Krankschreibung: Die Invasion der „Teilgesunden“?

14. Dezember 2015
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Der Sachverständigenrat zur Begutachtung der Entwicklung im Gesundheitswesen stellt Grundfeste unseres Sozialsystems infrage. Waren Arbeitnehmer bislang gesund oder krank, soll es künftig eine prozentuale Arbeitsunfähigkeit geben. Schwierigkeiten sind vorprogrammiert.

Einsparungen im Gesundheitswesen – die unendliche Geschichte geht weiter. Zwischen 2006 und 2014 sind alle Ausgaben für Krankengeld von 5,7 auf 10,6 Milliarden Euro explodiert. Grund genug für das Bundesgesundheitsministerium, nach Lösungen zu suchen. Jetzt liegt ein brisantes Papier des Sachverständigenrats zur Begutachtung der Entwicklung im Gesundheitswesen (SVR Gesundheit) vor.

„Das Krankengeld ist keine Wohltat“

Experten empfehlen unter anderem eine abgestufte Krankschreibung zu 25, 50, 75 oder zu 100 Prozent. Das möglicherweise vorhandene Restleistungsvermögen erleichtere die sozialen und finanziell negativen Folgen einer unnötig verzögerten Wiedereingliederung ins Erwerbsleben, heißt es im Papier. Momentan sind stufenweise Wiedereingliederungen nach dem Hamburger Modell über § 74 SGB V und § 28 SGB IX zwar möglich – allerdings nicht in den ersten sechs Wochen. Bereits während der Entgeltfortzahlung soll es prozentual anteilige Zahlungen geben, was Arbeitgebern zu Gute kommt. Viele Krankschreibungen gehen nicht über diesen Zeitraum hinaus. Auch beim Krankengeld ab der siebten Woche sind Faktoren im Gespräch. Ab diesem Zeitpunkt profitieren GKVen vom neuen Modell. „Das Krankengeld ist keine Wohltat, sondern eine gesamtgesellschaftlich sinnvolle Leistung, und die Versicherten haben einen Anspruch darauf, die Beträge zu erhalten“, sagt Professor Dr. Ferdinand Gerlach vom SVR Gesundheit. Es sei aber nicht das erklärte Ziel gewesen, das Krankengeld um jeden Preis zu drücken.

Seele in Nöten

Weitere Empfehlungen zielen auf psychische Leiden ab, um den Bedarf besser zu planen. Alle Patienten sollen leichter Zugang zur Versorgung haben, schreiben Experten. Im Mittelpunkt stehen Präventionsangebote und Behandlungen. Gerlach empfielt Selektivvertragsmodelle mit Zugangsgarantien, Akutsprechstunden und schwerefallabhängige Honoraranreize für ambulante Therapeuten. Bei Arbeitsunfähigkeit aus psychischen Gründen könne auch eine abgestufte Krankschreibung nach schwedischem Muster sinnvoll sein, sagt Barbara Lubisch, Bundesvorsitzende der Deutschen PsychotherapeutenVereinigung (DPtV).

Ein Leiden, eine Diagnose

Stellen Kollegen AU-Bescheinigungen aus, fordern Sachverständige, nur noch eine Hauptdiagnose zu vermerken. Bislang waren mehrere Diagnosen ohne Gewichtung möglich. Ärzte kritisieren, es werde kaum gelingen, komplexe Krankheitsbilder derart stark zu reduzieren. Wie sie auch noch rechtssicher prozentuale Abstufungen des Leistungsvermögens ermitteln sollen, bleibt unbeantwortet.

12 Wertungen (4.5 ø)
Gesundheitspolitik, Medizin

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6 Kommentare:

Gast
Gast

Wenn man im Kollegenkreis das “Krankschreibeverhalten” beobachtet, dann sind es oft nicht die wirklich Bedürftigen, die krank geschrieben werden, sondern oft wiederholen sich bei bestimmten Kollegen immer wieder die gleichen Muster. Da werden sogar sinnlose OPs, die zumindest ausserhalb der Haupturlaubszeit stattfinden können ( wenn denn überhaupt! und dann bitte nicht auf Kosten der Gemeinschaft! ) in der Haupturlaubs- oder Vorweihnachtszeit getätigt. Es ist jedoch kein Wunder in einem Land, in dem Kaiserschnitte auf Wunsch durchgeführt werden.

