Antibiotika-Einsatz: Kinder trotzen Trend

18. November 2015
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Eine Trendanalyse zum hiesigen Antibiotika-Einsatz zeigt, dass Ärzte 2014 bei Kindern und Jugendlichen signifikant weniger Antibiotika verordneten als 2008. Bei den Erwachsenen ist hingegen kein rückläufiger Trend erkennbar und der Einsatz von Cephalosporinen steigt gefährlich an.

„Unsere aktuellen Analysen belegen, dass die Antibiotika-Therapie bei Kindern und Jugendlichen weiterhin statistisch signifikant rückläufig ist“, erklärt Dr. Jörg Bätzing-Feigenbaum, Leiter des Versorgungsatlas und Erstautor der aktuellen Trendanalyse. Die (Kinder-)Ärzte verordnen Antibiotika in geringeren Dosierungen und seltener. Leicht rückläufig ist der Einsatz von Antibiotika auch bei älteren Menschen jenseits des 70. Lebensjahres, vor allem in Thüringen und Sachsen-Anhalt. Bei der großen Altersgruppe der 15-69-Jährigen griffen Ärzte unverändert häufig zum Rezeptblock. Deutlich sind regionale Unterschiede bei den Verordnungshäufigkeiten. Generell verordnen die Ärzte in den alten Bundesländern, insbesondere in Westdeutschland, mehr Antibiotika als in den neuen.

Kritisch ist der bundesweit gestiegene Einsatz der Cephalosporine bei Erwachsenen und Senioren. „Insbesondere ab der zweiten Generation gilt diese Wirkstoffklasse aufgrund ihres breiteren Wirkungsspektrums als Reservegruppe, die schweren Infektionen vorbehalten sein sollte“, erklärt Bätzing-Feigenbaum. „Diese Antibiotika gelten als eine der Ursachen für die Entwicklung von Multiresistenzen, denen unbedingt entgegengewirkt werden muss. Ein statistisch signifikanter Verordnungsanstieg bereitet uns daher große Sorge.“

Verordnetes Antibiotikavolumen in DDD pro 1.000 GKV-Versicherten nach Bundesländern 2008 (links) und 2014. DDD = Definierte Tagesdosis. © Versorgungsatlas

Verordnetes Antibiotikavolumen in DDD pro 1.000 GKV-Versicherten nach Bundesländern 2008 (links) und 2014. DDD = Definierte Tagesdosis. © Versorgungsatlas

Veränderten Leitlinien der Urologen und Allgemeinmediziner könnte hingegen der rückläufige Einsatz von Fluorchinolonen bei älteren Patienten zu verdanken sein. Fluorchinolone gelten als Hauptverursacher von schweren Infektionen mit dem Bakterium Clostridium difficile, die mit einer hohen Sterblichkeitsrate verbunden sind.

Verbesserung des Verordnungsverhaltens regional unterstützen.

„Unsere Analysen liefern zwar keine Erklärung für die teilweise sehr deutlichen regionalen Unterschiede bei der Verordnung von Antibiotika“, betont Bätzing-Feigenbaum, „sie zeigen aber, in welchen Regionen besonderer Handlungsbedarf besteht. Der Atlas bietet Anhaltspunkte dafür, wo die Bevölkerung besonders aufgeklärt und Ärzte bei der sachgerechten Verordnung von Antibiotika unterstützt werden müssen.“

Originalpublikation:

Versorgungsatlas

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1 Kommentar:

Dr. Gero Beckmann
Dr. Gero Beckmann

Aus meiner Sicht stellt sich die Frage, ob Besonderheiten der Influenza-Prävalenz und grippaler Infekte in den Jahren 2008 und 2014 in diesem Vergleich berücksichtigt wurden. –

Unabhängig davon darf ich aus aufmerksamer Betrachtung in nunmehr über 20 Jahren Berufstätigkeit u.a als Personalverantwortlicher sagen, dass mir kein einziger Fall bekannt ist, wo VOR antibiotischer Behandlung in der ambulanten Praxis eine bakteriologische Untersuchung inkl. Antibiogramm ärztlicherseits durchgeführt wurde. Letzter Fall: infizierte Wunde nach Trauma am Schienbein einer Seniorin, über Wochen nässend, gerötet und schmerzempfindlich, also nicht geheilt. Selbst nachdem die Patientin – von mir gedrängt – beim behandelnden Arzt explizit die Bitte nach einer bakteriologischen Untersuchung äußerte und auf den mikrobiologischen Rat hinwies, geschah nichts. Natürlich nachdem über 14 Tage schon oral Antibiotika verabfolgt worden waren. Hier erkennt man die schlimmste Form von Resistenz, die sog. Beratungsresistenz.

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