“Houston, wir haben ein Po-blem”

27. Juli 2011
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Napoleon konnte während der Schlacht von Waterloo seine Truppen kaum führen, weil ihn Hämorrhoiden quälten. Auch wenn die Werbung verspricht, nach der Anwendung von Hämorrhoidensalben problemlos Kamele reiten zu können, sieht die Wahrheit anders aus.

Hämorrhoiden werden in vier Stadien eingeteilt:

  • Stadium 1: Die Polster sind nur proktoskopisch sichtbar; Symptome: Blutungen, Juckreiz und Nässen
  • Stadium 2: Die Knoten prolabieren bei Defäkation und retrahieren sich spontan. Symptome: Blutungen, Juckreiz, Nässen, Fremdkörpergefühl und das Gefühl unvollständiger Entleerung.
  • Stadium 3: Die Knoten prolabieren bei Defäkation, sind aber noch reponibel; Symptome wie bei Stadium 2, zusätzlich leichte Inkontinenz.
  • Stadium 4a: Sehr schmerzhaft: Der Prolaps ist akut inkarzeriert und thrombosiert. Stadium 4b: Die Knoten sind chronisch fibrosiert und irreponibel. Die Symptomatik variiert: Blutungen sind möglich, aber eher selten, häufiger kommt es zu Ekzemen und Hygieneproblemen.

Hämorrhoiden sind nicht, wie lange behauptet, anale Krampfadern, so die Deutsche Gesellschaft für Dermatologie in ihren Leitlinien. Nach neueren Erkenntnissen handelt es sich bei der inneren Variante um eine variköse Dilatation und Hyperplasie des Corpus cavernosum recti. Morphologisch betrachtet sind es entzündete Gefäßkonvolute, die mit Plattenepithel überzogen sind.

Rosettenjucken gezielt angehen

Bei der Wahl des Therapeutikums spielt nicht nur der Grad der analen Plagegeister eine Rolle, sondern auch die vom Patienten geäußerten Beschwerden. In den Arzneimitteln finden sich Antiphlogistika, Lokalanästhetika, Antimykotika, Adstringentien und Kortikoide. Der Grund für den oft begleitenden Juckreiz ist, dass Hämorrhoiden zu Stauungsekzemen führen. Bei starkem Juckreiz ohne Mykose hat sich neben Hydrocortison und Prednisolon das potentere Fluocinolon-Acetonid bewährt. Diese Substanzen wirken antiphlogistisch, antiallergisch, immunmodulierend und stark antiproliferativ. Ist der Grund für den Juckreiz eine Candidainfektion, stehen Nystatin als lokale und systemische Form oder azolhaltige Externa zur Verfügung. Kortikoide sind in diesem Fall kontraindiziert. Als schmerzlindernder und juckreizstillender Wirkstoff eignet sich Lidocain. Aufgrund seines schnellen Wirkungseintritts, der langen Wirkungsdauer und der vergleichsweise geringen allergischen Potenz ist es im proktologischen Bereich Mittel der ersten Wahl.

Bei nässenden Dermatosen und hämorrhoidalbedingten Analekzemen sind Adstringentien sinnvoll. Sie vermindern die Schorfbildung und bessern bakterielle und mykotische Superinfektionen, wirken entzündungshemmend und juckreizstillend. Gerbstoffe aus der Natur sind beispielsweise Eichenrinde und Hamamelis. Chemisch wirken Harnstoff, Formaldehyd sowie phenolische Verbindungen. Das Oxidationsmittel Polyvidon-Jod wirkt antimykotisch, bakterizid und viruzid. Es verzögert nicht die Wundheilung und ist gut verträglich.

Marisken wollen gegerbt werden

Äußere Hämorrhoiden sind gar keine. Hierbei handelt es sich um gutartige Hautläppchen am Anus, die korrekterweise als Marisken bezeichnet werden. Die gutartigen Hautläppchen schwellen bei manchen Frauen, beispielsweise während der Menstruation an, reiben dann an der Unterwäsche und können sich entzünden. Bleiben in den Hautfalten Stuhlpartikel haften, wird die Haut in diesem Bereich gereizt. Es siedeln sich Bakterien und Pilze an. Die aufgeweichte Haut verliert an Elastizität, kann bei der Stuhlpassage einreißen oder Ekzeme bilden.

