Multiple Sklerose: Würmchen, heile mich

11. August 2011
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Würmer können Gesunde krank machen, aber möglicherweise auch Kranke gesünder - etwa Patienten mit Multipler Sklerose. Bislang ist das nur eine Hoffnung, aber keine absurde: Mehrere Studien prüfen derzeit unterschiedliche Wurm-Therapien. Erste Daten sind keineswegs negativ.

Die Idee, dass Parasiten gegen Autoimmunkrankheiten wie Multiple Sklerose und gegen Allergien helfen könnten, ist nicht neu. Hinweise auf mögliche therapeutische Effekte von Eiern des Peitschenwurms (Trichuris suis ova) etwa hat es vor allem bei chronisch entzündlichen Darmkrankheiten in den vergangenen Jahren schon mehrfach gegeben. Seit wenigen Monaten läuft bei Crohn-Patienten eine Studie mit einer Suspension aus Peitschenwurmeiern. In den USA probieren Wissenschaftler an der „Mount Sinai School of Medicine“ die Wurmeier-Therapie sogar bei erwachsenen Autismus-Patienten aus. Erste Ergebnisse könnten noch dieses Jahr vorliegen. Und in Israel untersuchen derzeit Ärzte des „Beth Israel Deaconess Medical Center“, ob die Eier des Schweinepeitschenwurms Patienten mit Nahrungsmittelallergien helfen könnten.

Auch mit der Hygiene kann man‘s „übertreiben“

Die Theorie hinter diesen Wurm-Therapien ist die so genannte Hygiene-Hypothese. Danach sind Autoimmunerkrankungen und Allergien in modernen Industriestaaten deswegen relativ häufig, weil die Bewohner kaum noch oder gar keinen Kontakt mehr zu Parasiten und anderen Infektionserregern haben. Das immunologische Prinzip der Wurm-Therapie beruht darauf, dass die Infektion mit den Parasiten die systemische Immunreaktion so moduliert, dass Entzündungsprozesse, etwa bei der MS, geschwächt werden. Die Idee, die Wurm-Therapie auch bei MS-Patienten zu erproben, geht auf eine Studie aus dem Jahr 2007 zurück: Damals berichteten die argentinischen Forscher Jorge Correale und Mauricio Farez in den „Annals of Neurology“ über ihre Beobachtung, dass bei MS-Patienten, die mit dem Parasiten infiziert waren, die Erkrankung nicht so rasch voranschritt wie bei Nichtinfizierten.

Statt Pille oder Spritze: 2500 Wurm-Eier – alle zwei Wochen

Nun hat eine kleine US-Studie der Phase 1 (HINT-1-Studie) mit fünf MS-Kranken ergeben, dass unter der Therapie mit Eiern des Schweinebandwurms die Zahl der MS-typischen zerebralen Läsionen abgenommen hatte. Nach dem Ende der Therapie nahm die Zahl der kernspintomografisch diagnostizierten Läsionen wieder zu – ebenfalls ein Hinweis auf eine Wirkung der Wurmeier. Die dreimonatige Behandlung mit der Wurmeier-Suspension sei außerdem gut vertragen worden, berichtet das Team um den Neurologen Professor John Fleming („University of Wisconsin“ in Madison) im „Multiple Sclerosis Journal“. Das Getränk mit 2500 Eiern, das die Probanden alle zwei Wochen genießen durften, habe nur etwas salzig und keineswegs eklig geschmeckt. „Die Ergebnisse sind recht vielversprechend“, sagt John Fleming. Der HINT-1-Studie, die von der US-amerikanischen Multiple-Sklerose-Gesellschaft finanziert wurde, soll daher bald eine etwas größere zehnmonatige Phase-2-Studie (HINT-2) folgen. An ihr sollen 18 MS-Patienten teilnehmen. Erste Ergebnisse erwartet Fleming Ende 2012.

Ein Selbstversuch mit bohrenden Würmern

Eine ähnliche Wurm-Studie bei MS-Patienten läuft seit April dieses Jahres auch an der Universität von Nottingham. In dieser Phase-2-Studie mit 30 Patienten wird allerdings der Hakenwurm getestet. Die Patienten müssen auch keine Wurmeier-Suspension trinken; sie bekommen 25 lebende Larven des Hakenwurms (Necator Americanus) per Pflaster auf die Armhaut appliziert. Nach rund neun Monaten werden die Patienten dann mit Mebendazol „entwurmt“. Die Dauer der Studie (WIRMS-1) beträgt 48 Wochen. Erste Resultate sollen in zwei Jahren vorliegen. Um zu wissen, was den Patienten „angetan“ wird, hat Professor David Pritchard, einer der Studienleiter, übrigens einen Selbstversuch vorgenommen – mit 50 Hakenwurm-Larven. Keine heroische Tat, aber doch eine, die ihn etwas beunruhigt habe, gesteht Pritchard. Die Larven der humanpathogenen Hakenwürmer bohren sich nämlich in die Haut und gelangen über Blut, Lunge, Luft- und Speiseröhre bis in den Darm. Besonders angenehm sei es jedenfalls nicht gewesen, als die Larven die Haut durchbohrt und sich im Darm festgesetzt haben, sagt der Immunbiologe. Die Probanden der Studie werden allerdings mit maximal nur 25 Larven behandelt, was in der Regel eine nur wenig symptomatische Infektion hervorruft.

