Flüchtlingsmedizin: Hilfe statt Hass

13. Januar 2016
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Im letzten Jahr kamen mehr als eine Million Flüchtlinge nach Deutschland. Bei der medizinischen Versorgung sind Ärzte gefragt, doch es ergeben sich oftmals Schwierigkeiten in der Behandlung. Die ehrenamtliche Organisation MigraMed will Sprach- und weitere Barrieren aufheben.

Asylpolitik ist ein komplexes Thema. Seit letztem September spielt die Flüchtlingsproblematik in Deutschlands Städten eine große Rolle. Man versucht, Lösungen zu finden, Unterkunft, Essen und ein geregeltes Zusammensein zu organisieren. Zum Glück gibt es ehrenamtliche Organisationen, die dies unterstützen. So auch die Initiative MigraMed, eine deutschlandweite Organisation, die Asylbewerber bei Arztbesuchen unterstützt. Denn schon ein Besuch beim Mediziner kann eine Herausforderung sein, wenn nicht nur die medizinischen Fachtermini fremd sind, sondern auch das Alltagsvokabular des Arztes. Die Gefahr, dass dabei wichtige Informationen verloren gehen und eine Diagnosestellung und Therapie erschwert wird, ist groß. Doch auch die Ärzte selbst werden von den Studenten unterstützt, indem Informationen über die rechtliche Situation zu Versicherung und Abrechnung bereitgestellt werden.

Die Münchner Lokalgruppe von MigraMed wurde im Wintersemester 2012/13 gegründet und besteht derzeit aus ca. 100 aktiven Mitgliedern, 50 ehrenamtlichen Dolmetschern und 15 Personen im Organisationsteam. Sie betreuen zusammen mit dem Alveni-Flüchtlingdienst der Caritas – und mittlerweile auch mit den Sozialarbeitern der Inneren Mission – Flüchtlinge und deren Familien.

Wir haben ein Mitglied des Organisationteams von MigraMed München zu ihrer Arbeit interviewt. Lucia Mair studiert Medizin im zehnten Semester an der TU München. Gleichzeitig studiert sie auch noch Europäische Ethnologie an der LMU. Ein Studiengang, der ihr bei ihrer Arbeit mit Flüchtlingen sehr zu Hilfe kommt.

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© Lucia Mair

DocCheck: Lucia, wie bist du zu Deiner Arbeit bei MigraMed gekommen?

Lucia: Ich war seit dem zweiten Semester bei Amnesty international aktiv, wollte aber irgendwann spezieller im medizinischen Bereich mit anpacken und habe über eine Kommilitonin von MigraMed erfahren. Daraufhin beschloss ich, dort einfach mal vorbeizuschauen und bin seitdem Mitglied von MigraMed.

DocCheck: Woher kam die Idee, das Projekt in München zu starten?

Lucia: 2012 gab es eine Sommerakademie des Würzburger Institutes für Tropenmedizin mit dem Thema „Globale Gesundheit“. Dort nahmen unsere heutigen Gründer teil und beschäftigten sich ausgiebig mit den Themen, mit denen wir heute arbeiten. Nach dem Vorbild des bereits in Regensburg etablierten MigraMed-Konzeptes starteten sie dann kurz darauf in München.

DocCheck: Welche Funktion hast Du bei MigraMed?

Lucia: Seit zwei Jahren bin ich Mitglied im Team, davon seit einem Jahr Mitglied im Organisationsteam, bei dem es viel um Fundraising, Werbung und Vernetzung mit anderen Initiativen in München geht.

DocCheck: Wie sieht Eure Arbeit genau aus? Was macht Ihr?

Lucia: Bei uns engagieren sich Medizinstudierende, indem sie Geflüchtete zu ärztlichen Terminen begleiten und bei medizinischen Problemen Ansprechpartner sind. Sie entlasten Sozialarbeiter und erleichtern sowohl den Patienten als auch dem medizinischen Personal den Arztbesuch. Bei Bedarf können sie entweder selbst dolmetschen oder suchen passende Übersetzer, um den Ablauf reibungslos zu gestalten. Besonderen Wert legen wir auf eine kurze Vor- und Nachbesprechung des Termins, in denen die Patienten ihre Anliegen schildern können und Diagnose, Medikation und weiteres Prozedere in Ruhe zusammen besprochen werden können. Im Anschluss geben wir den Sozialarbeitern Rückmeldung, sodass alle Beteiligten umfassend informiert sind.

