Anorexia nervosa: Ich, Über-Ich und das Ess

8. Dezember 2015
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Wenn es um die Entscheidung geht, welche Nahrungsmittel sie essen wollen, sind bei Frauen mit Anorexia nervosa dieselben Hirnregionen aktiv wie bei Spielsüchtigen und Substanzabhängigen. Das könnte erklären, wieso es ihnen schwerfällt, ihr maladaptives Essverhalten zu ändern.

Die jüngst in Nature Neuroscience veröffentlichte US-amerikanische Studie umfasste 21 Patientinnen, die zur Behandlung ihrer Anorexia nervosa in ein Krankenhaus aufgenommen worden waren, sowie 21 gesunde Kontrollprobandendinnen. Alle Studienteilnehmerinnen mussten zuerst den Gesundheitswert und den Geschmack von 76 Nahrungsmitteln bewerten. Aufgrund dieser Daten wurden zufällig ein fettarmes und ein fettreiches Referenz-Nahrungsmittel ausgewählt, die zuvor als neutral eingestuft worden waren. Anschließend mussten sich die Frauen zwischen dem Referenz-Nahrungsmittel und einem der anderen entscheiden. Bei diesem Prozess verfolgten die Forscher die Gehirnaktivität der Frauen mittels funktioneller Kernspintomographie (fMRT). Am Tag nach der fMRT-Untersuchung wurde dann ermittelt, wie viele Kalorien die Frauen an einem Buffet aufnahmen, bei dem sie Nahrungsmittel ihrer Wahl essen konnten.

Wenig überraschend war, dass Frauen mit Anorexia nervosa sich deutlich seltener für fettreiche Nahrungsmittel entschieden als die Kontrollgruppe. Interessanterweise war diese Entscheidung mit Aktivität im Striatum assoziiert – einer Gehirnregion, die eine Rolle beim Verstärkungslernen (engl. „reinforcement learning“) sowie Handlungsauswahl und -steuerung spielt. Bei den Anorexie-Patientinnen war insbesondere das dorsale Striatum deutlich aktiver als bei der Kontrollgruppe. Diese gesteigerte Aktivität fand sich aber nur in der Entscheidungsphase, nicht dagegen in der Phase der Nahrungsmittelbewertung. Unterschiede gab es außerdem in der Verschaltung zwischen dem dorsalen Striatum und dem dorsolateralen präfrontalen Cortex (dlPFC): Bei gesunden Probandinnen war diese besonders stark, wenn ihnen fettreiche Nahrungsmittel präsentiert wurden. Bei Patientinnen mit Anorexia nervosa konnte das Gegenteil beobachtet werden: Fettarme Nahrungsmittel riefen eine stärkere Verschaltung hervor als fettreiche. Je ausgeprägter die Unterschiede in der Reaktion auf fettarme im Vergleich zu fettreichen Nahrungsmitteln waren, desto weniger Kalorien nahmen die Probandinnen am nächsten Tag zu sich. Dies legt nahe, dass bei einer Anorexia nervosa das dorsale Striatum dem dlPFC quasi seinen Willen aufzwingt.

Andere Verschaltung = anderes Verhalten

Dass sich die Gehirnaktivität von Personen mit Anorexia nervosa von der gesunder Personen unterscheidet, ist keine neue Erkenntnis. Frühere Studien haben beispielsweise bereits zeigen können [Paywall], dass bei Anorexie-Patientinnen Unterschiede in neuronalen Schaltkreisen der Grund dafür sind, dass sie weniger stark auf Belohnungen und Hunger als motivierenden Antrieb zum Essen reagieren. Außerdem gibt es Hinweise darauf, dass Unterschiede in der Geschmackswahrnehmung zu einer sensorischen Überstimulation führen und so zum Anorexie-typischen Nahrungsvermeidungsverhalten beitragen. Neu an der nun veröffentlichten Studie ist allerdings, dass Forscher zum ersten Mal den Prozess der Entscheidungsfindung unter die fMRT-Lupe genommen haben.

