Integrative Onkologie: Hilfe aus der Hexenküche

29. Juli 2011
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Heilkräuter bei der Krebsbehandlung? Was soll das denn? Was auf den ersten Blick nach Quacksalberei aussieht, entpuppt sich bei näherem Hinsehen als wissenschaftlich geprüfte Ergänzung zu Methoden der klassischen Onkologie. Zwei Vertreter der „integrativen Onkologie“ haben ihre Methoden nun in einem Buch dokumentiert.

„Über lange Zeit hinweg gab es zwischen moderner Hochleistungsmedizin und Naturheilkunde einen Grabenkrieg. Übrig geblieben ist dabei der Patient.“ Gustav Dobos ist ein Vorreiter in Deutschland. Sein Ziel ist es nicht, mit „alternativen“ Heilmethoden die althergebrachte Schulmedizin zu revolutionieren, sondern beides zu verbinden. Denn noch immer sind in onkologischen Abteilungen Fragen wie diese an der Tagesordnung: „Was wollen Sie bei einer lebensgefährlichen Krankheit mit Heilkräutern?“

Zwei von Drei greifen insgeheim zur Naturmedizin

Die Heilkräuter-Website des renommierten Memorial Sloan-Kettering-Instituts erfreut sich enormer Beliebtheit. Rund 5.000 mal am Tag suchen Besucher per Mausklick nach natürlichen Wegen zur Besserung ihrer Beschwerden. Nicht nur das Krebszentrum in New York interessiert sich schon seit geraumer Zeit für Methoden, die über die Schulmedizin hinausgehen. An fast allen bekannten Krebszentren der USA wie etwa der Mayo-Klinik in Rochester oder der Johns-Hopkins-Klinik in Baltimore gehört eine Abteilung für „integrative Onkologie“ zur Ausstattung. Rund 130 Millionen Dollar fließen pro Jahr in die Forschung der Komplementärmedizin.

Die Ausgaben spiegeln auch die zunehmende Nachfrage der Krebspatienten wieder. Zwei Drittel greifen zusätzlich zur Chemo– oder Strahlentherapie zur Mitteln der Naturheilkunde. Sehr oft ohne dass der behandelnde Arzt etwas davon erfährt. Wenn die Nebenwirkungen der Therapieangebote aus der modernen Spitzenmedizin unerträglich werden, riskieren sie entweder einen Therapieabbruch oder machen sich selbst auf die Suche nach Mitteln, die ihnen Hoffnung versprechen – im Kampf gegen den Krebs oder zumindest gegen die Schmerzen an Leib und Seele.

Individuelle Therapie dank umfangreicher Datenbank

Unter der Leitung von Gustav Dobos versucht man in den Kliniken Essen-Mitte einen neuen Weg, über den ein kürzlich erschienenes Buch „Gemeinsam gegen Krebs – Naturheilkunde und Onkologie“ berichtet. Seit Anfang letzten Jahres bekommen Patienten in der integrativen Onkologie neben effektiven Krebsmedikamenten wie Antikörper, modernen Zytostatika oder gezielter technikgeführter Bestrahlung auch Ringelblumensalbe gegen Schäden der harten Strahlen auf der Haut, Kältebehandlungen gegen Veränderungen der Nägel oder Akupunktur gegen Muskelschmerzen.

Mitautor Sherko Kümmel, Leiter des Brustzentrums der Kliniken, legt Wert darauf, kein „Alternativer“ zu sein: „Bei uns gibt es keine Misteltherapie für alle Patientinnen“. Stattdessen steht die Verpflichtung für alle Mitarbeiter, sich ständig auf dem Laufenden bei der Behandlung von Mammakarzinomen zu halten. Weil sich das onkologische Wissen bei Brustkrebs etwa alle zwei Jahre verdoppelt, haben die Informatiker in Essen eine spezielle Datenbank entwickelt, auf die alle zugreifen können, die mit der Behandlung eingebunden sind, also auch Physiotherapeuten, Masseure oder Ernährungs-Spezialisten. Leitlinien, Zwischenergebnisse laufender Studien und neueste Veröffentlichungen fließen ebenso wie Fallanalysen bisheriger Behandlungen in den Datenbestand von „SenoExpert“ ein, sodass in den interdisziplinären Fallkonferenzen für jede Patientin eine individuelle Therapieempfehlung entsteht. Wichtigster Punkt ist aber für die Spezialisten die Mitbestimmung der Patientinnen bei der Therapie. Nur wenn sich der Patient gut aufgehoben und nicht übergangen fühlt, schwinden Angst und Stress. Eine positive Einstellung, so zeigen Studien, führt zu signifikant verlängerter Lebenserwartung.

