Online-Sprechstunde: Ganz schön app-arztig

10. Dezember 2015
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Per Smartphone oder Tablet-Computer schnell mal einen Arzt konsultieren – darüber freuen sich Patienten in den USA. Start-ups setzen jetzt auf künstliche Intelligenz. Sie wollen Mediziner entlasten, aber keineswegs ersetzen.

US-amerikanische Patienten haben viel Frust beim Arztbesuch. In Großstädten warten sie durchschnittlich 18,5 Tage auf einen Termin, hat eine Umfrage unter Health Professionals ergeben. Besonders angespannt ist die Lage in Boston. Hier dauerte es sogar 72 Tage, bis ein Dermatologe Zeit fand. Beim Hausarzt waren es 66 Tage – zwei Extrembeispiele, die zeigen, dass es selbst in Großstädten zu wenige Mediziner gibt. Start-ups machen aus der Not eine Tugend und entwickeln smarte Systeme, um Patienten jenseits der Praxis zu versorgen. Einige Highlights: Über First Opinion diskutieren Bürger Gesundheitsthemen per Chatfunktion mit Ärzten. Und bei Doctor on Demand lassen sich Mediziner per Audio und/oder Video im heimischen Wohnzimmer konsultieren. Laien sind begeistert, Health Professionals bleiben dagegen skeptisch. Das liegt nicht nur an fehlenden Möglichkeiten, Patienten direkt zu untersuchen.

Zeit ist Geld

Zum Hintergrund: Ray Costantini, Arzt und ehemaliger Mitbegründer eines Telemetriesystems beim Gesundheitsdienstleister Providence Health & Services, hat viele Systeme unter die Lupe genommen. Er sieht vor allem ein gewaltiges Defizit. Im Schnitt dauern virtuelle Konsultationen rund 20 Minuten. Kollegen verbringen mehr Zeit vor ihrem Smartphone oder Tablet-Computer, als für einen Vor-Ort-Termin erforderlich wäre. Grund genug für Costantini, einen diagnostischen Algorithmus zu entwickeln, der Prozesse effizienter macht. Als CEO von Bright.md setzt er stark auf künstliche Intelligenz (KI). Das geht so: Patienten loggen sich via Smartphone in die Software SmartExam ein. Sie beantworten normierte Fragen zu ihrem Gesundheitszustand, zu Vorerkrankungen und zu ihren Beschwerden. Anschließend wählen sie ihre Apotheke aus und ergänzen die Information zur Bezahlung. Einige US-amerikanische Versicherungen sind mit im Boot, ansonsten bleibt die Kreditkarte. Teilnehmende Ärzte erhalten per KI mögliche Diagnosen und Therapien. Ein Kollege kontaktiert den Patienten anschließend per Videochat und evaluiert, was SmartExam ihm vorschlägt. Nach dem Gespräch erledigen Tools alle weiteren Aktionen per Mausklick: ein Rezept an die Apotheke senden, Daten archivieren und die Konsultation abrechnen. Ärzte verbringen Ray Costantini zufolge nur noch 90 Sekunden am System.

Der Mitbegründer von Bright.md hofft auf mehr Akzeptanz bei Kollegen; schließlich müssten sie auch betriebswirtschaftliche Vorteile haben. Investoren sind jedenfalls begeistert. Bei der letzten Finanzierungsrunde erhielt Bright.md rund 3,5 Millionen US-Dollar zum weiteren Ausbau. Von rein digitalen Vorgängen hält Costantini nichts: „Patienten wollen von einem Arzt und nicht von einem Computer behandelt werden.“

