Teilstudienplatz Medizin: Und raus bist du!

6. Januar 2016
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Kurioser geht es wohl kaum: Wer durchs Physikum fällt, darf bleiben. Wer es besteht, muss gehen. So in etwa geht es aber vielen Medizinstudenten mit einem Teilstudienplatz im begehrten Fach. Nach der Vorklinik ist Schluss und der Bewerbungsmarathon beginnt erneut.

Ist der 1. Abschnitt der Ärztlichen Prüfung – im Volksmund immer noch als Physikum bezeichnet – bestanden, folgt unweigerlich die Exmatrikulation. Die Definition eines Teilstudienplatzes im Fach Humanmedizin besagt: Der Student hat das Recht auf vollständige Absolvierung des vorklinischen Studienabschnittes. Das Physikum-Zeugnis berechtigt ihn an seiner alten Hochschule nicht zum weiteren Medizinstudium. Auch sonst steht dem potenziellen Nachwuchsmediziner keine Tür offen. Zwar ist der Einstieg in höhere Semester mitunter einfacher als eine Zulassung zum ersten Semester. Einen Rechtsanspruch auf das klinische Studium gibt es aber nicht. Und so kommen jedes Jahr viele Medizinstudenten in den zweifelhaften „Genuss“, ihr Studium auf unbestimmte Zeit unterbrechen zu müssen. Immerhin: Das Teilstudium wirkt sich nicht wartezeitschädigend auf das Zulassungsverfahren von Hochschulstart.de aus.

Studienplätze werden unterschiedlich berechnet

Das Phänomen eines „halben Studiums“ gibt es praktisch nur im Fach Humanmedizin. Seit jeher gibt es hier wesentlich mehr Bewerber als zur Verfügung stehende Studienplätze. Um dem Problem Herr zu werden, gibt es neben den bekannten Zulassungsbeschränkungen wie dem Numerus Clausus auch genaue Verfahren, nach denen die Medizinischen Fakultäten ihre Kapazitäten berechnen. Kern der Problematik: „Es gibt für den vorklinischen Teil des Studiums ein höheres Studienplatzangebot als für den zweiten Studienabschnitt, den klinischen Teil“, erklärt Ulf Bade, Geschäftsführer von Hochschulstart. Für die Vorklinik ist in erster Linie die Menge an Lehrpersonal für die Berechnung der Studienplätze ausschlaggebend. In der Klinik gelten hingegen Parameter wie die Bettenanzahl in der zur Fakultät gehörigen Universitätsklinik. Die Kapazitäten der Vorklinik sind in unterschiedlichem Maße größer als die der Klinik. Die Universität Göttingen beispielsweise hat eine im Vergleich zur Klinik derart große Vorklinik, dass zwischen 30 und 50 % der Studenten Inhaber einer Teilzulassung sind. Freiwillig beschreiten die Verantwortlichen in Südniedersachsen diesen Weg nicht. „Die Universität Göttingen wurde vor vielen Jahren von der Verwaltungsgerichtsbarkeit zu diesem Vorgehen verpflichtet, da die vorklinische Kapazität deutlich größer ist als die klinische Kapazität“, erläutert die heutige Bundesministerin für Bildung und Forschung, Prof. Johanna Wanka.