Preiswert, aber nur etwas wirksam und vielleicht doch nicht „gesund“

Nach Ansicht des britischen Neurologen und MS-Forschers Professor Alasdair Coles (Universität von Cambridge) hat die möglicherweise wirksame Wurm-Therapie sicher Vorteile. Sie sei – in Relation zu modernen MS-Präparaten – recht preiswert und wahrscheinlich auch relativ sicher. Die Erwartungen an die Wirksamkeit sollten aber nicht zu hoch gesteckt werden. Nach den bisherigen Daten seien zwar therapeutische Effekte vorhanden. Diese seien jedoch recht schwach ausgeprägt. Noch kritischer ist offensichtlich Professor Ralf Gold, Vorstandsmitglied des Kompetenznetzes Multiple Sklerose und der Deutschen Gesellschaft für Neurologie: „Bereits seit längerem ist bekannt, dass MS-Patienten mit Parasiteninfektionen weniger Schübe und Krankheitsaktivität in der Kernspintomografie zeigen. Allerdings raten wir zum jetzigen Zeitpunkt von dieser Therapie aufgrund unzureichender Erfahrungen über Wirkung und systemische Risiken dringend ab.“ Und weiter: „Wenn die Ergebnisse durch adäquate, verblindete, randomisierte Studien bestätigt werden können, ist die Wurmtherapie durchaus eine interessante Option für die Zukunft“, sagt Gold. „Bis dahin müssen wir von der Therapie abraten, weil uns wichtiges Wissen zu potenziellen Nebenwirkungen, wie eine mögliche Organschädigung durch Invasion der Würmer aus dem Darm und eine eventuell abgeschwächte oder verstärkte Immunität gegenüber anderen Krankheitserregern, fehlt.“

Um die Eier des Peitschenwurms etwa zu gewinnen, werden trächtige Würmer aus dem Darm von Schweinen entnommen. Dabei könne eine zusätzliche Übertragung von artfremden Erregern nicht ausgeschlossen werden, heißt es in einer Stellungnahme. „All dies lässt uns im modernen Industriezeitalter zögern, einen solchen Therapieversuch bei MS mit ruhigem Gewissen zu empfehlen – moderne MS-Medikamente erfordern zwar Sicherheitsmaßnahmen und sind hochpreisig, aber wahrscheinlich in vielen Aspekten diesem Ansatz überlegen“, sagt Gold.

Nur ein Aspekt, bei dem die Wurm-Therapie den modernen Pillen vielleicht nicht „das Wasser reichen kann“, könnte die Compliance sein. Aber das ist nur eine Vermutung, die natürlich noch in einer randomisierten kontrollierten Studie zu beweisen wäre.

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Allgemein

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17 Kommentare:

Biologin

Es ist absolut richtig – Mutter Natur kann helfen – allerdings viel einfacher mit Obst und Gemüse. Bei mir selber haben sich gravierende Lebensmittelallergien pfänomenal verbessert (incl der Allergien gegen diverse Obstsorten). Meine Schwester hat MS und hat mittlerweile deutlich weniger Schübe als vorher…Und der Vorteil ist, dass wir über Obst und Gemüse wissen, dass wir keine Nebenwirkungen zu befürchten haben…bei Wurmeiern wäre ich mir langfristig nicht so sicher…

#17 |
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Silvana Beer
Silvana Beer

Ich weiß überhaupt nicht, aufgrunmd welcher Therapie”erfolge” Prof Gold die “modernen” MS-Therapeutika so hochlobt. Verdienen lässt sich damit allerdings prächtig. Und vielleicht wird auch mal auf dieses “Autoimmunerkrankung” verzichtet. Im Falle der “Autoimmunerkrankung” Crohn habe ich neulich über eine Studie gelesen, derzufolge hier keinesfalls eine überschießende Immunreaktion nach Cortison schreit, sondern die Ursache doch ein schwächelndes ist. Cortison kontraproduktiv. Im Mai letzten Jahres gabs hier einen Artikel “Pfeiffer mit 3 f”. Demnach könnte dieser Virus als lebenslang in den B-Lymphozyten hausender “Gast” auch so einiges verursachen, was unter dem Sammelsurium MS gehandelt wird. MS ist jedenfalls immer noch einer Erkrankung unbekannter Ursache. Punkt.
Ein dickes Lob jedoch für den geschilderten Selbstversuch. Für den Artikel selbst natürlich auch.

