Arzneimittelvertrieb: Ein Markt mit sieben Siegeln

15. Januar 2016
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Allergikerfreundliche Autos, Bio-Arzneimittel oder „Medikamente des Jahres“: Hersteller werben mit unterschiedlichen Siegeln für ihre Produkte, um Patienten zu ködern. Wissenschaftlich betrachtet steckt wenig hinter so manchem Prädikat.

Produkt-Auszeichnungen beeinflussen Konsumenten, so lautet das zentrale Ergebnis mehrerer Studien. Beim „Shopsiegel-Monitor 2015“ standen Online-Präsenzen im Fokus, während „Gütesiegel in Deutschland“ alle Vertriebskanäle unter die Lupe nahm. Bei „CLYMBOL“ (Role of health related claims and symbols in consumer behaviour) untersuchen Forscher gesundheitsbezogene Aussagen und Symbole. Noch in diesem Jahr sollen erste Resultate vorliegen. Bereits heute werben Hersteller mit zahlreichen, teils umstrittenen Prädikaten im Gesundheitsbereich.

Allergiker an der Nase herumgeführt

Bestes Beispiel ist die Europäische Stiftung für Allergieforschung (ECARF). Sie vergibt unter anderem Prädikate für Kosmetika, Haushaltsgeräte oder Fahrzeuge. Ein Blick auf die Herangehensweise wirft Fragen auf, etwa bei der Innenraumqualität von Autos. „Hierfür werden zehn erwachsene Personen mit schwergradigem Asthma (FEV1 unter 70 Prozent Sollwert) über einen Zeitraum von 90 Minuten im Fahrzeug durch den Stadtverkehr gefahren. Vor und nach den Tests werden u. a. Lungenfunktionswerte, ausatembares Stickoxid, der nasale Luftfluss, Blutdruck, Herzfrequenz und Reizungen der Augenbindehaut erfasst.“

Ob derart kleine Probandenzahlen und zeitlich kurzfristige Untersuchungen viel aussagen, sei dahingestellt. Kein Einzelfall: Waschmaschinen müssen Tierhaare zu wenigstens 95 Prozent und Pollen zu wenigstens 97,5 Prozent entfernen. Wie ECARF auf diese Zahlen kommt, bleibt unklar. Hinter allen Aktivitäten steckt als Galionsfigur Professor Dr. Torsten Zuberbier. Bei seiner Beteiligung an Leitlinien gibt der Dermatologe und Allergologe zahlreiche Interessenkonflikte an. Dazu gehören Berater- bzw. Gutachtertätigkeiten beziehungsweise Honorare für Vortrags- und Schulungstätigkeiten bei Ansell, Bayer Schering, DST, FAES, Fujisawa, HAL, Henkel, Kryolan, Leti, MSD, Novartis, Procter & Gamble, Sanofi-Aventis, Schering Plough, Stallergenes sowie UCB. ECARF bewertet auch Kosmetikprodukte von Konzernen, für die Zuberbier als Gutachter tätig war beziehungsweise ist, etwa Schwarzkopf (Henkel). Kritische Stimmen sucht man in der Community vergebens, da es dem Kollegen geglückt ist, sich europaweit extrem stark zu vernetzten. Vom ECARF-Qualitätssiegel erhoffen sich Firmen einen Marketingvorteil gegenüber Konkurrenten im Markt.

Alles bio – oder was?

Arzneimittelhersteller haben den Wert von Prädikaten ebenfalls entdeckt. Für Salus kam der „Bio“-Trend gerade gelegen. Prompt landete ein hauseigenes Siegel auf dem Arzneitee „Mistelkraut geschnitten“. Bei der Registrierung als traditionelles pflanzliches Arzneimittel forderte das Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte (BfArM), entsprechende Angaben zu entfernen. Salus versuchte, sich zu wehren, allerdings ohne Erfolg. Ende 2012 sprach das Verwaltungsgericht Köln ein Verbot aus (Az. 7 K 2624/11).

