Bitten an Bahr: Hugh, wir haben gesprochen

27. Juli 2011
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Unter Politik-Lethargie leiden die Mitglieder der DocCheck-Community nicht. Ob per Video oder eMail: Etliche Kolleginnen und Kollegen ließen bei „Bitten an Bahr“ ihrer Kritik freien Lauf oder formulierten Verbesserungsvorschläge.

Einen solchen Beraterkreis hatte Bundesgesundheitsminister Daniel Bahr (FDP) sicher noch nie: Allgemeinmediziner, Fachärzte, medizinische Fachangestellte, Heilpraktiker, Apotheker und auch Medizinstudenten griffen zu Kamera, Maus und Tastatur, um ihre Empfehlungen einzubringen. Sie alle sorgen sich um ein Gesundheitssystem, das einerseits funktionstüchtig und finanzierbar bleiben muss, andererseits aber auch die Existenz der Gesundheitsberufe sichert. „Bemühen Sie sich darum, die Achtung des Arztberufes wiederherzustellen, der seit vielen Jahren nur noch als „Leistungserbringer“ tituliert wird“, so eine der Bitten an Bahr. Diese Achtung dürfe sich ruhig auch in einer angemessenen Honorierung widerspiegeln, wie sie anderen akademischen Berufen auch entgegengebracht werde.

Leere am Land

Die Folgen des fehlenden politischen Respekts machen sich schon heute in einigen ländlichen Gegenden bemerkbar: Praxisschließungen sind eher die Regel als die Ausnahme. Kein Wunder: Arbeitstage von 7 bis 21 Uhr und oftmals mehrere zigtausend Euro an Leistungen, die ohne Honorar abzuleisten sind – das lockt keinen Nachwuchs an. Jetzt sollen Kollegen, die es dennoch wagen, die Landarztpraxis hinterm Deich zu übernehmen, besser entlohnt werden. Dafür hat Bahr 300 Millionen Euro zusätzlich in Aussicht gestellt, umgerechnet 830 Euro brutto pro Person. Auch ist vorgesehen, Honorare regionalisieren zu können, etwa über einen Strukturfonds. Der Bundesgesundheitsminister möchte ebenfalls die Abstaffelung von Regelleistungsvolumina in unterversorgten Regionen abschaffen. Damit minimiert sich für Kollegen das Risiko möglicher Regresse. Und die Bedarfsplanung soll flexibler werden. Vertreter der Länder bekommen dazu erweiterte Befugnisse bis hin zur Erteilung von „Sonderbedarfszulassungen“ bei Versorgungsengpässen.

Kollegen halten das Paket dennoch nicht für ausreichend, sie fordern zusätzlich befristete Entlastungen bei der Einkommenssteuer. Eine weitere Idee: „Der Herr Gesundheitsminister sollte die Bemessungsgrenze der Sozialabgaben wesentlich (mindestens 100%) anheben oder besser abschaffen. Diese führt dazu, dass jemand, dessen Einkommen genau dieser Grenze entspricht, genau so viel an Sozialabgaben bezahlt wie jemand, der ein Einkommen von einer Million hat.“

Leistung lohnt sich nicht

Das betrifft aber nicht nur Kollegen auf dem flachen Land – auch Fachärzte in Ballungszentren haben ihre liebe Not mit dem Budget. Ein Facharzt, „das sind drei Pizzen“, aber keine Investitionen in neue Geräte. Da verwundert es nicht, wenn sich immer mehr Mediziner in den skandinavischen Ländern, der Schweiz oder in England niederlassen. „Ist dem Staat ärztliche Arbeit nicht mehr wert?“, eine Frage die sich etliche Community-Mitglieder gestellt haben. „Ärzte wollen sich auf das Wesentliche konzentrieren, diagnostizieren, beraten, therapieren, und sie wollen dafür gerecht entlohnt werden.“ Eine bundesweite Lösung könne die Direktabrechnung mit den Patienten sein, inklusive eines Selbstbehalts von 20 Prozent ab einer gewissen Einkommensgrenze zusammen mit einem steuerfinanzierten Ausgleich.

