Der harte Weg zum Stammdard

19. Juli 2011
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Stammzellen sind seit Jahren „en vogue“. Dass sie ein interessantes Forschungsobjekt mit großer Bedeutung für die Medizin sind, ist unstreitig. Doch der „Hype“ hat seine Kehrseite: Ständig müssen Forscher vor falschen Hoffnungen und Heilversprechen warnen.

Seit einigen Jahren vergeht, nur leicht überspitzt formuliert, kaum ein Monat, in dem nicht in Publikums- und Fachmedien sowie auf wissenschaftlichen Kongressen über Fortschritte mit Stammzellen berichtet wird, seien es pluripotente embryonale, fetale oder adulte Zellen. Erst vor wenigen Tagen meldeten etwa schwedische und britische Wissenschaftler, dass sie eine Luftröhre aus einem Nanocomposit-Material und Patienten-eigenen Stammzellen entwickelt und dem Patienten, einem schwer Tumorkranken, mit Erfolg implantiert hätten (DocCheck berichtete). US-Forscher meldeten zur gleichen Zeit positive Ergebnisse einer Phase-2-Studie mit hämatopoetischen Stammzellen bei chronischer Angina pectoris.

Viele Studien, manche Fortschritte und ein großes Aber

Im Juni verkündete der Niederländer Dr. Henricus Duckers („Erasmus Medical Center“ in Rotterdam) Langzeit-Erfolge mit Stammzellen bei 14 Herzinfarkt-Patienten. Nach intrakoronarer Applikation der durch Liposuktion aus dem Fettgewebe gewonnenen Zellen habe die Infarktgröße um elf Prozent ab- und die Auswurfleistung des linken Ventrikels um sechs Prozent zugenommen. Die Effekte mit der Therapie des Unternehmens Cytori Therapeutics seien sogar 18 Monate nach der Behandlung noch vorhanden gewesen. Da es sich aber um Ergebnisse einer kleinen Sicherheits- und nicht einer Wirksamkeits-Studie handelt, ist bereits eine deutlich größere Untersuchung mit 370 Patienten, die europäische Multizenter-Studie ADVANCE, geplant.

Im März dieses Jahres meldeten Forscher der Universität von Miami, mit Stammzellen die Herzfunktion von acht Infarkt-Patienten mit linksventrikulärer Dysfunktion verbessert zu haben. Große Aufmerksamkeit erregte auch eine Phase-1-Studie des Biotech-Unternehmens Geron mit einem Präparat aus embryonalen Stammzellen bei Querschnittgelähmten. Seit Oktober 2010 sind bislang aber erst zwei Patienten behandelt worden. Dem Start der Studie waren zudem Misserfolge vorausgegangen: Wegen Sicherheitsbedenken war 2009 eine tierexperimentelle Studie mit dem Präparat GRNOPC1 nach sieben Monaten gestoppt worden. Bei einigen Tieren hatten sich vermehrt intraspinale Zysten entwickelt.

In Europa wiederum läuft seit einigen Monaten eine Phase-1-Studie (PISCES) mit fetalen Stammzellen bei Schlaganfall. Ein erster Patient wurde im November 2010 behandelt. 12 Patienten wollen die Forscher um Professor Keith Muir in die Studie aufnehmen, die in Zusammenarbeit mit dem britischen Unternehmen ReNeuron vorgenommen wird. Schlaganfall ist auch die Indikation, bei der am Translationszentrum für Regenerative Medizin Leipzig in dem Großprojekt SIRIUS deutsche Forscher unter Leitung von Dr. Johannes Boltze gemeinsam mit US-Kollegen die Anwendung von neuronalen Stammzellen prüfen. Große Erwartungen haben auch US-Forscher an zwei im April begonnene Phase-I/II-Studien bei Patienten mit adulter Makuladegeneration und mit juveniler Makuladegeneration („Stargardt’s Macular Dystrophy“). Geprüft werden in den Studien des Unternehmens „Advanced Cell Technology” (ACT) die Sicherheit und Verträglichkeit von Pigmentepithelzellen der Netzhaut, die aus embryonalen Stammzellen gewonnen werden. Beide Studien sollen in der zweiten Hälfte des Jahres 2013 beendet sein. Und 2012 soll eine europaweite Studie beginnen, in der adulte Stammzellen, die derzeit bevorzugt werden, bei rund 3.000 Herzinsuffizienz-Kranken geprüft werden.

