Street Anatomy: Eine Körperkunst für sich

9. Dezember 2015
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Der Mensch als Maschine – diesen Vergleich kennt wohl jeder. Und er ist nicht ganz von der Hand zu weisen. Milliarden von Einzelteilen machen unseren Organismus zu einem perfekt funktionierenden System, das auch in Kunstfragen einiges zu bieten hat.

Ein Klumpen Fleisch, durchzogen von einem chaotischen System aus Höhlen, Wänden und Klappen. Seltsam wellige Oberflächen mit Furchen, scheinbar ohne jede Ordnung und ohne jedes Konzept. Der menschliche Körper – gerade von innen betrachtet – gewinnt nicht zwangsläufig einen Schönheitspreis. Von mangelnder Fantasie und Abwechslung vermag aber selbst der anspruchsvollste Kunstkritiker nicht zu sprechen. Dennoch ist diese Welt eigentlich den Medizinern, Anatomen, Medizinstudenten und sonstigen Heilschaffenden vorbehalten. Eigentlich. Aber die Beschäftigung mit der menschlichen Anatomie ruft vermehrt Künstler auf den Plan.

Was Gunther von Hagens mit seiner mittlerweile weltbekannten Ausstellung „Körperwelten“ ins Leben gerufen hat, wird heute von Künstlern wie den Schaffern von Street Anatomy in teils spektakulärer Form perfektioniert. Dabei beschreiten sie nicht selten den genau umgekehrten Weg wie von Hagens’ Team. In den Körperwelten geht es darum, aus echten anatomischen Präparaten künstlerische „Attraktionen“ zu gestalten. Bekannt ist z. B. ein präparierter Menschenkörper, der – alle Muskeln sichtbar – mit dem Basketball einen Sprung Richtung Korb andeutet. Sogar Sexszenen sind dargestellt, was bei Experten wie Prof. Manfred Zoller auf Kritik stößt: „Das hat mit anatomischer Kunst wenig zu tun und lässt jegliche Pietät vermissen.“

Street Anatomy: Verschmelzung von Herz und Verstand

Street Anatomy wurde im Jahr 2007 von Vanessa Ruiz gegründet und hat sich als Ziel gesetzt, anatomische und medizinische Abbildungen aus dem engen wissenschaftlichen Rahmen zu befreien und künstlerisch aufzuarbeiten. Künstler haben hier die Möglichkeit, die Anatomie in zeitgenössische Kunst, Tätowierungen, Mode und Straßenkunst umzuwandeln. Aus einem an sich schon bizarr aussehenden Organ vermag mit etwas künstlerischem Geschick und Fantasie eine ganze Bandbreite an künstlerischen Elementen geschaffen werden. Die so wichtige und gleichzeitig gefürchtete Zahnprothese zum Beispiel: Wer hätte gedacht, dass sich hieraus Accessoires wie Aschenbecher oder gar eine Haarbürste zaubern lassen? Ein ebenfalls zu Street Anatomy gehörender Künstler aus Los Angeles hat sich genau hierauf spezialisiert. Wer als Material billigen Kunststoff erwartet, wird eines Besseren belehrt: Verwendet wird echtes Acryl – ganz so wie in der Zahnmedizin.

Ebenfalls beliebt und in der Szene bekannt ist der spanische „Anatomie-Künstler“ Emilio Garcia. Sein Steckenpferd? Das menschliche Gehirn. Schon tausende von Modellen hat der Spanier auf Basis der Struktur unserer Denkfabrik angefertigt, so zum Beispiel eine Hirn-Herz-Skulptur – handmade in Spain. Das äußerst detailgetreue Modell überrascht mit einer Besonderheit: Während die Form und Größe im Prinzip haargenau das menschliche Herz abbildet, ist die Oberfläche der Herzkammern mit den typischen Furchen des Gehirns überzogen. Quasi eine Verschmelzung von Herz und Verstand – etwas künstlerische Fantasie vorausgesetzt.

Gesellschaft geht auf Distanz

Prof. Manfred Zoller ist wenig erbaut über die teilweise sehr abenteuerlichen Kreationen der Street Anatomy. Der Berliner Kunstwissenschaftler ist gleichzeitig Facharzt für Anatomie und mahnt eine engere Orientierung der Kunst an die Wissenschaft an. „Eine Pistole aus Gehirnmasse und Leber – wie im Kontingent von Street Anatomy – ist keine seriöse anatomische Fertigkeit, hiervon möchte ich mich distanzieren“, so das Gründungsmitglied der Gesellschaft für Anatomie und Bildende Kunst e. V.

Die Verschmelzung von Anatomie und darstellender Kunst ist zudem nicht allein Gunther von Hagens und Street Anatomy vorbehalten, sondern wird bereits seit vielen Jahren betrieben. „Die Anatomie ist nicht zufällig das ‚grundlegendste‘ Fach in der medizinischen Ausbildung. Nicht umsonst waren Teile dieses medizinischen Fachgebietes als Künstleranatomie traditionell auch an Kunstakademien ein wichtiges Grundlagenfach“, heißt es auf der Website der Gesellschaft für Anatomie und Bildende Kunst e.V. Gearbeitet wird mit hochgradig detailgetreuen Modellen, auch tieranatomische Präparate werden als Vorbilder für hochwertige Skulpturen herangezogen. Der Verzicht auf spektakuläre Auswüchse wie das kopulierende Paar oder der Basketballstar der „Körperwelten“ ist Programm. „Wir wollen nah an der Wissenschaft bleiben“, resümiert Zoller.

Betrachter nicht verschrecken

Die Anatomie bietet auch ohne künstlerische Ader eine ganze Reihe von faszinierenden Strukturen. Eine gewisse Ästhetik ist Herz, Leber, Lunge und Co. nicht abzuschreiben. Dennoch wirken viele Elemente unseres Inneren auch abschreckend. Und genau das sollte bei den zahlreichen Ausstellungen und öffentlichen Darbietungen der Künstler bedacht werden. „Die Betrachter dürfen nicht verschreckt werden, weder im ästhetischen noch im moralischen Bereich“, heißt es von Seiten der Gesellschaft für Anatomie und Bildende Kunst.

Teilweise schon in den Biologieräumen von Schulen finden sich aber entsprechend fehlgebildete Embryonen, mit Formalin dauerhaft haltbar gemacht. Ein typischer Fall, der auf viele Betrachter äußerst verstörend wirkt. Oder die dreiköpfige Kuh – natürlich hat es sie gegeben. Sollten solche Betrachtungsweisen allein der Wissenschaft oder einem wirklich isolierten Fachpublikum überlassen bleiben? Möglicherweise auch speziell interessierten Zeitgenossen?

Kunst mit Zukunft

In jedem Fall gilt es, die noch wenig etablierte Anatomie-Kunst weiter zu verbreiten. Sowohl Street Anatomy als auch Manfred Zollers Gesellschaft sehen sich hier in der Pflicht. Regelmäßige Ausstellungen und Symposien zeugen davon. Und vielleicht erleichtern sie ja sogar dem ein oder anderen Medizinstudenten das Lernen.

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