Retax: Rezepte gegen die Geld-zurück-Garantie

10. November 2015
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Über Deutschlands Apotheken rollt die nächste Retaxationswelle. Steckt veraltete Praxissoftware hinter den Problemen – oder haben Apotheker ungeeignete Programme? Ein Schlagabtausch, der grundsätzliche Probleme nicht lösen wird.

Formfehler bei der Angabe pharmazeutischer Bedenken: Mit dieser Argumentation streicht die DAK-Gesundheit massenweise Gelder für öffentliche Apotheken. Das Deutsche Apotheken Portal (DAP) berichtet von regelrechten „Retaxwellen“. Ein Kollege habe DAK-Retaxationen in fünfstelliger Höhe erhalten. Axel Pudimat, Vorsitzender des Apothekerverbandes Mecklenburg-Vorpommern, bestätigte diese Angaben beim Wirtschaftsseminar in Rostock. Er berichtet von Apothekern, die trotz ihres Einspruchs Verluste von mehr als 30.000 Euro hinnehmen mussten. Pudimat zufolge gehe es der DAK-Gesundheit nicht um eine vertragspartnerschaftliche Zusammenarbeit mit Apothekern und um eine korrekte Versorgung ihrer Versicherten. Vielmehr würde versucht, formale Fehler zum eigenen wirtschaftlichen Vorteil zu nutzen.

Reine Formsache

Eine Studie des IFH Institut für Handelsforschung, Köln, zeigt die ganze Tragweite des Problems. IFH-Experten befragten mehr als 200 Apothekenleiter nach ihren Erfahrungen. Sie gaben an, schätzungsweise 29 Prozent aller Retaxationen seien auf Formfehler zurückzuführen. Unter allen beanstandeten Rezepten retaxierten GKVen 25,6 Prozent auf null. Nahezu alle Interviewten sprachen von „erheblichem Zeitaufwand“, um Verordnungen intensiv zu prüfen beziehungsweise Schreiben von GKVen zu bearbeiten. Sie fordern nahezu einstimmig, bei Retaxationen aufgrund von Formfehlern sollte der Apotheke zumindest der Einkaufswert erstattet werden. Auch sei es höchste Zeit, dass die Politik Kollegen bei der längst versprochenen Lösung gegen Retaxe aus formalen Gründen helfe. Davon ist Deutschland meilenweit entfernt.

Spitzen im Streit

Nullretaxationen durch GKVen ärgern Apotheker schon seit Jahren. Deshalb hatten Union und SPD mit ihrem GKV-Versorgungsstärkungsgesetz beschlossen, beide Seiten wieder an den grünen Tisch zu bringen. Diese hehren Ziele sind zumindest kurzfristig gescheitert. Bereits im September hatten der Deutsche Apothekerverband (DAV) und der GKV-Spitzenverband Gespräche abgebrochen. Ihnen war es nicht gelungen, einen Modus vivendi bei der Frage zu finden, unter welchen Voraussetzungen Retaxationen gerechtfertigt sind – und wann nicht. Eigentlich hätten sie noch bis Januar 2016 Zeit gehabt. Der frühzeitige Abbruch legt die Vermutung nahe, dass Positionen beider Seiten so verhärtet sind, dass niemand mehr mit einem Konsens rechnet. Jetzt liegt es an der Schiedsstelle, tragbare Kompromisse auszuhandeln. Über das weitere Vorgehen haben beide Seiten jedoch Stillschweigen vereinbart, um, wie es heißt, den Verhandlungserfolg nicht zu gefährden. Ein ähnliches Desaster gab es bereits 2013 – und zwar in letzter Minute. Eigentlich lagen detaillierte Abmachungen vor, mit denen beide Partner mehr oder minder zufrieden waren. Nachdem das Bundessozialgericht entschieden hatte, Nullretaxationen seien bei Verstößen gegen Rabattverträge prinzipiell zulässig (Az. B 1 KR 5/13R und B 1 KR 49/12R), verweigerten Kassenvertreter ihre Zustimmung und wollten nachverhandeln.

Kaum Anreize für Ärzte, Fehler zu minimieren

Umso erstaunlicher ist, dass der GKV-Spitzenverband plötzlich selbst auf Ursachenforschung geht. „Mangelnde Aktualität der Verordnungssoftware ist eine wesentliche Ursache für vermeidbare Fehler, die einen Großteil der Retaxierungsvorgänge gegenüber Apotheken ausgelost haben“, heißt es in einer kürzlich veröffentlichten Stellungnahme zum E-Health-Gesetz. Programme würden derzeit nur quartalsweise aktualisiert; zu preis- und Produktinformationen gibt es jedoch Updates in 14-tägigem Turnus. Das kann im schlimmsten Fall zu Zeitverzögerungen von drei Monaten führen. Damit nicht genug: „Aus Erfahrungen zeigt sich, dass die bisher durchgeführten Zertifizierungsverfahren der Praxissoftware bei Weitem nicht ausreichen. Um einen Großteil der Folgeprobleme bei der Patientenversorgung oder Rechnungskürzungen gegenüber den Apotheken aus Schwächen des Zertifizierungsprozesses zu vermeiden, muss nach der Zertifizierung auch die Funktionalität der Software entsprechend den Vorgaben im täglichen Einsatz regelmäßig überprüft werden.“ Bekanntlich zeigen sich Probleme erst außerhalb der Praxis – und Medizinern entstehen keine Nachteile bei formalen Pannen. „Aus diesem Grunde gibt es für die Ärzte kaum einen Anreiz, diese Fehler zu minimieren“, schreibt der GKV-Spitzenverband. Sein Lösungsansatz: „Die Schaffung anlassgerechter Sanktionsmöglichkeiten bei Verwendung einer nicht den Vorgaben entsprechenden Praxisverwaltungssoftware würde die Qualität der Verordnungen im Sinne der Patientenversorgung deutlich fördern.“ Experten schlagen vor, Überwachung und Zertifizierung einer neutralen Instanz zu übertragen.

