„medizini“: Shitstorm am HV-Tisch

8. Januar 2016
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Die aktuelle Ausgabe von „medizini“ sorgt bei Apothekern für Unmut. Unter dem Titel „Wie zufrieden bist Du mit Deiner Figur“ werden Kinder aufgefordert, am Selbsttest teilzunehmen. Jetzt boykottieren Kollegen das Magazin - und erinnern sich an standeseigene Alternativen.

Kleine Kinder – gewichtige Probleme? „medizini“, ein Magazin des Wort & Bild-Verlags, richtet sich an Kinder zwischen fünf und zwölf Jahren. Unter dem Motto „Wie zufrieden bist Du mit Deiner Figur?“ sollen kleine Leser jetzt eine Reihe an Fragen beantworten:

  • Wie genau kennst Du Dein Gewicht?
  • Du siehst Fotos von schönen, schlanken Stars. Was denkst Du?
  • Du kommst nach einem miesen Tag nach Hause. Was tust Du?
  • Vergleichst Du Deine Figur oft mit der anderer Kinder?
  • Stell Dir vor, Du hättest in letzter Zeit ganz schön zugelegt. Was tust Du?
  • Alle in Deiner Klasse tragen jetzt die superengen Hosen. Bei Dir sitzen sie viel zu knapp und sehen nicht gut aus. Was tust Du?
  • Andere Kinder hänseln Dich, weil Du angeblich zu dick bist. Wie reagierst Du?

Suggestiv gefragt

Grund genug für die Post-Apotheke Neckarhausen, einzugreifen. Unter dem Motto „Warum es bei uns im Januar kein medizini gibt“ veröffentlichte Thomas Luft einen Beitrag: „Als Eltern von kleineren und größeren Kindern finden wir es falsch, bereits in diesem Alter Druck in Richtung “Bin ich zu dick?” aufzubauen beziehungsweise den Blick in Richtung Schlankheitswahn zu schärfen.” Und weiter: „Der Test arbeitet mit Suggestivfragen, die darauf abzielen, dass sich Kinder (nicht Teenager) Gedanken über die eigene Figur machen. Dadurch wird in unseren Augen eher das falsche Figurbewusstsein gefördert und unbedarften Kindern eingeimpft, dass dies wichtig und richtig sei.“ Besser wäre gewesen, Texte über gesunde Ernährung zu verfassen. „Wir haben uns aus den vorgenannten Gründen dazu entschieden, die Januar-Ausgabe der medizini nicht in unserer Apotheke abzugeben“, so das Team der Postapotheke. Über Facebook und Twitter verbreitete sich ihr Boykott bundesweit. Medien wie Stern, n-tv, Die Welt, Brigitte Mom, die Hamburger Morgenpost sowie die Bild-Zeitung berichteten ebenfalls. Viele Inhaber entschlossen sich, das aktuelle Heft nicht abzugeben, sondern zurückzuschicken.

Das Imperium schlägt zurück

Vom Gegenwind überrascht, versuchte die Redaktion, Land zu gewinnen. In einer Stellungnahme heißt es: „Der Beitrag will (…) das Bewusstsein dafür schaffen, dass zu viel Beschäftigung mit dem eigenen Körper schädlich sein und zum Beispiel Krankheiten wie Magersucht begünstigen kann.“ Das Heft selbst habe Kinder sehr unterschiedlicher Altersgruppen und damit auch Entwicklungsstände zum Ziel. „Auch wenn sich also ein Thema – wie in jeder Ausgabe – an Schulkinder am Ende der Grundschule oder am Übergang zu weiterführenden Schulen richtet, weiß die Redaktion aus Erfahrung, dass die betreffenden Seiten von den jüngeren Fans kaum oder gar nicht genutzt werden.“ Kindergartenkinder oder Schulanfänger sollten sich „am besten noch gar nicht mit der eigenen Figur beschäftigen“. Man sei aber überzeugt, „dass die Themen Aussehen, Figur und Schönheitsideal spätestens am Übergang zu den weiterführenden Schulen ein Thema sind“. Genau hier solle der Beitrag Teenager sensibilisieren, dass sie sich möglicherweise zu sehr mit ihrem Aussehen beschäftigen. „Dieses Angebot hält die medizini-Redaktion für richtig“, heißt es als Fazit.