Verfassungsgericht ebnete Weg für Teilstudienplätze

Auch um solch enormen Unterschieden gerecht zu werden, wurden Teilstudienplätze geschaffen. Dabei sinkt die Zahl der Studenten im Verlauf eines Studiums ohnehin. Viele scheitern am Physikum, sodass sich die Menge automatisch verringert. Letztlich ausschlaggebend für die wenig beliebte Erfindung von Teilzulassungen war aber ein Urteil des Bundesverfassungsgerichtes aus dem Jahr 1981. Darin heißt es: „Das durch das Grundgesetz‚ gewährleistete Zulassungsrecht von Studienbewerbern wird verletzt, wenn ihre Anträge auf Zuteilung eines vorhandenen Studienplatzes für den vorklinischen Abschnitt des Medizinstudiums deshalb abgewiesen werden, weil die Möglichkeit eines Weiterstudiums bis zum berufsqualifizierenden Abschluß ungewiß ist‘“. Vereinfacht gesagt bedeutet dies, dass die Hochschule sämtliche zur Verfügung stehenden Studienplätze vergeben muss, die für den aktuellen Abschnitt möglich sind. Dass dabei viele Ärzte in spe nach dem Physikum ohne Zulassung dastehen, muss hingenommen werden.

Keine Lösung in Zeiten akuten Ärztemangels

Während große Teile der Politik in der Vergabe von Teilstudienplätzen keinen Missstand erkennen, bringt es der Prodekan für Studium und Lehre der Universitätsmedizin Mainz, Prof. Dr. Christian Werner, auf den Punkt: „Für die Teilstudenten ist es ein erbärmlicher Zustand, dass sie nicht wissen, wie es nach dem Physikum weitergehen soll.“ Kleiner, aber nicht unbedeutender Lichtblick: Das gesamte Teilstudium gilt für das Vergabeverfahren von Hochschulstart.de nicht als vollumfängliches Studium. Die Wartezeit wird nicht geschädigt. Somit steigt dann zumindest von Semester zu Semester die Chance auf einen Vollstudienplatz. „Medizinstudenten mit Teilzulassung sollten sich jedes Semester erneut bei Hochschulstart um einen Studienplatz bewerben“, heißt es von Seiten der Zentralen Studienberatung in Göttingen. Auch die bekannte Studienplatzklage führt häufig nur halb zum Ziel – nämlich zum Teilstudienplatz.

Dennoch gibt es Hoffnung, wenn auch keine Garantie. Neben der genannten fortlaufenden Bewerbung bei Hochschulstart.de ist auch eine Direktbewerbung bei den Universitäten nicht aussichtslos. Zwar gibt es an praktisch allen Medizinischen Fakultäten massive Kapazitätsprobleme, sich aber mit bestandenem Physikum bundesweit an allen Universitäten mit Humanmedizin im Angebot zu bewerben, führt nicht selten zum Erfolg. Der Weisheit letzter Schluss kann dies freilich alles nicht sein. Insbesondere nicht, wenn die große Ruhestandswelle in den nächsten Jahren auf uns zurollt. Das Land braucht dringend medizinischen Nachwuchs. Die potenziellen Ärzte von morgen dann mit Teilstudienplätzen abzuspeisen, kann nicht im Sinne des Erfinders sein. Immerhin: In Rheinland-Pfalz wurde bereits vor einigen Jahren reagiert: Im Sommersemester 2012 schaffte die Johannes-Gutenberg-Universität Mainz die Teilstudienplätze wieder ab. Denn trotz allem drohenden Ärztemangel: „In eine ungewisse Zukunft sollen die Medizinstudierenden nicht mehr entlassen werden“, so das dortige Wirtschaftsministerium.

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4 Kommentare:

Student der Humanmedizin

Schade dass es in der Überschrift schon so dargestellt wird als wenn es 90% aller Leute betrifft dass sie “raus” sind.
Alle Teilstudienplatzstudenten die ich kennengelernt habe und ihr Physikum bestanden haben, konnten direkt und ohne Wartezeit weiterstudieren, meistens sogar unter 2 Unis auswählen.

Anstatt sich zu freuen dass es für diejenigen die früher gar keinen Platz bekommen hätten mittlerweile überhaupt einen Studienplatz (mit Einschränkungen) gibt, wird es jetzt als schlimm hingestellt das man nicht direkt eine Zulassung für den gesamten Studienverlauf bekommt – kleiner Finger, ganze Hand.

