Studieren in Ungarn: alles nur gekauft?

10. August 2011
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Viele NC-Flüchtlinge führt es nach Ungarn, wo das Medizinstudium leichter zu bekommen, dafür aber auch teuer ist. An deutschen Unis haben sie oftmals den Ruf, sich Studium und Abschlüsse erkauft zu haben. Wir zeigen, wie es an ungarischen Unis wirklich zugeht.

Gründe für ein Medizinstudium im Ausland gibt es viele. Während einige auf diese Weise die Welt erkunden wollen, sind ausländische Fakultäten für viele sogenannte “NC-Flüchtlinge” die einzige Chance zum Erlernen des Arztberufes. So erging es auch Steffen Heller, der mit seiner Abiturnote von 2,4 rund 10 Semester auf einen Studienplätz in Deutschland hätte warten müssen.

Die Wahl auf Ungarn fiel dann eher zufällig, da Steffen jemanden kannte, der bereits dort studierte und ihm einiges erzählen konnte. Nachdem der Entschluss für eine Bewerbung getroffen war, ging alles ganz schnell: „Man schickt eine schriftliche Bewerbung an die Uni. Für die Bewerbung zahlt man 200 €. Sollte es mit dem Studienplatz klappen, zahlt man noch einmal denselben Betrag für die Immatrikulation“, berichtet Steffen. Für alle zukünftigen Bewerber hat er noch ein paar Tipps, wie sich die Chancen auf eine Zulassung in Ungarn erhöhen lassen: So können gute Abiturnoten in naturwissenschaftlichen Fächern, ein naturwissenschaftliches Studium oder auch Tätigkeiten im Gesundheitswesen eine gute Basis schaffen. „Außerdem werden Bewerber, die von jetzigen oder ehemaligen Studenten empfohlen werden, positiv beurteilt“, fügt er noch hinzu.

Gruppenarbeit und Anzugpflicht

Stellt man die Studienbedingungen in Ungarn den entsprechenden deutschen gegenüber, scheint das Mengenverhältnis von Betreuern gegenüber den Studenten ein entscheidender Punkt zu sein. „Ich habe das Studium in Ungarn als sehr gut empfunden, weil man relativ kleine Gruppen hat“, lobt Steffen die recht übersichtliche Anzahl von nur 100 Studierenden pro Semester. „Ich kannte schnell alle Kommilitonen mit Namen, da findet man schnell Freunde.“ Auch die überwiegend Deutsch sprechenden Dozenten haben Steffen den Start in Szeged erleichtert.

Geschenke werden allerdings auch an ungarischen Universitäten nicht verteilt. „In allen Fächern stehen regelmäßige Tests an. Man ist gezwungen, stetig zu lernen“, beschreibt er seinen Lernalltag. Viele Prüfungen liefen mündlich ab und man habe zuvor nur etwa eine halbe Stunde Zeit, um sich für ein ausgelostes Thema Notizen zu machen. Der Prüfungsablauf klingt dann recht ähnlich wie es an deutschen Unis üblich ist: „Nach der Vorbereitung fängt man an, über sein Thema zu referieren. Der Dozent fragt dann eventuell noch etwas genauer nach.“ Eine kleine Besonderheit sollte hier allerdings auf keinen Fall unerwähnt bleiben: Zu Prüfungen ist es üblich, im Anzug zu erscheinen.

Hohe Studiengebühr, billiges Bier

Auf die Frage nach seinen Ausgaben, nennt Steffen zunächst die erschreckend hohen Studiengebühren: „Wir haben damals 5400 € pro Semester gezahlt, inzwischen sind sie bei 5900 € angekommen.“ Im Gegensatz zu diesen Summen seien die Mieten und die Kosten für Lebensmittel vergleichsweise günstig. „Man kann abends gut und reichlich Essen gehen und gibt inklusive Getränke etwa 8 € aus.“ Allerdings hätte es in letzter Zeit auch allgemeine Preiserhöhungen gegeben. So kostete ein Bier früher unglaubliche 80 Cent im Biergarten, während er heute schon einen ganzen Euro auf den Tisch legen muss. Obgleich das in deutschen Ohren extrem billig klingt, sind die Gesamtkosten durch die Studiengebühren sicher kein Zuckerschlecken. Denn ohne Nebenjobs oder ein Stipendium ist das kaum zu schaffen. Steffen hingegen hatte Glück und konnte auf familiäre Unterstützung durch seine Eltern bauen.