Mit ein paar Zellen gegen den „Rest der Welt“

Stammzellen „boomen“ also. Aber trotz unstreitiger Fortschritte sind sich die Stammzellen-Forscher einig, dass der Weg bis zu einer Routine-Anwendung noch sehr lang und dornig ist. Viele Fragen sind noch nicht völlig geklärt, sei es zur Sicherheit pluripotenter Stammzellen, aber auch zu den autologen adulten Stammzellen, die weniger verwandlungsfähig sind, dafür aber Vorteile haben, etwa eine höhere Sicherheit. Auf keinen Fall sei es daher berechtigt, schon jetzt Patienten, meist schwer Kranken, zu versprechen, dass es demnächst oder sogar jetzt schon eine Therapie gebe, die sie heile, oder dass Stammzellen eine Art „Jungbrunnen“ seien, die dann noch helfen, wenn Gurkenmaske und Faltencreme versagt haben. Die Warnungen haben gute Gründe: So gibt es immer wieder unkritische und falsche Medienberichte, wonach es gelungen sei, mit Stammzellen etwa Patienten mit Multipler Sklerose oder Parkinson zu heilen („Nature Biotechnology“). Womit Stammzellen-Forscher vor allem kämpfen, sind Anbieter von angeblich sicher wirksamen Therapien mit Stammzellen, etwa gegen Alzheimer-Demenz. Längst werden Stammzellen auch in der kosmetischen Chirurgie und gegen das physiologische Altern an sich verwendet. Wer zum Beispiel nur einen kurzen Blick auf das Angebot des „Asian Stem Cell Regeneration Institute“ in Manila wirft, wird sich vielleicht fragen, ob es überhaupt eine Erkrankung oder Indikation gibt, bei der Stammzellen keine Wundermittel seien sollen.

Wie weit der „Hype“ um Stammzellen inzwischen geht, lässt auch ein Angebot der australischen Firma MediVet Pty. Ltd. erahnen: Das weltweit vertretene Unternehmen bietet ein Stammzellen-Kit zur Behandlung von Tieren an, etwa von Hunden mit Hüftdysplasie oder Arthrose. Die Therapie soll, so das Unternehmen, die Schmerzen von Bello und Co. lindern und natürlich ihre Lebensqualität steigern. Gewonnen werden die adulten Stammzellen aus dem Fettgewebe der Tiere, injiziert werden sie dort, wo es schmerzt – oder auch intravenös. Laut Tiermediziner Dr. Mike Hutchinson, Sprecher des Unternehmens, sei schon innerhalb weniger Tage eine Besserung zu spüren. Der Preis für eine Behandlung: rund 1.800 US-Dollar.

Ein wichtiger Sieg deutscher Forscher

Erfolgreich war der Kampf der Stammzellen-Forscher gegen unseriöse Anbieter und für das eigene Image dieses Jahr in Deutschland: Seit 2009 florierte hier das Geschäft mit der Hoffnung. In dieser Zeit lockte das niederländische Unternehmen XCell Schwerkranke aus der ganzen Welt in seine Düsseldorfer Klinik (DocCheck berichtete). Dort wurden sie einer teuren, nutzlosen und risikoreichen Behandlung mit Stammzellen unterzogen. Vor wenigen Monaten musste die Firma laut einer Mitteilung der Deutschen Gesellschaft für Neurologie (DGN) ihr Geschäft stoppen. Eine Untersagungsverfügung der Kölner Bezirksregierung in Absprache mit dem nordrhein-westfälischen Gesundheitsministerium verbietet der Klinik seit dem 26. April die Abgabe stammzellhaltiger Knochenmarkpräparate. Durch Injektionen körpereigener, zuvor aus dem Knochenmark gewonnener Stammzellen ins Gehirn, Rückenmark oder ins Herz sollten, so das Heilsversprechen der Klinik, die Patienten von sonst unheilbaren Leiden wie Parkinson, Alzheimer oder Querschnittslähmung geheilt werden. Diese Behandlungen kosteten bis zu 26.000 Euro – und manchmal sogar das Leben: 2010 starb ein eineinhalbjähriger Junge nach einer Zellinjektion ins Gehirn an einer Hirnblutung.

Eine Niederlage

Weniger erfolgreich erscheint bislang der Kampf, den die „International Society for Stem Cell Research“ (ISSCR) führt. Um Patienten seriöse Informationen zu Stammzellen-Behandlungen und vor allem Kliniken zu bieten, hatte die Gesellschaft letztes Jahr einen Online-Patienten-Service eingerichtet. Nachdem sie dann aber Schreiben von Juristen einiger Anbieter solcher Therapien erhalten hatte, befürchtete die Gesellschaft juristische Schritte und entschloss sich im Februar dieses Jahres, das Projekt vorerst zurückzustellen.

Das US-Magazin „Time“ hatte sicher nicht unrecht, als es im März dieses Jahres die kleinen „Verwandlungskünstler“ in eine Liste von „zehn Ideen, die die Welt verändern werden“, aufnahm.

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