Adulte ADHS: Schachmatt für Gruppentherapie?

5. Januar 2016
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Ein medikamentöser Behandlungsansatz bei erwachsenen ADHS-Patienten ist erfolgreicher als ein psychotherapeutischer. Der Behandlungserfolg mit Methylphenidat wurde durch zusätzliche Gruppentherapien nicht gesteigert. Einzeltherapien könnten bessere Ergebnisse hervorbringen.

Bei etwa zwei Prozent der Erwachsenenbevölkerung bleibt eine in der Kindheit aufgetretene Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätsstörung (ADHS) bis ins Erwachsenenalter bestehen. Über die geeignetste und wirksamste Form der Behandlung besteht bisher Unklarheit. Ist eine medikamentöse Therapie mit Methylphenidat erforderlich oder ist eine passgenau auf die Störung ausgerichtete Gruppenpsychotherapie beziehungsweise eine Kombination beider erfolgversprechender?

In der weltweit bisher größten Studie, die an sieben deutschen Universitätskliniken gleichzeitig durchgeführt wurde, unter der Leitung von Prof. Dr. Alexandra Philipsen, Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie des Universitätsklinikums Freiburg, wurde bei 419 erwachsenen ADHS-Patienten untersucht, ob eine zwölfmonatige spezifische Gruppenpsychotherapie mit insgesamt 22 Sitzungen bessere Ergebnisse erbringt, wenn sie mit einer Methylphenidat-Medikation kombiniert wird. Zum Wirksamkeitsvergleich der Gruppenpsychotherapie diente die Behandlung mit 22 unterstützenden Einzelgesprächen, die nicht spezifisch auf die ADHS-Krankheit gerichtet waren.

Psychologische Behandlung nicht ausreichend, um Medikation zu ersetzen

„Es zeigte sich, dass eine Methylphenidat-Medikation einer ADHS-Gruppentherapie überlegen war. Entgegen der Hypothese wurde die Wirkung der Medikation auch nicht durch eine zusätzliche Gruppenpsychotherapie verbessert“, sagt Prof. Philipsen. Der hohe Stellenwert der Medikation zeigte sich auch, wenn man die supportive Einzelgesprächstherapie mit Methylphenidat kombinierte.

Prof. Dr. Mathias Berger, Ärztlicher Direktor der Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie des Universitätsklinikums Freiburg, fasst zusammen: „Diese große Studie zeigt, dass die hier angewandten psychologischen Behandlungen nicht ausreichend erfolgreich sind, um eine Medikation zu ersetzen.“ Nach Ansicht der Forscher sollte jetzt in weiteren Studien geprüft werden, ob aufwändigere störungsspezifische Einzeltherapien bessere Einjahresergebnisse als die zurzeit stark favorisierten Gruppentherapien erbringen.

Originalpublikation:

Effects of Group Psychotherapy, Individual Counseling, Methylphenidate, and Placebo in the Treatment of Adult Attention-Deficit/Hyperactivity Disorder: A Randomized Clinical Trial
Alexandra Philipsen et al.; JAMA Psychiatry, doi: 10.1001/jamapsychiatry.2015.2146; 2015

25 Wertungen (4.04 ø)

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3 Kommentare:

Dipl.-Psych. Henryk Zamorski
Dipl.-Psych. Henryk Zamorski

Bitte den Originalartikel lesen!

Ich habe “nur” den Abstract gelesen. Aber selbst beim Lesen des Abstracts wird auffällig, dass dieser Doccheck-Artikel wichtige Erkenntnisse nicht anspricht. Auch aus dem Kinder-ADHS-Bereich wissen wir aus Studien, dass die Primärsymptomatik des ADHS besser mit Medikation als “nur” mit Psychotherapie in den Griff zu bekommen ist. Jedoch wissen wir auch, dass ADHS in der Regel – und nicht als Ausnahme – von Komorbiditäten begleitet wird, bei denen (Gruppen-)Psychotherapie effektiver ist als eine Mono-Therapie mit einer Medikation.
Auch das findet sich im Original-Abstract wider: “In contrast, GPT (Gruppenpsychotherapie) was superior to CM (clinical management = Medikation) for all visits in the Clinical Global Impression global assessment of effectiveness.”
Ich bemängele somit die Einseitigkeit des Doccheck-Artikels.

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Für die Kollegen,die wie ich schon über 25 Jahre in der Praxis ADHSler versorgen,ist diese Erkenntnis nicht Neues,aber oft von Nichtmedizinern angezweifelt!

#2 |
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Die Intervention “Gruppentherapie” ist vergleichbar informativ wie “Ernährung”. Die Fragen sind zu beantworten: Was wurde gemacht? Von wem wurde es gemacht? Welche Eingangsbedingungen bestanden? Welche Arbeitsprinzipien kamen zum Tragen? – So oder so: Das Etikett “Gruppentherapie” besagt hier nur, dass mehrere Leute mit ADHS zusammen kamen und ihre Störung im Zentrum der Betrachtung stand. Zudem reihen sich eine Unmenge an inhaltlichen, methodischen und prozessualen Fragen an.

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