Keine Probleme mit der Anerkennung

Nach jedem Auslandsstudium stellt sich die Frage nach der Anerkennung von Studienleistungen an den deutschen Universitäten – viele Studierende versuchen nämlich im Laufe des Studiums nach Deutschland zu wechseln. Da die Curricula nicht immer komplett vergleichbar sind, kann es schnell passieren, dass im Ausland erworbene Scheine in der Heimat nicht anerkannt werden. Für alle Ungarn-Fans kann Steffen hierbei aber gleich Entwarnung geben: „Das Studium wird problemlos anerkannt, wenn man nach dem Physikum in Ungarn zurück nach Deutschland wechseln möchte.“ So hätten ungarische Universitäten den Studienplan extra so ausgelegt, dass es besonders bei den deutschen Universitäten keine Anerkennungsschwierigkeiten gibt. Es gäbe sogar keine Probleme oder Zusatzprüfungen, wenn er sein Studium komplett in Ungarn absolviert hätte. Etwas anders ist die Situation hingegen, wenn Medizinstudenten bereits vor dem Physikum nach Deutschland wechseln möchte. Dann könnte es laut Steffen zu Problemen kommen, was aber von der jeweiligen Uni abhängig sei.

Ein ganz anderer Punkt ist die Anerkennung der Studienleistungen bei den deutschen Kommilitonen. „Leider stolpert man immer wieder über die Meinung, dass man das Physikum in Ungarn einfach erkauft hätte“, erzählt Steffen von seinen Erfahrungen nach dem Wechsel. „Klar, man zahlt verdammt viel Geld für das Studium in Ungarn. Aber geschenkt bekommt man nichts!“ Die negative Ansicht mancher Studienkollegen erklärt er sich vor allem mit der großen Anzahl mündlicher Prüfungen, die im Vergleich mit den deutschen Multiple-Choice-Klausuren fälschlicherweise oft als leichter bewertet werden.

Dass in Ungarn jeder durchkomme, würde aber absolut nicht stimmen. Schließlich muss Steffen aber etwas resigniert feststellen, dass diese Meinung wohl niemals ganz aus einigen Köpfen verschwinden werde.

72 Wertungen (3.5 ø)
Allgemein

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9 Kommentare:

Studentin der Humanmedizin

Ich stimme Dipl.-Ing.(FH), M.Sc. Björn Möller vollkommen zu…!

#9 |
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Studentin der Humanmedizin

Ich frage mich ob tatsächlich jemand glaubt, man würde in Ungarn das Physikum geschenkt bekommen…schließlich sind die Anforderungen in den Prüfungen doch in etwa überall gleich. Der Studienplatz in Ungarn ist meiner Meinung nach jedoch schon mehr oder weniger gekauft. Nicht jeder Student kann sich Studiengebühren von 5900 ¿ pro Semester leisten und ich glaube kaum, dass es in Ungarn unter deutschen Medizinstudenten üblich ist noch nebenbei zu jobben. Und so gesehen finde ich es eher problematisch, dass es bei entsprechendem Kontostand auch mit mittelmäßigem Abi möglich ist Medizin zu studieren…

#8 |
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Weitere medizinische Berufe

@Anton

Sind Sie der Meinung, dass bei solch einem Thema nur Studenten/innen der Medizin befähigt sind adäquate Kommentare zu verfassen?
Vielleicht sollten Sie zunächst Ihre Meinung zur eigentlichen Thematik darstellen, bevor Sie akademische Grade zum Anlass nehmen, inhaltlich belanglose Anmerkungen zu posten.

#7 |
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Studentin der Humanmedizin

Ich habe letztes Jahr eine Famulatur in Ungarn abgeleistet und dort auch Kontakt zu deutschen Studenten gehabt.
Zumindest ich hatte das Gefühl, dass die Ausbildung sehr gut ist. Die Gruppe der Studenten war nur ungefähr 20 Leute stark und wir bekamen auch Ungarischunterricht (für mich kostenlos). Wir bekamen regelmäßigen Unterricht am Krankenbett mit dem Chefarzt, der perfekt deutsch sprach. Auch sonst scheint das Niveau recht hoch zu sein, die ungarische PJlerin auf meiner Station hatte richtig viel Ahnung und wir mussten einmal wöchentlich dem Klinikchef Patienten vorstellen. Zuguterletzt muss ich erwähnen, dass sich der Chefarzt jeden Tag fast eine Stunde Zeit für mich nahm, um Fälle, EKGs und Therapieschemata durchzusprechen. Einziges Manko war, dass ich nicht viel Praktisches machen durfte und wegen meiner geringen Ungarischkenntnisse nur Mini-Anamnesen (Tuts weh? Atemnot? Familienanamnese…) machen konnte, was vielleicht auch für die deutschen Studenten dort schwierig sein könnte.
Mein Fazit: Teuer, aber es lohnt sich.

P.S.:@Udo Janus:Ich hätte eher gedacht, dass eine Uni ein Interesse hätte einen durchfallen zu lassen, so dass man länger studiert und mehr Geld da lässt! Sowas habe ich zB an privaten Sprachschulen in Deutschland beobachtet.