Dr. Google schlägt die Stunde

Andere Start-ups denken sehr wohl an rein digitale Lösungen. Sie setzen mit künstlicher Intelligenz dort an, wo Suchmaschinen ihre Schwächen haben. Geben Patienten bei „Dr. Google“ ihre Symptome ein, erhalten sie völlig unbrauchbare Treffer. Programmierer von Your.MD bieten einen Lösungsansatz: Sie haben Algorithmen auf Basis von Daten des britischen National Health Service (NHS) entwickelt. Patienten geben Fragen lediglich in ihre Suchmaske ein. Tränen die Augen und läuft die Nase, sind sie vielleicht erkältet, haben Heuschnupfen – oder aber Masern. Im nächsten Schritt erhalten sie Diagnosen mit Wahrscheinlichkeitsangabe. Automatisch generierte Fragen folgen, um die Aussage zu präzisieren. Bleiben dennoch Unklarheiten, stehen „erfahrene Experten“ – wohlgemerkt keine Ärzte – per Hotline Frage und Antwort. „Auf Basis dieser Informationen können User selbst entscheiden, ob sie nicht auf den Arztbesuch verzichten und Zeit beziehungsweise Geld sparen“, schreibt Your.MD.

Computer an Arzt: Bitte Diagnose erheben

Dank innovativer Lösungen bleibt Ärzten mehr Zeit, um Patienten mit ernsten Erkrankungen zu behandeln. Auch sie setzen bereits KI-Tools ein. Aktuellstes Beispiel: Enlitic arbeitet nach Prinzipien des Maschinenlernens, um Radiologen bei ihrer Arbeit zu unterstützen. Das Programm analysiert zunächst jeden Datensatz auf dessen Sinnhaftigkeit – handelt es sich wirklich um ein linkes Knie, wie vom Kollegen vermerkt? Danach sucht Enlitic nach möglichen Anomalien. Findet das Tool etwa Anhaltspunkte für ein Aneurysma oder einen Tumor, sendet es die Datei zur weiteren Beurteilung mit hoher Priorität an Spezialisten. Fehlen Hinweise auf Erkrankungen, ist trotzdem ärztliche Expertise gefragt, wenn auch mit niedriger Priorität.

Ergänzen, nicht ersetzen

Hinter diesen Lösungen verbirgt sich ein Trend: Computer erkennen nicht nur Muster in Texten, in Bild-, Audio- oder Videodateien. Mit „Deep Learning“, einer Form des Maschinenlernens, simulieren sie menschliche Gehirnprozesse, um bessere Ergebnisse zu erzielen. Momentan sind die Resultate keineswegs frei von Fehlern, können Ärzte aber entlasten. Ohne die Expertise von Kollegen wird derzeit kein Patient auskommen.

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Forschung, Medizin

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9 Kommentare:

Walter Kolb
Walter Kolb

Ich denke auch das wir die Telemedizin brauchen werden. Viele Menschen auf dem Lande haben es schon schwer einen Arzt zu besuchen.

#9 |
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Dr. rer. nat. Stephan Fees
Dr. rer. nat. Stephan Fees

Die bisherigen Kommentare kann man leider nur als “unterirdisch” betrachten.
Schauen wir einmal auf die Fakten:
Keine der angegebenen Tools und Applikationen verspricht, dass der Arzt überflüssig wird oder gemacht werden soll. Es ist heute schon so, dass viele Patienten oder auch gesunde Menschen im Internet nach Informationen suchen. Da das Internet bekanntermassen keine Qualitätsauswahl trifft und man dadurch auch auf eine Menge Schrott trifft, sind qualitativ gute Tools hilfreich. Es ist richtig, dass hier eine Auswahl getroffen werden muss. So bietet sich z.B. eine Klassifizierung als Medical Product/Medizinprodukt an. Ein Allheilmittel ist das aber auch nicht.
Die Realität überholt hier wieder einmal die Praxis, die versucht an allen Ecken zu mauern und Pfründe zu erhalten. Wovor haben viele Mediziner eigentlich Angst? Angst, ein Informationsmonopol zu verlieren? Das haben sie schon längst und es wäre besser, sich mit den neuen Realitäten auseinanderzusetzen und nicht zu blockieren.

