Arzneimittel-Report: Wenn das Mammi wüsste

8. August 2011
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Weit aus dem Fenster lehnte sich in diesem Jahr der Arzneimittelreport der Barmer-GEK. Herum gehackt wurde nicht nur auf Generika- und Biosimilar-Quoten. Auch Kontraindikationen sollen missachtet werden. Die Zahlen kann man allerdings so oder so lesen.

„Bedenkliche Trends stehen im Mittelpunkt des neuen BARMER-GEK-Reports.“ So beginnt die Pressemeldung, die die Krankenkasse BARMER-GEK anlässlich der Vorstellung ihres mittlerweile schon recht traditionsreichen Reports herausgegeben hat. Dass das von den Medien breit aufgegriffen würde, darauf konnten sich BARMER-GEK-Vorstand Dr. Rolf-Ulrich Schlenker und Gesundheitsökonom Professor Gerd Glaeske vom Zentrum für Sozialpolitik der Universität Bremen so gut wie verlassen. Und so kam es. Wohl noch nie hat ein Arzneimittelreport der BARMER-GEK ein so breites Echo erfahren wie der Arzneimittelreport 2011. Noch Ende Juli fanden sich im Internet neue Einträge, die auf den Report Bezug nehmen. Und die Meldungen waren alle ähnlich: Deutschlands Ärzte verordnen ihren Patienten ständig gesundheitsgefährdende Pillen.

Schlagzeilenträchtiges Ärztemobbing

Konkret wird moniert, dass rund zwölf Prozent der alkoholabhängigen Männer und 18 Prozent der alkoholabhängigen Frauen in Deutschland Benzodiazepine verordnet bekämen, die ein eigenes Suchtpotenzial besitzen und deswegen bei Alkoholikern nur mit Vorsicht einzusetzen seien. Bei den nicht alkoholabhängigen Patienten sind es vier beziehungsweise sechs Prozent. Angeprangert wird auch die Verordnung von Neuroleptika bei Menschen mit einer Demenz. Jeder dritte Demenzkranke bekomme regelmäßig starke Beruhigungsmittel, haben die Wissenschaftler ermittelt. Das sei deswegen problematisch, weil der Einsatz von Neuroleptika bei Demenzpatienten mit einer um 60 bis 70 Prozent höheren Sterblichkeit assoziiert sei. Kritisch gesehen wird schließlich der zunehmende Einsatz von Antibabypillen mit neuen Gestagenen, die im Gegensatz zum – laut BARMER-GEK und Glaeske – Gestagen der Wahl, Levonorgestrel, ein um 50 bis 100 Prozent höheres Thromboembolierisiko hätten.

Diese Zahlen muss man erst einmal so zur Kenntnis nehmen. Sie sind richtig, aber die Frage ist natürlich, wie diese Zahlen interpretiert und kommuniziert werden. Für die Herausgeber des Arzneimittelreports ist die Welt recht einfach: „Sowohl bei neuen patentfähigen Antibabypillen, bei Neuroleptika für demenzkranke Menschen als auch bei Benzodiazepinen für alkoholkranke Menschen gibt es seit Jahren klare Gegenanzeigen und Warnhinweise. Trotzdem wird weiter in kritischer Größenordnung verschrieben“, lässt sich Glaeske zitieren. Er suggeriert damit, dass Ärzte in großer Zahl medizinisch fragwürdige Therapien verordneten beziehungsweise nicht in der Lage seien, den Beipackzettel zu lesen. Aber ist das so?

Ein differenzierter Blick auf die Zahlen tut Not

Bei einem etwas genaueren Blick auf die Zahlen gibt es durchaus einige Aspekte, die es wert wären, sie mit zu kommunizieren. Beispiel Antibabypille: Bei einem 50 bis 100 Prozent höheren Thromboembolierisiko schlackert erst einmal jeder Zeitungsreporter mit den Ohren. Aber was heißt das? Es heißt konkret: Zwei von 10.000 Frauen, die eine Pille mit traditionellem Gestagen nehmen, entwickeln eine Thromboembolie. Das ist wenig. Bei den neuen Gestagenen sind es drei bis vier von 10.000. Das ist mehr, aber immer noch wenig. Die „Number Needed to Harm“ liegt zwischen 5.000 und 10.000, wenn die eine gegen die andere Pillensorte aufgerechnet wird. Die Schlagzeile „Verschreibung hoch riskanter Antibabypillen“ machte ein Naturheilkundeportal aus dieser Zahl. Man fragt sich, welches Adjektiv der Autor bei wirklich riskanten Therapien wählen würde. Ob dieses wenige Mehr an Risiko vertretbar ist oder nicht, ist eine individuelle Entscheidung im Gespräch zwischen Arzt und Patientin. Wirklich problematisch wäre sie Sache dann, wenn der Arzt die Patientin bewusst über das gering höhere Thromboserisiko im Unklaren lassen würde. Das freilich behauptet der Arzneimittelreport nicht.

