NEK: Probiotika im Fadenkreuz

15. Dezember 2015
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Die nekrotisierende Enterokolitis (NEK) gilt als gefürchtete Komplikation bei Frühgeburten. Kürzlich veröffentlichte Daten zeigen, dass protektiv verabreichte Probiotika völlig wirkungslos sind. Wissenschaftler raten entgegen früherer Empfehlungen von der Gabe ab.

Bei jedem zehnten Frühchen mit weniger als 1.500 Gramm Geburtsgewicht kommt es zu einer nekrotisierenden Enterokolitis mit Gewebeuntergang im teminalen Ileum und im Colon ascendens. Perforationen führen zur gefürchteten Sepsis. Trotz zahlreicher Fortschritte in der Neonatologie sind die Häufigkeit und die Mortalität nahezu unverändert geblieben. In älteren Studien ist es zwar gelungen, Risikofaktoren zu identifizieren. Dazu zählen kardiovaskuläre oder gastrointestinale Defekte, Infektionen, aber auch medizinische Eingriffe oder Arzneimittel. Wissenschaftler kritisieren, die Paramater beschrieben lediglich Risikopatienten, seien aber per se keine Auslöser. Schon lange suchen sie nach Möglichkeiten, um präventiv einzugreifen.

Punkten Probiotika?

Die fünf Jahre alte S2k-Leitlinie „Nekrotisierende Enterokolitis (NEK)“ nennt Probiotika als mögliche Option, verweist aber gleichzeitig auf die schlechte Datenlage. Lactobacilli und Bifidobacteriae sollen pathologische Bakterien verdrängen, um die Darmflora in die richtige Richtung zu lenken. Eine Cochrane-Analyse sieht ebenfalls Vorteile von Probiotika. Jetzt hat Kate Costeloe aus London Resultate einer randomisierten klinischen Studie veröffentlicht. Sie wählte 1.315 Säuglinge aus, die zwischen der 23. und 30. Schwangerschaftswoche geboren wurden. Frühchen erhielten randomisiert entweder Bifidobacterium breve BBG-001 oder Placebo. Costeloe startete am Tag nach der Geburt und setzte die Applikation bis zum theoretisch errechneten Geburtstermin fort. In der Probiotika-Gruppe trat bei 61 Kindern (9 Prozent) eine nekrotisierende Enterokolitis auf – verglichen mit 66 Fällen (10 Prozent) unter Placebo. In beiden Gruppen kam es ähnlich häufig zur Sepsis. Unter Verum berichtet die Forscherin von 73 Säuglingen (11 Prozent); in der Placebo-Gruppe waren es 77 Säuglingen (12 Prozent).

Bakterien mit Folgen

Gleichzeitig schreibt Kate Costeloe, dass Probiotika nicht unbedingt harmlos seien. Im letzten Jahr hat Solgar das Präparat ABC Dophilus® freiwillig zurückgezogen, nachdem Kontaminationen mit einem Pilz aufgetreten waren. Die US Food and Drug Administration (FDA) berichtet von einem Todesfall. Bleibt als Fazit, dass es keine evidenzbasierte Prophylaxe gegen nekrotisierende Enterokolitiden gibt. Kinderärzten bleibt nur, betroffene Kinder parenteral zu ernähren, Antibiotika zu verabreichen und gegebenenfalls chirurgisch zu intervenieren.

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Forschung, Pharmazie

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2 Kommentare:

Danke für den Hinweis! Hier das Zitat: “73 (11%) infants in the probiotics group had sepsis compared with 77 (12%) in the placebo group.”

#2 |
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Meinolf Reis
Meinolf Reis

Im letzten Satz des 2. Absatzes soll es wohl heißen, dass unter Verum (=Probiotika) 73 Säuglinge (=11%) und in der PLACEBO-Gruppe (NICHT: PROBIOTIKA-Gruppe) 77 Säuglinge (12 Prozent) eine Sepsis entwickelten!?

#1 |
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