Erdbeben, Stärke 8

„Die Diagnose ,Sie haben Brustkrebs‘ trifft den Patienten erst einmal wie ein Erdbeben der Stärke 8 auf einem Quadratmeter“ berichtet Dobos. Sämtliche Hormone signalisieren höchste Alarmstufe und bereiten den Körper auf Flucht- oder Abwehrreaktionen vor. Entspannungstechniken und Meditation, aber auch kalte Güsse unterstützen die Bemühungen, von diesem Alarmzustand herunterzukommen. Metastudien konnten zeigen, dass etwa Achtsamkeitsmeditation einen wichtigen Beitrag zur Stärkung der Abwehrkräfte leistet. Diese Therapieoption ist inzwischen Teil der Leitlinien für die Brustkrebs-Behandlung geworden. Bewegung und richtige Ernährung sind ebenfalls Teil der Abwehrstrategie gegen den unsichtbaren Feind, der sich im Körper eingenistet hat. Aber Achtung: Grapefruit kann Teile des wichtigen Cytochom P450-Systems hemmen und damit die Toxizität einer Chemotherapie steigern. Johanniskraut hat eher eine gegenteilige Wirkung. Noch eine Reihe weiterer Pflanzeninhaltsstoffe führen Dobos und Kümmel in ihrem Buch auf, die unter Umständen sogar das Tumorwachstum fördern und somit tabu sind. Dagegen, so besagen Untersuchungen, steigern Obst und Gemüse in Kombination mit Sport die Überlebensrate bei Brustkrebs erheblich.

Mind-Body-Medizin

Besonderes Augenmerk legen die Autoren im Buch und in der Praxis in Essen auf die „Mind-Body-Medizin“: Yoga, Meditation und weitere Konzentrations- und Entspannungstechniken helfen mit, den Lebensstil während und nach der Krebsbehandlung langfristig zu verändern. Eine „kognitive Umstrukturierung“ schwächt Gedanken ab, die dem Heilungsprozess entgegenstehen, wie Selbstzweifel und unbegründete Ängste. Sie kann Schmerzen dämpfen und Nebenwirkungen wie etwa Übelkeit lindern. Am wichtigsten ist aber die Erfahrung, dass Patienten selbst ihre Krankheit beeinflussen können und den Ärzten nicht hilflos ausgeliefert sind.

Auf dem Marktplatz der Heilmittel gegen die Qual einer Chemotherapie oder den wuchernden Zellhaufen im Körper tummeln sich auch Scharlatane oder selbst ernannte Gesundheitsapostel: Das Buch warnt vor Haifischknorpelextrakten, Kletten- oder Rhabarberwurzel, oder „Galavit“ aus russischen Quellen. 300 Primärliteraturstellen im Buch belegen dagegen die Wirksamkeit der Strategie, Naturheilkunde und klassische Onkologie zusammenzuführen. Wenn man die hohe Therapieabbruch-Quote aufgrund von Nebenwirkungen bedenkt, sparen die Investitionen in die ergänzenden Mittel der Natur und alten überlieferten Heilmethoden auf Dauer Kosten und erhöhen die Chancen für die Patientinnen.