Auch bei den Benzodiazepinen gibt es zumindest Bedarf an einer gewissen Präzisierung. Alkoholkranke Menschen im akuten Entzug erhalten häufig Benzodiazepine. Dagegen hat auch Glaeske nichts, wie er bei der Vorstellung der Ergebnisse betonte. Eine Antwort auf die entscheidende Frage allerdings wird dann nicht gegeben, nämlich: Welcher Anteil der bei alkoholkranken Menschen verordneten Benzodiazepine wird denn im Entzug verordnet? Solange diese Zahl nicht vorliegt, kann man mit der Verordnungsquote nicht wirklich etwas anfangen.

Am wenigsten angreifbar sind die Vorwürfe bei den Demenzkranken, wo die Verordnungsprävalenz bei den Neuroleptika um den Faktor 6 höher liegt als bei nicht an Demenz erkrankten Menschen. Das widerspricht nun tatsächlich allen Empfehlungen. Auch hier kann man allerdings einwenden, dass es offensichtlich ein Problem bei der Versorgung Demenzkranker gibt, von dem viele Ärzte glauben, es nicht anders als mit Neuroleptika lösen zu können. Flächendeckende integrierte, multidisziplinäre Versorgungsprogramme für diese Patienten könnten möglicherweise helfen. Das ist den Kassen aber zu teuer. Und noch etwas: Eine Explosion der Verordnung von Neuroleptika bei Demenzkranken gibt es nicht. Die Quote ist relativ konstant beziehungsweise seit einigen Jahren leicht rückläufig.

Biosimilar-Quoten hängen stark vom KV-Bezirk ab

Nach diesem Ausflug in die Medizin kehrt der Arzneimittelreport dann wieder auf klassisches Terrain zurück und beklagt speziell die zurückhaltende Verordnung von Biosimilars. Glaeske sieht hier Einsparpotenziale von 20 bis 25 Prozent und die KVen in der Pflicht: „Als effiziente und qualitätssichernde Instrumente der Kostensteuerung werden Biosimilar-Quoten auf KV-Ebene immer wichtiger.“

Hier liefert der Report dann auch wirklich instruktive Zahlen, die zeigen, dass die Biosimilar-Quoten bei Erythropoietin zwischen unter 30 Prozent im Saarland und über 60 Prozent in Bayern, Niedersachsen, Westfalen-Lippe und Bremen schwanken. Das muss sicher nicht so sein. Der Bundesverband der Pharmazeutischen Industrie (BPI) weist darauf hin, dass den Krankenkassen durch das AMNOG erhebliche Möglichkeiten eingeräumt wurden, Preise mitzugestalten. „Die Kassen müssen nur die Möglichkeiten konstruktiv nutzen und sich nicht hinter dem Begriff des Kostenträgers verstecken“, so der BPI lakonisch.

116 Wertungen (4.09 ø)
Allgemein

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20 Kommentare:

Diplom-Psychologe / Diplom-Betriebswirt Franz Albert Comes
Diplom-Psychologe / Diplom-Betriebswirt Franz Albert Comes

Wegen des hohen Abhängigkeitspotenzials sollten Benzodiazepine allenfalls kurzfristig (maximal 4 Wochen) verordnet werden, das kann jeder Arzt im Fachinfo der Roten Liste leicht nachlesen. Die Praxis sieht leider gravierend anders aus. Im Falle der Verschreibung an Alkoholkranke bzw. Drogenabhängige handelt es sich m.E. um einen Kunstfehler.
Eine Lösung des Milliarden-Euro-Problems der (unnötigen) Verschreibung von Medikamenten – hier sind ja auch massive ökonomische Interessen im Spiel – würde, am besten präventiv, psychosoziale bzw. psychologisch-psychotherapeutische Herangehensweisen erfordern, die mittelfristig bis langfristig über ersparte Krankheitskosten finanziert werden könnten.
Als ich vor Jahren großen Krankenversicherern hierzu einmal ein Konzept vorstellte, wurde dies mit dem Verweis auf die Ablehnung seitens der ärztlichen Vertreter in den Verwaltungs- bzw. Aufsichtsräten abgelehnt …

#20 |
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Naturwissenschaftler

Was wäre die Medizin ohne die Pharamazie (Arzneimittel)?

Arzneimittel ist Teil der praktischen Medizin.