DocCheck: Was gibt es für Probleme/Schwierigkeiten, mit denen Ihr kämpfen müsst?

Lucia: Auch wenn sich die Situation in München gerade etwas entspannt, stellen die vollen Gemeinschaftsunterkünfte für die Sozialarbeiter eine große Herausforderung dar, was sich manchmal auch auf unsere Arbeit überträgt – etwa wenn Termine sehr kurzfristig angesetzt oder abgesagt werden. In diesen chaotischen Situationen den Überblick zu behalten, ist nicht immer leicht. Gleichzeitig geben aber absolut alle Beteiligten, besonders die Sozialarbeiter, ihr Bestes und nehmen die Herausforderung mit großem Engagement an. Und gerade deswegen lohnt sich die Arbeit umso mehr, denn für die Geflüchteten ist die Situation oft noch verwirrender, sie können sich häufig nicht verständigen, müssen sich zusätzlich um behördliche Angelegenheiten kümmern, und Ähnliches.

DocCheck: Warum ist es so wichtig, dass es Euer Projekt gibt?

Lucia: Wir sind zwar einerseits noch keine fertig ausgebildeten Ärzte, andererseits aber durch unser Wissen aus dem Medizinstudium in einer privilegierten Situation, die wir nutzen können und wollen. Wir möchten Menschen unterstützen, denen nicht die gleichen Möglichkeiten geboten werden wie uns – besonders in der Versorgung Asylsuchender in Deutschland ist noch sehr viel „Luft nach oben“, was Logistik, Effizienz, aber auch den Umgang miteinander und vieles andere angeht. Doch nicht nur die Patienten, sondern auch die Ärzte selbst sind häufig im Umgang mit Flüchtlingen überfordert.

Im Vergleich zu anderen Patienten in einer Arztpraxis oder einem Krankenhaus stellt die Betreuung eines Asylsuchenden einen erheblichen Mehraufwand dar: die Patientengeschichte ist oft unvollständig und durch mangelnde Deutschkenntnisse des Asylsuchenden oder fehlende Fremdsprachkenntnise der Ärzte bei Vorbefunden aus dem Ausland schwierig zu rekonstruieren. All dies erfordert einen sehr großen zusätzlichen Zeitaufwand, sodass eine adäquate medizinische Behandlung oft nicht gewährleistet werden kann. Zudem wissen die Ärzte häufig nicht, wie beziehungsweise dass die Leistungen für Asylbewerber erstattet werden können, sodass die Praxen/Krankenhäuser oftmals Patienten aus Gemeinschaftsunterkünften abweisen. Wir helfen dabei, diese Situation zu verbessern und möchten für die Probleme von Asylbewerbern sensibilisieren. MigraMed München wächst seit drei Jahren stetig, worauf wir besonders stolz sind, denn so gelingt es uns trotz steigender Anfragen, immer mehr Flüchtlinge bei medizinischen Behördengängen zu unterstützen.

DocCheck: Was war für Dich ein besonderes Erlebnis im Rahmen Deiner Arbeit bei MigraMed?

Lucia: Da meine eigenen Begleitungen schon eine Weile her sind, hier eine schöne Impression eines Teammitglieds: „B. ist genauso alt wie ich und ich begleite ihn schon seit 10 Monaten, da er an zwei chronischen Erkrankungen leidet. Mittlerweile trinken wir nach den Arztterminen oft Kaffee zusammen. Wenn wir plaudern, relativieren sich all meine studentischen ‚Probleme‘ und häufig ist es einfach nur schön, wenn er ganz laut lacht, weil ich die Worte, die ich bereits in Dari gelernt haben sollte, wieder mal verwechselt habe…“

DocCheck: Wie ist das Feedback von Asylsuchenden auf Eure Organisation?

