McDoc: Willkommen zur Fastfood-Medizin

3. August 2011
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In den USA hat eine Revolution begonnen: Seit einigen Jahren verbreiten sich dort sogenannte „walk-­in medical clinics“. Sie übernehmen die kostengünstige Behandlung von trivialen Erkrankungen und machen Ärzten Konkurrenz. Wann kommt die Revolution in Deutschland an?

1948 – Fastfood erblickt das Licht der Welt. Die McDonald-­Brüder entwickeln eine innovative und rationelle Art der Hamburger-­Zubereitung. Das Resultat: auf der ganzen Welt die selbe Qualität, der gleiche Geschmack. Heute werden in den USA Diagnostik und Behandlung optimiert, standardisiert und von nicht-ärztlichem Personal kostengünstig angeboten. Das ist keine medizinische Fähigkeit. Das ist die Geburtsstunde der Fastfood-Medizin.

Billige Behandlungen jederzeit

„Walk-­in medical clinics“ stellen ein neues Modell der schnellen Patientenversorgung dar. In Apotheken-­ und großen Einkaufszentren plaziert, benötigt man bei diesen Kliniken keinen Termin. Sie sind an Wochenenden und am Abend geöffnet. Ihr Angebot ist auf Impfen, die Behandlung leichter Erkrankungen, wie akute Halsschmerzen oder Ohrenentzündung, und die Nachsorge chronischer Krankheiten wie Diabetes, Bluthochdruck und hohe Cholesterinwerte beschränkt. Vor allem aber sind die Kosten über die Hälfte niedriger als bei einem normalen Arzt. Alle diese Leistungen werden durch Pflegespezialisten erbracht.

Pflegespezialisten (Nurse Practitioner) in den USA sind Krankenpfleger oder Krankenschwestern, die zusätzlich über Expertenwissen und klinische Kompetenzen für eine erweiterte Praxis verfügen. Das Gros der Patienten in den USA, die eine dieser Kliniken besuchen, sind jung (zwischen 18 und 44 Jahren), ohne Versicherung und haben keinen eigenen Hausarzt. Zur Zeit gibt es über 1000 „walk-­in medical clinics“ in den USA und diese Zahlen steigen stetig. Umfragen zeigen, dass in der Zukunft ungefähr 19% der Patienten eher eine dieser Kleinstkliniken als ihren Hausarzt oder die Notaufnahme besuchen würden.

Die erste dieser Kliniken wurde im Jahre 2000 eröffnet und war sofort Gegenstand großer Diskussionen. „Walk-­in medical clinics“ behaupten, dass sie eine preisgünstige und vor allem durch hohe Qualität gekennzeichnete Hilfe anbieten. Diese Kliniken sind davon überzeugt, kein neues Gesundheitssystem zu schaffen, sondern sich in das aktuelle zu fügen. „Es gibt klare, klinische Vorschriften, wann man sich an einen Arzt oder eine Notaufnahme wendet“, sagt Web Golinkin, CEO der RediClinic Kleinstkliniken-­Kette. Obwohl sie nur kleine Gewinne mit den Behandlungen machen können, arbeiten die Kliniken in der Regel trotzem zur Qualitätssicherung unter der Aufsicht eines Arztes. Außerdem halten sie sich an klinische Richtlinien und Empfehlungen, so dass die die Versorgung, die einem in New York zuteil wird, möglichst die gleiche ist wie in Florida.

Ärzte äußern Bedenken

Trotzdem haben einige Ärzteorganisationen, darunter die American Medical Association und die American Academy of Pediatrics, Bedenken zu der tatsächlichen Qualität geäußert: Durch die Platzierung in Apotheken kann es zu einer übermäßigen Verschreibung von Medikamenten kommen. Weiterhin könnte der Besuch einer dieser „walk-in medical clinics“ bei unvorhergesehenen Komplikationen zu erhöhten Gesundheitskosten führen. Da es keine dauerhafte Betreuung, wie bei einem Hausarzt, gibt, ist es schwerer, präventiv tätig zu werden. 1948 wurden noch die Erfolge des Fastfood-Essens gefeiert, die heute zum Teil so gefürchtet sind, dass politische Maßnahmen und Kampagnen den Schaden nur noch begrenzen können. Fastfood-Medizin dagegen könnte einen noch größeren Schaden anrichten.

Diesen berechtigten Befürchtungen stehen aktuelle Untersuchungen gegenüber: In einer Studie aus dem Jahre 2009 mit 2100 Probanden konnte gezeigt werden, dass es keinen sichtbaren Unterschied zu niedergelassenen Ärzten bei der Qualität der Versorgung gibt. Fraglich dabei ist: Sind diese Kliniken tatsächlich gut oder die niedergelassen Ärzte einfach nur schlecht?