Wir müssen alle mit den Arzneimitteln VERANTAORTUNGVOLL | VERNÜNFTIG und EHRLICH umgehen.
Arzneimittel verursachen für Kassen enorme Kosten, die der Patient im Endeffekt voll zahlt.

M.S.T
(Zulassungsarzneimittelprüfung)

#19 |
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@ Dr. med. Michael Strenz

Schön, dass sie zugeben, dass Menschen mit Neuroleptika ins Koma gelegt werden, weil angeblich keine Pflegepersonal vorhanden ist.
Ich frage mich was ihre Klinik mit den knapp 300 Euro pro Tag treibt die sie für einen Patienten bekommt.
Es geht mir hier nicht um Moral es geht mir darum, dass für viel Geld NULL Leistung erbracht wird. Das ist allerdings nicht nur in der Gerontopsychiatrie so.

#18 |
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@ Peter Mank
Wenn die Krankenkasse Geld sparen will, dann sollte sie einmal die Zustände in der Psychiatrie unter die Lupe nehmen.
Ich bin sicher hier ist das Einsparpotential riesig.
Zur Praxis der Zwangseinweisung z.B. siehe

http://www.derwesten.de/waz/Zwangseinweisungen-in-die-Psychiatrie-nehmen-zu-id506009.html

#17 |
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@ kristina Walker

Sie wollen doch nicht im ernst Benzodiazepin mit Neuroleptika vergleichen.
Oder haben sie mal drei Tropfen Promethazin probiert und denken das wäre die Wirkung.
Bei solchen Ansichten wundert es mich nicht, dass es in der Psychiatrie keine Veränderungen gibt. Mir fällt da nur noch Heinrich Heine ein: Denk ich an Deutschland in der Nacht …

Ich kenne die Wirkung von Benzos und Neuroleptika
Das ist, wie wenn sie einen Orgasmus (Benzos) mit einer Vergewaltigung (Neuroleptika) vergleichen.

Ich weiß, dass Psychiater dies anders sehen müssen, sonst könnten sie morgens nicht mehr in den Spiegel schauen.

Sie kommen doch dran an das Zeug.
Probieren sie doch mal 4 Wochen eine mittlere Dosis eines beliebigen Neuroleptikums. Dann können sie mitreden.
Auf Ihren Bericht bin ich gespannt.
Aber Vorsicht bei manchen verschwindet die Fähigkeit Kinder zu bekommen für immer.
Was ich schreibe ist auch keine “emotional überwärmter Unsinn” sondern nur ein Erfahrungsbericht, den ich mit anderen verifiziert habe.

#16 |
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Kristina Walker
Kristina Walker

Hallo Herr Bischoff,
ich bin gewiss gegen eine kritiklose Medikamentenverordnung, was Sie jedoch schreiben ist m. E. emotional überwärmter Unsinn. Es handelt sich bei Neuroleptika nicht um “Nervenlähmungsmittel” sondern um ein Medikament, dass die Übererregung und Angst dämpft. Keiner meiner Patienten hat nach Beendigung der Einnahme je solche Empfindungen geäußert. Auch als ich selbst am Abend vor einer OP selbst
Benzodiazepine verabreicht bekam, habe ich keinerlei negative Empfindungen gespürt.
Wenn das bei Ihnen so stark der Fall ist, könnte es sein, dass Sie ein persönliches psychisches Problem therapeutisch aufarbeiten müssen.

Ganz davon abgesehen, dass es in diesem Beitrag um die “tendenziöse” Berichterstattung der Kasen ging.

Freundliche Grüße

Kristina Walker

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@Dr. med Reinhold Waimer

Wenn es einem egal ist, dass man die Patienten damit foltert, mögen sie vielleicht recht haben.
Wenn sie es nicht glauben einfach mal ein Selbstversuch.

#14 |
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Ernst Pawlowsky
Ernst Pawlowsky

zu 3 PD Dr. Klaus Hartmann: leider ist der geschilderte Fall auch in anderen Bereichen zu beobachten. Umso ausgeprägter, umso näher am öffentlich rechtlichen Bereich, in dem die Entscheider nicht ihr eigenes Geld ( oder das ihrer gewinnorientierten Firma ) ausgeben, sondern Steuergelder oder in diesem Fall damit vergleichbare Krankenkassenbeiträge. Uhd Krankenkassen sind zumindestens genauso daran interessiert, sich selbst zu erhalten, wie am Wohl der Patienten, manche vielleicht sogar ein “bißchen” mehr.