Ein Jahr später scheiterte Salus mit seiner Revision vor dem Oberverwaltungsgericht Nordrhein-Westfalen (Az. 13 A 2862/12). Zur Begründung hieß es, firmeneigene Bio-Siegel seien keine nach § 10 Absatz 1 Satz 5 Arzneimittelgesetz (AMG) zulässigen Angaben auf Behältnissen und äußeren Umhüllungen von Medikamenten. Die Salus-Tochterfirma Schoenenberger versuchte ihr Glück mit Pflanzenpresssäften. Niederlagen vor dem Verwaltungsgericht Köln (Az.: 7 K 7237/12) Ende 2014 und dem Oberverwaltungsgericht Nordrhein-Westfalen (Az.: 13 A 2598/14) Ende 2015 folgten mit Hinweis auf § 28 Absatz 2 AMG. Doch Geschäftsführer Christoph Hofstetter gibt sich nicht geschlagen. Er teilte Ende 2015 mit, Verfassungsbeschwerde einzulegen.

„Komplizenschaft“ mit Herstellern

Ähnlichen Ärger hatten Konzerne mit „Medikamenten des Jahres“. Die Auszeichnung wird vom Bundesverband Deutscher Apotheker (BVDA) auf Basis von Befragungen vergeben. Wick MediNait präsentierte sich als „Erkältungsmedikament des Jahres 2014“, und Formoline L112 trat als „Schlankheitsmittel des Jahres 2015“ auf. Verbraucherschützer witterten Verstöße gegen das Heilmittelwerbegesetz (HWG) – schließlich dürfen Pharmafirmen im B2C-Bereich nicht mit Apothekern, Ärzten oder berufsständischen Organisationen werben. Genau das sei beim BVDA-Prädikat aber geschehen. Das OLG Frankfurt kam zum gleichen Resultat (Az.: 6 U 184/14) und verbot Procter & Gamble, entsprechende Siegel für Wick MediNait zu verwenden.

Weitere Firmen akzeptierten Abmahnungen, ohne den Klageweg einzuschlagen. Wettbewerbshüter halten die Vergabepraxis generell für bedenklich, weil Verbraucher keine Möglichkeit hätten, sich selbst zu informieren. Gewinner erscheinen zwar in einen Handbuch, das für Laien aber nicht erhältlich ist. Fast alle Konzerne platzierten zuletzt ganzseitige Anzeigen für je 9.260 Euro, was im letzten Jahr zu einem geschätzten Werbeumsatz von 600.000 Euro führte. Professor Dr. Gerd Glaeske, Uni Bremen, monierte, das Siegel diene eher der Vermarktung von Produkten als der Beratung von Patienten. Er sprach von einer „Komplizenschaft“ zwischen Heilberuflern und Herstellern. Ärzten und Apothekern bleibt nur, objektiv zu informieren.

62 Wertungen (3.95 ø)

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8 Kommentare:

Apotheker

Es ist doch politischer Konsens, die Gesundheit als Ware zu sehen. Deshalb kann es eigentlich keine Verwunderung über die Anwendung Branchen übergreifender
Verkaufsmechanismen. Ohne sie gerät vertrauensbasierte Beratung zu Nutzen und Schaden an den Rand der systemischen Insolvenz. Die klare Voraussetzung unabhängiger Beratung liegt in finanzieller Unabhängigkeit. Diese wird seit langem zugunsten von Kapitalinteressen abgebaut.

So wird das sich selbst wirksam kontrollierende System der Bio-Siegel (Demeter etc ) durch begünstigte Massenproduktionsansprüche wirtschaftlich abgehängt.Vertrauensbasis wie Demeter ist aus intrinsischem Ehranspruch nicht käuflich. Andere Siegel schon. Deren Glaubwürdigkeit ist besonders fraglich, wenn sie lediglich vom Preis abhängen.

Ein besonderes Schlaglicht zur Wirksamkeit von plausibilitätsbasierten Allergen-Immuntherapien.Zukünftig wird der Wirksamkeitsnachweis gefordert- bisher eben nicht. Es gab also ein indirektes “Wirksamkeitssiegel”- die Zulassung.

