Hypoglykämie: Das unterzuckerte Sandmännchen

11. Dezember 2015
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In vielen Studien suchen Wissenschaftler nach schweren Hypoglykämien als Folgen der Diabetestherapie. Einer neuen Untersuchung zufolge sollten leichte Unterzuckerungen ebenfalls berücksichtigt werden. Besonders häufig treten schlechte Werte zu später Stunde auf.

Schwere Hypoglykämien sind bei oralen Antidiabetika oder bei Insulinen ein bekanntes Problem. In Großbritannien führen beispielsweise Sulfonylharnstoffe zu mehr als 5.000 Notfallbehandlungen pro Jahr. Diabetologen kritisieren, dass rund 98 Prozent aller Fälle leicht – sprich klinisch unauffällig – verlaufen. Sie schätzen, dass bei Patienten mit Typ-1-Diabetes pro Woche 0,1 bis 0,8 entsprechende Ereignisse auftreten. Bei Typ-2-Diabetes sind es im gleichen Zeitraum 0,3 bis 0,6 Ereignisse. Jetzt hat Brian M. Frier, Edinburgh, deutlich höhrere Zahlen publiziert.

Häufiger als erwartet

Frier rekrutierte 466 Patienten mit Typ-1-Diabetes und 572 insulinpflichtige Typ-2-Diabetiker. Alle Teilnehmer mussten vier Wochen lang die Anzahl leichter Hypoglykämien erfassen. Pro Woche kam es zu 2,4 (Typ-1-Diabetes) beziehungsweise 0,8 (Typ-2-Diabetes) derartigen Entgleisungen. Jede fünfte Unterzuckerung ereignete sich während der Nachtstunden – und zeigte deutlich länger unerwünschte Folgen. Betroffene leiden an Müdigkeit, verminderter Aufmerksamkeit oder emotionaler Labilität. Häufig kam es zu Krankschreibungen. Die meisten Befragten gaben an, ihren Arzt oder Apotheker nicht zu informieren. Mediziner fragen bei Routinekontrollen ihrerseits zu selten nach möglichen Hypoglykämien. Bleibt als Kritikpunkt, dass Friers Arbeit nicht frei von Mängeln ist. Wie gewissenhaft Probanden ihre Messungen durchgeführt haben, bleibt fraglich.

Besser messen

Deshalb ist es mit einem Aufruf an Ärzte und Apotheker, besser mit Diabetikern zu kommunizieren, nicht getan. Viele Patienten haben nach wie vor Hemmungen, regelmäßig Blut aus der Fingerbeere zu entnehmen. Ihnen könnte ein neuer High-Tech-Sensor helfen, der seit Ende 2014 zugelassen ist. Das Tool bestimmt über ein Filament fortlaufend Glukosewerte in der Gewebsflüssigkeit des Unterhautgewebes. Entsprechende Daten lassen sich per Lesegerät abrufen. Krankenkassen haben die Bedeutung guter Messungen erkannt: Seit Juni testet die DAK-Gesundheit bei 1.000 im Disease-Management-Programm eingeschriebenen Versicherten, ob sich das neue System im Alltag bewährt. Andere GKVen haben ähnliche Planungen. Bei schnellen Veränderungen des Glukosespiegels kommt das klassische Blutzuckermessgerät trotzdem noch zum Einsatz.

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Forschung, Pharmazie

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2 Kommentare:

Dr. Andreas Müller
Dr. Andreas Müller

Das angesprochene “neue System” verfügt im Gegensatz zur kontinuierlichen Glukosemessung nicht über eine Warnfunktion bei unbemerkten Hypoglykämien.
Die klassische Glukosemessung aus der Fingerbeere kann durch beide Systeme auf Grund der Glukosedynamik in der interstitiellen Flüssigkeit nicht vollständig ersetzt aber sinnvoll ergänzt werden.

#2 |
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Apothekerin

wäre zur Erfassung von Hypoglykämien nicht die Verwendung des traditionellen CGM sinnvoller als der “neue High-Tech-Sensor”?
gibt ja durchaus Gründe für die Preisunterschiede zwischen CGM und FGM…
bleibt zu hoffen, dass die KK bei einer Indikation für eine CGM nicht grundsätzlich auf die kostengünstigere “Alternative” verweisen

#1 |
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