Vorteile für Deutschland?

Kommt die Revolution Fastfood-Medizin trotzem auch in Deutschland an? Bisher gibt es in Deutschland keine ähnlichen Angebote. Sowohl die Diagnosenstellung, als auch die medikamentöse Therapie ist monopolartig in ärztlicher Hand. Dabei könnte eine Änderung hier tatsächlich Vorteile bringen: Gerade überlastete Hausärzte könnten von dieser Entwicklung profitieren, da Patienten mit einfachen Erkrankung, für die der klinische Blick reicht, nur noch selten vorstellig werden würden. Weiterhin könnte es zu geringen Einsparungen im Gesundheitssystem kommen, durch günstigere Arbeitskräfte. Doch dies sollte nicht der entscheidende Grund sein!

Diesen mageren Pros stehen zahlreiche Contras gegenüber. In Deutschland gibt es derzeit noch keine äquivalente Ausbildung zum Pflegespezialisten. Weiterhin sichern Interessenverbände, dass die historisch freie Ausübung der Heilkunde approbierten Ärzten vorbehalten bleibt. Dies verhindert zwar den schnellen Fortschritt, sorgt aber für einen hohen qualitativen Standard, um den es gerade im Gesundheitssystem gehen sollte. Zu guter Letzt fehlt in Deutschland auch die nötige Infrastruktur, wie große Apotheken oder Apotheken in Supermarktketten, die häufiger Anbieter der „walk-­in medical clinics“ in den USA sind.

Fazit

Revolutionen können alles verändern, aber sie benötigen trotzdem einen Boden, auf dem sie entstehen können. Eine Entwicklung in Deutschland zu Fastfood-Medizin ist, zumindest im Moment, höchst unwahrscheinlich. Was bleibt ist die Frage, ob Deutschland nun eine Weiterentwicklung verpasst oder unfreiwillig zur Erhaltung der Qualität im Gesundheitssystem beiträgt.

41 Wertungen (4.17 ø)
Allgemein

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10 Kommentare:

Gesundheits- und Krankenpfleger

Ein interessanter Artikel, der leider die Realität in Deutschlands Pflegelandschaft nicht richtig wiederspiegelt. Pflegeexperten und -spezialisten gibt es auch heute schon in den unterschiedlichsten Bereichen, z.B. Heimbeatmung, Wundmanagement, Palliative Care, klinische und außerklinische Intensivpflege, etc. Durch Nutzung der medizinisch-pflegerischen Expertise der entsprechenden Pflegefachkräfte könnteließ sicherlich die ärztliche Unterversorgung in ländlichen Bereichen kompensiert werden. Einen Haken hat die Sache allerdings, auch ohne dieses weitere Betätiggungsfeld fehlen in Deutschland schon heute zuviele Pflegefachkräfte.

#10 |
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Dr. med. Volker Perlitz
Dr. med. Volker Perlitz

Die “Gemeindeschwester” ist ein nicht nur in der früheren DDR praktiziertes weltweites Erfolgsmodell. Diskutiert wird es ja auch wieder für unsere von Ärztemangel bedrohten ländlichen Gebiete.
Daneben erinnere ich bestens, wie schon vor 30 Jahren alte “Chefs” häufig auf die alte Stationsschwester hörten, ehe sie den jungen Assistenten fragten.
Der Saft kommt aus der Tautologie, dass häufige Krankheiten nun mal häufig sind – und die können bestens von Schwestern und Pflegern versorgt werden, die sie weit häufiger gesehen haben, als der junge (Haus)arzt.

#9 |
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Benno Mertens
Benno Mertens

Ich fände die Möglichkeit der aufbauenden Qualifikation von (teilweise sehr !) fähigem Pflegepersonal absolut wünschenswert! Was in der Niederlassung als zwingend ärztliche Leistung deklariert wird,ist teilweise lächerlich und könnte genauso gut (wenn nicht besser ) durch qualifiziertes Pflegepersonal durchgeführt werden. Die höhere Verantwortung der “paramedics” verbessert die Versorgung und die Freude an der Arbeit. Gerade bei chronischen Erkrankungen mit klaren Leitlinien ( an die wir uns ja auch halten…)könnte eine Delgation die Ärzte und das Gesundheitssystem entlasten. Ob allerdings die Apotheke der richtige Platz dafür ist ,sei dahingestellt.

