Studi-Sprechstunde: Der Ton macht die Musik

16. Dezember 2015
Teilen

Es ist für immer mehr Patienten alltäglich, das allwissende Internet bei Krankheiten und Symptomen um Hilfe zu fragen. Doch die online-basierte Kommunikation mit Patienten stellt angehende Ärzte vor neue fachliche und emotionale Herausforderungen.

Was an Fragen zur Gesundheit früher nur durch den Gang zum Arzt geklärt werden konnte, wird heute vielfach im Internet diskutiert. Beispielsweise nutzen immer mehr Menschen medizinische Expertenforen im Internet, in denen sie sich von Ärzten beraten lassen können. Wissenschaftler des Leibniz-WissenschaftsCampus Tübingen „Bildung in Informationsumwelten“ haben ein Online-Forum entwickelt, das sowohl als Lern- als auch Untersuchungsumgebung genutzt wird. Medizinstudierende des neunten Fachsemesters haben dort im Rahmen einer Lehrveranstaltung Patientenanfragen beantwortet. Mit der Studie wurde untersucht, wie die Formulierung der Anfragen von Patienten das Antwortverhalten angehender Mediziner beeinflusst.

Schulmedizinische Auffassung ohne Beziehungsaufbau?

Die Ergebnisse der Untersuchung zeigen, dass Medizinstudierende auf emotionale Patientenanfragen auch emotionaler antworten als auf wissenschaftlich formulierte Anfragen. Generell nutzen Medizinstudierende aber unabhängig von der Wissenschaftlichkeit der Anfrage viele wissenschaftliche Begriffe. Außerdem zeigt die Studie, welche Rolle das persönliche Gesundheitsverständnis der Medizinstudierenden in Bezug auf ihre Antworten spielt. Studierende, denen wissenschaftliche Erkenntnis, standardisierte Tests und Leitlinien besonders wichtig sind, d. h. die eine stark schulmedizinische Auffassung von Medizin vertreten, gaben wissenschaftlichere Antworten und reagierten weniger emotional zugewandt. Sie bemühten sich außerdem weniger um den Beziehungsaufbau zu den Patienten.

Zusammenfassend lässt sich sagen, dass auf Seiten der Medizinstudierenden online-basierte Patientenkommunikation bereits im Studium geübt werden kann und dies angesichts der gestiegenen Relevanz auch geschult werden sollte. Die Ergebnisse dieser Studie legen nahe, dass Forenantworten von medizinischen Experten meist wissenschaftlich geprägt sind. Wer aber emotionale Unterstützung oder Lebensrat sucht, sollte seine Ängste explizit formulieren – sonst wird die Antwort in Online-Foren auf der Faktenebene bleiben.

Hürde durch Kommunikationsproblemen

Die internet-basierte Kommunikation stellt eine neue Herausforderung für Ärzte dar, auf die sie bereits im Studium vorbereitet werden sollten. Patienten erwarten sich von einer Online-Beratung ähnliche Aspekte wie von einer persönlichen Sprechstunde, nämlich emotionale Unterstützung und eine verständliche Vermittlung von Fachinformationen. Ein Online-Expertenforum stellt jedoch eine stark reduzierte Kommunikationssituation dar. Es besteht dort keine Möglichkeit, nonverbale Äußerungen wie Gesichtsausdruck, Körperhaltung oder andere körperliche Gegebenheiten von Patienten zu erkennen und zu interpretieren. Der Formulierung der Anfrage eines Patienten und der jeweiligen Antwort kommt daher eine besondere Bedeutung zu.

Originalpublikation:

Impact of scientific versus emotional wording of patient questions on doctor-patient communication in an Internet forum: A randomized controlled experiment with medical students.
Martina Bientzle et al.; Journal of medical Internet Research, doi: 10.2196/jmir.4597; 2015

3 Wertungen (4.67 ø)

Die Kommentarfunktion ist nicht mehr aktiv.



Copyright © 2017 DocCheck Medical Services GmbH
Sprache:
DocCheck folgen: