Reisemedizin: Resistenzen im Handgepäck

8. Januar 2016
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Auslandsreisen, vor allem in tropische Länder, bergen das Risiko, selbst zu erkranken – und antibiotikaresistente Keime nach Europa einzuschleppen. Eine Dissertation hat die Wirksamkeit tropenmedizinischer Beratung untersucht und deckt Verbesserungsbedarf auf.

Immer mehr Menschen sind weltweit auf Reisen unterwegs – nicht nur im Urlaub, sondern auch für Studien- oder Arbeitsaufenthalte. Das erhöht nicht nur das Risiko, selbst krank zu werden, sondern auch die Gefahr, neue Krankheitserreger in das Herkunftsland einzuschleppen. Ein besonderes Problem, wenn es sich um antibiotikaresistente Erreger handelt.

Eine Dissertation an der reisemedizinischen Klinik der Universität Umea in Schweden hat nun untersucht, wie gut eine reisemedizinische Beratung das Erkrankungsrisiko der Reisenden senken kann. Dabei ging es auch um die Fragen, wie gut die Ratschläge befolgt werden und welche Faktoren das individuelle Risiko beeinflussen – Aspekte, die zur Verbesserung reisemedizinscher Beratungen beitragen könnten. In zwei Studien befragten Martin Angelin und seine Kollegen 1.698 bzw. 1.059 Probanden, die sich an der reisemedizinischen Klinik beraten ließen. Zwei Drittel der Befragten berichteten nach der Reise, die medizinischen Ratschläge befolgt zu haben.

Jungspunde und Männer riskieren mehr

Dabei hing das Risiko für gesundheitliche Probleme im Ausland stark von individuellen Faktoren ab. So zeigte sich, dass jüngere Reisende (unter 31 Jahren) sich weniger stark an die Beratung hielten und während der Reise mehr Risiken eingingen. Dazu gehörte unter anderem auch ungeschützter Geschlechtsverkehr. Zugleich wurden die jungen Leute öfter krank als Reisende über 30 Jahre. Und sie hatten ein erhöhtes Risiko, in Verkehrsunfälle verwickelt zu werden.

Auch zwischen Frauen und Männern wurden Unterschiede deutlich: Frauen nahmen bei vergleichbaren Reisezielen mehr Impfungen in Anspruch als Männer, insbesondere gegen die Japanische Enzephalitis. Darüber hinaus ließen sich bei einem weiter entfernten Reiseziel (Thailand) mehr Menschen gegen Hepatitis A impfen als bei einem nahe gelegenen Reiseland (Türkei) – obwohl die Erkrankung in beiden Ländern gleich verbreitet ist und sich zwischen 2004 und 2014 sogar deutlich mehr Reisende in der Türkei mit Hepatitis A angesteckt haben als in Thailand.

„Die Ergebnisse machen deutlich, dass verschiedene Gruppen eine unterschiedliche Risikowahrnehmung und Risikobereitschaft haben“, sagt Angelin. „Offenbar schätzen Männer das Risiko, auf einer Reise zu erkranken, geringer ein als Frauen. Und junge Menschen sind risikobereiter als ältere. Diese Aspekte sollten bei der reisemedizinischen Beratung berücksichtigt werden.“ So sollten Wege gefunden werden, um auch risikofreudige Menschen zu motivieren, sich so gut wie möglich vor Krankheiten zu schützen. Zudem sollte verstärkt darauf hingewiesen werden, wie wichtig ein ausreichender Impfschutz auch bei näher gelegenen Reiseländern ist.

Aufklärung und Beratung sind nützlich – aber auch verbesserungsfähig

Ein überraschendes Ergebnis von Angelins Studien: Wer die reisemedizinischen Empfehlungen befolgt hatte, wurde ebenso häufig krank wie jemand, der sich nicht an die Ratschläge gehalten hatte. Der Effekt war dabei vor allem auf eine hohe Rate an Reisedurchfällen zurückzuführen. Der fehlende Unterschied könnte an Faktoren liegen, die ein Reisender selbst nicht beeinflussen kann, meint Angelin – etwa an einer schlechten Hygiene in Restaurants. „Dennoch sollten wir die bisherigen reisemedizinischen Empfehlungen kritisch überprüfen, um herauszufinden, welche Ratschläge wirklich relevant sind“, sagt der Mediziner.