Lucia: Sehr, sehr positiv. Krankheit und Flucht stellen zwei Ausnahmesituationen dar, die für sich genommen schon emotional herausfordernd sind, was sich aber noch mal verschlimmert, wenn für die Betroffenen beides zusammenkommt. In vielen Fällen ist es daher eine große Erleichterung, wenn diese Leute nicht allein zu einem Termin in einem fremden Land gehen müssen – geschweige denn, dass sie sich den bürokratischen Irrungen und Wirrungen des deutschen Gesundheitssystems allein stellen müssen.

DocCheck: Wie sieht die Finanzierung des Projektes aus?

Lucia: Alle, inklusive der Dolmetscher, arbeiten zur Zeit ehrenamtlich. Unseren Dolmetschern würden wir langfristig gerne eine Aufwandsentschädigung zahlen. Einerseits, weil sie oft weite Wege auf sich nehmen, andererseits, weil wir so unseren Pool besonders auch für seltenere lokale Dialekte ausweiten könnten. Deswegen betreiben wir momentan auch Fundraising und versuchen Spendengelder einzuwerben, um dies in Zukunft umsetzen zu können.

DocCheck: Welche Pläne habt Ihr für die Zukunft von MigraMed?

Lucia: Wir befinden uns im Moment im Vereinsgründungsprozess und würden langfristig gerne ein stabiles Finanzierungskonzept erarbeiten. Außerdem wollen wir ein Schulungsprogramm zum deutschen Gesundheitssystem in den Gemeinschaftsunterkünften der Flüchtlinge auf die Beine stellen und Informationsmaterial bzw. Übersetzungs-Tools für die verschiedenen Beteiligten konzipieren. Großes Interesse hätten wir zukünftig auch an einem Forschungsprojekt in Kooperation mit den beiden Münchner Universitäten LMU und TU, um die Abläufe in München kritisch zu evaluieren und strukturelle und interpersonelle Probleme, aber auch Potenzial aufzuzeigen.

DocCheck: Wie schaffst Du es, neben Deinem Medizinstudium noch Zeit für Deine ehrenamtliche Tätigkeit aufzubringen?

Lucia: Das klappt mal mehr, mal weniger gut und wenn es zu viel wird, muss ich für ein paar Wochen einen Gang zurückschalten. Das funktioniert bei MigraMed jedoch bestens, weil für uns Helfer Termine angeboten werden und jeder sich nach eigenem Zeitpensum dafür melden kann. So kann jeder genau den Zeitaufwand in das Projekt stecken, den er erbringen möchte und kann sich die restliche Zeit aufs Studium konzentrieren.

DocCheck: Wie beeinflusst Dich die Arbeit bei MigraMed im Hinblick auf deinen Wunsch, Ärztin zu werden?

Lucia: In jedem Fall motiviert die Arbeit, sich mit verschiedenen Aspekten der globalisierten Medizin auseinander zu setzen. Gleichzeitig macht mir MigraMed das politische Potenzial, aber auch die Verantwortung medizinischer Arbeit bewusster als vorher. Später möchte ich gerne in die Kinderheilkunde gehen, doch auch die Medizinanthropologie interessiert mich sehr. Für beides sind meine bei MigraMed erworbenen Kenntnisse sicherlich in Zukunft von Vorteil.

DocCheck: Wie können interessierte Medizinstudenten aus ganz Deutschland an dem Projekt mitwirken?

Lucia: So wie MigraMed München sich vor drei Jahren nach dem Regensburger Vorbild gegründet hat, können sich MigraMeds in allen Städten gründen, in denen Bedarf da ist und das dürften momentan die meisten sein, in denen Medizin studiert wird. Einfach mal umschauen, wie die Strukturen vor Ort sind und wo man anknüpfen könnte. Wir stehen gern mit Rat und Tat zur Seite.

DocCheck: Sollte man Fremdsprachkenntnisse haben oder kann man auch ohne solche bei Euch mitwirken?

