Apotheker: Weißer Kittel, graues Haar

8. Dezember 2015
Teilen

Apothekenleiter kommen in die Jahre. Demografische Tendenzen machen auch vor der Pharmazie nicht Halt. Jetzt ist guter Rat teuer: Viele Kollegen scheitern bei der Übergabe ihrer Apotheke. In der Fläche drohen Versorgungslücken. Doch davon will der Gesetzgeber nichts hören.

Deutschland verändert sich. Sinkende Geburtsraten stehen einer steigenden Lebenserwartung gegenüber. Aus statistischer Sicht wächst der Anteil älterer Menschen überproportional an. Dieser demografische Wandel ist mittlerweile hinter dem HV-Tisch angekommen, wie eine aktuelle Studie des Hessischen Apothekerverbands (HAV) zeigt.

Hessen in Not

Im Kammerbezirk gibt es derzeit 1.530 öffentliche Apotheken; 2010 waren es noch 1.616. Zusammen mit der Forschungsstelle für Sozialrecht und Gesundheitsökonomie, Universität Bayreuth, und der Unternehmensberatung Oberender & Partner haben Standesvertreter untersucht, welche altersbedingten Effekte auftreten könnten. Das Durchschnittsalter von Inhabern liegt derzeit bei 52,8 Jahren – etwa 9,5 Prozent sind mindestens 65 Jahre alt. Auf regionaler Ebene gibt es starke Schwankungen in beide Richtungen. Apothekenleiter im Werra-Meißner-Kreis sind vergleichsweise jung, hier liegt der Altersdurchschnitt bei 49,0 Jahren. Am anderen Ende der Skala rangiert der Vogelsbergkreis mit 56,0 Jahren. Nahmen Statistiker fiktiv an, Inhaber würden mit 68 Jahren ihren Ruhestand antreten, müssten bis 2025 knapp 37 Prozent aller Chefsessel nachbesetzt werden. Bei einer Simulation mit 60 Jahren als Rentenalter wären fast 70 Prozent aller Apothekenleiter betroffen. Finden sie keine Nachfolger, bleibt nur, ihre Apotheke zu schließen. Hessen ist kein Einzelfall. Unser Gesundheitssystem hat demografische Probleme, berichtet auch das Statistische Bundesamt (DESTATIS). Aktuellen Erhebungen zufolge sind mehr als 40 Prozent aller Apotheker in Deutschland über 50 Jahre alt, 16 Prozent sogar über 60.

Nachfolger verzweifelt gesucht

Entsprechende Altersstrukturen bleiben nicht ohne Folgen. Um Details über die Lebensplanung zu erfahren, hat das Kölner Institut für Handelsforschung (IFH) 340 Inhaber befragt. Etwa 34 Prozent wollen in den nächsten ein bis fünf Jahren und weitere 15 Prozent in den sechs bis zehn Jahren ihren Kittel an den Nagel hängen. Von allen Studienteilnehmern rechnen 62 Prozent mit Problemen bei der Übergabe oder haben aktuell Schwierigkeiten. Bleibt zu klären, welche Gründe dahinter stecken. Rund 57 Prozent führen die sinkende Rentabilität an, gefolgt von ungünstigen Standorten respektive Landapotheken (21 Prozent) und der gesundheitspolitischen Lage allgemein (15 Prozent). Weniger relevant waren die hohe Arbeitsbelastung (9 Prozent), die Bürokratie (4 Prozent) oder die ungünstige Finanzierung durch Banken (3 Prozent).

Wohlüberlegte Entscheidungen

Erschwerend kommt hinzu, dass sich Kolleginnen und Kollegen laut Analysen der apoBank immer später für ihre eigene Apotheke entscheiden. Das durchschnittliche Alter pharmazeutischer Existenzgründer lag zuletzt bei 38,2 Jahren. In der Altersgruppe 41 plus waren deutlich mehr Apothekerinnen (43 Prozent) als Apotheker (22 Prozent) zu finden – Frauen wagen den Sprung später. Georg Heßbrügge, Bereichsleiter Gesundheitsmärkte und -politik bei der apoBank, sagt, Kolleginnen würden sich eine Existenzgründung teilweise erst zutrauen, nachdem sie ihre Familienplanung weitgehend abgeschlossen hätten. „Doch die wirtschaftliche Selbständigkeit kann auch in einer früheren Lebensphase durchaus Vorteile gegenüber dem Angestelltenstatus mit sich bringen.“ Ihre Entscheidungs- und Gestaltungsfreiheit biete zahlreiche Optionen, um Vorzüge der Selbständigkeit mit privaten Interessen zu verbinden.

Höher, größer, weiter

Mit dem Willen allein ist es nicht getan. An erster Stelle steht ein geeignetes Objekt – Apotheken gelten schon lange nicht mehr als Selbstläufer. Während im letzten Jahr rund 75 Prozent der Existenzgründungen als Übernahme eines bereits bestehenden Betriebs erfolgen, finden Neugründungen eher sporadisch statt. Ein Schelm, der Schlechtes dabei denkt: Banken finanzieren nur noch handverlesene Standorte, etwa die Apotheke im neuen Ärztehaus. Pharmazeuten setzen ihrerseits auf größere Strukturen. Jede sechste Apotheke wurde zuletzt als Verbund übernommen. „Think big“ ist zum Trend geworden.