#6 |
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Weitere medizinische Berufe

Der Argumentation von Herrn Schüler kann ich nur beipflichten. Das Medizinstudium, wie übrigens jedes andere Studium auch, basiert nicht zuletzt auf der Bereitschaft sich Fachkenntnisse durch ein strukturiertes Selbststudium zu erarbeiten. Schließlich sollte man sich gerade als angehender Mediziner bewusst sein, dass von den eigenen Fähigkeiten später das patientenindividuelle Wohl abhängig ist. Vor diesem Hintergrund ist es, meiner Meinung nach völlig unerheblich, ob das Studium in Ungarn oder Deutschland absolviert wurde.
Zudem wird im Zusammenhang mit der Zulassung zum Studium die Frage erlaubt sein müssen, ob ein schulisch erworbener NC tatsächlich etwas über die Lernfähigkeit bzw. Leistungsbereitschaft innerhalb eines humanmedizinischen Studium aussagen kann. Meiner Meinung nach, ist dies nicht der Fall.
Abschließend dürfte die Diskussion der Vergleichbarkeit der Qualität des deutschen und des ungarischen Medizinstudiums bei manchen Meinungen noch aus der Vorstellung heraus gespeist werden, dass das Studium in einem ehemaligen Ostblockstaat vermeintlich “einfacher” sein muss. In Zeiten einer Europäischen Union sind solche Meinungen jedoch als veraltet zu bezeichnen.

#5 |
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Ausserdem kann man Posts hier nicht nachträglich korrigieren sorry – schnell hingerotzt, es ist spät.

#4 |
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kinder, lernen muss man selber. es gibt mit sicherheit auch in D leute die einfach stapelweise alte MC tests auswendig lernen.

man lernt doch nicht für die uni, man lernt für den job. irgendwann geht um den patienten und nicht nur “ego polishing” und ich unstelle medizinstudenten einfach mal dass das wohl zukünftiger patienten eine nicht unerhebliche rolle bei der lernmotivation spielt.
medizin ist eben “self-study”, wer kein grundsätzliches interesse an der materie hat ist beim falschen studienfach.

im endeffekt zählt auch nicht ob dich ein besonders scharfer derma prof lange gepiesackt hat sonder was du in der Facharztausbildung lernst und später aufm kasten hast.

es gibt menschen gibt die nicht in D studieren. heisst dass zwangsläufig dass diese alle minderbemittelt sind?

#3 |
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Udo Janus
Udo Janus

Folgende “Meinungen” werden nicht aus meinem Kopf verschwinden, da sie mir logisch erscheinen:

1. Wenn ein Student 5.900 ¿ pro Semester Studiengebühren an eine Hochschule bezahlt, hat die Hochschule kein Interesse daran, diesen Kunden wegen nicht bestandener Prüfungen zu verlieren, sondern vielmehr ein sehr großes Interesse, diesen Kunden möglichst lange zu behalten. Es besteht seitens der Hochschule ein finanzieller Anreiz, dass der Student seine Prüfungen besteht.

2. Mündliche Prüfungen sind durch den Prüfer steuerbar: ein Prüfer kann z. B. zusätzliche Hinweise geben, was in schriftlichen Prüfungen kaum möglich ist. Die Bewertung einer mündlichen Prüfung ist immer subjektiv.

3. Ungarische Medizinstudenten studieren Medizin in ungarischer Sprache, deutsche Medizinstudenten studieren Medizin in Ungarn – wenn möglich – in deutscher Sprache. Ungarische und deutsche Medizinstudenten in Ungarn mischen sich deshalb wahrscheinlich nicht, sondern deutsche “NC-Flüchtlinge” bleiben unter sich. Das Niveau des Medizinstudiums in Ungarn für deutsche Studenten hat sich zwangsläufig auf das “NC-Flüchtlingsniveau” eingestellt.

4. Fragt man einen “NC-Flüchtling”, wird dieser betonen, wie anspruchsvoll und gut strukturiert sich das Studium darstellt und wie hervorragend das Betreuungsverhältnis ist, denn jeder Student möchte sein eigenes Studium und seine eigenen Leistungen in einem möglichst guten Licht erscheinen lassen.

#2 |
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Student der Humanmedizin

Richtiger Artikel – recht viele Informationen gibt er allerdings nicht her. In Ungarn gibt es mehrere Unis die den Studiengang Medizin anbieten – unter diesen Unis gibt es einige die als happig gelten was die Prüfungen betrifft.
Geschenkt wir einem an einer ungarischen Universität sicherlich nichts. Das sieht man schon allein an den Mengen von Studenten die durch die Prüfungen durchfallen.
Sicher es gibt in Ungarn auch Studenten die der Meinung sind, dass Ihnen das Studium “gescheknt/verkauft” wird aber die werden spätestens bei der ersten Endsemesterprüfung auf den Boden der Tatsachen zurückgeholt.
Es ist vieles anders an ungarischen Universitäten, vielesauch ähnlich und sicherlich ist die Ausbildung auch nicht schlechter oder besser als an deutschen Universitäten.

#1 |
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