Die Zahl der Krebskranken wächst. Im Jahr 2020 werden es um die Hälfte mehr sein als heute. Immer öfter sind es alte Menschen mit angegriffener Gesundheit, die eine aggressive Tumortherapie nicht mehr gut vertragen. In Deutschland gibt bisher nur wenige Krebszentren, die eine komplementäre Behandlung zur Schulmedizin anbieten. Wenn aber Patienten von sich aus nach Mitteln suchen, um ihre Chancen zu erhöhen und Beschwerden zu lindern, sollten sich Ärzte davor nicht verschließen. „Die Medizin muss wissenschaftlicher werden – und trotzdem menschlicher“, so schreibt Dobos, „Wille und Wunsch des Patienten sollten von der Medizin nicht länger als Stolperstein der Behandlung verstanden werden, sondern als Ressource“.

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Medizin, Onkologie

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12 Kommentare:

Gesundheits- und Krankenpflegerin

Hallo Herr Hennig,
ja, ich glaube auch das es ein Umdenken im laufe der nächsten Jahrzehnte geben wird, aber darauf konnte ich mich als ehemals schwer erkrankte nicht trösten. Obwohl ich kein medizinisches Studium absolviert habe, konnte ich bei Heilkundigen aus der ganzen Welt mehr über die Natur des Menschen lernen, als das tief spezialisierte Wissen der Forschung z.Z. ermöglicht. Die “einzelne” Zelle wird zum biochemischen Schlachtfeld, die hochkomplexe Signalübertragung der Lebewesen als “System” nicht erfahrbar. Ich habe auch mutige Onkologen kennengelernt, aber auch viel Dogmatismus. Ich denke, wenn man sich für den Beruf des Arztes entscheidet, muß ich einfach bereit sein, auch über geltende Lehrmeinungen hinaus mein Wissen zu bereichern. Vorallem dann, wenn man merkt, das wieder Grenzen erreicht sind, die “neues” Handeln verlangen. Das hat etwas mit “Mut” zu tun. :) und nicht mit Rückschritt zur “Hexenküche” :)

#12 |
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Altenpfleger

@ Nr. 13

Ich bin davon überzeugt, dass jenes von Ihnen angesprochene ignorante Verhalten kein Merkmal unserer Kultur ist, sondern lediglich Symptom eines veralteten medizinischen Systems. Überzeugt bin ich auch, dass diese auf Reduktionismus ausgelegte “Schulmedizin” die zweite Hälfte dieses Jahrhunderts nicht überleben wird. Das ist keine Frage der Ideologie, sondern eine Frage der Effizienz. Der Bildungsweg vom N.C.-Abiturienten bis zum Facharzt ist sicher einer der längsten und schwierigsten überhaupt. Wer diesen Weg bestritten hat, muss sich wohl für etwas Besonderes halten. Und irgendwie ist das auch nachvollziehbar. Vergessen wird dabei nur, dass man sich im Zuge dieser Qualifikation nicht nur enormes Wissen aneignet, sondern ebenso viel dogmatisch zementiertes Scheinwissen, welches um keinen Deut valider ist, als so manche Offenbarung aus der “Hexenküche”.

#11 |
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Gesundheits- und Krankenpflegerin

Obwohl die “Öffnung” für dieses Thema in Deutschlands Ärzteschaft lebensnotwendig für tausende Patienten ist, zeigt ja schon die Überschrift das eigentliche Dilemma.
Ich habe das Buch der beiden Ärzte gelesen und war auch enttäuscht. Es bot nichts “Neues” hinsichtlich der ergänzenden Therapien und kritisierte an anderen Verfahren. Wenn man weiß, das in Deutschland durch Prof. Popp schon ein Verfahren für Regulationsdiagnostik in der Krebstherapie geschaffen wurde, ist man einfach nur traurig, das es keine breite Anwendung in der angewandten Forschung dafür momentan gibt.
Andere Kulturen nutzen die Erkenntnisse ihrer Vorfahren effektiv und verhalten sich nicht ignorant.

