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17. August 2011
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Im Alltag als Arzt ist man nicht nur damit beschäftigt, Leben zu retten, Krankheiten zu heilen und Menschen glücklich zu machen. Als Arzt muss man den Menschen auch in unangenehmen und ausweglosen Situationen beistehen. Kann man gute schlechte Gespräche führen?

Viele Medizinstudenten kennen das: vor anderen Menschen zu sprechen ist nicht einfach, schon gar nicht, wenn es sich um unangenehme Themen handelt. Doch wie sagt man einem Menschen, dass er an einer tödlichen Krankheit leidet? Wie erklärt man Eltern, dass ihr Kind höchstwahrscheinlich nicht mehr lange leben wird? Wie erklärt man einem Ehemann, dass seine Frau während der Routine-OP verstorben ist?

Die mündliche Prüfung erscheint im Vergleich wie ein Zuckerschlecken und die entsprechenden Worte auszusprechen ist nur die halbe Miete. Wie zeigt man sich einfühlsam ohne sich einzumischen? Wie erklärt man sachlich die Fakten ohne kalt zu wirken? Wie kommt man mit den Emotionen der Ansprechpartner zurecht? Im Studium wird man nur selten auf diesen wichtigen Punkt des Berufsleben vorbereitet.

Liefert das Medizinstudium Antworten?

Im Medizinstudium lernt man etliche Fakten über Körperfunktionen, Erkrankungen, Symptome, Diagnostik und Therapien. Natürlich wird auch das gute Anamnesegespräch angesprochen, doch zur angebrachte Patientenkommunikation, dem Umgang mit schwierigen Situationen, der Konfrontation mit Krankheit, Leid und Tod gibt es nur sehr wenige Kurse – auch wenn viele Studenten sich solche vielleicht wünschen würden.

Ist der Umgang und die Überbringung von schlechten Nachrichten vielleicht eine Fähigkeit, die man gar nicht erlernen kann? Vielleicht wird man mit einer Gabe zur Kommunikationsfähigkeit, den passenden sozialen Skills und einer emotionalen Stärke geboren. Es wäre auch möglich, dass man diese Dinge, nur durch Erfahrung lernen kann. Sagen wir, die ersten 50 „schweren“ Gespräche laufen katastrophal. Nach und nach ändert man seine Taktik und irgendwann nach Jahren der „Übung“ hat man es dann raus. Schade für die ersten 50 Patienten. Oder gibt es Tipps, Übungen und Möglichkeiten sich vorzubereiten?

Blick über die Landesgrenzen

Weltweit gewinnt jedoch inzwischen die Vermittlung zwischenmenschlicher Fähigkeiten im Medizinstudium an Bedeutung. Auffällig ist, dass immer mehr Wert auf Kommunikation gelegt wird. Beispielsweise gibt es in Singapur im Medizinstudium „Kommunikation“ sogar schon als Examensfach. In Nordamerika, Großbritannien oder Skandinavien ist seit vielen Jahren der Stellenwert der Kommunikation und Gesprächsführung stark gestiegen und solche Themen sind inzwischen fester Bestandteil der ärztlichen Aus- und Weiterbildung. So weit ist es in Deutschland zwar noch nicht, aber auch hier wird an den Unis immer mehr über Kommunikation gesprochen.

Bühne Behandlungszimmer

An der Uni Essen zum Beispiel, gibt es im 4. klinischen Semester eine OSCE-Prüfung, in der der Student den Arzt „spielt“ und gewisse Aufgaben erfüllen muss. Ein Prüfer sitzt unbeteiligt in einer Ecke des Raumes und hakt ab, welche der Ziele der Student erfüllt. Es gibt Punkte für Fachwissen, Anamnese und korrekte Durchführung der praktischen Aufgaben, aber auch für Kommunikation, Empathie und patientengerechter Sprache. Die Patienten sind Schauspieler und dürfen am Ende der Prüfung angeben, ob sie sich wohl gefühlt haben und den Arzt nochmal aufsuchen würden. Die Uni Essen ist nur ein Beispiel, auch viele andere Unis integrieren Patientengespräche in die Ausbildung der jungen Mediziner.

Im Rahmen des Fachs „Geschichte und Ethik der Medizin“, steht dann das Thema „Überbringen einer schlechten Nachricht“ an. Hier wird es schon konkreter. Es werden Anregungen und Tipps gegeben, die ein Gerüst für den Aufbau eines solchen Gespräches bilden könnten. Zuerst Dinge, die selbstverständlich klingen, zum Beispiel, sich mit den neusten Erkenntnissen und der Krankheitsgeschichte auskennen, sich einen ruhigen Ort suchen, sich Zeit nehmen und, wenn es möglich ist, sein Telefon auszuschalten. Um in das Gespräch einzusteigen und um zu wissen, auf welchem Wissensstand die Beteiligten stehen, sollte man erst die Patienten fragen, was sie bereits wissen. Der Patient bzw. die Angehörigen müssen über die Wahrheit und das Ausmaß der Erkrankung unterrichtet werden, jedoch sollte man herausfinden, wie viele Einzelheiten die Betroffenen bereits wissen und in dem Moment erfassen können. Es sollten, wenn möglich, auch nicht zu viele neue Informationen auf einmal preisgeben werden, da viele Menschen dann automatisch abschalten und sich später an wichtige Details des Gesprächs nicht mehr erinnern können. Dies und vieles mehr sind konstruktive Hinweise, wie man die Nachricht überbringen sollte bzw. könnte.