Versorgung gefährdet

Die Kehrseite der Medaille: Landapotheken haben in vielen Fällen keine Zukunft mehr. Falls der Markt weiter auseinanderdriftet, müssen Patienten mit Einschnitten bei der flächendeckenden Versorgung rechnen. Ob Union und Sozialdemokraten gesetzliche Rahmenbedingungen in nächster Zeit ändern werden, bezweifeln Standesvertreter. Tatsächlich ist es mit Geldern aus dem Nacht- und Notdienstfonds nicht gelungen, das Apothekensterben zu stoppen. Auch beim Medikationsmanagement gehen Kollegen leer aus. Bleibt als schwacher Trost ein weiterer Blick auf die demografische Entwicklung: Für Hessen erwarten Experten bis zum Jahr 2025 jährlich ein Prozent mehr Kundenkontakte. Bei Verordnungen sollen es sogar plus drei Prozent werden. Lediglich OTCs entwickeln sich rückläufig.

42 Wertungen (4.69 ø)

Die Kommentarfunktion ist nicht mehr aktiv.

6 Kommentare:

Gast
Gast

Verehrter Herr Schmidt, Ihre Ansichten sind durchaus ehrenhaft, aber lassen Sie die Finger von der öffentlichen Apotheke.
So wie sie jetzt ist, ist sie nicht nur ein Verlustgeschäft (Rezepturen) sondern ist dem Tode geweiht.
Der Niedergang ist besonders in kleineren Apotheken sehr deutlich.
Fazit: Die Apotheke ist auf dem absteigenden Ast und nicht zukunftsfähig.
Sie haben es richtig gemacht.
Ab in die Industrie: bessere Arbeitszeiten, besseres Gehalt usw…

#6 |
  3
Apotheker

Vor ca. 25 Jahren schon dachten viele Apothekenleiter (u.a.mein ehemaliger Chef), dass mit der 1. Blümschen Gesundheitsreform nun alle Lichter in der Apotheke ausgehen würden. Das Ende wäre ganz nah. Bin damals vor lauter Schreck aus meinem Anstellungsverhältnis als Apotheker in die Pharmaindustrie gewechselt. Heute wiederum – als Best Ager – könnte ich mir eine Rückkehr in den weißen Kittel sehr gut vorstellen. Falls “Not am Apotheker (m/w)” besteht, würde ich vertretungsweise einspringen. Zur Auffrischung für kann ich den Wechselwilligen den “Wiedereinstiegskurs für Apotheker” der BLAK in München sehr empfehlen.

#5 |
  0
Apotheker

Wieder mal den Nagel auf den Kopf getroffen. Ich bin selber ein Grauhaar (65) und habe zum 31.03. meine Apotheke einfach zugesperrt. Umsatz- und Ertragslage haben mich gar nicht erst nach einem Nachfolger suchen lassen. Da ich noch rel.fit bin, mache ich Vertretungen und habe eine höheres Einkommen als die Jahre davor. Bin aus BW. Denke, dort ist es nicht anders/besser als in Hessen.

#4 |
  0

@ Gast, PTA: Mag sein, dass es einige “Kollegen” gibt, die so einen Dünkel haben. Sie sollten sich von solch einem unqualifizierten Gelaber nicht so sehr beeindrucken und seelisch unterdrücken lassen, da sind Sie wohl leider an ein paar besonders üble, sozialverkrüppelte Fachidioten geraten, auch die haben leider ihre Nische in der Apothekerschaft.
Sie sollten sich, da hat mein Vorredner recht, nur nicht abschrecken lassen. Nehmen Sie das ganze als Herausforderung an, gehen Sie ihren Weg. Toi toi toi, Kollegin!

#3 |
  1
Heiko Barz Widukind-Apotheke
Heiko Barz Widukind-Apotheke

@ Gastkommentar
Das kann man so nicht stehen lassen. Es gibt da genug Kollegen, denen Sie hier bitter Unrecht tun.
Dass es die beschriebenen Charaktere gibt, wird wohl so sein, aber diese Typen finden Sie in allen Berufen.
Wer die nötige Quali mitbringt, wird es auch schaffen.
Nur Mut!

#2 |
  0
Gast
Gast

Nun ist es an der Zeit, etwas Licht ins Dunkel zu bringen und zu erläutern, wo das Problem eigentlich liegt.
Das Problem liegt meines Erachtens hauptsächlich bei den Apothekern selbst.
Als ich, vor einigen Jahren noch PTA, gesagt habe, ich möchte gerne studieren, begegneten mir Unverständnis und höhnisches Grinsen, ganz besonders von der promovierten Fraktion.
Ich, PTA und ohne Abitur, sollte an die Uni gehen?
Undenkbar, damit würde ich die geheiligten Hallen entweihen!
Ich habe nirgends Unterstützung bekommen, keiner der Apotheker, die jetzt händeringend einen Nachfolger suchen, haben mich in irgendeiner Weise unterstützt oder gefördert.
Stattdessen wurde ich regelrecht gemobbt.
Es zeigt einmal mehr, dass man als PTA so gut wie nichts wert ist.

#1 |
  7


Copyright © 2017 DocCheck Medical Services GmbH
Sprache:
DocCheck folgen: