassen gesichert.

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Selbstst. Apotheker

Die Frage: “oder steckt mehr dahinter?” ist durchaus berechtigt. Waren doch die meisten Aktionen der ABDA Funktionäre letztlich so konstruiert, dass sie die Chancen bei allen anstehen Verhandlungen eher mehr geschwächt als bestärkt haben. Ich jedenfalls fühle mich nicht mehr gut vertreten durch meine Standesorganisationen. Ich kann mich des Eindrucks nicht erwehren, dass die ABDA alles tut um den Forderungen der Politik Rechnung zu tragen. Als da sind: Reduzierung der Apothekenzahl um 1/3 in der Hoffnung, dass grössere Vertriebseinheiten billiger arbeiten. Auch unsere Verhandlungspositionen gegenüber den Krankenkassen werden durch das Verhalten der Funktionäre geschwächt. Ein Verhandlungspartner, der so viele Leichen im Keller verbirgt, wird auch bei den Krankenkassen nicht mehr ernst genommen. Aber eine Funktionärstruppe, die zu 90% aus Männern besteht, wird sich kein Bein ausreißen für eine Kollegenschaft die zu über 60% aus Frauen besteht.

Franz Posselt

#1 |
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