Fremd schämen, fremd kaufen

Ann-Katrin Kossendey-Koch, bekannt als kritische „Video-Apothekerin“, gibt sich damit nicht zufrieden. Ihrer Meinung nach zeige der Boykott eindrucksvoll, wie leicht es sei, sich über die sozialen Medien zu vernetzen, Inhalte zu teilen und Dinge zu bewegen. Sie schreibt, viele Apotheken scheuten sich allerdings, dem Wort & Bild Verlag endgültig den Rücken zu kehren, um keine Kunden zu verlieren. Eine Option: Seit Jahren gibt es die standeseigene „Neue Apotheken Illustrierte“. „Wir kaufen lieber ‚fremd‘ und lassen uns die Konditionen vordiktieren anstatt mit unserer eigenen Zeitung der Apotheken-Umschau den Kampf anzusagen?“, kritisiert Kossendey. Apothekereigene Medien könnten Patienten nicht nur kompetent zu Gesundheitsthemen informieren. Das Magazin bietet sich auch als Plattform für gesundheitspolitische Themen an.

26 Wertungen (4.12 ø)

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6 Kommentare:

Apotheker

Moin moin zusammen,

da ich ich gestern erst aus dem Urlaub zurueck bin hatte ich leider noch keine Chance die neue Medi-Zini zu lesen…Auch wenn ich ehrlich eingestehen muss, dass ich das Schriftstueck, auch als Apotheker eher als Poster-Lieferant sehe und ich dieses Format nicht wirklich lese!
Aber die hier im Artikel aufgestellten Fragen, sind fuer kleinere Kinder sicher noch nicht so zu verstehen, waehrend ich aber mit Sicherheit sagen kann, dass auch 6-7 jaerhige mit Uebergewicht ins Kreuzfeuer des mobbings der Mitschueler kommen koennen!
Wichtig zu wissen waere, wie die Auswertung des Testes ausgesehen hat!
Ich werde versuchen mir darueber Selbst ein Bild zu machen, falls es die Zeit erlaubt!
Vielen Dank fuer den Artikel, die Thematik waere mir sonst entgangen!

Gruesse,

christian becker

#6 |
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Klaus Lang
Klaus Lang

@Erwin Müller
Da muss ich Ihnen recht geben. Für 5-10 jährige ist der Test wohl nicht geeignet, zumindest nicht ohne Hilfe eines Erwachsenen. Eine Schädlichkeit oder gar Gefahr kann ich aber nicht erkennen. Evtl wäre er sogar für den Schulunterricht in diesem Alter geeignet. Aufklärung zu diesem Thema ist nötig.

#5 |
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Erwin Müller
Erwin Müller

@Herr Klaus Lang:
“sachgerecht”, “ernährungsmedizinisch” und “kinderpsychologisch korrekt”… ey, das meinen Sie ernst?
Das Blättchen wendet sich an 5-12jährige (laut Verlag!) – laut Antwort des Verlages sollte der “Test” für Teenager sein…

#4 |
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Klaus Lang
Klaus Lang

Der ganze Artikel hat ein “Gschmäckle”. Warum steht da niemand dafür mit seinem Namen ein?
Und: Wer wissen will, was Suggestivfragen sind, sollte mal die “kritische” “Video-Apothekerin” anklicken.

#3 |
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Klaus Lang
Klaus Lang

Das Thema ist nun mal in den Medien. Auf Schulhöfen und in Cliquen wird darüber gesprochen. Warum dann das Thema nicht mal sachgerecht, ernährungsmedizinisch und kinderpsychologisch korrekt aufgreifen? Um gelesen zu werden, müssen die Fragen natürlich interessant gestellt werden. Von Suggestivfragen kann keine Rede sein. Die Testauswertung ist aus fachlicher Sicht nicht zu beanstanden. Man sollte sich lieber differenziert mit dem Thema beschäftigen, statt mal wieder Schwarzweißmalerei zu betreiben und mit dem Finger auf andere zu zeigen. Mal an die eigene Nase fassen: Verkaufen wir z.B. unnötige Nahrungsergänzungsmittel und Multivitaminpräparate für Kinder?

#2 |
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Selbstst. Apothekerin

Da haben die Apotheker doch Angst, der Kunde könnte in die Konkurrenz Apotheke gehen, wo er evtl. seine kostenlose Tv- und Rentnerbravo noch erhält. Angst ist aber ein schlechter Ratgeber.

#1 |
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