Neues Werkzeug zur Zykluskontrolle

6. Juni 2013
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Die Basaltemperatur ist vor dem Aufstehen am tiefsten? Weit gefehlt. Frauen mit sehr langen Zyklen haben keinen Eisprung? Stimmt nicht. Eine neue Methode bringt Licht ins Dunkel des weiblichen Zyklus. Und kann dadurch für Kinderwunschpatientinnen sinnvoll sein.

Frauen möchten selbstbestimmt entscheiden, ob und wann in ihrem Leben sie Kinder bekommen, und wann nicht. Da ist es hilfreich, wenn der/die Gynäkologe/in für die verschiedenen Lebenssituationen und Persönlichkeiten (Unterschiede in Alter, Gewicht, Vorgeschichte) passende Möglichkeiten vorschlagen kann. Eine typische Verhütungslaufbahn sah bisher so aus: eine Jugendliche oder eine junge Frau nimmt die Pille, setzt sie ab um schwanger zu werden, wird schwanger, verhütet anschließend entweder wieder mit der Pille oder – seltener – mit einer (Hormon)Spirale.

Später Kinderwunsch durchkreuzt die Pläne

Doch nicht zuletzt dadurch, dass Frauen heute später Kinder bekommen als vor einigen Jahrzehnten, sieht die Situation oftmals anders aus. Dann mag es mit Mitte 30 mit der sofortigen Schwangerschaft nicht mehr so leicht klappen. Für die Frauen und ihre Partner beginnt eine anstrengende Zeit. Untersuchungen, Messungen, Zeitpläne bestimmen das Sexualleben, das eine gehörige Portion Entspannung vertragen könnte.

Ist der Zyklus in Ordnung?

Prof. Dr. Henry Alexander, emeritierter Leiter der Reproduktionsmedizin und Endokrinologie an der Universitätsfrauenklinik Leipzig hat über eine Dauer von zehn Jahren eine Methode entwickelt, mit der alle fünf Minuten die Körperkerntemperatur gemessen wird. An einen medizinischen Silikonring, vergleichbar dem Hormonring zur Verhütung, ist ein Messsensor angebracht. Der Ring wird, ebenfalls wie der Verhütungsring, in die Scheide eingeführt und um den Gebärmutterhals platziert. Dort kann er bis maximal 30 Tage im Körper verbleiben, oder so lange, bis er ausgelesen werden soll. Dann – spätestens am Ende eines Zyklus – wird er entnommen und der Messsensor mit einem Gerät ausgelesen. Die Kurven werden webbasiert abgelegt und gespeichert. Anhand der zahlreichen Messungen kann sehr leicht und zuverlässig festgestellt werden, ob eine Frau einen Eisprung hat und wann die fruchtbaren Tage sind.

Neue Erkenntnisse über die circadiane Körperkerntemperatur der Frau

Die Auswertung der Temperaturwerte von zahlreichen Frauen haben den Medizinern schon sehr interessante Einblicke in den Zyklus der Frau geliefert. „Die größte Überraschung war, dass die Annahme falsch ist, dass Frauen morgens kurz vor dem Aufstehen einen Temperaturtiefpunkt haben!“, erklärt Prof. Alexander. Die tiefsten Werte wurden zu unterschiedlichen Zeitpunkten zwischen 0 Uhr und 8 Uhr früh beobachtet. „Eine weitere Überraschung für uns war, dass viele Frauen mit sehr langen Zyklen, trotzdem regelmäßig einen Eisprung haben. Der findet dann allerdings erst später, um den 26. Tag oder noch später statt. Auch viele Frauen mit PCO-Syndrom haben Eisprünge, was bisher nicht bekannt war!“ Veröffentlichungen dieser Studiendaten sollen im Laufe dieses Jahres folgen.

Handhabung: noch Verbesserungspotential vorhanden

Eine Kinderwunsch-Patientin berichtet über ihre Erfahrungen: „Meine Frauenärztin schickte mich an die Unifrauenklinik, weil sie glaubte, bei mir würden mit 36 Jahren schon langsam die Wechseljahre beginnen. Die zahlreichen Temperaturmessungen zeigten, dass das nicht der Fall war und ich nur lange Zyklen aber mit regelmäßigem Eisprung hatte“. Prof. Alexander sieht in der Methode besonders eine gute Möglichkeit, um auf genau solche unterschiedlichen Voraussetzungen bei Kinderwunsch-Patientinnen individueller regieren zu können. „Dadurch könnte möglicherweise der Erfolg von Kinderwunschbehandlungen gesteigert werden“, mutmaßt der Erfinder des Gerätes. Bei der Kinderwunsch-Patientin waren die Messungen dennoch nicht von Erfolg gekrönt – das Problem lag bei ihrem Partner. Die Handhabung und das Tragen des Rings empfand die Patientin im Alltag und beim Geschlechtsverkehr als problemlos; das Auslesen der Daten hingegen als zu umständlich: „Man muss den Ring herausnehmen, sauber machen, den Messsensor entfernen und dann auslesen. Dazu benötigt man außerdem eine Internetverbindung“.

Sichere Verhütung – IUPs auch für junge Frauen

Wie gut die OvulaSens Methode von den Frauen angenommen wird, wird sich erst in der kommenden Zeit zeigen. Bisher wurde Dr. Wolfgang Hirsch, niedergelassener Gynäkologe in Berlin, von seinen Patientinnen noch nicht auf die Methode angesprochen. Mit Sicherheit wird sie in der näheren Zukunft die Pille als Verhütungsmittel Nummer 1 nicht ablösen. „Denn“, so äußert Dr. Hirsch, „für eine sichere Verhütung ist die Methode, wie alle Methoden der natürlichen Familienplanung, viel zu unsicher. Der Eisprung ist durch viele äußere Einflüsse auslösbar; da ist eine Temperaturmessung nur ein Anhaltspunkt“. „Für Frauen mit Kinderwunsch können die Temperaturkurven aber hilfreich sein“, ergänzt er. Frauen die im Schichtdienst arbeiten oder viel auf Reisen sind und Sportlerinnen mit Kinderwunsch können davon profitieren. Ein Nachteil ist sicherlich der Preis. Je nach Paket belaufen sich die Kosten pro Monat inklusive der Ringe, des Sensors und des Lesegeräts auf mindestens 35 €, maximal 73 €. Im Vergleich zu den Kosten für eine Kinderwunschbehandlung ist das überschaubar, doch für eine sichere Verhütung bieten sich andere Methoden an.

Dr. Hirsch fasst die gängigen Methoden kurz zusammen: „Entweder eine Frau nutzt eine Form der hormonellen Verhütung, oder es wird etwas in die Gebärmutter eingelegt, wenn sie keine Hormone nehmen möchte. Das kann eine Kupferspirale oder eine Kupferkette sein“. Warum Spirale und Kupferkette in Deutschland noch immer meist erst Frauen nach einer Geburt empfohlen werden, ist ihm schleierhaft: „Seit den 1970er Jahren ist klar, dass es keine Nachteile bei Frauen vor einer Geburt gibt. In Deutschland hält sich altes Wissen besonders gut“. In anderen Ländern, z. B. in Schweden und Finnland, werden Intrauterinpessare auch zu einem hohen Prozentsatz bei jungen Frauen angewendet. Neuere Studien zeigen ebenfalls, dass sich diese Methode sehr wohl für jüngere Frauen eignet.

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Gynäkologie, Medizin

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