Alterungsprozess: In der Stress-Falle

6. Januar 2016
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Ein bedeutender Risikofaktor für beschleunigte Alterung ist chronischer Stress. Die Stressbelastung verursacht epigenetische Veränderungen an Bindungsstellen des Rezeptors für das Stressmolekül Glukokortikoid. Dieses steht mit dem biologischen Alterungsprozess in Verbindung.

Stress kann den Alterungsprozess beschleunigen. Grund hierfür sind möglicherweise epigenetische Veränderungen. Kleine chemische Anhängsel wie beispielsweise Methyl-Gruppen bestimmen dabei, wie eng die DNA gepackt ist. Gene können dadurch leichter oder schwerer abgelesen werden. Ein Forschungsteam unter der Leitung von Elisabeth Binder, Direktorin am Max-Planck-Institut für Psychiatrie, hat bei hochgradig traumatisierten Afroamerikanern untersucht, wie sich lebenslanger Stress auf die DNA-Methylierung des Glukokortikoid-Rezeptors im Blut auswirkt.

Stressbedingte epigenetische Reprogrammierung

Glukokortikoide stellen wichtige Stressmoleküle dar. Sie binden an den Stresshormon-Rezeptor und können dann in jedem wichtigen Organ des Körpers ihre Wirkung entfalten. Der Rezeptor reguliert die Gen-Aktivität unter anderem dadurch, dass er Veränderungen in der DNA-Methylierung hervorruft. Dies kann eine lang anhaltende ‚epigenetische Reprogrammierung‘ zur Folge haben“, erklärt Anthony Zannas, Erstautor der Studie. „Wir haben herausgefunden, dass diese durch Stress bedingte Reprogrammierung an den Stellen im Erbgut stattfindet, die auch mit Alterungsprozessen in Verbindung gebracht werden.“

„Epigenetisches Alter“ in Blutproben messen?

Die Untersuchungen der Studie zeigten, dass Personen, die über eine weite Lebensspanne hinweg hohem Stress ausgesetzt waren, epigenetisch älter eingestuft wurden, als es von ihrem eigentlichen biologischen Alter zu erwarten wäre. Eine solche vorzeitige „biologische“ Alterung wird allgemein mit erhöhtem Risiko für altersbedingte Erkrankungen in Verbindung gesetzt. Zu viel Stress kann somit altersbedingte Erkrankungen fördern, indem epigenetische Änderungen durch die Aktivierung von Stress-Rezeptoren ausgelöst werden. Die Messung des „epigenetischen Alters“ in Blutproben könnte einen Ansatzpunkt darstellen, chronisch gestresste Individuen mit hohem Risiko für kardiovaskuläre Erkrankungen oder Demenz zu identifizieren und entsprechend frühzeitig Präventionsprogramme einzuleiten.

Originalpublikation:

Lifetime stress accelerates epigenetic aging in an urban, African American cohort: relevance of glucocorticoid signaling.
Anthony S. Zannas et al.; Genome Biology, doi: 10.1186/s13059-015-0828-5; 2015

34 Wertungen (4.41 ø)

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4 Kommentare:

Arzthelferin

Es wird behauptet oder suggeriert, daß lange gestreßte Menschen früher bzw. schneller altern – tatsächlich gemessen wurde aber nur Gen-Pippifax.

Hier wird ein biochemischer Effekt “aufgeblasen”, um sich wichtig zu machen, um den Eindruck zu erwecken, es wäre ein bedeutsamer Mechanismus entdeckt – der aber lediglich behauptet, nicht belegt wird.
“Schaumschlägerei.”

#4 |
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Gast
Gast

Wir erinnern uns, was der Präsident der Arbeitgeber unlängst forderte, die Aufhebung der 40 Stunden Woche….
Ohne Worte….

#3 |
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Leuchtet eigentlich alles sofort ein. Trotzdem dürfte der Nachweis schwierig sein, weil die Stresstoleranz offenbar individuell sehr unterschiedlich ist. Wie weit kann man da als Untersucher in die jeweilige Epigenetik eintauchen? (Kennt man denn hinreichend die Genetik?). Und dann müsste man auf breiter Basis auch noch die sonstigen im Enzelfall vorliegenden modifizierenden Faktoren kennen…
@#1: Summarisch gesehen und “für’s praktische Leben” dürften auch Sie ziemlich richtig liegen.

#2 |
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Gast
Gast

Was ist die Maßeinheit für chronischen Stress?
Das subjektive Gefühl der Überforderung, bzw. des Ausgeliefertseins ohne Handlungsoption? Das würde heißen, resiliente und in der Wesensart ausgeglichene Individuen haben potentiell eine höhere Lebenserwartung.

#1 |
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