Schamanismus in der Inneren

3. August 2011
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Häufig hört man an der Uni davon, dass nur an akademischen Krankenhäusern richtige und leitliniengerechte Medizin betrieben wird. Entspricht dies der Wahrheit? Ein Famulaturbericht auf der Suche nach Schamanismus und Heilung durch Handauflegen.

Wir schreiben das Jahr 2010. Ganz Deutschland ist durchsetzt von medizinischen Hochleistungszentren und Maximalversorger-Kliniken, mit Anspruch auf eine medizinische Behandlung der Spitzenklasse. Ganz Deutschland? Nein, es gibt auch noch viele Krankenhäuser der Grund- und Regelversorgung, die eine flächendeckende medizinische Versorgung in Deutschland sicherstellen. Wird dort wirklich “schlechtere” Medizin praktiziert, wie ich es oftmals an der Uni von verschiedenen Dozenten gehört hab?

Back to the 70s

Um einen entspannteren Einstieg in die klinische Medizin zu bekommen, beschloss ich, für meine erste Famulatur ein kleines Krankenhaus auszusuchen. Die Wahl fiel aus familiären Gründen auf die OsteMed Klinik in Bremervörde, einem Haus mit knapp 130 Betten, davon etwa 60 Betten in der Abteilung der Inneren Medizin, in der ich famulieren wollte. Ein relativ kleines Krankenhaus also, in einem 19.000-Einwohner-Ort mitten zwischen den beiden Metropolen Bremen und Hamburg.

Die Bewerbung gestaltete sich denkbar einfach, ein Telefonat mit dem Chefarzt der Abteilung und ich hatte meinen Famulaturplatz sicher, mit dem Hinweis vom Chefarzt, dass ich der erste Famulant seit Jahren sei. Grübelnd, ob dies ein gutes oder ein schlechtes Zeichen sei, betrat ich am ersten Tag meiner Famulatur die Klinik und suchte mich durch den schillernden 70er-Jahre-Bau zum Sekretariat hindurch, wo ich freundlich empfangen und den Ärzten der Abteilung in der Frühbesprechung persönlich vorgestellt wurde. (Leider keine Selbstverständlichkeit, wie ich später an anderen Häusern feststellte.)

Wenige Patienten, aber viel lernen

Der Arbeitsablauf in der Famulatur gestaltete sich dadurch sehr angenehm, dass die Klinik, wie eben erwähnt, selten Famulanten hat und man somit nicht auf diese als “billige Arbeitskräfte” seitens der Station und der Ärzte angewiesen ist. Ich war somit sehr frei und konnte nach meinem Interesse verschiedene Bereiche angucken, angefangen von der Stationsarbeit und Visiten, aber auch ein Besuch in den Funktionseinheiten oder Untersuchungen war jederzeit möglich, bei denen die Ärzte sehr motiviert waren, viel zu erklären, selbst wenn man zu Beginn des klinischen Studienabschnitts von vielen Dingen einfach noch keine Ahnung hat. Auf einem mir ausgehändigten Pieper wurde ich von den Ärzten informiert, wenn interessante oder sehenswerte Untersuchungen anstanden.

Spannend war auch die Aufnahme, in der ich anfangs unter Anleitung, später auch selbstständig Patienten aufnehmen und untersuchen konnte. Diese sprach der zuständigen Arzt dann mit mir durch, wir klärten Verdachts- und mögliche Differentialdiagnosen und planten das weitere Vorgehen. Gerade das eigenständige Untersuchen und Durchbesprechen der Befunde war sehr lehrreich und man bekommt nach einiger Zeit ein Gefühl für die körperliche Untersuchung und Vertrauen in seine eigenen Fähigkeiten.

Insgesamt herrschte in der Abteilung eine sehr angenehme Arbeitsatmosphäre inklusive täglicher gemeinsamer Mittagspause und -essen der Ärzte, zu dem man bei Nichterscheinen auch angepiept wurde. Arbeitsanfang war gegen 7:30 Uhr, meist konnte ich als Famulant gegen 14-15 Uhr gehen.

Moderner als manche Uniklinik

Das Vorurteil, dass in kleinen Krankenhäusern die Patienten nicht regelgerecht behandelt werden oder nur eine unterdurchschnittliche Versorgung bekommen, konnte ich während meiner Famulatur-Zeit so nicht bestätigen. Sicher macht es Sinn, mit gewissen Erkrankungen in spezialisierte Zentren zu gehen, jedoch muss, meiner Meinung nach, nicht jedes Magengeschwür oder eine Blinddarmentzündung in einem Uniklinikum behandelt werden. Auch retrospektiv betrachtet fiel mir persönlich kein Fall auf, bei dem mit veralteten Methoden oder überholtem Wissen Patienten Schaden zugefügt wurde. Sicher gibt es bei einem Krankenhaus, dass in 70ern gebaut wurde, Renovierungsbedarf und auch farngrüne FeTAp-Post-Telefone sind nicht gerade „state of the art“, jedoch waren elementarere Dinge, wie z.B. die medizinischen Gerätschaften moderner als in manchem akademischen Lehrkrankenhaus, das ich gesehen habe.

Insgesamt war die Famulatur in diesem kleinen Krankenhaus für mich eine sehr lehrreiche Erfahrung, die ich jederzeit wiedermachen würde. Zwar sieht man eher wenige medizinische “Zebras”, also seltene Erkrankungen, jedoch geht es gerade in den ersten Famulaturen ja primär darum, ein Gefühl für ärztliches Handeln, Vorgehensweise und “ärztliches Handwerkszeug” wie z.B. Untersuchungstechniken zu entwickeln. Daher kann ich eine solche Famulatur, sofern man sich für “große” Fächer wie Innere Medizin oder Chirurgie interessiert, gerade zu Beginn des klinischen Studienabschnitts sehr zur Nachahmung empfehlen.

29 Wertungen (4.83 ø)
Allgemein

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1 Kommentar:

Ja, du hast sicher Recht, dass man auch bei den kleinen Kliniken durchaus schlechte Erfahrungen machen kann, davor ist man wohl nirgendswo sicher.
Bin dennoch bisher gut damit gefahren, den “kleinen” einfach mal eine Chance zu geben :-)

Passend dazu der neuliche Kommentar eines internistischen Oberarztes an unserem Uniklinikum : “Wenn ihr was lernen wollt in euren Famulaturen, geht in kleine Kliniken. Da lernt ihr mehr als bei uns!” ;-)

#1 |
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