Es hat ja auch seine Gründe: Ich denke mal wenn jeder Teilplatzstudent einen Vollplatz bekommt würde, würden die gleichen Studenten sich sicher darüber beschweren, dass es im klinischen Abschnitt zu überfüllt sei und der Lerneffekt nicht gut sei aufgrund von Massenabfertigung.

Ich selber hab 2007 Abitur mit 3,3 gemacht, notwendigerweise jahrelang im Rettungsdienst gearbeitet um auf die Wartesemester zu kommen, 2014 über Losverfahren “verfrüht” einen Teilplatz bekommen und 2015 endlich über die Wartezeit einen Vollplatz bekommen.

Natürlich ist es schade, dass nicht jeder das uneingeschränkt machen möchte was er gerne möchte, wann er es gerne möchte und ich freue mich daher umsomehr für jeden der es kann.
Ich persönlich habe mich damals gefreut das ich schon einmal anfangen konnte aber dieses unersättliche “ist mir alles nicht genug” wird nie aufhören und das nervt mich ehrlich gesagt ziemlich weil es den Personen, die nicht so sehr in der Materie drin sind einen falschen Eindruck vermittelt.

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Uwe Höpner
Uwe Höpner

Ich kann nur sagen, für mich ein Segen, Abi 2,6 weil einfach noch keinen Plan, dann musste ich von ehemals 3 Jahren Wartezeit 5 Jahre warten, und schließlich ging es von heute auf morgen los. Das war schon erstmal was. Klar hatte man Streß mit dem Physikum, aber man kann sich mit Teilplatz ständig bewerben, sowohl ZVS als auch Uni. Und nach dem Physikum gings weiter, hätte an 6 Unis weiterstudieren können. Jetzt bin ich im November mit 1,8 Gesamtnote fertig geworden. Also hat doch alles funktioniert.

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Moritz Selbach
Moritz Selbach

Die ist für mich ein schlecht recherchierter und und dem Anschein nach schlecht aus allen möglichen (veralteten) Quellen zusammengeschriebener Artikel.

Z.b. Prof. Werner ist seit geraumer Zeit nicht mehr Prodekan in Mainz. Dass Teilstudienplätze durch Klagen zu Stande kommen wird auch nicht erwähnt. Wer die Rechtsauslegung für sich nutzt um zu Studieren, sollte es auch akzeptieren, wenn er durch eben diese wieder ausscheidet. Die Klinikabteilungen der Universitäten laufen momentan schon dauerhaft auf bis zu 30 % Überkapazität um Klagen abzuschmettern. Die Lehre leidet darunter. Ist da die populistische Forderung, alle ach so armen Teilstudierenden umzuwandeln in Vollstudienplätze die Lösung? Die Planung der Kapazitäten angesichts der Ruhestandswelle sollte zentral verbessert werden, die Kapazitäten in den klinischen Abschnitten angepasst werden. Aber dafür sind doch nicht die Teilstudienplätze die Lösung!

Gäbe die juristische Auslegung nicht, die in diese unterschiedliche Kapazitätenberechnung für Vorklinik und Klinik resultiert, würden alle jetzigen Teilstudierenden gar keinen Studienplatz bekommen. Jedem ist dies von vorneherein bewusst. Keiner wird gezwungen den Platz anzunehmen. Klar ist die Situation nicht schön und belastend für die Betroffenen, aber der Thematik wird dieser einseitige Artikel in keiner Weise gerecht. Auch nicht Kommentare mit der völlig unbegründeten Behauptung, eine gute Abiturnote korreliere mit schlechter sozialer Kompetenz.

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Student der Humanmedizin

keine Angaben zum Vergabeverfahren der Teilstudienplätze. und über die positiven Seiten: Junge Leute, die absolut für den Beruf des Arztes geeignet sind, wird eine Chance geboten ihren Traum zu verwirklichen. Das klappt dann nämlich in den meisten Fällen auch sehr gut! Besser als 1,0 Abi und vor dem Patienten wie ein Stock.. :-(

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