Dass eine Beratung durchaus nützlich ist, zeigt eine aktuelle, groß angelegte Studie. Hier war die Beratung mit geringeren Erkrankungsraten bei Malaria, akuter Hepatitis und HIV assoziiert. Allerdings trug sie nicht zu einer signifikanten Verringerung von Reisedurchfällen bei.

Individuelle Beratungsleistung

Zielgruppe einer weiteren Untersuchung Angelins waren Studenten, die im Rahmen ihres Studiums ins Ausland gehen. Diese hatten im Vergleich zu Urlaubreisenden ein erhöhtes Risiko für gesundheitliche Probleme, ergab die Studie: Über die Hälfte wurde während des Auslandsaufenthalts krank. Zugleich verhielten sich die jungen Leute fern von zu Hause besonders risikoreich: Ein Drittel neigte zu riskantem Alkoholkonsum, und viele lernten einen neuen Sexualpartner kennen – wobei ein Drittel ungeschützten Geschlechtsverkehr hatte. Besonders risikofreudig waren Studenten aus dem Gesundheitsbereich – obwohl sie vor Abreise mehr gesundheitsbezogene Informationen erhalten hatten. „Möglicherweise hat ihnen das medizinische Wissen ein falsches Gefühl der Sicherheit vermittelt“, sagt Angelin.

Wie wichtig – aber auch schwierig – ein bestmöglicher Schutz vor Reiseerkrankungen ist, zeigt eine Untersuchung  am Zentrum für Reisemedizin der Universität Zürich. Darin ging es um Reisende mit besonderen gesundheitlichen Risiken, wie ältere Menschen, schwangere und stillende Frauen und Menschen mit Vorerkrankungen. Diese haben ganz ähnliche Reiseziele und Reisestile wie die übrigen Reisenden, zeigt die Studie. So reisten viele Schwangere und stillende Mütter in Regionen mit Malaria- oder Gelbfiebervorkommen – obwohl eine Impfung bzw. Prophylaxe bei ihnen problematisch ist. „In solchen Fällen ist die Beratung eine echte Herausforderung – ähnlich wie bei sehr jungen und sehr alten Reisenden“, schreiben die Autoren.

Resistenz im Gepäck

Ein weiteres Problem internationaler Reisen betrifft die ganze Bevölkerung: Das Einschleppen antibiotikaresistenter Bakterien. So sind Auslandsaufenthalte ein wichtiger Risikofaktor für die Besiedelung des Darms mit antibiotikaresistenten Erregern. Mit diesem Thema befasste sich Angelin in einer weiteren Teilstudie. Demnach wurde ein Drittel der untersuchten Medizin-Studenten beim Auslandsaufenthalt Träger antibiotikaresistenter Bakterien (sogenannter Extended-Spectrum-Betalaktamase-produzierender Enterobakterien, kurz ESBL-PE). Das Risiko hing dabei vom Reiseland ab, und davon, ob jemand während der Reise mit Antibiotika behandelt worden war. Besonders hoch war das Risiko nach Aufenthalten in Indien und Südostasien. „Für den Träger antibiotikaresistenter Keime sind die Risiken oft minimal“, erläutert Angelin. „Aber durch vermehrte Antibiotikaresistenzen in den Rückkehrländern steigt das Risiko für empfindliche Menschen, an solchen Erregern zu erkranken.“ Die Arbeit mit Patienten im Ausland war dagegen kein Risikofaktor für eine Besiedlung mit ESBL-PE. Aus den Ergebnissen leite sich daher die Empfehlung ab, unnötige Antibiotikabehandlungen bei einem Auslandsaufenthalt zu vermeiden, schreiben die Autoren.

