Atherosklerose: Plaquerei im Gefäß

5. August 2011
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Forscher entdecken einen molekularen Mechanismus, der bei Atherosklerose die Einwanderung von Entzündungszellen fördert. Ein neu entwickelter Wirkstoff könnte den Prozess unterbrechen und eine gezielte Therapie der Krankheit ermöglichen.

Unentwegt prallen im Blutkreislauf jedes Menschens Zellen gegen die Gefäßwände. Vor allem dort, wo sich die Gefäße krümmen oder aufgabeln, fügen ihnen die Blutzellen immer wieder kleinste Verletzungen zu. Im Laufe des Lebens summieren sich die Schäden und die Endothelschicht, welche die Gefäße von innen auskleidet, entzündet sich. Schreitet dieser Prozess fort, manifestiert sich eine Atherosklerose und in den Gefäßwänden entstehen so genannte Plaques – Ablagerungen, die sich aus Lipoproteinen und Immunzellen zusammensetzen. Sie führen dazu, dass sich die Gefäße verengen und ihre Elastizität verlieren. Risikofaktoren wie erhöhte Blutfettwerte, Bluthochdruck, Rauchen oder Diabetes beschleunigen die Bildung der Plaques.

Gefährlich wird es besonders dann, wenn die Plaques aufreißen und durch die anschließende Thrombenbildung Gefäße verschlossen werden. Sind davon Arterien betroffen, die unmittelbar zum Herz oder Gehirn führen, drohen Infarkt oder Schlaganfall. Seit Langem ist die Atherosklerose die häufigste Todesursache in den Industrieländern. Weltweit suchen Wissenschaftler deshalb nach besseren Behandlungsoptionen der Volkskrankheit. Forscher am Klinikum der Universität München konnten zeigen, dass sich im frühen Krankheitsstadium Blutplättchen an die Läsionen anlagern und dort Substanzen ausschütten, die Entzündungszellen anlocken.

Immunzellen überfressen sich

Nun ist es Professor Christian Weber und seinen Kollegen gelungen, einen Wirkstoff zu entwickeln, der diesen fatalen Mechanismus unterbrechen könnte. „Er könnte dazu beitragen, die Atherosklerose schon in einem frühen Stadium aufzuhalten“, sagt Weber, der Direktor des Instituts für Prophylaxe und Epidemiologie der Kreislaufkrankheiten an der Ludwig-Maximilians-Universität in München ist. Denn sobald die ersten Immunzellen in die Endothelschicht eindringen, beginnt der verhängnisvolle Teufelskreis, der die Plaques immer größer werden lässt. „Makrophagen räumen die unter das Endothel geratenen Lipoprotein-Moleküle weg“, erklärt Weber. „Dabei kann es passieren, dass sie ihre Kapazität überschreiten und dann zugrunde gehen.“ Um die Zellreste zu entsorgen, eilten neue Makrophagen herbei und die Entzündung werde so zum Dauerzustand.

Als die Münchener Forscher diesen Prozess in Mäusen, die an Atherosklerose litten, genauer untersuchten, kamen sie den Blutplättchen auf die Schliche. „Die Plättchen treten vor allem an den Stellen mit dem Endothel in Wechselwirkung, wo dieses dem Blutstrom besonders ausgesetzt ist“, so der Mediziner. Dabei geben sie die Chemokine CXCL4 und CCL5 ab – zwei Substanzen, die entzündungsfördernd wirken und andere Immunzellen herbeirufen können. Weber und seine Mitarbeiter fanden heraus, dass sich diese Eigenschaften verstärken, wenn beide Chemokine sich miteinander zu einem Komplex verbinden. „Das Heterodimer aus beiden Chemokinen fördert die Einwanderung von Fresszellen in die Gefäßwand wesentlich stärker als die einzelnen Moleküle “, sagt Weber. „Die Bildung des Komplexes scheint sehr spezifisch zu sein und findet vermutlich nur im Zusammenhang mit dem atherosklerotischen Prozess statt.“

Kleines Molekül blockiert Interaktion

Die Forscher hatten deshalb die Idee, mit einem Wirkstoff gezielt die Wechselwirkung zwischen den beiden Chemokinen zu unterbinden. „Die direkte Blockade jedes einzelnen Chemokins hätte dagegen erhebliche Effekte auf das Gerinnungssystem und das Immunsystem gehabt, da CXCL4 und CCL5 auch an der Abwehr von Virusinfektionen beteiligt sind“, sagt Weber. Sein Team entwarf mit spektroskopischen Methoden und speziellen Modellrechnungen am Computer ein kleines Peptid, das genau zwischen die Bindungsstelle der beiden Chemokine passt. Nachdem die Forscher das Molekül im Labor synthetisiert hatten, untersuchten sie seine Wirkung an speziell gezüchteten Mäusen, die normalerweise schon im Alter von wenigen Monaten an Atherosklerose erkranken. Weber: „Durch die Injektion der neu entwickelten Substanz konnte das Fortschreiten der Krankheit deutlich verlangsamt werden, ohne dass nennenswerte Nebenwirkungen aufgetreten wären.“

