MDR-Tuberkulose: Resistenz-Widerstand zwecklos?

16. November 2015
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Die beiden Antibiotika Bedaquilin und Delamanid werden bislang nur als letztes verfügbares Mittel bei multiresistenter Tuberkulose eingesetzt. Nun wurden jedoch Resistenzen nachgewiesen. Die Behandlung multiresistenter Tuberkulose wird damit zu einer großen Herausforderung.

2010 wird bei einem aus dem Tibet in die Schweiz eingewanderten Mann eine multiresistente TB diagnostiziert. Eine Therapie mit vier verschiedenen Antibiotika verläuft erfolglos. Erst der neue Wirkstoff Bedaquilin führt zu einem befriedigenden Behandlungsergebnis. 2013 wird der Patient für vollständig genesen erklärt und aus dem Krankenhaus entlassen. Doch nur fünf Monate später wird er mit einem Rückfall wieder eingeliefert. Nach wirkungsloser Behandlung mit sieben unterschiedlichen Antibiotika wird der Patient schließlich auch mit dem neuen Antibiotikum Delamanid behandelt. Doch auch gegen dieses Antibiotikum entwickeln die TB-Erreger innerhalb weniger Wochen Resistenzen. Der Patient überlebt nur Dank einer operativen Teilentfernung seiner Lungenflügel.

Wissenschaftler am Schweizerischen Tropen-und Public Health-Instituts (Swiss TPH) haben mittels Genomanalysen die Erregerbakterien des Patienten über den ganzen Behandlungszeitraum von über 3 Jahren analysiert. Diese Untersuchung zeigt, mit welcher Geschwindigkeit TB-Bakterien auch gegen die neuen Antibiotikaresistenzen entwickeln können. Um dies zu verhindern, wäre wahrscheinlich eine gleichzeitige Kombinationstherapie unterschiedlicher Antibiotika notwendig.

„Die Behandlung wäre wohl erfolgreicher verlaufen, hätte man die beiden neuen Antibiotika zusammen verabreicht“, sagt Sebastien Gagneux vom Swiss TPH und Mitautor der Studie. Gemeinsam hätten die Antibiotika nicht nur alle Bakterien beseitigt, sondern die Resistenzbildung erschwert. Allerdings gibt es bislang keine Studien darüber, wie die beiden neuen Medikamente zusammen wirken und welche Nebenwirkungen dabei auftreten können.

Vernachlässigte Tuberkuloseforschung

Das Problem liegt nicht nur in der raschen Resistenzentwicklung der Bakterien. Über Jahrzehnte floss wenig Geld in die Erforschung neuer Wirkstoffe. Die Tuberkulose wurde in erster Linie als Krankheit von Entwicklungsländern verstanden. Doch dem ist längst nicht mehr so. In vielen Ländern Osteuropas verbreiten sich multiresistente TB-Stämme und treten immer häufiger auf.

Originalpublikation:

Acquired Resistance to Bedaquiline and Delamanid in Therapy for Tuberculosis
Guido V. Bloemberg et al.; The New England Journal of Medicine, doi: 10.1056/NEJMc1505196; 2015

10 Wertungen (5 ø)

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3 Kommentare:

Sehr geehrtes DocCheck Team!

Danke für Ihre Reaktion auf meinen Kommentar!
Ich hoffe, Sie sehen dies wirklich nur als Anregung und keinesfalls als Kritik. Denn ich würde wegen dieser “Kleinigkeiten” nie und nimmer auf die informativen Artikel in Doccheck verzichten wollen.
Bezüglich der Begründung “Lungenflügel”, danke, ich wusste nicht, dass Sie diesen Begriff auch in Ihrem internen Lexikon führen. Der Begriff wird ja auch von Medizinern “schlampig”, d.h. in einer kollegialen “Dialektsprache” verwendet, also kann ich Ihre Begründung nachvollziehen.
Ich hoffe auch, mit meinem Kommentar nicht zukünftig als Querulant oder Besserwisser zu wirken, das liegt wirklich nicht in meiner Intention.
Ganz im Gegenteil: Bitte machen Sie weiter so mit Ihrer informativen und sachlichen Berichterstattung, ich bin ein begeisterter Leser dieser Artikel!

Mit den besten Grüßen aus Wien,
Alexander Probst

#3 |
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Mitarbeiter von DocCheck

Sehr geehrter Herr Probst,

vielen Dank für Ihr Feedback und die äußerst aufmerksamen Hinweise. Wir haben den Fehler im Text korrigiert. Was den Begriff Lungenflügel angeht, haben Sie recht, dass „Pulmo dexter/sinister“ die fachspezifischere Ausdrucksweise wäre. Da der Begriff „Lungenflügel“ aber auch in unserem Flexikon (siehe Verlinkung) zu finden ist, finden wir die Verwendung an dieser Stelle in Ordnung.

Wir wünschen Ihnen weiterhin viel Freude beim Lesen und Kommentieren unserer Artikel.

Mit freundlichen Grüßen
Ihre Doc Check News Redaktion

#2 |
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Ein durchaus interessanter Artikel, da ja die Resistenzentwicklung von Bakterien gegenüber Antibiotika ein ernstzunehmedes Problem darstellt. Nicht umsonst besteht in Österreich seit kurzem die sog. Antibiotika-Mengenstromverordnung, wo jeder Veterinär, der bei Nutztieren bzw. Tieren, die zu Lebensmittel verarbeitet werden, penibel JEDEN Antibiotika-Einsatz dem Ministerium innerhalb einer bestimmten Frist zu melden hat, sodass ein Überblick über Menge und Art der verabreichten AB besteht. In der Humanmedizin besteht diese Verpflichtung in Österreich nicht, ebenso nicht bei Hunden und Katzen, wo ja davon ausgegangen wird, dass diese nicht zum Verzehr durch den Menschen gedacht sind. Damit soll vermieden werden, dass AB in Form von sog. “Fütterungsarzneimitteln” sorglos eingesetzt werden und in die Nahrungskette des Menschen gelangen können.
Zur Vermeidung gibt es außerdem gesetzlich definierte Wartezeiten/-fristen nach AB-Behandlung bei Tieren, die zur Lebensmittelherstellung dienen, bevor diese geschlachtet werden dürfen, bzw. zum Verzehr überhaupt zugelassen werden.

Eine Bitte auch bei wissenschaftlichen Zusammenfassungen von Artikeln: es sollte noch einmal “korrekturgelesen” werden:
1.) Text: …..wird der Patient schließlich auch mit dem neuen Antibiotika Delamanid behandelt. (Einzahl ist “Antibiotikum”)
2.) Text: Der Patient überlebt nur Dank einer operativen Teilentfernung seiner Lungenflügel. (Die Lunge kann nicht fliegen, man spricht von einer linken und einer rechten Lunge, Pulmo dexter und Pulmo sinister)
Dies soll bitte keine Kritik sein, da der Beitrag ungemein informativ ist, sondern nur eine kleine Anregung, in Zukunft noch einmal “etwas genauer” den Text zu kontrollieren. Es ist ja immerhin DocCheck, eine Plattform, die ich sehr, sehr schätze, und die ein sehr hohes Niveau besitzt. Also bitte nicht auf den Schlips getreten fühlen, sollte dies so empfunden werden, dann entschuldige ich mich im Vorhinein. Ich sehe es nur als Anregung, bzw. Bitte für die Zukunft. :-)

In diesem Sinne, Danke für die unermüdliche Arbeit und das Engagement der MitarbeiterInnen von DocCheck! :-)

Liebe Grüße aus Wien

#1 |
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