Angepasste Risikokommunikation

„Zusammenfassend zeigen unsere Ergebnisse, dass derzeitige reisemedizinische Empfehlungen umfassend und kritisch überprüft werden sollten“, sagt Angelin. „Dadurch könnte die reisemedizinische Beratung für Urlaubsreisende und Studenten verbessert werden.“ Zum Beispiel sollte neben der Beratung über Krankheiten auch über die Gefahr von Verkehrsunfällen, erhöhtem Alkoholkonsum und ungeschütztem Sex im Ausland informiert werden.

Zugleich sei es wichtig, die bisherigen Kenntnisse und Einstellungen des Reisenden zu Gesundheitsrisiken zu erfassen, betont ein Forscherteam um Karin Leder von der Monash University in Melbourne. „Reisemedizinische Berater sollten lernen, wie sie Risiken verständlich kommunizieren können“, so die Wissenschaftler. „Zudem sollten sie auf die individuelle Risikowahrnehmung und Risikotoleranz der Reisenden eingehen, um sie so gut wie möglich zu motivieren, gesundheitliche Risiken zu verringern.“

Sinnvoll könnte es zum Beispiel sein, die mündliche Beratung durch schriftliches Material – etwa mit Zahlen oder Graphiken zum Erkrankungsrisiko – zu ergänzen. Und bei jüngeren Reisenden könnte es von Vorteil sein, Risiken und die Vorteile vorbeugender Maßnahmen auf neue Weise zu vermitteln, so Angelin – etwa in Diskussionsgruppen oder über soziale Medien.

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7 Kommentare:

Ärztin

#4: Patient Nr. 1 war Flugbegleiter und verhielt sich zwischen den Flügen wie ein besonders unternehmungslustiger Tourist, oder?

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Dr. med. Dipl.-Phys. Andreas-Roman Metza
Dr. med. Dipl.-Phys. Andreas-Roman Metza

Die diesem Artikel zugrunde liegende Publikation „The elderly, the young and the pregnant traveler – A retrospective data analysis from a large Swiss Travel Center with a special focus on malaria prophylaxis and yellow fever vaccination. – Travel Med Infect Dis. 2015 Nov-Dec;13(6):475-84. doi: 10.1016/j.tmaid.2015.10.001. Epub 2015 Oct 16. “ basiert auf der aus derselben universitären Arbeitsgruppe (Zurich/Basel) stammenden Vor-Publikation „ A profile of travelers – an analysis from a large swiss travel clinic. – J Travel Med. 2014 Sep-Oct;21(5):324-31. doi: 10.1111/jtm.12139. Epub 2014 Jun 17. “ in der es heißt :
A descriptive analysis was performed on pre-travel visits between July 2010 and August 2012 at the Travel Clinic of the Institute of Social and Preventive Medicine, University of Zurich, Switzerland.
A total of 22,584 travelers sought pre-travel advice.
Tourism was the main reason for travel (17,875, 81.5%), followed by visiting friends and relatives (VFRs; 1,715, 7.8%), traveling for business (1,223, 5.6%), and “other reasons” (ie, volunteer work, pilgrimage, study abroad, and emigration; 1,112, 5.1%).

Das in der aktuellen Publikation im Abschnitt „ RESULTS „ enthaltene Statement “ 80% of young travelers and a similar percentage of pregnant women went to malaria-endemic regions. Twenty-five pregnant/breastfeeding women traveled to YF endemic areas. “ weist auf eine doch recht hohe Risikobereitschaft in dieser speziellen Frauenpopulationsgruppe hin.
Es besteht daher dringender Aufklärungsbedarf vor allem darüber, ob diese signifikante Risikobereitschaft primär auf der speziellen persönlichen Bewertung, Erkenntnis und Umsetzung der übermittelten entsprechenden reisemedizinischen Informationen beruht oder aber eher auf eine individuelle Lebensstileinstellung zurückzuführen ist, denn an der inhaltlichen Qualität der medizinischen Informationen über den derzeitigen wissenschaftlichen Erkenntnisstand kann es ja wohl kaum liegen.

