Reizdarmsyndrom: Nerven keine Sensibelchen

21. Dezember 2015
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Biopsien von Reizdarmpatienten belegen, dass die Nerven ihrer Darmwand kaum auf einen Entzündungscocktail reagieren. Dies könnte die bisherige These widerlegen, dass Reizdarmpatienten einen besonders sensiblen und leicht reizbaren Darm haben.

Das Reizdarmsyndrom quält rund zehn bis 15 Prozent der Menschen in den Industrieländern. Lange war gemutmaßt worden, dass es eine psychosomatische Störung ist, die vor allem durch Stress ausgelöst wird. Eine eindeutige Therapie für betroffene Patienten gibt es bislang nicht, lediglich für einzelne Symptome. Unumstritten ist inzwischen jedoch, dass es sich um eine organische Erkrankung handelt. Eine neue Studie belegt nun erstmals, dass es zu messbaren Veränderungen an den Nerven der Darmwand von Reizdarmpatienten kommt.

Nervensensibilisierung kann ausgeschlossen werden

„Eine mögliche Ursache der Symptome bei einer Gruppe von Reizdarmpatienten ist eine erhöhte Ausschüttung von Botenstoffen“, sagt Professor Michael Schemann vom TUM-Lehrstuhl für Humanbiologie. „Die unter anderem bei entzündlichen Prozessen eine Rolle spielen.“ Basierend auf früheren, eigenen Studien postulierten die TUM-Forscher um Schemann daher eine Sensibilisierung der Nerven in der Darmwand von Reizdarmpatienten. Die Forscher haben deshalb die Reaktion an Biopsien von Reizdarmpatienten sowie gesunden Probanden einerseits auf elektrische Stimulation sowie auf Nikotin überprüft. Beides sind etablierte Methoden, um die Ansprechbarkeit der Darmnerven zu testen: Elektrische Stimulation führt zur synaptischen Übertragung, während Nikotin direkt die Darmnerven aktiviert. Erstaunlicherweise reagierten bei diesen Tests die Nerven beider Gruppen vergleichbar, sodass eine generelle Nervensensibilisierung ausgeschlossen werden kann.

Verblüffendes Ergebnis: Ein Reizdarm ist wenig sensibel

Andererseits wurde ein Entzündungscocktail mit Histamin, Proteasen, Serotonin und TNF-alpha verabreicht, um das Milieu in der Darmwand der Reizdarmpatienten zu simulieren und die Reaktion darauf zu untersuchen. Diese Tests förderten verblüffende Ergebnisse zutage: „Genau das Gegenteil unserer anfänglichen Vermutung war der Fall: Die Nerven der Reizdarmpatienten haben signifikant schwächer auf die von uns verabreichten Cocktails reagiert als die Biopsien der gesunden Probanden“, sagt Professor Schemann. „Die Darmwand dieser Patienten ist offenbar desensibilisiert durch eine ursprünglich zu starke Aktivierung. Das kann eine Schutzmaßnahme sein, um eine Überreizung zu vermeiden.“

Um diese Schlussfolgerung zu verifizieren, wurden Darmnerven für mehrere Stunden einer Reizung ausgesetzt. Das Ergebnis: „Sind die Nerven die ganze Zeit gereizt, regeln sie die Reaktion quasi herunter“, erklärt Schemann. „Es bleibt offen, wie die beobachtete Desensibilisierung der Nerven auf ganz bestimmte Botenstoffe die eigentlichen Symptome verursacht und ob dieses Phänomen neue Therapieoptionen eröffnet“.

Zwar beweisen die Untersuchungen eine verminderte Reaktion auf einen Entzündungscocktail, schließen aber eine mögliche Sensibilisierung durch andere Stoffe nicht aus.

Originalpublikation:

Reduced responses of submucous neurons from irritable bowel syndrome patients to a cocktail containing histamine, serotonin, TNF and tryptase (IBS-cocktail)
Daniela Ostertag et al.; Front. Neurosci., doi: 10.3389/fnins.2015.00465; 2015

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2 Kommentare:

Dr. med. Michael Traub
Dr. med. Michael Traub

Interessant wäre in diesem Zusammenhang, die Reaktion der Nikotin-und Endorphinrezeptoren des Darmes zu überprüfen

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Dr. Gero Beckmann
Dr. Gero Beckmann

Soweit ich informiert bin, wird das sog. Colon irritabile auch heute vielfach noch auf dem Wege des Ausschlusses diagnostiziert und ist durch eine diffuse und überlappende Symptomatik (zur Dyspepsie und zum Reizmagen-Syndrom) gekennzeichnet. So nimmt es nicht wunder, dass je nach Quelle bis zu 20% der Bevölkerung und 20-50% der Patienten in gastroenterologischen Praxen für diese Diagnose “herhalten” müssen. Dabei zeigt die Erfahrung, dass häufig z.B. keine hinreichende labordiagnostische Abklärung getätigt wurde. Dann wundert es auch nicht mehr, dass auch die Biopsien von Gesunden und “Kranken” in den oben besprochenen Experimenten gleichartig reagieren.

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