Die in der Veröffentlichung dargestellten Ergebnisse dienen aber nicht allein der Grundlagenforschung zur Pathophysiologie der Anorexia nervosa, sondern sie eröffnen auch konkrete Behandlungsmöglichkeiten für die Praxis. „Wir entwickeln bereits eine neue Intervention für die Psychotherapie, die auf den Prinzipien der Gewohnheitsumkehr beruht und es den Patienten mit Anorexia nervosa ermöglicht, maladaptive Verhaltensweisen zu verändern“, erklärt Dr. Joanna Steinglass, eine der federführenden Autoren. „Während wir unser Verständnis der Hirnmechanismen ausbauen, könnten sich auch neue Wirkansätze für Medikamente herauskristallisieren.“

Mager- und andere Süchte

Schätzungen zufolge sind in Deutschland mehr als 700.000 Menschen an Magersucht erkrankt, etwa jeder Siebte stirbt an den Folgen. Obwohl es sich bei Anorexia nervosa um eine komplexe Erkrankung mit vielen verschiedenen Ausprägungen handelt, gibt es doch stereotype Verhaltensweisen. Dazu gehört beispielsweise, dass dauerhaft kalorien- und fettarme Nahrungsmittel ausgewählt werden. Bisher wurde dieses Verhalten als eine stark ausgeprägte Fähigkeit, Primärtriebe zu überwinden und physiologische Grundbedürfnisse zu unterdrücken erklärt – die Anorexia nervosa galt quasi als Ausdruck einer zielgerichteten Selbstkontrolle. Dieses Modell kann jedoch nicht erklären, warum Menschen auch weiterhin wiederholt solche maladaptiven Entscheidungen treffen, selbst wenn sie es eigentlich besser wissen und sich auch tatsächlich bessern wollen.

Die nun veröffentlichte Arbeit weist darauf hin, dass die Entscheidungen der Betroffenen nicht (allein) dem freien Willen der Patienten unterliegen. Das dorsale Striatum, das anscheinend bei den Anorexie-Patientinnen die Ess-Entscheidungen steuert, ist Teil des Hirnsystems, das an der gewohnheitsmäßigen Steuerung von Handlungen beteiligt ist – und für das vielfach eine Assoziation mit Suchtverhalten nachgewiesen werden konnte. „Diese Studie kann auch dabei helfen, Anorexia nervosa mit Störungen wie Substanzmissbrauch, Glücksspiel und anderen Erkrankungen in Verbindung zu bringen, bei denen Entscheidungen beteiligt sein könnten, die durch exzessive Aktivität im dorsalen Striatum beeinflusst werden“, erläutert Studienleiterin Dr. Daphna Shohamy vom Mortimer B. Zuckerman Mind Brain Behavior Institute der Columbia University in New York. „Zu verstehen, wie gemeinsame neuronale Schaltkreise für die Entscheidungsfindung zu scheinbar nicht verwandten Erkrankungen beitragen, wird es den Forschern ermöglichen, sich auf Kernstörungen zu konzentrieren und Fortschritte bei der Behandlung verschiedener Erkrankungen zu erzielen.“

Magersucht – nur eine schlechte Angewohnheit?

Das Striatum spielt sowohl bei der Entstehung von „normalem“ habituellen Verhalten als auch bei „abnormen“ Gewohnheiten wie Suchtzuständen eine Rolle. Außerdem ist es wesentlich am prozeduralen und impliziten Lernen beteiligt. Während das ventrale Striatum anscheinend eher bei sofortigen Belohnungen aktiv wird, reagiert das dorsale Striatum auf zukünftige Belohnungen. Bei der Ausbildung von gewohnheitsgetriebenem Verhalten ebenso wie bei der Entwicklung von Suchtverhalten verschiebt sich die Aktivität graduell vom ventralen zum dorsalen Striatum. Dies korreliert mit der gängigen Theorie, dass Sucht sich über mehrere Schritte entwickelt: Sie beginnt mit dem bewussten, willentlichen Konsum, aus dem sich ein habitueller Missbrauch mit wiederholter Exposition entwickelt und der schließlich in einer zwanghaften Sucht endet, welche nicht mehr dem freien Willen unterliegt.

Repetitive Verhaltensweisen und Gedanken sind außerdem typisch für neuropsychiatrische Erkrankungen wie Tourette-Syndrom und Zwangsstörungen, aber auch Schizophrenie und Chorea Huntington – kein Wunder also, dass auch diese Erkrankungen mit abnormer Striatum-Aktivität assoziiert sind. Ob bei einer Anorexia nervosa gewohnheitsmäßiges Verhalten jedoch die Ursache oder lediglich Ausdruck der Erkrankung ist, bleibt trotz aller Studien weiterhin offen. Sollte aber die Magersucht tatsächlich eine Sucht sein wie Drogenabhängigkeit und Glücksspielsucht, stellt sich die Frage, wie viel bewusste Kontrolle jeder Betroffene tatsächlich über seine fehlgeleiteten (Ess-)Entscheidungen hat, und folglich auch, wie viel Verantwortung er dann für diese Entscheidungen übernehmen muss, kann oder soll. Immerhin aber dürften die Ergebnisse der nun veröffentlichten Studie dazu beitragen, zu verdeutlichen, dass einer psychischen Erkrankung wie Anorexia nervosa nicht allein mit Einsicht und Willensstärke beizukommen ist.