Dr.med. Andreas-Roman Metza
Facharzt für Innere Medizin / Diplom-Physiker

#6 |
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In der Reisemedizin ist eine Anerkennung als Fachkunde oder Schwerpunkt überfällig. Zur Zeit handelt es sich noch um eine völlig ungeschützte Bezeichnung, die jeder sich wie ein Marketing-Mäntelchen umhängen, ohne jede Gewährleistung der Beratungsqualität und einer regelmäßigen Fortbildung des anbietenden Arztes…

Handlungsbedarf!

#5 |
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In dem genannten Zusammenhang würde es mich mal interessieren, ob es Studien mit fliegendem Personal gibt, das ja ständig “unterwegs” ist. Die Urlauber sind es ja immer, die “schuld” sein sollen. Und dennoch kenne ich z.B. bei HIV/AIDS nur Patient no. 1, das war aber kein Urlauber.

#4 |
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Multi-resistente Keime kommen nicht aus heiterem Himmel und werden ausschließlich von unsachgemäß hantierenden, “unhygienischen” Krankenhaus- und Praxismitarbeitern auf arglose Patienten übertragen. Diese Keime kommen selbst auch irgendwo her und haben häufiger reisemedizinische Hintergründe als gemeinhin angenommen. Sie werden zu einem relevanten Anteil von a u ß e n in Klinik und Praxisräume hinein getragen. Der englische Fachbegriff “communicable diseases” trifft es: Übertragbare Krankheiten, die durch interagierende, kommunizierende Personen übertragen werden.
Jeder Landwirt aus einem Tiermastbetrieb, jeder Krankenhausbesucher mit Straßenschmutz an den Schuhen, jeder Tierhalter, egal ob Hund, Katze, Maus, Pferd o. ä., jeder Klempner, Müllwerker und Entsorger, aber auch Lehrer, Erzieher und alle, die mit vielen Menschen beruflich oder privat zu tun haben, könnten Träger von potenziell multiresistenten Keimen sein. Sogar Menschen, die nur kontaminiertes Putenfleisch kaufen, gehören zum Kreis der “Verdächtigen”.
Risiko-Beweise lieferten u. a. Infektiologen und Mikrobiologen aus Leipzig mit Daten von 225 Fernreisenden: Die Erreger werden oft mit nach Hause gebracht (J Med Microbiol 2015; 305: 148). Über 12 Monate wurde in einer infektiologischen Studie am Universitätsklinikum Leipzig (UKL) das Risiko des Erreger-Imports durch Fernreisen untersucht. “Wir konnten dabei erstmals für Deutschland in einer größeren Kohorte zeigen, dass fast ein Drittel der Reisenden nach der Heimkehr aus Gebieten mit hoher Erregerdichte tatsächlich Träger multiresistenter Erreger ist”, so Dr. Christoph Lübbert, Leiter des Fachbereichs Infektions- und Tropenmedizin am UKL [“Colonization with extended-spectrum beta-lactamase-producing and carbapenemase-producing Enterobacteriaceae in international travelers returning to Germany”].
Zum Vergleich das Uniklinikum Schleswig-Holstein (UKSH) in Kiel: Seit Dezember 2014 war bei 31 Patienten der Klinik das Bakterium Acinetobacter baumannii in multiresistenter Form nachgewiesen worden. Bis dato 14 Todesfälle, in 9 Fällen wurde der Keim als Todesursache ausgeschlossen; mit den Leipziger Erkenntnissen vergleichbar: Der Keim wurde zuerst im Dezember 2014 durch einen Schleswig-holsteinischen Urlauber, der nach einem Unfall in der Türkei nach Kiel verlegt wurde, eingeschleppt. Infektiologische Angaben aus der Türkei fehlten. Bei einer nächtlichen Not-Operation des Patienten war es dann zur Ausbreitung des Acinetobacter baumannii gekommen.
Vgl. http://news.doccheck.com/de/blog/post/2264-die-erde-ist-(k)eine-infektiologische-scheibe/

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Dr. med.vet. Stefan Gabriel
Dr. med.vet. Stefan Gabriel

nicht die Reisemed.Beratung ist das Problem, sondern der unkontrollierte Resistenzimport…

#2 |
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Gut – Reisemedizin wird immer wichtiger!

#1 |
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