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Rettungssanitäter

Mich wundert ein wenig, wie sehr der Vorschlag hier als undurchführbar dargestellt wird. Ich arbeite aktuell in der Schweiz, hier ist der Grad der Arbeitsunfähigkeit integraler Bestandteil des Arztzeugnisses (=Krankschreibung), und Teilarbeitsfähigkeit absolut üblich.

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Gesundheits- und Krankenpfleger

Selten so gelacht!
Solche Vorschläge sind bar jeder Lebenswirklichkeit!
Sicher, es gibt einige wenige Erkrankungen, mit denen man kleinere Tätigkeiten ausführen kann (z.B. mit einem kranken Bein noch immer Patienten begrüßen oder Patientenakten aus dem Regal ziehen, wenn es denn nicht zu hoch ist).
Aber wer soll hier Rechtssicherheit herstellen – soll der Kranke immer erst ein gegenteiliges Rechtsgutachten erstellen lassen? Ein bürokratisches Monster!
Peinlich, daß die Emittenten solchen, mit Verlaub, Schwachsinns in Anspruch nehmen, Akademiker zu sein!
In meinem Fachbereich kann ich feststellen, daß bereits jetzt alle “Schonarbeitsplätze” mit Mutterschutz’lern und Kollegen, deren körperliche Leistungsfähigkeit auf Grund des hohen Lebensalters bei körperlich hochanstrengender Arbeit ruiniert worden ist, besetzt sind.
Schon jetzt wird die Eingliederung nach Hamburger Modell zu einer echten organisatorischen Herausforderung.
Da dann diese Mitarbeiter weiter in der Gefechtsordnung laufen, bleibt die Frage, wer soll die reguläre Arbeit tätigen?
Die Bürger von Schilda lassen grüßen!

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Dr. med. Susanne Bihlmaier
Dr. med. Susanne Bihlmaier

Seitens z.B. onkologischer Patienten höre ich oft Klagen, dass sie gerne arbeiten würden, die Wiedereingliederung jedoch zu kurz sei und die Kraft fehle für einen 8-Stunden-Tag. Nicht weniger meiner Krebspatienten wünschen sich ein flexibleres Krankschreibe-System, ganz im Sinne einer prozentualen Krankschreibung mit der Möglichkeit, am beruflichen Ball bleiben zu können, ohne sich zu erschöpfen.