Medikamente zur Selbstbehandlung sind bequem ohne Beratungskontakt zugänglich.Versand ist politisch gewollt. Der Marktdruck der Konzerne ist enorm.Dem zu widerstehen und auch abzuraten geht nur mit ausreichender Marge. Stetes Minimieren der Rentabilität wirkt kontraproduktiv.Objektive Information mutiert zum Kundenschreck.Wenn dann Kritiker wie Prof Glaeske leichtfüssig monieren, dass Vermarktungsinteresse im Vordergrund steht, so hat er zwar recht, doch auch keine Kenntnis von der Funktion eines Kleinunternehmens.Es ist auf Kundenwünsche angewiesen. Es hat nur eine geringe Chance, sich dem Verbraucherwunsch zu entziehen. Wenn etwas zu ändern ist, dann die Marginalisierung der vertrauensbasierten Vor-Ort-Beratung.
Ich habe diesen Experten nie bei Kritik am Versand gehört oder bei Gegenrede zu absurden Krankenkassenempfehlungen(zB 5 l Wasser bei produktivem Husten).

Kurz gesagt: politisch gewollte (Pseudo-)Beweisführung zur Sachkompentenz
treibt finanzielle Blüten. Verbraucherorientierung sieht anders aus.Die

#8 |
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Gast
Gast

Eine Waschmaschine, die 95% aller Tierhaare entfernt? Die muss ich haben :D Ich glaube, unseren Haushalt würde freiwillig niemand als Testhaushalt auswählen :D

Im Grunde sind doch haufenweise Siegel Schall und Rauch. Solange man Bio-Siegel einfach so kaufen kann irgendwo in Weitweg, egal wieviel Chemie im Produkt steckt, kann man sie sich auch gleich sparen. Das Problem ist doch, wer kontrolliert die Einhaltung der Bedingungen eines solchen Siegels? Das sind doch meistens die Siegelinhaber selber oder irgendein von ihnen beauftragtes Institut, das Geld dafür bekommt. Genauso mit irgendwelchen “nachgewiesenen” Wirkungen. Schon bei Medikamenten muss man so ab und zu an der Unabhängigkeit der Studien zweifeln, die da vorgelegt werden- und da gibt es wenigstens Regelungen. Der ganze Bereich der Nahrungsergänzung oder anderer Gesundheitshokuspokus ist doch komplett ungeregelt. Und solange es nichtmal für Implantate strenge Regelungen bezüglich der Sicherheit gibt, was will man erwarten?

Ich möchte Transparanz. Wenn jemand eine Aussage zu einer Wirkung oder einem Vorzug macht (z.b. Allergikerfreundlcihkeit) dann will ich wissen, wie ist das getestet worden, an wem, von wem und über welchen Zeitraum. All das erfährt man meistens nicht. Und der Verbraucher hat überhaupt keine Chance, an diese Informationen heran zu kommen.

#7 |
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Die grundsätzliche Problematik besteht doch darin, das im Grunde jeder ein x-beliebiges, wohlklingendes Gütesiegel aus der Taufe heben kann.
Hier wäre es evtl. wünschenswert eine Art staatlichen Gütesiegel-TÜV zu installieren, der ein Mindestmaß an Wissenschaftlichkeit sicherstellt, bevor ein solches Siegel an den Start gehen darf.
Die Kriterien der Siegelgeber müssten transparent veröffentlicht sein und durch unangekündigte Kontrollen stichprobenartig geprüft werden, das hier echte Werte erhoben werden.
Gütesiegel die rein auf Befragungen kleiner Populationen erhoben wurden sind besonders problematisch, vor allem wenn die Selektion der Teilnehmer fragwürdig / intransparent ist.

Das Thema ist aber mitnichten ein Pharmaproblem. Dort dürfte sogar durch AMG/HWG/Gesetz gegen unlauteren Wettbewerb durch Abmahnungen die schlimmsten Auswüchse verhindert werden, wobei im OTC-Bereich sicherlich noch Optimierungspotential sein dürfte. Aber schauen sie mal im Supermarkt/Möbelhaus Ihres Vertrauens: Es ist erstaunlich wer da alles gleichzeitig den zertifiziert besten Service/Sieger von des Jahres hat …

Anm.: Ich bin für ein pharamzeut. Unternehmen tätig. Dieses Posting gibt jedoch meine Privatmeinung wieder.

