HIV: Bettgeflüster nur mit PrEP

18. Dezember 2015
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Männer, die Sex mit Männern haben, schützen sich mit Tenofovir plus Emtricitabin „on demand“ vergleichsweise zuverlässig vor HIV-Infektionen, fanden Wissenschaftler heraus. Diese Strategie könnte sich zum weiteren Instrument der HIV-Prävention mausern.

In Deutschland leben rund 83.400 Menschen mit HIV oder AIDS, berichtet das Robert Koch-Institut. Verglichen mit früheren Jahren nehmen mehr Menschen antiretrovirale Präparate ein und sind damit kaum mehr infektiös. Das ist die gute Nachricht. Andererseits bleibt die Zahl an Neuinfektionen mit 3.200 (2014) nahezu konstant. Deshalb suchen Ärzte und Apotheker nach weiteren Bausteinen wie der Präexpositionsprophylaxe (PrEP) mit Tenofovir plus Emtricitabin.

Tablettenpause mit Folgen

Drei methodisch hochwertige Untersuchungen älteren Datums zeigen, dass die Strategie prinzipiell funktioniert. Bei der iPrEx-Studie sanken Neuinfektionen um 42 Prozent, bei der PrEP-Studie waren es 75 Prozent, und bei der PROUD-Studie sogar 86 Prozent. Ein grundsätzliches Problem ist die niedrige Adhärenz vieler Probanden, was wünschenswerte Effekte zunichte macht. Deshalb gelang es mit der FEM-PrEP-Studie nicht, einen signifikanten Mehrwert zu zeigen. Teilnehmer, die sich an Einnahmeschemata hielten, waren zu 92 Prozent geschützt. Jetzt wollten Forscher der Agence nationale de recherches sur le sida et les hépatites virales (ANRS) wissen, ob antiretrovirale Medikamente direkt beim Geschlechtsverkehr eine Alternative darstellen.

Gezielt geschluckt

Sie rekrutierten 400 HIV-negative Männer, die Sex mit Männern haben und als besonders gefährdet galten. Dazu zählte beispielsweise ungeschützter Geschlechtsverkehr. Probanden erhielten randomisiert entweder Tenofovir plus Emtricitabin als Fixkombi oder Placebo. Die Wirkstoffe selbst haben eine rasche Bioverfügbarkeit. In beiden Gruppen instruierten Ärzte ihre Teilnehmer, zwei bis 24 Stunden vor geplantem Sex zwei Tabletten einzunehmen. Weitere Gaben sollten 24 beziehungsweise 48 Stunden danach erfolgen. Nach 9,3 Monaten waren im Placebo-Arm 14 Neuinfektionen aufgetreten, verglichen mit zwei Fällen unter Verum. Die Autoren sprechen von einer 86-prozentigen Schutzwirkung. Gleichzeitig kritisieren sie einmal mehr die mangelnde Adhärenz. Beide Teilnehmer im Verum-Arm, die anschließend HIV-positiv waren, hatten 58 beziehungsweise 60 von 60 Tabletten wieder an die Studienleitung zurückgegeben. Trotz der guten Ergebnissse bleiben einige Aspekte offen.

Langfristig sicher?

Ist das Dosierungsschema wirklich schon optimal? Und besteht der erwünschte Effekt bei weniger als 15 Tabletten pro Monat? Diese Menge nahmen Probanden im Schnitt ein. Bleibt noch, zu klären, ob Medikamente „on demand“ auch langfristig schützen. Diese Fragen werden sich erst durch weitere Arbeiten klären lassen. Bereits jetzt bewerten die Deutsche AIDS-Gesellschaft (DAIG) und die Deutsche Arbeitsgemeinschaft niedergelassener Ärzte für die Versorgung HIV-Infizierter (dagnä) PrEP als „weiteres Instrument zur Präventionsarbeit“.

9 Wertungen (3.44 ø)
Forschung, Pharmazie

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6 Kommentare:

Gast
Gast

Ich bin selber HIV positiv. Nehme selber Truvada (Tenofovir plus Emtricitabin).
Sowas als PreP mag ne tolle Erfindung sein. Dies aber jetzt hier als Schutz vor HIV anzubieten finde ich nicht gut.

Ich find es einfach bescheuert, dass man so ein “hartes” Medikamente einfach so anbietet nur damit man kein Kondom mehr verwenden brauch. Absolut falscher Weg wenn es um HIV Prävention geht.
Kondome sind dann ganz weg vom Fenster oder wie stellt ihr euch das vor?

Noch dazu, ist es irrsinnig als “gesunder” Mensch, solche Medikamente zu nehmen.

Nee, sorry sowas geht gar nicht. Für den Hersteller Gilead ist das natürlich klasse, aber für die Menschen selber der falsche Weg.

#6 |
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Gast
Gast

Super! Wenn sowas auf den Markt kommt, werden die Syphiliszahlen noch stärker in die Höhe treiben!

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Student der Humanmedizin

Mag sein, dass die Methodik fragwürdig ist, aber ich vermute, dass die Studienteilnehmer ohnehin Sex ohne Kondome praktizieren. Das ist keine Seltenheit und relativ weit verbreitet unter MSM. Genauso wie es MSM gibt, die sich absichtlich mit HIV infizieren lassen.

#4 |
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Gast
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Erstens-ethisch extrem fragwürdige Methode!
Zweitens-Hat jemand auch nur ansatzweise an die Resistenzproblematik gedacht?
Drittens-Ja, es ist definitiv das falsche Zeichen, dass es eine Alternative zu Kondomen sein kann, sich mit Medikamenten vollzustopfen!

#3 |
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Gast
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Sehe gerade, falsch gelesen, hiv-negative Männer wurden rekrutiert. Ist aber auch nicht gerade viel besser, die haben dann zwar selbst in der Hand, ob sie die Tabletten nehmen, aber dennoch macht die Idee, eventuell durch eine Tablette geschützt zu sein etwas mit Menschen…. eventuell wird dann auf Kondom verzichtet, weil man ja an dieser Studie teilnimmt und eventuell eine Tablette hat die schützt… nicht ganz so heftig als wenn die infizierten Männer das nehmen müssten, aber dennoch genau gegenteilig zu sämtlichen Aufklärungskampagnen

#2 |
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Gast
Gast

Wie darf ich diese Studie verstehen? Da werden HIV-positive Menschen rekrutiert, um zu testen, ob ungeschützter Geschlechtsverkehr andere anstecken kann und dabei in Kauf genommen dass sich andere infizieren, hab ich das richtig versanden? Und das auch noch mit einer Placebo-Gruppe, d.h. es wird quasi erwartet, dass diese Menschen ungeschützt Verkehr haben, obwohl sie nicht einmal wissen, ob sie tatsächlich das Medikament schlucken, das eventuell schützen kann? Setzt das nicht irgendwie ein falsches Zeichen? Sorry, aber wenn das so ist wie ich es hier interpretiere, empfinde ich diese Studie als ethisch sehr fragwürdig. Der Studienleiter darf ja gern mal mit jemandem aus der Placebogruppe… also ich mein ja nur… “Neuinfektionen” werden hier genannt als handelte es sich um Fußpilz oder so.

Sollte nicht besser auf geschützten Verkehr hingearbeitet werden? Dieser ist nämlich- im Gegensatz zur Tabletteneinnahme- auch für den Partner kontrollierbar, der ist nämlich die Person, die das Risiko läuft.

#1 |
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