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Der “Sachverständigenrat zur Begutachtung der Entwicklung im Gesundheitswesen” besteht aus einem Allgemeinmediziner (Prof. Dr. med. Ferdinand M. Gerlach), einer Internistin (Prof. Dr. med. Marion Haubitz), einer klinischen Pharmakologin (Prof. Dr. med. Petra A. Thürmann), zwei Gesundheitswissenschaftlern (Prof. Dr. phil. Gabriele Meyer und Prof. Dr. rer. pol. Wolfgang Greiner) und zwei Gesundheits-Ökonomen (Prof. Dr. rer. pol. emiritus Eberhard Wille und Prof. Dr. rer. oec. Jonas Schreyögg) in den Bereichen VWL und Gesundheits-Management.
http://www.svr-gesundheit.de/index.php?id=5
Da für Kliniker eine teilweise Krankschreibung ihrer stationären Patienten eher eine contradictio in adjecto wäre, klinische Pharmakologen AU-Vordrucke i. d. R. gar nicht haben und Gesundheitswissenschaftler ebenso wie Ökonomen gar nicht über die Erlaubnis bzw. Befähigung zur Ausübung der Heilkunde verfügen, bleibt bei den “Gesundheitsweisen” nur ein einziger übrig, der sich praxis-fundierte Gedanken über eine teilweise Krankschreibung machen könnte. Aus der Pressemitteilung des Sachverständigenrates:
“Derzeit gilt in Deutschland eine ‘Alles-oder-Nichts-Regelung’. Der Empfehlung des Sachverständigenrats folgend könnte zukünftig der individuellen Situation und Leistungsfähigkeit erkrankter Erwerbstätiger flexibler entsprochen werden: Die Einstufung könnte auf 100%, 75%, 50% oder 25% Arbeitsunfähigkeit erfolgen und würde mit einer Verringerung der zu leistenden Arbeitszeit einhergehen. Nach Ablauf der Entgeltfortzahlung würde das Arbeitsentgelt entsprechend der Arbeitsunfähigkeit reduziert und durch ein Teilkrankengeld ergänzt. Die Einstufung sollte ausschließlich im Einvernehmen zwischen Arzt und betroffenem Arbeitnehmer erfolgen und bei einer Veränderung des Gesundheitszustands angepasst werden können.” (Zitat Ende)
Wie soll bloß eine regelhaft von 25% bis 100% abgestufte Arbeitsunfähigkeit in der Praxis aussehen?
– Angina lacunaris mit Streptokokken-Infektion und Antibiose beim Briefzusteller: Nach 3 Tagen zu 25% im Innendienst-Briefverteilungszentrum arbeiten?
– Organist mit Armfraktur: Grundsätzlich zu 50% AU, kann mit den Füßen weiterspielen?
– Fingerfraktur li bei rechtshändigem EDV-Spezialisten: Kann zu 75% mit seiner “Track-Ball-Mouse” weiterarbeiten?
– Verkäuferin mit per-akuter Virusinfektion der Atemwege: Weiterarbeiten, Kunden und Kollegen anstecken, Arbeitsplätze im Gesundheitswesen sichern?
– AZUBI im Friseurhandwerk mit exogen-allergischem Asthma und exogenem Ekzem: 2 Tage 100% AU, dann mit Mundschutz/Handschuhen zu 50% arbeiten?
– Sänger mit Laryngotracheitis: Nur zu 25% AU, kann mit “Playback” einfach seine Lippen bewegen, merkt eh‘ keiner!
Diese Liste ließe sich beliebig fortsetzen!
1. Formal und inhaltlich geht es im “Rat der Gesundheitsweisen” gar nicht um “Gesundheit” an und für sich, sondern primär um K r a n k h e i t s e n t i t ä t e n, sozio-kulturell und gesundheitspolitisch gewollte Krankheits-Versorgungsqualität, Krankheits-Bewältigungsstrategien bzw. bio-psycho-soziale Hilfsangebote im krankheits-epidemiologischen Raum.
2. Wer als “Gesundheitsweise” Weisheit in einem primär euphemistisch beschriebenen, krankheits-verleugnenden Gesundheitssystem verbreiten will, muss erst einmal die Versorgungsrealität kennen. Dies ist von einem derartig ökonomie- und therorie-lastig besetzten Gremium wohl kaum zu erwarten.
Insofern weisen irregeleitete Empfehlungen des jüngsten “Sonderberichts” zu längst etablierten stufenweisen Wiedereingliederungen in das Arbeitsleben über seit Jahrzehnten gebräuchliche GKV-Formulare (Muster 20a) und DRV-Vordrucke (Formularnummer: G0830) der Deutschen Renten- bzw. Gesetzlichen Krankenversicherungen auf informationelle Defizite des Sachverständigenrates hin. Bei Akutkrankheiten mit selbstlimitierendem Verlauf ist eine prozentuale Krankschreibung unangemessen umständlich und kaum kostensparend.
Auch die Empfehlung, jegliche Arbeitsunfähigkeitsbescheinigungen (AU) monokausal auf eine einzige Krankheit mit ICD-10-GM Schlüssel herunterbrechen zu wollen, ist bei verbreiteter Multimorbidität, Co-Morbidität, Risikofaktoren, Bedingtheit von Folgeerkrankungen, Krankheitsinteraktionen, Komplikationen und abwendbar gefährlichen Verläufen abwegig und kontraproduktiv.

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Nichtmedizinische Berufe

Dieser Vorschlag ist eine Frechheit. Wenn ein Arbeitnehmer krank ist, dann ist er krank. ist er nicht krank, ist er gesund. Was soll der Cum-Laude-Abschluss in Schwachmatik bringen? Oder anders: Qui bono? DIe Antwort liegt auf der Hand. Aber klar: wenn ewig-gestrige versuchen, aus Deutschland ein Niedriglohn-Land zu machen, dann passt dieses Vorpreschen (Obacht: es wird nur geschaut, wie sehr Volkes Seele hiergegen aufschreit) wie Faust auf Auge.

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