#8 |
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V o r jeder Therapie steht eine möglichst intelligente D i a g n o s e!
Doch dazu sind Start-Ups, die mit elektronischen “Gesundheitsdienstleistungen” und künstlicher Intelligenz (KI) bzw. “artificial intelligence” (A.I.) kokettieren, gar nicht in der Lage.
Der letztjährige Titel eines Memorial Sloan Kettering Cancer Center Blog lautete:
“ON CANCER – Memorial Sloan Kettering Trains IBM Watson to Help Doctors Make Better Cancer Treatment Choices – on Friday, April 11, 2014”
Dieser Eintrag beziog sich nur und ausschließlich auf die T h e r a p i e von Krebserkrankungen. Dieser Bereich ist im Gegensatz zur viel komplizierteren, multi-variablen D i a g n o s t i k durch allgemein zugängliche Leitlinien, Behandlungspfade und Erst-, Zweit- und Dritt-Linientherapie n a c h gesicherter Diagnosestellung gekennzeichnet. Da ist es ein Leichtes, zu behaupten: “IBM Watson zum Beispiel fällt in 90% der Fälle die richtige Therapie-Entscheidung, Ärzte nur in 50%.” https://www.mskcc.org/blog/msk-trains-ibm-watson-help-doctors-make-better-treatment-choices
Ärzte neigen im Gegensatz zu Computersystemen, die irrtümlich für “Künstliche Intelligenz” (KI) oder “artificial intelligence” (A.I.) gehalten werden, eher zu individualisierter Medizin: Weil sie auch und gerade in der Krebstherapie eine kommunikative, inter-personelle Rückkopplung mit dem Patienten, seine psychosomatische Befindlichkeit und Belastbarkeit berücksichtigen.
Vollautomatisierte Therapiesysteme neigen zu eher menschen-verachtendem Schematismus, Dogmatismus und Fundamentalismus, in dem die Patienten-Individualität eher als nebenwirkungs- und non-compliance-fördernder Störfaktor, denn als sinnvolle Ergänzung jeglicher therapeutischer Bemühungen auf partnerschaftlicher Ebene gilt.
Ein Bericht von Parmy Olson in Forbes vom 12. November 2015 ist irreführend. Unter http://www.forbes.com/sites/parmyolson/2015/11/12/the-a-i-will-see-you-now/
findet sich mit dem Titel: “The A.I. Will See You Now” von Parmy Olson, FORBES STAFF – “I cover agitators and innovators in mobile” ein unangemessenes Sammelsurium von werbe-trächtigen Texten (danach wird übrigens im “Forbes”-Text nur noch über unterschiedliche Smartphones unterschiedlicher Hersteller abgelästert):
1. “Babylon Health is a British mobile app”, ein 24-h-Service auf Hausärzte-Niveau, das den NHS-Practioneers Arbeitsplätze entziehen und derzeit den Mitarbeiter/-innen von 60 Firmen einschließlich der Citigroup (Targobank) in allgemeinen Gesundheits- und Krankheitsfragen weiterhelfen soll.
2. San Francisco-based “Doctor on Demand” in den USA für “Video-Konsultationen”.
3. Konkurrierend dazu “HealthTap’s” remote doctor service in den USA mit 24-h-Bereitschaft.
4. “American Well” in den USA für “Video Visiten” mit einem Arzt [“video visit with a doctor”].
5. “Teladoc” für Video- oder Telefontermine [“charges $40 per video or phone appointment”].
Der Babylon Health’s Gründer und Vorstand [“Babylon Health’s founder and CEO”] Ali Parsa blamiert sich bei “FORBES” mit einem Beispiel einer Rat-Suche bei banalem Kopfschmerz per App [“Hey Babylon, I have a headache”]. Der maschinelle Rat mündet in der Empfehlung einer angeblich ernst zu nehmenden weiblichen Stimme, genügend zu trinken, der Krankheit ihren Lauf zu lassen und bei Seh- bzw. Lichtempfindlichkeit doch bald einen “echten” Hausarzt aufzusuchen [” its female voice said. “Stay hydrated. Let the illness run its course. If you find it difficult to look at light, see a GP right away. I’m serious.”]
Was hat das bloß mit “künstlicher Intelligenz” (AI) zu tun?
Mf+kG, Dr. med. Thomas G. Schätzler, FAfAM Dortmund

