Propranolol: Spinne im Griff

8. Januar 2016
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Mehr als nur ein Betablocker: Eine Einzelgabe Propranolol hilft Menschen mit Spinnenphobie. Jetzt ist es an der Zeit, größere Studien zu initiieren. Firmen zeigen eher wenig Interesse. Bleiben noch öffentliche Forschungseinrichtungen.

Vor rund 50 Jahren hat James Whyte Black Propranolol entwickelt, um arterielle Hypertonien zu therapieren. Für seine umfangreichen Studien erhielt der britische Pharmakologe sogar einen Nobelpreis. Das Molekül hält trotzdem noch Überraschungen bereit.

Phobien ausgeschaltet

Mehrere Zufallsbeobachtungen deuteten darauf hin, dass Propranolol Effekte bei Phobien zeigt. Bislang blieb Betroffenen nur, eine kognitive Verhaltenstherapie über sich ergehen zu lassen, was viel Zeit und Geld kostet. Ohne hinreichende Behandlung besteht die Gefahr, dass sich entsprechende Erkrankungen festigen. Marieke Soeter und Merel Kindt, Amsterdam, untersuchten das Pharmakon jetzt im Rahmen einer Studie. Sie rekrutierten 30 Patienten mit Spinnenphobie. Alle Teilnehmer erhielten 40 mg Propanolol oder Placebo als Einzelgabe. Danach mussten sie sich einer Vogelspinne nähern. Unter Verum reduzierte sich das Vermeidungsverhalten drastisch, schreiben Soeter und Kindt. Betroffene konnten sich einer Spinne sogar nähern. Der Effekt hielt ohne weitere Pharmakotherapie zwölf Monate lang an.

Pillen gegen PTBS

Die Substanz zeigt älteren Arbeiten zufolge auch wünschenswerte Effekte bei Angst oder posttraumatischen Belastungsstörungen. Kindt zeigte anhand von Konditionierungsexperimenten, dass sich schmerzhafte Erinnerungen kaum mehr im Gehirn festsetzen. Welche Mechanismen hier ablaufen, ist bislang unbekannt. Da größere Studien fehlen, findet sich Propanolol noch nicht in Leitlinien. Genau hier liegt das Problem: Forschende Hersteller haben keine Möglichkeit, das Molekül zu patentieren. Ihr Interesse an weiteren Untersuchungen hält sich in Grenzen. Jetzt sind staatliche Forschungseinrichtungen am Start. Die University of California, San Francisco, rekrutiert gerade Teilnehmer für ihre Studie „Perioperative Propranolol in Patients With Post Traumatic Stress Disorder (PTSD)“. Und das Douglas Mental Health University Institute sucht Probanden für ein Projekt namens „Reducing Reconsolidation of Trauma Memories With Propranolol“.

38 Wertungen (4.76 ø)

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6 Kommentare:

Apotheker

Interresant, also Propranolol kann das gleiche leisten, wie z.b: 2-3 maß bier ;)

Ich hab zwar keine Todesangst vor Spinnen, aber wenn ich unerwartet einen an der Wand neben meinem Bett ein groesseres scharzes achtbeiniges Exemplar erblicke, dann erschreck ich schon!

Ich habe aber in einem Selbstversuch (n=1 ;) ) bemerkt, dass ich nach 2 Maß Bier nach einer Dult in Regensburg so ein Tier ohne weitere Gedanken in die Hand nehmen konnte…
Ich wuerde aber als Apotheker nie jemand mit Spinnenphobie dagegen empfehlen stetig Bier zu trinken!

Propranolol hat seinen Nutzen, ob eine Behandlung von Angstoerungen dazu gehoert, ich weiss es nicht.
Aber wie immer, falls es Leuten hilft und sie die Nebenwirkungen in Kauf nehemen wollen! Dann das Motto, wer heilt hat Recht!

mfg,

chirstian becker

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Gast
Gast

Treiben wir doch den Menschen alles Menschliche aus, wenn nur wieder für die Richtigen ein guter Verdienst winkt. Dafür noch Studiengelder zu wollen, ist schlichtweg der Hohn. Aber bei diesem Lobbyismus ist nichts mehr unmöglich.

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Interessanter Befund, leider sind größere Studien teuer und für einen nicht (mehr) patentierbaren Wirkstoff oft nicht lohnend.

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Gegen Spinnenphobien ist meines Erachtens der Einsatz der NLP-Technik FastPhobia, welche in nur einer Sitzung im Regelfall zum Erfolg führt, besser geeignet.

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Psychotherapeut

Ich denke, dass die alleinige Gabe dieses Mittels gar nichts bringt, weil der klassische Phobiepatient seinem Gehirdn durch die chronische Vermeidung keine alternativen Lernerfahrungen (konditionierter Reiz ist nicht gefährlich) anbietet und so auch keine präfrontalen Strukturen aufgebaut werden können. Hier wird wohl – änhnlich wie bei der Depression – die Kombibation mit CBT das Rennen machen. Also forscht mal schön! ;)

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ja,ja, Propranolol, bereits vor Jahren als nicht selektiver, “schmutziger” Betablocker abqualifiziert, ist immer gut für Überraschungen.
Primär indiziert bei Hypertonie, Angina pectoris und Herzrhythmusstörungen, später auch zur Migräneprophylaxe, bei Hyperthyreose, portaler Hypertension, essentiellem Tremor, Angstzuständen u.s.w. erweitert sich nicht ganz unerwartet das Indikationsspektrum. Von mir bereits seit Jahren bei Phobien und posttraumatischen Belastungsstörungen mit bestem Erfolg verordnet und damit Sedativa und Antidepressiva(sic!) eingespart.
Ein Revival einer alten, bewährten, mehr oder weniger in Vergessenheit geratenen Substanz ist durchaus zu erwarten. Nur bitte unbedingt die Kontraindikationen zu beachten, um zu verhindern, dass dieses Mittel in Verruf kommt!

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