Infektionen: Die Bösen ins Töpfchen

12. Januar 2016
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Der Traum aller Ärzte: Antibiotika schalten pathogene Keime aus, lassen Symbionten aber kalt. Nachdem Wissenschaftler jetzt Zielstrukturen identifiziert haben, versuchen sie, geeignete Moleküle zu synthetisieren. Hersteller zeigen daran wenig Interesse.

Antibiotika retten Leben, haben aber auch ihre Schattenseiten. Sie beeinflussen nicht nur pathogene Erreger, sondern auch Keime unserer Darmflora. Mögliche Folgen sind die Antibiotika-assoziierte Diarrhö und Mykosen. In seltenen Fällen treten nach Gabe von Breitbandantibiotika Infektionen mit Clostridium difficile auf. Die Darmflora von Kindern reagiert bis zum dritten Lebensjahr generell empfindlich auf entsprechende Medikamente. Die Professorin Dr. Ada E. Yonath vom Weizmann-Institut im israelischen Rehovot untersucht die Thematik seit Jahrzehnten. Sie fand heraus, dass sich Ribosomen als hochspezifische Zielstrukturen eignen, um gezielt Bakterien anzugreifen.

Gezielt gekillt

Bereits im Jahr 2009 erhielt Yonath zusammen mit Kollegen den Nobelpreis für Chemie. Ihr gelang es, die Struktur kleiner Untereinheiten von Thermus-thermophilus-Ribosomen zu entschlüsseln – ein wesentlicher Schritt, um Antibiotika besser zu verstehen. Etliche Wirkstoffe hemmen die Proteinbiosynthese am Ribosom. Damit gab sich die Forscherin aber nicht zufrieden. Ausgangspunkt weiterer Arbeiten war die Beobachtung, dass diverse Bakterien unterschiedlich auf den gleichen Wirkstoff reagieren. Yonath fand heraus, dass sich Ribosomen von Staphylococcus aureus so stark von Organellen anderer Bakterien unterscheiden, dass spezifische Inhibitoren denkbar wären. Sie schlägt auch ein Molekül vor: das Pleuromutilin-Derivat BC-3205. Pleuromutiline wurden aus dem Pilz Clitopilus passeckerianus (Pleurotus passeckerianus) isoliert. Sie fungieren als Inhibitoren der Peptidyltransferase in 50S-Untereinheiten von Ribosomen. Andere Forschergruppen sehen den Ansatz mit Skepsis. Sind bakterielle Membranen vielleicht doch die besseren Zielstrukturen? Das muss sich noch zeigen.

Forschung für den Markt

Ada E. Yonath hat in der Zwischenzeit weitere Pläne. Ihre neuen Wirkstoffkandidaten sollen nicht nur gezielter am Target angreifen, sondern nach getaner Arbeit rasch zerfallen. Allerdings hätte die Industrie kein Interesse, in Projekte zu investieren, so Yonath weiter. Dazu ein Blick auf Deutschland. Wissenschaftler der Hamburger Akademie der Wissenschaften und der Nationalen Akademie der Wissenschaften (Leopoldina) in Halle fordern schon länger, mehr Energie in die Forschung zu stecken. Seit den 1970er Jahren habe die Zahl neuer Wirkstoffe kontinuierlich abgenommen, lautet der Kritikpunkt. Was tun? Im Herbst des letzten Jahres sprach sich Birgit Fischer, Hauptgeschäftsführerin des Verbands Forschender Arzneimittelhersteller (vfa), für eine Liste mit problematischen Bakterien aus. Antibiotika gegen diese Keime sollten bei der frühen Nutzenbewertung laut AMNOG besonders honoriert werden. Aus Sicht der Industrie fordert Fischer „Abnahme- und Preisgarantien für ein Kontingent solcher Antibiotika, noch während sie in der Entwicklung sind“. Bundesgesundheitsminister Hermann Gröhe (CDU) hofft, mit seinem Pharmadialog tragbare Lösungen zu finden.

20 Wertungen (4.8 ø)
Forschung, Medizin

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3 Kommentare:

Man sollte das eine tun und das andere nicht lassen: weniger Antibiotica anzuwenden, verzögert die Problematik nur. Ein anderer – spezifischerer – Ansatz der Bakterienbekämpfung (Staphylokokkus aureus!) würde nicht nur die Bildung von Resistenzen vermindern sondern auch die Nebenwirkungen auf den Organismus bzw. auf Saprophyten (wie dargestellt).

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Dr. Rüdiger Gall
Dr. Rüdiger Gall

Zum Gastbeitrag: Dem ist absolut zuzustimmen. Es ist auch viel kostengünstiger!

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Gast
Gast

Anstatt fieberhaft nach neuen Substanzen zu forschen, bitte zuerst den inflationären Gebrauch in Tier-und Humanmedizin einstellen!

#1 |
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