Woher die Gelder aber kommen könnten, ist klar: Weniger Verwaltung, mehr Medizin, so lässt sich die Zauberformel auf einen Nenner bringen. Dazu eine Bitte an Bahr: „Heben Sie die Industrialisierung des Gesundheitswesen auf, weniger Manager, mehr Verantwortung bei dem “workfloor”. Stellen Sie die Behandler-Patient Beziehung wieder her. Kleine Teams die ein paar Patienten betreuen. Sie werden staunen, wie viel Einsparpotenzial entsteht.“

Arzneimittel: gut versorgt, sinnvoll gespart

Das trifft auch auf die Pharmakotherapie zu: Seit Jahren werden Kollegen nicht müde, Positivlisten mit medizinisch und ökonomisch empfehlenswerten Arzneistoffen zu fordern. Schon 1992 plante die damalige schwarz-gelbe Bundesregierung eine entsprechende Datensammlung, setzte diese aber schlussendlich nicht um. Und 2003 folgte dann das Aus für ein weit gediehenes Arzneimittel-Positivlistengesetz. Stattdessen setzten sich Negativlisten, Beispiel Priscus-Liste, durch: Das Papier summiert Arzneistoffe, die bei älteren, multimorbiden Patienten als kritisch einzustufen sind. Positivlisten mit prospektiven Studien als Basis brächten weitaus mehr. Harte Kritik kam deshalb auch von einer DocCheck-Leserin: „Warum wartet man eigentlich auf eine Entscheidung der von der Pharmalobby korrumpierten Politik, wenn sich – wenn wir ehrlich sind – genau deshalb niemals zugunsten einer Arzneimittel-Positivliste entschieden wird?“. Ein anderes Community-Mitglied ergänzt: „In der Regelpraxis kommt man mit zirka 100 Medikamenten aus.“ Und nicht jedes Medikament, das von der Pharmaindustrie ausgegeben werde, solle auch sofort vom Arzt verschrieben werden. Das hat seine Gründe: Gerade neue Präparate sind in Deutschland vergleichsweise teuer. Zwar hat der Gesetzgeber der freien Preisgestaltung mit dem Gesetz zur Neuordnung des Arzneimittelmarktes, kurz AMNOG, einen Riegel vorgeschoben, aber nur theoretisch. Praktisch entscheidet bei Unstimmigkeiten eine Schiedsstelle, mit zweifelhaftem Erfolg.

Kopf oder Bürger?

Auch mit verschiedenen Modellen der Krankenversicherung beschäftigten sich die DocCheck-Kollegen. „Das Gesundheitssystem entwickelt sich immer mehr zur Zwei-Klassen-Gesellschaft“, kritisiert ein Kollege. Kürzlich brachten Vertreter von SPD und Grünen die Bürgerversicherung wieder ins Gespräch: ein großer Topf für alle, der gleiche Leistungen bietet und dessen Beiträge sich – im Gegensatz zur Kopfpauschale – strikt am Einkommen der Versicherten orientieren. Von der Theorie her bringt dies mehr Geld in die Säckel und schafft eine gerechtere Verteilung aller Leistungen. Indes sind sich die Oppositionsparteien nicht einig, wie weiter verfahren werden soll.

„Unsere Politik im Gesundheitswesen ist lahm und schwerfällig und unbeweglich!“, fassen viele Community-Mitglieder den Status quo zusammen. Das ist mittlerweile auch Daniel Bahr klar geworden. Er hat sich nicht vor Reformen gescheut, aber kürzlich seinen Meister gefunden: Bundesfinanzminister Wolfgang Schäuble (CDU) stoppte kurzerhand alle Träume in Form des geplanten Versorgungsgesetzes. Ein interner Vermerk rügt vor allem die fehlende Gegenfinanzierung, eine der schwarz-gelben Maximen im Zeitalter von Schuldenbremsen. Bundesärztekammerpräsident Dr. Frank Ulrich Montgomery hingegen warnte, Schäuble dürfe nicht zum „Allesblockierer“ werden. Und das bei einem der wichtigsten Güter, unserer Gesundheit.

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