Praktisch üben

An der Uni Bochum lernen die Studenten im Rahmen der Psychologie in Rollenspielen Situationen kennen, in denen „bad news“ überbracht werden müssen. Im Rahmen der Rollenspiele wird vielen erst bewusst, wie schwer manchmal sogar die einfachsten Kommunikationsregeln sein können. Man weiß nie, wie die Patienten reagieren, welche Fragen sie stellen werden und es ist nicht einfach einen roten Faden in ein solch schweres Gespräch zu bringen. Gerade deshalb ist es nicht schlecht, ein Konzept zu haben, eine Anleitung, wie man es machen kann, wie man reagieren könnte.

Im Longitudinal-Kurs, einem Kurs, der sich vom ersten bis zum zehnten Semester jede Woche durch das Studium zieht, wird den Studenten an der Uni München unter anderem „die ärztliche Rolle und Verantwortung den Patienten und der Gesellschaft gegenüber“ nahegelegt, es werden „Methoden der Gesprächsführung“ gelehrt und geübt. Auch hier sieht man, dass die Kommunikation einen relativ hohen Stellenwert hat.

Wenn man sich für dieses Thema interessiert, kann man sich auch aus eigener Initiative natürlich tiefgehender damit beschäftigen. Nicht so viel wie in anderen Ländern, wie zum Beispiel in Nordamerika, aber auch hier gibt es Kurse und Fortbildungen zum Thema. „Überbringen schlechter Nachrichten“ wird an einigen Unis auch als Wahlfach angeboten, wie zum Beispiel an der Ruhr-Uni Bochum und in der Uni Erlangen.

Leider eher knapp bemessen…

Aber im Vergleich zu der Fülle der anderen Fächer im Studium, fallen diese Themen meist eher knapp aus. Auch wenn es hier und da innerhalb der sechs Jahre Studium mal einen Kurstag zu dem Thema gibt, der nützlich ist und dem Studenten einige Anregungen zur Gesprächsführung ans Herz legt, wird man doch nur wenig auf solche Situationen vorbereitet.

Sinnvoll sind solche „Kommunikations-Kurse“ aber zweifelsohne. Studien haben gezeigt, dass es die Patientenzufriedenheit sowie die Compliance steigert, wenn die Kommunikation zwischen Arzt und Patient zufriedenstellend ist. Besonders bei der Übermittlung von Diagnosen fühlen sich Patienten verunsichert und verängstigt, wenn ihnen nicht verständlich erklärt wird, welche die Diagnose ist, was sie bedeutet und was weiter mit ihnen geschieht. Sehr viele Patienten wollen die gesamte Wahrheit hören, möchten verstehen was sie bedeutet – auch bei harmlosen Diagnosen. Viele empfinden das Gefühl am schlimmsten, nicht aufgeklärt zu sein und im Unwissen zu schweben.

Fazit

Abschließend ist zu sagen, dass es natürlich kein perfektes Muster gibt, für ein „gutes“ schweres Gespräch. Es gibt keine Stichworte, die man dazu auswendig lernen könnte um für die Praxis gewappnet zu sein. Einige Menschen haben vielleicht mehr kommunikatives Talent als andere, aber die Auseinandersetzung mit dem Thema bringt einen sicher weiter und lernen kann daraus sicher jeder. Wenn man schon in der Uni anfängt, sich mit Kommunikation und den Bedürfnissen der Patienten auseinanderzusetzen, fühlt man sich beim ersten wirklichen Patientengespräch schon nicht mehr ganz so unsicher.

19 Wertungen (3.26 ø)
Allgemein

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2 Kommentare:

Studentin der Humanmedizin

Ich freue mich über diesen Artikel zu einem so wichtigem Thema – Danke!

#2 |
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Sehr wichtig ist es auch, sich selbst zu kennen. Beispiel: Hat der Arzt gerade selbst einen nahen Angehörigen verloren, dann kann er einem Patienten-Angehörigen wahrscheinlich nur mit großer Kraftanstrengung vermitteln, dass dessen Frau während einer Operation verstorben ist.
Die Patienten spüren auch immer, wie es dem Arzt mit der Übermittlung der Nachricht geht. Daher sollte sich der Arzt auch selbst gut kennen. Das erscheint mir wichtiger als künstlich erlernte “Abgrenzungsstrategien”.

Der Arzt sollte sich immer fragen: “Wie geht es mir damit, was hat das mit mir zu tun und wie kann ich mit meinen eigenen Gefühlen in diesem Punkt umgehen?” Hat der Arzt Angst davor, eine schlechte Nachricht zu übermitteln, dann lässt sich diese Angst nur mäßig verdrängen oder überspielen. Wichtig ist es, die eigene Angst zu anzunehmen. Dann spürt auch der Patient, dass er nicht alleine ist, sondern dass es menschlich ist, dass auch der Arzt schlechte Nachrichten nicht einfach sachlich verpacken kann. Die echte Begegnung ist dann für Arzt und Patient ein Gewinn: Der Patient fühlt sich nicht alleingelassen und der Arzt fühlt sich nicht als kaltherziger Übermittler.

#1 |
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