97 Wertungen (4.33 ø)

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7 Kommentare:

Gast
Gast

Solange nicht die Möglichkeit des nicht vom Gehirn erzeugten Geistes einbezogen wird, kann alles unzulänglich bleiben..

#7 |
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Psychotherapeut

Mein alter Chefarzt beliebte zu sagen, dass Anorexen meist “gute” Patienten sind (sofern sie nicht auf Borderline-Niveau operieren, versteht sich). Sie bescheren dem Therapeut wundervoll intensive und erkenntnisreiche Therapiestunden – aber nehmen nicht zu. Die Themen dieser Therapiestunden lassen sich in drei Kategorien einteilen, (die alle nicht zum Heilerfolg beitragen, weil sie Widerstandsphänomene sind): 1. “mein Vater” – reden über Psychodynamik; 2. “Die Spagetti erinnern mich an Sperma” – reden über Essen; 3. “Als ich essen wollte kam Herbert zur Tür rein.” – reden über Gruppendynamik und Übertragungsphänomene.
Ich fand diese Einteilung gleichermaßen witzig wie hilfreich, da mir danach häufig sofort klar war, welche Kategorie gerade dran ist um uns vom Zunehmen abzulenken. Meiner Erfahrung nach sind Anorektiker unter dem Deckmantel des kleinen Lolitamädchens beinharte Suchtprofis. So mancher Therapeut wurde schon um den dürren Finger gewickelt. Immer wieder hat sich gezeigt, dass die Therapie beginnt, wenn es anfängt innerlich eng zu werden, und dass geschieht meiner Erfahrung nach erst, wenn sie zunehmen und ein individuelles “magisches Gewicht überschreiten. Als ob das Hungern sie wichtige Teile ihrer Seele nicht fühlen lässt, wie abgespalten – da bringt es nichts, an diesen Teilen vorbei zu reden und schöne Therapie zu machen. Alles andere ist Beziehungsaufbau, Vorgeplänkel oder Stellvertreterkrieg. Mir ist nicht bekannt, ob es auch andere Roadmaps zur erfolgreichen Behandlung von Anorexie gibt, ich kann nur sagen, dass die Grundprinzipien der herzlich-strengen stationären Suchttherapie hilfreich sind, egal nach welcher Therapiereligion man dabei ausgerichtet ist: Erst kommt die Arbeit an der Abstinenz, dann folgt die Psychotherapie ganz natürlich, wenn die Primärgefühle hochkommen.

#6 |
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#3 Hallo Herr Wolff, die Frage habe ich mir auch schon oft gestellt und als “Hobbypsychologe” folgende Antworten gefunden.
1. Körperliche Leiden mit eindeutiger Ursache erfahren gesellschaftlich eine deutlich höherer Akzeptanz. Wer sich beim Blumenpflücken den Arm bricht, erntet überall “Hätte mir auch passieren können”- Verständnis. Sobald es aber um psychische Erkrankungen geht, werden die Patienten selbst (“ich bin doch nicht verrückt”) sowie ihre Umwelt zurückhaltender. Auch wenn es schon wesentlich besser georden ist, haftet der psychatrischen Klinik immer noch ein “Klapsenimage” á la “einer flog über das Kuckucksnest” an, das viele davon abhält, sich rechtzeitig professionelle Hilfe zu holen. Nemand hat ein Problem über einen Klinikaufhenthalt in der Chirurgie oder Inneren zu sprechen. Aber zu sagen: “ich musste mich psychiatrisch/psychotherapeutisch behandeln lassen”, fällt ungleich schwerer (Schamgefühl). Ich glaube mit dem Wissen, dass psychischen Leiden organisch/neurologischen bzw. “somatisch/physiologischen Ursachen haben (was Ei und Henne ist , weiß ich nicht) wird es für Betroffenen und ihr Umfeld leichter, einen schamfreien Umgang mit psychischen Krankheiten zu pflegen.
2. Ich meine, dass auch die Compliance der psychisch Erkrankten steigt, sich auf eine Psychotherapie einzulassen, wenn die Notwendigkeit erkannt wird, körperliche “Systemfehler” zu behandeln. Somatische Veränderungen – oder in Ihren Worten die “Hardware” – sind für die meisten fassbarer. So ähnlich wie beim PC – die Software verstehen dort auch nur die Experten. Tastatur, Drucker und Maus kann jeder sehen und bedienen.

Die Sinnhaftigkeit solcher Studien und ihrer “materialistischen” Interpretationen hängt m. E. davon ab, was für die Therapie dabei herauskommt. Ist im Vorhinein natürlich oft schwer zu beurteilen. Allein das Wissen um Krankheitsurachen, hilft Patienten wenig.