Wer hat den schwarzen Peter?

Die Kassenärztliche Bundesvereinigung sträubt sich gegen regelmäßige Updates – mit überraschenden Argumenten: „Eine 14-tägige Aktualisierung per Datenträger wird derzeit von den Softwareherstellern nach unserer Kenntnis nicht angeboten“, schreiben KBV-Experten. Auch würden neue DVDs alle zwei Wochen zu deutlich mehr Müll führen. Apotheker sind davon mehr als überrascht – sie spielen Updates seit Jahren webbasiert ein; etliche Vorgänge laufen automatisch. Das ist der KBV auch bekannt. Online-Updates erforderten aber „in den Praxen den gleichen hohen personellen Aufwand für manuelles Herunterladen, Kopieren und Einspielen der Dateien“. Jenseits technischer Argumente sei die Begründung, es käme aufgrund fehlender Updates zu Retaxationen, „so nicht belegbar“. Weder den Apothekerverbänden noch den Krankenkassen lägen belastbare Zahlen vor, in welchem Umfang und aus welchen Gründen retaxiert werde. KBV-Vertreter spekulieren vielmehr, dass „die fehlende Zertifizierung von Apothekensoftware und damit die fehlende Verbindlichkeit der dort hinterlegten Funktionen und Informationen zum Rabattaustausch und zu den Vorgaben der Arzneimittel-Richtlinie mit ursächlich für Retaxationen“ sei. Vom Schlagabtausch profitiert letztlich niemand. Bleibt nur, auf das Urteil der Schiedsstelle zu warten.

37 Wertungen (4.38 ø)

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6 Kommentare:

Christiane Karge
Christiane Karge

Die Politik gibt den Krankenkassen doch ständig neue Munition für formale Retaxe.
Ich ärgere mich zum Beispiel in letzter Zeit mit der Packungsgrößen-VV rum.
Verordnen Ärzte mehrere Packungen einer N2, weil in ihrem Computer keine N3 gelistet ist (in meiner Software auch nicht!), es ist aber eine N3 definiert und durch Stückelung wird diese erreicht oder überschritten: Retax auf eine Packung (wenn ich Glück habe, vielleicht geht das Ganze auch auf Null, dem Sachbearbeiter wird schon was einfallen). Aktuelles Beispiel: Cellcept 500 150St. N2 (je 562.22€!) x2.
Versuchen Sie mal, IRGENDJEMANDEM zu erklären, dass lt. Rahmenvertrag die Stückzahlverordnung nicht beliefert werden kann wegen der Retaxgefahr, aber 2xN2 geht ohne Probleme, da Normgrößenverodnungen nicht im Rahmenvertrag erwähnt werden.
Wer hat sich diesen Schwachsinn ausgedacht???

#6 |
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Gast
Gast

An alle jene, die dem Nachwuchs so ausschweifend den Beruf des Pharmazeuten/PTA anpreisen:
Die Apotheke als solches ist auf dem absteigenden Ast.
In keinem anderen Beruf verdient man, gemessen an der Verantwortung und der Ausbildung (PTA-Examen, Approbation) so unverschämt wenig wie in der Apotheke.
Den Beruf, den wir vor Jahren gelernt bzw. studiert haben, ist tot und wird nie wieder reanimiert werden.
Es macht auch keinen Spaß mehr.
An den Nachwuchs: Lernt etwas ordentliches mit Zukunft oder geht in die Industrie.

#5 |
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Brigitte Holtappels
Brigitte Holtappels

Ich sehe das genauso wie Kollege Dreher. Wieso sind Apotheker für die Fehler zuständig, die aus den Praxen kommen (Datum, Vorname des Arztes!…).

#4 |
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Apotheker

Nach dem Verursacherprinzip sollte derjenige sanktioniert werden, der den Formfehler begeht.

#3 |
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Häufigere Aktualisierung der PMS nützt hier gar nichts. Solange bestimmte Krankenkassen ungestraft und auch noch gerichtlich abgesichert böswillig kleinste Formfehler bei der Abgabe nutzen, um auf die Apotheken auf null zu retaxieren, wird sich nichts ändern.

#2 |
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Anette Skowronsky
Anette Skowronsky

Sehr ärgerlich und existenzbedrohend.
Und keine Besserung durch die Politik in Sicht.

#1 |
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