#10 |
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dr. pia-lorette kleine
dr. pia-lorette kleine

sehr guter Beitrag

#9 |
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Medizinjournalist

Sehr geehrter Herr Albrecht (8),
Sie haben vollkommen recht. Auch im Gespräch mit Prof. Dobos kam die Bedeutung der Ordnungstherapie klar heraus, die sich in den USA zur “Mind-Body-Medizin” entwickelt hat.
Ich finde es aber sehr interessant – aus journalistischer Perspektive – wie wenige heute noch mit dem ursprünglichen Begriff etwas anfangen können, dagegen sehr viel mehr mit dem im Buch hervorgehobenen Begriff “Mind-Body-Medizin”,dem ein großer Teil gewidmet ist.
Zitat daraus: Bei uns in Essen steht der Begriff “Ordnungstherapie” für all jene naturheilkundlichen Behandlungsansätze, die statt auf Medikamente auf gesunde Ernährung und Bewegung sowie auf Entspannung setzen – mit dem Ziel der Slebsthilfe wie auch der Anregung de Selbstheilungskräfte.”

#8 |
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Guter Artikel, der viele mögliche Wege aufzeigt.
Zwei Andeutungen von Hinweisen seien gestattet.
Es fehlt das alles entscheidende Bindeglied die Grundsubstanz.Unter Beachtung derselben in Verbindung mit mit Regulationstherapieen bringt sicher auch die moderne Onkologie weiter.
Die so hervorgehobene Mind-Body-Medizin ist meinem Verständnis nach,die über den Teich gekommene urdeutsche Ordnungstherapie!

#7 |
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Ingrid Bergdolt
Ingrid Bergdolt

Ich bin selbst Betroffene und kann nur wünschen, dass viele Schulmediziner aufwachen und sich diesem Thema stellen.
Ich arbeite u.A. auch mit Krebspatienten, als Klang- und Gestalttherapeutin. Wie wichtig die offene Auseinandersetzung mit dem Thema ist, erlebe ich täglich.
Entspannung, Meditation, Bewegung und Ernährung sind immer wiederkehrende Themen.
Ich wünsche mir einen Zugang zu den Informationen (mind.) Bundesweit. Nicht nur für Ärzte – auch für Therapeuten und Betroffene

#6 |
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Stimme Prof. Preiss voll und ganz zu!

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Altenpfleger

Zur Krebsentstehung tragen mehrere Faktoren bei. Integrative Onkologie wird dieser Tatsache gerecht, indem sie dem eine Therapie entgegensetzt, die mehrere Komponenten vereint. Das Wirkprinzip beruht auf Synergie. An sich nichte Neues, außer vielleicht, dass die Methode nun auch in der evidenzbasierten Medizin Eingang findet.

#4 |
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Dr. Gabriele Steinmetz
Dr. Gabriele Steinmetz

Es wäre außerdem hilfreich und sinnvoll, wenn die Schulmedizin auch endlich mit qualifizierten HeilpraktikerInnen zusammenarbeiten würde und zwar zum Wohle der Patienten, die diese Behandlungen leider meistens vor den Ärzten verheimlichen!
Heilpraktikerin dr. med. vet. Gabriele Steinmetz

#3 |
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Es gibt zudem eine alternative Onkologie mit klaren Erfolgen, siehe Cellsymbiosis-Therapie, gekoppelt mit Individualisierung via Medikamententestungen. Es entwickelt sich eine Revolution von unten her.

#2 |
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Beim Lesen des Artikels fällt mir auf, dass Si enicht über alternative Onkologie, sondern über supportive Thjerapie in der Onkologie berichten. Dies praktizieren die Onkologen seit vbielen Jahren auich mit dneo.a. Mitteln, wie ringelblumensalbe, Kältebehandlung (Kältehaube (z.B. bereits vor 1980), Eislutschen, Kältehandschuhe etc. das ist wirklich nichts Neues. Es fehlt der wiohtigste Bausteiun für eine erfolgreiche Umstellung – Sport!
mit freundlichen Grüßen
Prof. Dr. J. Preiss
(s.a. Pfeiffer, Preiss, Ungerer, Integrative Onkologie Elsevierverlag 2006)

#1 |
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