Lucia: Auf jeden Fall kann man auch ohne Sprachkenntnisse mithelfen. Vom ersten Semester bis zum fertigen Arzt umfasst unser Team fast jedes Stadium der medizinischen Ausbildung. Enthusiasmus, selbstständiges Organisieren und ein bisschen Improvisationstalent sind die Haupteigenschaften, die es braucht.

Weiterführende Informationen:

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4 Kommentare:

Anna
Anna

Aha, die Wahrheit ist also “unangenehm”? Die aktuelle und die bereits erfolgten Erhöhungen der Krankenkassenbeiträge haben absolut nichts mit der Ankunft der Flüchtlinge zu tun, sondern mit vielen anderen Aspekten, die mit der Struktur UNSERER Gesellschaft zu tun haben (demographischer Wandel etc.). Zudem haben wir aktuell knapp 2,7 Millionen Arbeitslose, die, in Ihren Worten gesprochen, auch “nicht zahlen”. Wir leben in einer Sozialen Marktwirtschaft, die es sich auch zur Aufgabe macht, diejenigen zu unterstützen, die sich nicht selbst helfen können. Auch wir profitieren in vielen Situationen von den Vorteilen des Systems – und jedem steht es frei, sich in Europa und weltweit ein Land zu suchen, das seinen Anforderungen entspricht, wenn er mit dieser Linie nicht einverstanden ist. Wenn ich jahrelang in das Gesundheitssystem einbezahle, ohne es selbst nutzen zu “müssen”, kann ich froh sein, dass es mir so gut geht – und wenn ich es brauche, bekomme ich Hilfe. Auch da zahle ich für alle meine deutschen Mitbürger mit, die meinen, sie müssten bei jedem kleinen Schnupfen zum Arzt rennen.
Das nennt man Solidarität und so funktioniert das System, und ich kann es nicht mehr hören, dass die Flüchtlinge, die mit Sicherheit medizinische Hilfe dringend brauchen können, aktuell für jeden Missstand in unserem Land verantwortlich gemacht werden. Ja, es gibt viele ungelöste Probleme, und nein, es gibt momentan keine Universallösungen, aber die Flüchtlinge für die steigenden Kassenbeiträge verantwortlich zu machen, ist absolut absurd. Dass diese Art von Pseudo-Aufklärung momentan in vielen Internetforen so salonfähig ist, ist ein Armutszeugnis.

Zurück zum Thema: Ich finde die Arbeit und das Engagement der MigraMed-Mitarbeiter mehr als bewundernswert. Große Worte anonym im Internet schwingen und sich beschweren kann jeder, aktiv an einer Verbesserung und an einer humanen Behandlung der Flüchtlinge zu arbeiten ist hingegen eine echte Mammutarbeit, die sicherlich nicht immer nur beglückend ist. Meinen größten Respekt dafür!

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Gast
Gast

,,Da hat jemand ein sehr verqueres Weltbild,, . Na ja : 1.000.000 nur dieses Jahr. Nicht zahlende aber in Anspruch nehmende Mitbürger (von Dialyse Shunt, Herzinfarkt, Impfungen, posttraumatischen Belastungsstörungen, Tbc, chron. Krankheiten, schwer behinderten Kindern aus Inzestfamilien (leider kein Einzelfall), bis zu Lappalien (Schupfen, Husten, Fieber), dazu noch Bereitstellung von Notarzt zur Erstversorgung nach Ankunft der Züge…. und vieles mehr. Die Wahrheit ist unangenhem und deshalb keiner spricht sie aus. Es wird nur stumpf wiederholt: wir schaffen das. Und mag ja sein dass Studenten nichts/wenig kosten, aber pro Impfung wird ein Kopfgeld von 30 Euro bezahlt (zumindest Berlin). Rechnen muß man selber.

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Unternehmensberaterin

Weil Studenten ehrenamtlich Flüchtlinge unterstützen, steigen die Krankenkassenbeiträge?
Da hat jemand ein sehr verqueres Weltbild.

#2 |
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Gast
Gast

Da wissen wir warum die krankenkassenbeiträge steigen. Vielen Dank!

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