#5 |
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Die Anorexie zählt zur ersten Stufe der pathologischen Aggression – der nach Innen getragenen Aggression bzw. “Eigenaggression” (wie sie schon Konrad Lorenz beschrieben hat). Nicht zu verwechseln mit den physiologischen Agressions-Formen. Prinzipiell entstehen diese Aggressionen – wie die Depressionen – bei Stagnation sensorischer Bereitschafts-Potentiale (nach Libet). Das findet immer im Zentrum des Unterbewusstseins (dem “ES” nach Freud / dem BZ C nach Chatenieu) statt; und erst die “unbewusste” Entscheidung zur Eigenaggression erfolgt im Hirnrindenzentrum des Unterbewusstseins (dem “Über-Ich” bzw. dem BZ B). Der “Wille” spielt hier keine Rolle und seine “Unfreiheit” resultiert daraus, dass er immer vom BZ C dominiert wird. Ein fMRT macht hier gar keinen Sinn, vielmehr müssten die Enzyme an den Synapsen untersucht werden, welche zur Nivellierung der Potentiale die entsprechenden Neurotransmitter aus den Vesikeln freigeben. Meines Erachtens sollen hier teure Geräte eine wirklich gezielte Forschung ersetzen.

#4 |
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Psychotherapeut

PS: Jede Veränderung gewohnheitsmäßigen Verhaltens oder Denkens fällt schwer und lässt uns bemerken, wie wenig doch unser Verhalten dem sog. freien Willen unterworfen ist. Das ist doch schon im subklinischen Alltag so und mehr noch bei allen “psychischen Störungen”, und man würde es wohl auch in der Bildgebung bei jeder Störung finden. Der Zwangsaspekt oder Veränderungswiderstand – oder wie man es auch immer nennen will- steckt doch natürlicherweise in allem, was gelernt wurde (zur Struktur wird). Das ist ja fast schon eine triviale Erkenntnis. Schön, dass wir das jetzt auch immer genauer in der Bildgebung sehen können. Bin gespannt auf deren Therapieansatz und ob dort etwas grundlegend Neues dabei rauskommt. Und #Herr Graf – was mich noch beschäftigt ist die Frage, warum es die Leute eigentlich erleichtert, wenn sie von materialistischen Studieninterpretatoren die Erlaubnis bekommen, daran zu glauben dass die Ursache für Probleme doch “eine echte somatisch/pysiologische …” ist. Als ob die Qualität der Lerngeschichte des Erlebens gegenüber der quantitativen Hardware weniger echt wäre. Also echt, eh ;)

#3 |
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Psychotherapeut

“… dass bei Anorexie-Patientinnen Unterschiede in neuronalen Schaltkreisen der Grund dafür sind, dass sie weniger stark auf Belohnungen und Hunger als motivierenden Antrieb zum Essen reagieren.” Mich würde interessieren, wie wie diese einseitige Interpretation zustande kommt. Vielleicht ist ja genau umgekehrt und aus ihrem Training des Belohnungsverzichts folgt die veränderte Hirnstruktur.
“… dass Unterschiede in der Geschmackswahrnehmung zu einer sensorischen Überstimulation führen und so zum Anorexie-typischen Nahrungsvermeidungsverhalten beitragen.” Auch hier könnte ich mir das Gegenteil vorstellen: chronisches Nahrungsmittelvermeidungsverhalten führt zur sensorischen Überstimulation.
Ich frage mich auch, warum Esssüchte im ICD nicht unter Abhängigkeitserkrankungen eingeordnet sind.

#2 |
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Hervorragender Artikel, der viel dazu beitragen sollte, der Anorexie das ihr leider immer noch in vielen Gesellschaftsschichten anhaftende Image einer “femininen Pubertätsmacke” zu nehmen. Dahinter steckt eine teuflische Krankheit mit 15% Mortalitätsrate!! Um zu verstehen, dass die gut gemeinten “Iss einfach mal was”-Ratschläge mehr schaden als helfen, sind Erkenntnisse, die eine echte somatisch/pysiologische Ursache haben, eminent wichtig. Schade, dass wieder nur Frauen in die Studie einbezogen wurden. Gerade bei stoffbezogenen Süchten, sind Männer vielfach häufiger als Frauen betroffen (Beim Rauchen hat sich´s mittlerweile umgekehrt). Es wäre doch sehr interessant, vergleichbare Studien an männlichen Probanden durchzuführen. Aufgrund der wachsenden Erkrankungszahlen dürfte es kein Problem sein, genügend männliche Anorektiker zu rekrutieren.

#1 |
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