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Nichtmedizinische Berufe

Ohne bildgebende und/oder (labor)gerätetechnische Diagnostik ist das alles als effektive Vorgehensweise nur sehr schwer vorstellbar.
Selbst die sogenannten “erfahrenen Experten” werden genauso wenig telemetrisch wirksame Röntgenaugen haben können, wie “erfahrene wirkliche Ärzte”.

Aber eine andere selbst mitgestaltete Wirklichkeit könnte als eine Art humanoide “Fernwartung” denkbar werden.
So also zu meinem “privaten Forschungsprojekt”, als ich mir mal den ICP-Monitor ausgeliehen hatte, um mal Daten von meiner ICP-Sonde auf der Fahrt über deutsche Höhenzüge einzusammeln, weil ich mal wissen wollte, warum es mir örtlich sensitiv so unterschiedlich schlecht oder gut geht.

Das waren dann mal sinnvolle Ergebnisse für die Ferne, aus der Ferne:

http://humanprojekt.de/custom/icp-journey.html?tourid=2
https://onedrive.live.com/redir?resid=4503485EDFBC8365%214467

#6 |
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Das kann nur eine Notlösung sein aber es kommt bestimmt,den Patienten sehen ist enorm wichtig .
Hannelore Petrovsky
FA Allgemeinmedizin

#5 |
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Joanna Seib
Joanna Seib

Wollte neulich einen Darmflorastatus machen. Das macht das Labor nicht ohne Vermittlung durch den Arzt oder Naturheilpraktiker. Die Kosten für das Labor habe ich bezahlt. 50EUR für den Besuch beim HP dazu. Vom Labor kam das Ergebnis mit der Behandlungsempfehlung (Probiotyka). Mein HP hat mir die Empfehlung weiter gereicht und noch mal kassiert. Ich wünschte mehr Patientenmündigkeit und Freiheit. Ich bin durchaus fähig meine Ergebnisse im Internet und in der Fachliteratur für mich selbst zu interpretieren. Mein Hausarzt läßt sich auf keine Alternativbehandlung bei meiner Hashimoto ein, da bin ich sowieso auf mich gestellt…(und auf das Internet vor allem auf amerikanische Seiten..)

#4 |
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Rettungsassistent

Wenn man die demographische Entwicklung unter niedergelassenen Ärzten für die nächste 2 Jahrzehnt anschaut, wird man kaum um eine Entwicklung in dieser Richtung herum kommen – oder Patienten sind bereit langen Strecken bis in die Praxis auf sich zu nehmen; für ältere und chronisch Kranke eine erhebliche Einschränkung in ihrer Lebensqualität.
Neue Ansätze sind gefragt. Immerhin hat sich das im E-Health-Gesetz minimal niedergeschlagen (siehe Online-Sprechstunde wird vergütet ab Juli 2017). Technische Ansätze sind noch lange nicht ausgereizt.

#3 |
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Gesundheits- und Krankenpfleger

Diagnose ohne Untersuchung, auch körperliche? Ich denke das ist ein Weg zu Behandlungsfehler.

#2 |
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Gast
Gast

Ist doch super: Dr. Online stellt die Diagnose, die Online – Apotheke liefert.
Bald braucht man weder Arzt noch Heilpraktiker, keine Apotheke und sowieso keinen Medizin- oder Pharmaziekundigen!
Das ist die Zukunft!

#1 |
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