Astrozytome: Spontanheilung ohne Schwellenwert

16. Dezember 2015
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Soll man Reste von gutartigen Hirntumoren nachbehandeln oder sich selbst überlassen? Mithilfe eines mathematischen Modells kann das Rückfallrisiko bei bestimmten Hirntumoren berechnet werden, um eine eventuelle, riskante Chemo- oder Strahlentherapie zu vermeiden.

Der häufigste Hirntumor bei Kindern und Jugendlichen ist das pilozytische Astrozytom, das normalerweise gutartig ist und langsam wächst. Falls er operativ vollständig entfernt werden kann, ist die Prognose für den Patienten sehr gut. Jedoch kann der Tumor in manchen Fällen gar nicht oder nur teilweise entfernt werden, weil er an einer ungünstigen Stelle im Hirn lokalisiert ist. Die dann verbliebenen Tumorreste können sich spontan zurückbilden oder aber erneut wachsen und sogar in eine aggressivere Tumorform übergehen.

Die Herausforderung für eine Therapie nach inkompletter Tumorresektion besteht deshalb darin, je nach Größe des Resttumors zwischen kontrolliertem Abwarten in der Hoffnung auf Spontanheilung und risikobehafteten Nachbehandlungen wie Chemo– und Strahlentherapien abzuwägen.

Spontanheilung nimmt gleichermaßen zu

Hier setzen Forscher unter der Leitung von Prof. Dr. Anja Voß-Böhme von der Hochschule für Technik und Wirtschaft Dresden und Prof. Dr. Andreas Deutsch vom Zentrum für Informationsdienste und Hochleistungsrechnen der TU Dresden an und untersuchen mithilfe eines mathematischen Modelles, wie sich das Ausmaß der Resektion auf die Chancen für Spontanheilung auswirkt. Sie prognostizieren, dass mit jedem weiteren Anteil entfernten Tumors die Wahrscheinlichkeit auf Spontanheilung gleichermaßen zunimmt, es also keinen Schwellenwert gibt, unter dem sich die Chance auf Spontanheilung durch Tumorreduktion nicht mehr verbessern lässt.

Histologie des pilozytischen Astrozytoms mit bipolaren astrozytären Tumorzellen und Rosenthalfasern. Hämatoxylin-Eosin-Färbung. Vergrößerung 200x © Dr. M. Meinhardt, Facharzt für Neuropathologie, Institut für Pathologie, Universitätsklinikum Carl Gustav Carus an der Technischen Universität Dresden

Histologie des pilozytischen Astrozytoms mit bipolaren astrozytären Tumorzellen und Rosenthalfasern. Hämatoxylin-Eosin-Färbung. Vergrößerung 200x © Dr. M. Meinhardt, Facharzt für Neuropathologie, Institut für Pathologie, Universitätsklinikum Carl Gustav Carus an der Technischen Universität Dresden

Dies ist ein völlig anderes Verhalten, als es von bösartigen Hirntumoren wie beispielsweise den Glioblastomen bekannt ist, bei denen mindestens 80% des Tumors entfernt werden müssen, um einen Überlebensvorteil für den Patienten zu erzielen.

Die Berechnungen stützen sich auf medizinische Daten zum molekularen Mechanismus der Tumorentwicklung und zur Häufigkeit von pilozytischen Astrozytomen in der gutartigen und der aggressiven Form. Sie sind in ihrem Wesen theoretische Vorhersagen und müssen deshalb in einem nächsten Schritt anhand klinischer Studien überprüft werden.

Originalpublikation:

Model-Based Evaluation of Spontaneous Tumor Regression in Pilocytic Astrocytoma
Thomas Buder et al.; PLOS Computational Biology, doi: 10.1371/journal.pcbi.1004662; 2015

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