#6 |
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Nichtmedizinische Berufe

Als ehemalige Mitarbeiterin eines einschlägigen Unternehmens war ich u.a. für die für die Verwaltung von Drittmitteln zuständig und kann dies nur bestätigen.

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Dr. elmar storck
Dr. elmar storck

Sehr geehrter lieber Herr van den Heuvel,

Danke ! Klasse Artikel , und sehr nahe an der “Wahrheit” . Insbesondere die Zeilen zu manchen sehr ausgeprägt interessengesteuerten “Meinungsmachern” mit Titel kann ich nur bestätigen.

Dr. med. Elmar Storck
__________________________________________________________
Facharzt für Innere Medizin
Lungen- und Bronchialheilkunde, Allergologie
(Schlafmedizin ( DGSM ))
Schwerpunktpraxis für Asthma und Allergien

#4 |
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Prof. Dr. med. Axel Holstege
Prof. Dr. med. Axel Holstege

Sehr geehrter Herr van den Heuvel,
Sie stoßen mit Ihrem Artikel ein wichtiges Thema an. Wir Ärzte sollten sehr kritisch mit Informationen umgehen, die uns kostenlos in Form von Printmedien auf den Schreibtisch gelegt werden. Diese Informationen sind nicht neutral, da diese Zeitschriften wesentlich über die Pharmaindustrie gesponsert werden und damit nicht unabhängig berichten. Wenn also Berichte über “Auszeichnungen” an Arzneimittel erscheinen, muss man misstrauisch werden. Der Titel eines “Erkältungsmedikaments des Jahres” ist von sich aus schon eigenartig, da es kein Medikament gibt, das kausal wirklich in dieser Situation hilft.
Das ganze hat viel Ähnlichkeit mit den Auszeichnungen, die vom ADAC für Autos des Jahres verliehen wurde. Der Hintergrund ist der gleiche.
Ein wichtiger Artikel. Danke.

#3 |
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Matthias Colli
Matthias Colli

Sehr geehrter Herr van den Heuvel,

wir von der Europäischen Stiftung für Allergieforschung (ECARF) mit Sitz an der Charité-Universitätsmedizin Berlin beantworten Journalistenfragen gerne und hätten uns gefreut, wenn Sie im Vorfeld Ihres Artikels recherchiert und uns kontaktiert hätten. Dann hätten Sie z.B. erfahren, dass ECARF eine Zusammenarbeit mit Pharmaunternehmen ablehnt. Weder testen noch vertreiben wir Arzneimittel, anders als Ihre Überschrift es nahelegt.

Wir sind uns bewusst, dass jedes Prüfkriterium eine kritische Diskussion und volle Transparenz für die Öffentlichkeit braucht. Um bestmögliche Objektivität zu erreichen, werden die Kriterien für das ECARF-Siegel von einem internationalen unabhängigen Beirat aus Dermatologen, Allergologen und Pulmologen entwickelt und mit Fachverbänden wie z.B. für Waschmaschinen mit dem VDE oder dem TÜV diskutiert. Die Kriterien entsprechen dem neuesten Stand der allergologischen Forschung und sind jedermann zugänglich.

Was die Kriterien und Prüfungen der Allergikerfreundlichkeit von Autoinnenräumen betrifft, so sind diese wesentlich umfangreicher und detaillierter, als es in Ihrem Beitrag zum Ausdruck kommt.

Gerne bieten wir Ihnen ein persönliches Gespräch an, in dem wir Ihnen im Einzelnen die ECARF-Kriterien erläutern und Ihre Einwände diskutieren. Denn unsere Arbeit ist von dem Ziel der Stiftung getragen, eine für Allergiker bestmögliche, realisierbare Lebensqualität herzustellen.

Mit freundlichen Grüßen

Matthias Colli
Europäische Stiftung für Allergieforschung (ECARF)

#2 |
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Mitarbeiter Industrie

Ja, das ist schon eine crux mit dem Heilmittelwerbegesetz. Führt es doch automatisch auch dazu, dass damit Verbrauchern die Chance genommen wird, sich fundierte und fachliche Informationen frei zugänglich zu beschaffen…

#1 |
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