Glibenclamid: Tabletten für die Tonne

27. November 2015
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Orale Antidiabetika stehen schon länger unter Verdacht, das Risiko diverser Krebserkrankungen zu erhöhen. Jetzt liegen neue Daten zu Sulfonylharnstoffen vor. In dieser Verbindungsklasse schneidet Glibenclamid vergleichsweise schlecht ab. Nun sind Alternativen gefragt.

Typ-2-Diabetes erhöht das Risiko, an Krebs zu erkranken. Aber auch die Therapie selbst hat Einfluss auf maligne Leiden. In den letzten Jahren befassten sich Wissenschaftler intensiv mit dieser Problematik – und erlebten so manche Überraschung. Lori Sakoda von Kaiser Permanente Northern California berichtet, dass Metformin bei Nichtrauchern mit Typ-2-Diabetes zu weniger Lungenkrebs führt. Und Pioglitazon ist laut Arbeiten von Ronac Mamtani, Philadelphia, mit Blasenkrebs assoziiert. Diesen Verdacht hat Samira Bell aus dem schottischen Dundee kürzlich widerlegt. Sulfonylharnstoffe stehen ebenfalls auf dem Prüfstand.

Molekül mit Makel

Eine vergleichende Studie mit mehr als 112.000 Patienten hat bereits im Jahr 2012 ergeben, dass Sulfonylharnstoffe zu mehr krebsbedingten Todesfällen führen. Dabei blieb offen, ob es Unterschiede zwischen einzelnen Pharmaka dieser Substanzklasse gibt. Jetzt hat ein internationales Team unter Leitung von Marco Tuccori Daten von 52.600 Typ-2-Diabetikern ausgewertet. Dabei verglichen Wissenschaftler Glibenclamid mit Sulfonylharnstoffen der zweiten Generation, also Gliclazid, Glimepirid, Glipizid oder Gliquidon. Im Follow-up erfassten sie 280.200 Personenjahre. Bei 4.105 Patienten fanden Ärzte eine Tumorerkrankung. Nur Glibenclamid erhöhte Tuccori zufolge das Krebsrisiko – wenn auch nicht statistisch signifikant. Nahmen Patienten den Arzneistoff drei oder mehr Jahre ein, traten signifikante Effekte auf.

Alternativen gefragt

Ob weitere Studien wirklich Sinn machen, ist aber fraglich. Ärzte verordnen Sulfonylharnstoffe immer noch als zweite Wahl, sollte Metformin keinen adäquaten Effekt zeigen. Aus rein wissenschaftlicher Sicht wären DPP-4-Inhibitoren oder SGLT-2-Inhibitoren denkbare Alternativen. Bleibt ein praktisches Problem bei der frühen Nutzenbewertung: Der Gemeinsame Bundesausschuss (G-BA) setzt nach wir vor auf Sulfonylharnstoffe als Vergleichstherapie beziehungsweise als Goldstandard.

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1 Kommentar:

Gast
Gast

Schade, dass Gliptine so selten eingesetzt werden. Dafür mag (auch) der G-BA mit seinem Festhalten an den Sulfonylureas verantwortlich sein.

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