Durch diese Erfolgsmeldung wurden US-amerikanischen Risikokapitalgeber auf die Forscher um Weber aufmerksam. Gemeinsam gründeten sie die Biotech-Firma Carulis Therapeutics mit Sitz im kalifornischen San Diego, um das Peptid weiterzuentwickeln. Mittlerweile sind alle präklinischen Versuche abgeschlossen und Weber hofft, dass im Laufe des nächsten Jahres die erste klinische Studie beginnen kann. Weber ist optimistisch: „Dadurch, dass die Substanz in verschiedenen Spezies, von der Maus bis zum Makaken, erfolgreich getestet wurde, ist die Wahrscheinlichkeit sehr hoch, dass sie auch beim Menschen einen positiven Effekt zeigt.“

Therapieansatz mit wenig Nebenwirkungen

Andere Experten überzeugt der neue Therapieansatz: „Die Experimente von Weber und seinen Mitarbeitern zeigen, dass man bereits in einem frühen Stadium der Atherosklerose das Einwandern von entzündungsfördernden Leukozyten gezielt verhindern kann, ohne viele Nebenwirkungen zu befürchten“, sagt Professor Klaus T. Preissner, Direktor des Instituts für Biochemie der Universität Gießen. „Es ist allerdings noch nicht abzusehen, ob der neue Wirkstoff tatsächlich im Rahmen der Atherosklerose-Vorbeugung als Monotherapeutikum verwendet werden kann, ob er auch in späten Stadien der chronischen Erkrankung eine Wirkung zeigt und vielleicht sogar bei anderen entzündlichen Krankheiten anschlägt.“

107 Wertungen (4.42 ø)
Allgemein

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12 Kommentare:

Dr Bernhard Heß
Dr Bernhard Heß

zu 11: Sehr geehrte Frau Hierholtzer,

dazu würde mich die entsprechende Literaturstelle sehr interessieren!

#12 |
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Biologin

Warum so kompliziert, wenn es doch auch viel einfacher geht? Die Wissenschaft hat bewiesen, dass die sekundären Pflanzenstoffe der roten Beeren (in natürlicher Form – wie zB in der hochwertigen JuicePlus Beerenauslese) in der Lage sind Ablagerungen zu verhindern und sogar bestehende Ablagerungen wieder zurückzubilden. Warum also nicht zurück zur Natur??

#11 |
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Naturwissenschaftlerin

Eingriffe ins Immunsystem sind selten harmlos – auch wenn es “nur” ein kleines Peptid ist. Es sind umfangreiche Studien notwendig, bevor ein solches Arzneimittel zugelassen würde.

Zudem: Es ist immer leichter, diesen Patienten ein Arzneimittel zu verschreiben, als sie frühzeitig zu einer Änderung ihres Lebensstils zu bewegen. Aber ist das auch tatsächlich sinnvoller…?

#10 |
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Dr. med. Richard Gronemeyer
Dr. med. Richard Gronemeyer

Vielversprechender Ansatz! Da es sich um ein Peptid handelt, wird man es wohl injizieren, ev. auch schnupfen oder inhalieren müssen.

#9 |
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Angestellter Apotheker

nein das hilft nicht
weil die ursache ist Simvastatin.

#8 |
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Hoffentlich bald in den Studien . . . .

#7 |
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Na, dann hoffen wir auf die Zukunft und die Studien am Menschen damit bald ein entsprechendes Medikament zugelassen werden kann. Sicher noch ein langer Weg. Daumenhalten….

#6 |
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Dr.med Hans Godau
Dr.med Hans Godau

klingt erfolgsversprechend.hoffentlich klappt es auch bei
artheriosklerose kranken menschen

#5 |
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danke sehr interessant und informativ!

#4 |
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Massagefachkraft Gerald Sturm
Massagefachkraft Gerald Sturm

sehr guter artikel….weiter so.

#3 |
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Medizinjournalist

Ein viel versprechendes Peptid!!!

#2 |
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Sehr interesant,gut geschrieben.

#1 |
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