Wichtig ist hierbei die richtige Hygiene nach dem Stuhlgang. Ungeeignet ist trockenes Toilettenpapier. Die Feuchtvariante enthält als Konservierungsmittel nicht selten Alkohol, der die empfindliche Schleimhaut austrocknet. Sinnvoll zur Reinigung ist stattdessen Wasser, Schwarzer Tee wegen der Gerbstoffe oder ölhaltige Babypflegetücher.

Richtige Arzneiform bestimmt Therapieerfolg

In den meisten Fällen ist bei Hämorrhoiden und Marisken eine symptomorientierte Behandlung notwendig. Der Patient sollte aber aufgeklärt werden, dass diese Therapie zur Linderung seiner Beschwerden beiträgt, die Hämorrhoiden aber nicht schrumpfen. Dies suggerieren einige Werbeaussagen fälschlicherweise. Die Wirkung wird entscheidend von der Wahl der richtigen Arzneiform bestimmt: Zäpfchen, Salben oder Analtampons. Suppositorien für innere, Salben für äußere Hämorrhoiden, so einfach ist es leider nicht. Bei den konventionell geformten Zäpfchen gelangt der Wirkstoff nicht an den „Wohnort“ der Hämorrhoiden, den proximalen Analkanal. Entweder führt der Anwender das Zäpfchen zu weit ein oder aber das Hartwachs schmilzt und läuft mit dem Wirkstoff aus dem Anus hinaus. Bei Therapieversagern ist die Anwendung von Analtampons sinnvoll. Hierbei ist das Suppositorium fast doppelt so lang wie übliche Zubereitungen und von einem Mullschlauch umgeben. Dadurch ist eine lange Verweildauer des Wirkstoffes gewährleistet.

Bei äußeren Hämorrhoiden sind Salben und ggf. Pasten sinnvoll. Diesen Zubereitungen liegt meist ein Einführrohr oder gar ein Analdehner bei. Dieser soll bei regelmäßiger Anwendung die Rektalöffnung geschmeidig machen, erweitern und somit die Stuhlpassage erleichtern. Bei der Anwendung von Salben im inneren Analbereich ergibt sich die gleiche Problematik wie bei Zäpfchen. Auch der Schatz der Naturheilkunde bietet Homöopathika und Phytotherapeutika. Trotz neuerer pathophysiologischer Kenntnisse werden zur Therapie von Hämorrhoiden solche Mittel eingesetzt, die auch bei Venenbeschwerden wie Krampfadern sinnvoll sind.

Aus für den Hämo-Star

Das seit den 1970er Jahren gegen verschiedene dermatologische und proktologische Erkrankungen verwendete Bufexamac kann schwerste Kontaktallergien auslösen. Es war DIE Substanz in fast allen gängigen Hämorrhoidenzubereitungen. Die Studienlage für den Nutzen war sehr gering. Dem gegenüber standen zahlreiche Studien und Fallberichte zu den schweren, teils tödlichen Nebenwirkungen. Die anogenitalen Ekzeme, die der Wirkstoff auslösen kann, ähneln der Indikation. Die Europäische Arzneimittelbehörde EMA hat die Zulassung widerrufen.

Nitroglycerin sprengt häufig Fissuren-Budget

Stechender Schmerz und schmerzhafte Verkrampfung des Schließmuskels bei Stuhlabgang sowie lang anhaltender Nachschmerz, so äußern sich Analfissuren. Bei chronischen Beschwerden über sechs Wochen sollte über eine effiziente Pharmakotherapie nachgedacht werden.

Nitroglycerin ist in der Therapie der Angina pectoris, des kardialen Lungenödems und von Koliken etabliert. Aber auch bei schmerzhaften und schlecht heilenden Analfissuren ist es schon längst kein Geheimtipp mehr. Sprengstoff für die Fissur? Die lokale Anwendung von 0.2 – 0,4 % Nitroglycerin-Crème mindert den Schließmuskeldruck um bis zu 30 Prozent und steigert den Blutfluß im Bereich der Fissur. Dies lässt die Fissur meist schneller abheilen. Nitrokörper setzen Stickstoffmonoxid (NO) frei und vermitteln einen anorektalen Inhibitionsreflex, der innere Analsphinkter entspannt sich. Patienten mit Analfissuren neigen zu einem deutlich höheren analen Ruhedruck.