#16 |
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Was ist eigendlich mit der Impfung geg. Allergie, die aus “Mist” gewonnen werden soll.
Ähnliches Prinzip, die Auseinandesetzung mit Umweltkeimen die unser Imunsystem stärkt.
Ist dies ebenfalls ein Anstzpunkt für MS?

Prinzip: “Dreck fegt den Magen” (Rhein-Hessisch: “Dreck fescht de Mache”)sagte meine Oma immer wenn mir mal was Essbares auf den Boden fiel-sauber machen weiter essen.

#15 |
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interessanter Artikel! Wenn genug Patienten als Studienopfer gefunden sind kann auf interessante Ergebnisse gewartet werden.

Wichtig für die kommende Generation ist doch da, nicht zu sauber aufzuwachsen, raus ins Grüne!

#14 |
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Habe eigentlich gedacht, dass im Zeialter der Gen-Ananlyse und des Moleküldesigns und der ausgefeilten Labortechniken Menschenversuche auf empirischer grundlage nach Alchemie-Standard vorbei seien. Der Elektro-Akupunktur nach Voll und /oder der Homöopathie von vornherein bei der Behandlung der MS die Daseinsberechtigung und eine mögliche Anwendung zu verweigern, ist die eine Seite der Schulmedizin. Wurmeier -natürlich zahlenmäßig stamdardisiert – trinken zu lassen, ist die andere. Wenn schon die eine Seite erlaubt sein solll, dann bitte auch die andere.

#13 |
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Gesundheits- und Krankenpflegerin

Die Hoffnung sollte niemals sterben.Hoffen wir bald erfolgreichere Therapien in der MS Therapie zur verfügung zu haben .Den Forschern gild ein besonderer Dank und Anerkennung:

#12 |
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Cornelia Lüders
Cornelia Lüders

sehr interessanter Artikel. Werde diese Studie weiter mit Spannung verfolgen.

#11 |
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PD Dr. med. Dipl.-Biol. Manfred  Korn
PD Dr. med. Dipl.-Biol. Manfred Korn

Obgleich der Bericht vergleichsweise zurückhaltend ausfällt, wollen einige der Kommentatoren bereits d i e Therapie für MS erkennen können. Bekanntermaßen ist eine Phase-II-Studie aber noch ein Humanversuchsstadium: nach einem erfolgreichen Ablauf müßte noch eine Phase-III-Studie kommen! Klare Ansage: für eine Praxisanwendung sicher (noch) nicht geeignet!

#10 |
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Frau Margit Anna Tietz- geb. Szabo
Frau Margit Anna Tietz- geb. Szabo

Sehr interresanter Beitrag.Wäre für viele MS Patienten eine gewaltige Erleichterung!!! Mutter Natur hat für viele Krankheiten eine Lösung.

#9 |
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Ärztin

Biomedizin…Warum nicht? Gegen Parasiten haben wir die Waffe, aber gegen Fingolimod – nicht…

#8 |
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Ein wirklich interessanter Ansatz, ich erwarte die Ergebnisse in 1-2 Jahren mit Spannung.

#7 |
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Black-Box MS: Wieviel Gold diese Lotterie noch bringt?
Hauptsache, MS-Experte und MS-Patient bleiben für ein gründliche Analyse der MS-Pathologie geblindet.

(Ach wie gut daß niemand weiß, daß ich das ‘nen Blödsinn heiß)

#6 |
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Tierarzt

Die Hygiene-Hypothese ist doch wirklich nichts Neues; oder gab es vor 20-30 Jahren zu Zeiten in denen die Kinder noch im Dreck spielen durften, auch schon so viele Allergiker ??

#5 |
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Physiotherapeut

Interessant, werde ich gleich dem ein oder anderen Patienten berichten, spannender medizinischer Ansatz…

#4 |
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Ein echtes ¿Biologic”

#3 |
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Danke, sehr informativ. Kann mir aber durchaus vorstellen, dass viele Patienten lieber die Wurmeier bzw Larven schlucken wuerden, wenn sie den Mechanismus dahinter verstehen, als jahrelang Medikationen mit teils erheblichen NW.

#2 |
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Gottfried Lutz
Gottfried Lutz

sehr gut

#1 |
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