#13 |
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Dr. med Reinhold Waimer
Dr. med Reinhold Waimer

Bei der Verordnung von Neuroleptika ist zudem einzuwenden, dass im psychiatrischen Alltag bei Demenzkranken mit vor allem aggressiven Verhaltensstörungen eine Behandlung mit Neuroleptika oft unumgänglich und gut wirksam ist. Zudem gibt es keine absolute Kontraindikation bei Neuroleptika und Demenz. Die Substanz Risperidon hat sogar eine ausdrückliche Zulassungsindikation. Es ist nämlich immer eine Risiko/Nutzen-Abwägunng, vor allem, wenn man bedenkt, dass die Studien hinsichtlich der leicht erhöhten Sterblichkeitsquote auf eine Langzeitgabe der Neuroleptika abzielen und wir in der Klinik dringend vor dieser warnen und einen Absetzversuch empfehlen. Aber da fehlt dem Report einfach die nötige Differenzierung und der Bezug zur Praxis.

#12 |
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Neuroleptika sind keine Beruhigungsmittel, sondern wie der Name schon sagt NERVENLÄHMUNGSMITTEL, die Beruhigung tritt nur nach außen auf. Die inneren Zustände = unerträgliche Angstzustände, gleichen Folter. Der Mensch kann es nur nicht artikulieren, da er wie schon der Name sagt gelähmt ist.
Hinzu kommt die massiven intellektuellen Einschränkungen unter Neuroleptika die die Demenz noch verstärken.

#11 |
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Ulla Hentschel
Ulla Hentschel

Die Kritik an der Verordnung der neuen Pille ist berechtigt, da sie keine Vorteile gegenüber der Levonorgestrel-Pille hat. Würden Sie ein Präparat nehmen, das bei 1:5000 Fällen schwere NW hat, wenn das Risiko bei einem anderen nur halb so groß ist? Und wenn man bedenkt, wie viele Frauen die Pille nehmen, sind es absolut gesehen wieder unnötig viele tragische Einzelschicksale!

#10 |
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Katja von der Grün
Katja von der Grün

Vorzüglicher Artikel

#9 |
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Selbstst. Apotheker

Sehr geehrter Herr Mank, bezüglich der Benzo & Pillen verordnung darf ich mal kurz nachhaken ( ca. 11,50 VK 50St. % MWST % Kassenrabatt % Herstellerrabatt % Zuzahlung = ca. 50-75 ct. ) aber 10¿ Quartalsbeitrag , ebenso wie bei der 3 Monatsverordnung der Kontrazeptiva sollten Sie glücklich über jeden Verordner sein (der für Sie den Kassenbeitrag “eintreibt”). Haben Sie mal überlegt wieviele “Versicherte” einen “Versicherungsangestellten” abfangen müssen, geschweige denn die Kosten dieses Reportes gegenzurechnen.
Hochachtungsvoll

#8 |
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Yvonne Böttcher
Yvonne Böttcher

schließe mich an,ein sehr guter Artikel,der zum Nachdenken anregt und deutlich macht,dass nicht immer gleich alles kommentarlos “geschluckt”werden sollte sondern auch ruhig einmal mehr hinterfragt werden sollte,notfalls auch öfter kritisch die “rote Liste”durchleuchten!Danke,für diesen Bericht!

#7 |
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Dieser Report regt doch nur an, sorgfältiger gewissenhafter, verantwortungvoller mit den beschränkten und teilweise budgetieten Mittel im Gesundheitswesen umzugehen. Wenn ich auf der einen Seite Geldmittel nicht sachgerecht und teilweise kontraindiziert einsetze, fehlen sie logischerweise im Honorartopf. Es sei die FDP hilft. § 12 SGB V lässt grüssen.

Peter Mank
BA-Vorsitzender
Rheinland-Pfalz

#6 |
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Danke! Ich lese Ihre Artikel immer wieder gern!

#5 |
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Ärztin

Gestagene sind gut für Frauen und die Erde ist eine Scheibe

#4 |
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PD Dr. med Klaus Hartmann
PD Dr. med Klaus Hartmann

Um kostenintensive Arzneimittel konstruktiv einzusparen, haben wir ein eigenes Projekt für die Krankenkassen entwickelt mit hohem Einsparpotential. Die Resonanz von den Kassen, die wir angefragt haben, oder des Spitzenverbands der Gesetzlichen Krankenkassen war gleich null !!!!
Dies zeigt, die Kassen “hauen gerne auf den Putz”, wenn es aber um Umsetzung im eigenen Haus geht oder kreative Möglichkeiten zu realisieren, dann will keiner dafür auch einmal mit Verantwortung übernehmen.

#3 |
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Sehr gut, BRAVO!!

Wäre auch einen Leserbrief in der Welt am Sonntag wert!! oder Süddeutsche

#2 |
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Armin Löffler
Armin Löffler

Sehr guter Artikel -danke!

#1 |
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