Broca-Sprachzentrum als Multitasking-Meister

18. November 2015
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Wenn man ein Buch liest und dabei Musik hört, trennt das Gehirn die beiden Aufgaben nicht voneinander. Das Broca-Areal, ein wesentlicher Teil des Sprachzentrums, ist auch bei der Verarbeitung von Musik beteiligt und fügt verschiedene Elemente zu einem Gesamtbild zusammen.

Ein Forscherteam unter der Leitung von Richard Kunert vom Max-Planck-Institut für Psycholinguistik in Nijmegen hat entdeckt, dass das Broca-Areal mehr kann, als nur Sprache zu verarbeiten. Dazu führten die Wissenschaftler eine Reihe von Tests durch, bei denen die Hirnaktivität der Teilnehmer mithilfe funktionaler Kernspintomografie gemessen wurde. Die Ergebnisse weisen darauf hin, dass in dem Areal sowohl Musik als auch Sprache verarbeitet wird. Zudem fanden die Forscher heraus, dass die zwei Aufgaben einander beeinflussen: „Wenn wir den Teilnehmern eine besonders schwierige Tonfolge vorgespielt haben, ist es ihnen schwerer gefallen, die Struktur eines Satzes zu verarbeiten“, berichtet Kunert

Warum ist das so erstaunlich? Für einfache Aufgaben finden sich im Gehirn spezialisierte Areale. Beispielsweise ist bekannt, dass das Sehzentrum im Gehirn an einer anderen Stelle lokalisiert ist als das Hörzentrum. Wie neuere Forschungsansätze zeigen, gibt es für anspruchsvollere Aufgaben wie das musikalische Verständnis oder das Verstehen von Sprache keine so klare Trennung. „Es wäre ein Irrweg, nach dem Sprachzentrum im Gehirn zu suchen, sagt Kunert. „Das Gehirn nutzt bestimmte Regionen für Sprache, aber gleichzeitig auch für anderes, in diesem Fall für Musik. Die Ergebnisse unserer Studie legen nahe, dass im Gehirn verschiedene Regionen eng vernetzt arbeiten und dabei ähnliche Aufgaben in spezialisierten Arealen gebündelt werden.“

Das Broca-Areal im Gehirn ist schon lange als wesentlicher Teil des Sprachzentrums bekannt. Es spielt aber auch für die Verarbeitung von Musik eine wichtige Rolle. © MPI für Psycholinguistik

Das Broca-Areal im Gehirn ist schon lange als wesentlicher Teil des Sprachzentrums bekannt. Es spielt aber auch für die Verarbeitung von Musik eine wichtige Rolle. © MPI für Psycholinguistik

Die neuen Erkenntnisse stärken damit auch die These, dass das Broca-Areal nicht für die Sprachverarbeitung allgemein zuständig ist, sondern speziell dafür, verschiedene Elemente zu einem Gesamtbild zusammenzufügen. Diese Spezialisierung ist für Sprache und Musik gleichermaßen von Bedeutung: In der Verarbeitung von Sprache müssen Einzelwörter zu Sätzen kombiniert werden, im Fall von Musik einzelne Töne zu Melodien.

Originalpublikation:

Music and Language Syntax Interact in Broca’s Area: An fMRI Study
Richard Kunert et al.; PLOS ONE, doi: 10.1371/journal.pone.0141069; 2015

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3 Kommentare:

Heilpraktikerin

Misik-begabte können auch Sprachen besser lernen, es ist ein Altes Erkenntnis, für den jetzt auch ein Nachweis gibt. mich trifft dies auch zu, ich könnte aber nie gleichzeitig lesen und Musik hören. Könnt ihr das?

#3 |
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Dr. Britta König
Dr. Britta König

Darf man das dann so vereinfachen, dass man beim Hören leichter, eingängiger Musik schwierige Texte besser erfasst? Praktisch wäre das, oder? :-)

#2 |
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Physiotherapeutin

Rhythmus als kleinster gemeinsamer Nenner und verbindendes Element – noch bevor Einzelwörter zu Sätzen und Töne zu Melodien verarbeitet oder als solche erkannt werden? (Broca Areal B 44 )

#1 |
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