#8 |
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Wir haben (Gottseidank ?) in Deutschland eine völlig andere rechtliche Ausgangssituation. Und solange der BGH seine Forderung der Patientenbehandlung nach Facharztstandard beibehält, werden derartige Fast-Kliniken oder andere Konstellationen kaum Entwicklungs-Chancen haben. Aber es gibt – unabhängig von dem Kostendruck der in den USA ja die Hauptursache für diese Entwicklung darstellt – hierzulande ja auch andere Szenarien wie Ärzte- und Pflegepersonalmangel, die in einigen Jahren durchaus auch bei uns derartige Veränderungen bewirken könnte.

#7 |
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Paul Göhring
Paul Göhring

Wir haben schon längst Pflegespezialisten in Deutschland!
Ein seit 10 oder 20 Jahre in einem Fachgebiet arbeitender Pfleger oder Schwester Ist einfach Experte auf seinem Gebiet (wenn auch nicht auf dem Papier, so doch in der Praxis)
Würden sich viele solcher “Spezialisten” zusammentun, könnten sie bei leichten Erkrankungen sehr gut Ärzte entlasten.

#6 |
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Psychologe

Wir sind vor über 6 Jahren dauerhaft von Deutschland nach Südafrika umgesiedelt. Einer der Gründe war die für Psychotherapeuten unerträgliche Situation im deutschen Gesundheitswesen. In SA basiert Gesunderhaltung viel mehr auf Selbstverantwortung. Das wird von Krankenkassen ganz anders unterstützt als in D. Dazu zählen z.B. Preisreduktionen beim Kauf gesunder Lebensmittel (Obst, Gemüse etc.) und regelmäßige Checks in den vielen “Kliniken”, die man hier in Apotheken findet. Dort werden von speziell ausgebildeten Krankenschwestern viele Dinge angeboten, die einerseits den Arzt entlasten, die aber auch von großen Teilen der Bevölkerung sonst nicht bezahlt werden könnten. Die Dienstleistung reicht dabei von der Schwangerschaftsberatung über Kontrolle des Blutdrucks, Bestimmung von Blutzucker und Cholesterin, Aids-Schnelltest bis zu Impfungen. Für die an Luxus gewöhnten Augen von Europäern machen diese “Kliniken” (wie auch viele Arztpraxen) einen fast erbärmlichen Eindruck, aber das Preis-Leistungs-Verhältnis stimmt viel mehr als in Europa. Noch weigern sich in Deutschland viele Politiker zuzugeben, dass es dort schon seit ewigen Zeiten ein 2-Klassen-Gesundheitssystem gibt. Aber erst wenn das als Realität anerkannt und zugegeben wird, können auch für die “2. Klasse” neue Konzepte entwickelt werden – wie z.B. die Einführung solcher Mini-Kliniken. Im untergehenden Sozialsystem Deutschlands sind neue Ideen längst überfällig!

#5 |
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Dipl. Ing Alfred Kluck
Dipl. Ing Alfred Kluck

Ich denke, das es eine Lösung für überfüllte Arztpraxen darstellt. In der Anmeldung könnte da direkt “ausgesondert werden”, wer mit dem klinischen Blick behandelt werden kann und der/die Artzt/in hat mehr Zeit für die richtigen Problemfälle.

#4 |
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Eine gewisse Parallelversorgung gibt es auch bei uns: z.B. Heilpraktiker, allerdings sind die sicher nicht günstiger.

#3 |
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Dr. med. Klemens Thöne
Dr. med. Klemens Thöne

Wenn die Leistumgen in den Fast-kliniken in Deutschland die Hälfte dessen kosten würden, was sie bei einem Arzt in USA kosten, so wäre dies immerhin mehr als das was ein niedergelassener Arzt heute in D. bekommt! Insofern könnte man diese Kliniken sivher leicht mit gut susgebildeten Ärzten bestücken, fa sie hier ja besser verdienen würden als jetzt. Warum sollten aber die Patienten diesen höheren Preis bezahlen? Fakt ist doch, daß sich solche Einrichtungen nur in USA lohnen, wo die Honorare der Ärzte vielfach höher sind als in Deutschland.
Nach dem deutschen Heilpraktikergesetz müsste die Einrichtung solcher Kliniken eigentlich sonst problemlos möglich sein.

#2 |
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Ich kann mir sehr gut vorstellen, dass die Ärzte nicht jeden Infektpatienten sehen müssen.
Viele gehen derzeit ja auch direkt in die Selbstmedikation.

Aber in einer Apotheke sollte so etwas dennoch nicht etabliert werden.

#1 |
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