An Nebenwirkungen können u.a. Kopfschmerzen auftreten. Einige Fertigpräpräparate für die kardialen Indikationen enthalten 2 Prozent (!) Nitroglycerin. Leider sind die Produkte relativ hochpreisig. Alternativ kann auch das besser verträgliche Nifedipin in 0,2 prozentiger Konzentration eingesetzt werden oder eine Kombination beider Wirkstoffe. Die Anwendung erfolgt 2-3 mal täglich. Danach kann man bestimmt wieder auf ein Kamel steigen.

112 Wertungen (4.64 ø)

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11 Kommentare:

Mitarbeiterin Industrie

ich schließe mich meiner vorgängerin an. auch in den “islamischen” Ländern gibt es immer wider wasser in einer gießkanne in der toilette zum reinigen des afters.

#11 |
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Pharmazeutisch-technische Assistentin (PTA)

bei uns schreiben die Ärzte gerne Nifedipin+ Lidocain in ung. emulsificans auf. Und es scheind wunderbar zu funktionieren. (Jedenfalls gab es noch keine negativen rückmeldungen)

Also ich hab indische Wurzeln und da läuft das so:
Neben der nicht ganz so europäischen Toilette steht eine kleine “gießkanne” auch Loti genant mit der man sich das Wasser dan über die Po-bleme gießen kann. Das ist da ganz normal Toilettenpapier ist da mehr als Handtuch für den Hintern gedacht.

#10 |
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Dr. Michael Ehrengut
Dr. Michael Ehrengut

Leider sind in Deutschland Bidets nicht sehr verbreitet, selbst in Neubauten nicnt. Doch sie sind die Lösung des Problems.

#9 |
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Weitere medizinische Berufe

Die Erfahrungen von Dr. Ferrari kann ich nur bestätigen
Von Geberit gibt es einen WC Aufsatz mit Spühlung in/an After. Das System ist selbstreigend.
In Thailand sit in fast allen WC ein solcher Schlauch angebracht nur die modernen Luxushotels verzichten auf diese Einrichtung, warum auch immer.
Ich findes es hervorragend nicht nur an den Händen sauber zu sein sondern auch da.

#8 |
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Es dürften nicht die Hämorrhoiden gewesen sein, die den Herscher gequält haben, sondern eine akute Analthrombose.
Hätte Napoleon einen guten Leibarzt gehabt, der diese Thrombose mit einem beherzten Schnitt eröffnet hätte, wäre die weitere Geschichte Europas vielleicht anders verlaufen

#7 |
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Wenn man nach jeder Defäkation den After gründlich mit Wasser reinigt, treten die meisten beschriebenen Leiden gar nicht auf.Ein Bidet muss gar nicht so teuer sein. Es gibt Schläuche mit einem kleinen Duschkopf am Ende mit einem Griff, durch den man den Wasserstrahl regulieren kann. Der Schlauch wird an die Wasserversorgung der Toilette angeschlossen.

#6 |
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Gesundheits- und Krankenpflegerin

Wie sind die Erfahrungen mit Diltiazem 2% in DAC Basiscreme?
Ich hab das vom Arzt bei Fissur verschrieben bekommen aber lese hier im Beitrag nur von Nitro bzw. Nifedipin.

Danke für Meinungen!

#5 |
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Medizinjournalist

Die Zulassung wurde Mitte 2010 widerrufen

#4 |
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Dr. med. ERNST  H. Tremblau
Dr. med. ERNST H. Tremblau

was hat Napoleon mit Houston zu tun ?
Journalistische Phantasie um drei Ecken ?
Tünnes war lange arbeitslos, Nun trifft Schäl ihn in feiner
Livrée eines rheinischen Grafen.Fragt Schäl “wat mäht der
Jraf so der janzen Tach?” Tünnes Auskunft: “Vormittsga tut der Reiten und nachmittags tut es ihm weh”!.-

#3 |
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Medizinfotograf / Designer

Noch ein paar Hinweise, wieso Hämorrhoiden überhaupt auftreten -Ursachen? und wie sie sich vermeiden lassen, hätte ich mir auch noch gewünscht. Aber trotzdem Danke für den umfangreichen Beitrag.

#2 |
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Dr. Martin Kauer
Dr. Martin Kauer

Vielen Dank für einen so außerordentlich pragmatisch geschriebenen Beitrag!
Die Glucocorticoide werden nicht verteufelt sondern es wird beschrieben, wie sie – vorausgesetzt “richtig” angewendet – mit ihrer segensreichen Wirkung selbstinduzierende Teufelskreise zu druchbrechen vermögen!
Ich darf dies aus eigener leidvoller Erfahrung nur bestätigen.

#1 |
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